Mittwoch, 22. Mai 2013

Partie de Campagne / Eine Landpartie (Jean Renoir, Frankreich 1936)

Hier die tatsächlich spektakuläre deep focus-Szene in Bildern, von der Manfred in seinem lesenswerten Text (insbesondere zur Entstehungsgeschichte) zu diesem kurzen, 40minütigen Film Renoirs spricht. Das aufgestoßene Fenster funktioniert zudem als Bilderrahmen, der dann wenige Momente später tatsächlich ein Bild Renoirs (La Balançoire von Pierre-Auguste Renoir) zitiert, in dem die Protagonistin Henriette, stehend schaukelt. Das gemeinte Gemälde ist ebenfalls auf Whoknows presents zu sehen... Hier also die kurze, aber eindrückliche Szene:




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Montag, 20. Mai 2013

Oslo, 31. August (Joachim Trier, Dänemark 2011)



Bildkompositionstechnisch hübsch anzusehender Problemfilm aus Skandinavien, dem der Fehler von JAGTEN nicht unterläuft: die Hauptfigur ist ein Anti-Held, und obwohl bisweilen sympathisch, ist er doch nicht automatisch und klar erkennbar die Sympathiefigur des Films (in dem diese Instanz sowieso komplett fehlt) - auch wenn dessen Schicksal erzählt wird. Beziehungsweise seine Vorbereitung auf einen wie unausweichlichen Selbstmord, was an Louis Malles DAS IRRLICHT erinnern soll (ein, wie ich finde, ganz anderer und besserer Film). So wird durch die Spiegelungen der anderen Figuren immer wieder sehr deutlich, was für ein egoistischer Mensch dieser jungen Mann und Heroinabhängige gewesen sein muss. Und es auch heute noch ist, wie man an den Anrufen bei der Exfreundin oder am durchaus terriblen Finale sehen kann. Allerdings: schockierend für die abwesenden Eltern. Da hat die Therapie nun offenbar völlig versagt. Der traurige inwändige Blick des Protagonisten ist auch der melancholische Blick der Kamera auf eine instabile Welt, ein Blick, der allenthalben bürgerliche, dafür hinter der Fassade kaputte Beziehungen konstatiert. Auf Beziehungen zwischen Menschen, die lediglich von gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien zusammen gehalten werden. Auch wenn die Freunde von damals heute „in der Gesellschaft angekommen“ sind – und er eben mit nichts dasteht -, diese scheinen dennoch irgendwie zu funktionieren. Der Zuschauer ist verunsichert... wer überhaupt in diesem Film verdient dessen Sympathie?

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Samstag, 18. Mai 2013

Jagten / Die Jagd (Thomas Vinterberg, Dänemark 2012)

 
Für seine etwas längere Laufzeit durchweg spannendes Psychodrama um einen ehemaligen Lehrer jetzt Kindergärtner, dem sexueller Missbrauchs zunächst an einem, dann an mehreren seiner schutzbefohlenen Kindern nachgesagt wird. Die polizeilichen Ermittlungen enttarnen bald die Haltlosigkeit der Anschuldigungen, dennoch weicht der Druck vom Angeklagten, gespielt von Mads Mikkelsen, zunächst nicht. Der Film interessiert sich weniger für die Opferrolle als für die des unberechtigt angeklagten Täters, der in der Dorfgemeinschaft bald völlig ausgegrenzt ist. Es ist der - einmal losgetretene - Mechanismus des Verdachts und die Macht des Zweifels, hinter denen Vinterberg nachspürt; die dann bald in Aggression umschlagen und die aufzeigen, dies wohl das größte Verdienst des Filmes, wie der einmal eingeschlagene Weg trotz besseren Wissens nicht verlassen und rückgängig gemacht werden kann. Der Makel haftet am Menschen, vielleicht für immer. Und das Kollektiv ist ein unbeweglicher Koloss. Kritik an der Anlage des Filmes könnte man insofern formulieren, als er sich sehr klar (oder auch: unterkomplex), wie in überdeutlichen schwarz-weiß-Oppositionen, in der Sympathieverteilung auf seine Figuren organisiert. So ist und weiß sich auch der Zuschauer immer auf der richtigen Seite und wird niemals in eine Verunsicherung hineingetrieben. Alle Zweifel ausgeschlossen. Da hätte der Film deutlich herausfordernder und moralisch problematischer ausfallen dürfen.

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Dienstag, 30. April 2013

Der Mörder des Klans / Prega il morto e ammazza il vivo (Giuseppe Vari, Italien 1970)


Die Männer in diesem Italo-Western schwitzen zwar die ganze Zeit über, also so wie sich das gehört, aber dennoch werden ständig neue Scheite auf’s Feuer gelegt. Zur Überhitzung trägt aber nicht nur das aus einer Bank geraubte Gold bei, das die Hogan-Bande mit Anführer Klaus Kinski nach Mexiko schaffen will, sondern auch die Verruchtheit der Frauen des Films. Die drei Damen erfüllen zwar die üblichen Klischeerollen der Prostituierten, der verheirateten und nun bürgerlichen Prostituierten, und der jugendlichen Ausreißerin, die es in die Stadt zieht, wo sie sich mit einem Job durchzuschlagen gedenkt, der, so weiß der erfahrene Westerngucker, sowieso im Hurenhaus enden wird...


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Freitag, 5. April 2013

Macao (Josef von Sternberg, USA 1952)


Man liest wenig Gutes über Macao, der zumeist als misslungenes Vehikel angesehen wird, um mit den beiden Stars Robert Mitchum und Jane Russell ein einträgliches Geschäft an der Kinokasse machen zu können. Die Produktion gestaltete sich jedoch schwierig, Nicholas Ray löste den gefeuerten von Sternberg ab, Mitchum schrieb neue Szenen hinzu. Der Vorwurf war, von Sternberg würde sich (wieder einmal) zu sehr auf seine Bilder konzentrieren und dabei den Plot aus dem Fokus verlieren. Dieser Film gilt als eines der vielen Beispiele, wie ein großer, visionärer Regisseur von Studios und mächtigen Produzenten entmachtet und gegängelt wurde. MACAO kam dann auch erst zwei Jahre nach mühsamer Fertigstellung ins Kino, was für sich selbst spricht.

Bis auf wenige originale und zweitverwertete Szenen, sogenanntes stock footage, wurde MACAO im Studio gedreht, und jede Hoffnung auf eine größere Einbindung der Handlung an historisch authentischen Orten muss ad acta gelegt werden. Gleichwohl wirbt der Film natürlich bereits im Titel mit seiner Exotik, und auch ein voice over aus dem off zu Beginn des Films führt an diesen "gefährlichen" Ort ein, fern der westlichen Zivilisation, an dem sich Glücksritter, Halunken, Unterweltbosse, Spielsüchtige, Flüchtige und Halbweltdamen zusammenfinden um zwielichtige oder ausschweifende Dinge zu treiben. Und jeder hier hat etwas zu verbergen, niemand ist der, der er zu sein vorgibt. Der hell leuchtende Glanz der Casinos blendet dabei eher, als dass er Klarheit schaffen würde.

Dort also treffen die zynische Nachtclubsängerin Julie Benson (Jane Russell) und der ehemalige Soldat und Weltenbummler Nick Cochran (Robert Mitchum) aufeinander, und kein Wunder entsteht da so etwas wie Zuneigung. Auch der listige Lawrence Trumble (William Bendix), ein Geschäftsmann, stößt zu ihnen und plant windige Geschäfte - denn neben Damennylons handelt er auch mit Schmuggelware. Im weiteren Verlauf ergeben sich mehrere Verwicklungen, der Plot vollführt Kehrtwendungen und schlägt Haken, führt den kriminellen und untergetauchten Casinobesitzer Halloran ein (und dessen Freundin Margie (Gloria Grahame)), mit den Identitäten wird gespielt und hinter den Masken kommen ganz andere Menschen zum Vorschein. Jane Russell und ihr Augenaufschlag. Femme Fatale. Schwarz-weiß-Photographie und Film Noir. Höhepunkt ist wohl eine Verfolgungsjagd im Hafen über mehrere schwankende Boote hinweg und durch Fischernetze hindurch, was auch ansprechend und durchaus spannend umgesetzt ist. Letztlich ist MACAO aber doch ein recht schales Erlebnis. Zu sehr läuft hier alles nach Schablone ab, der überraschende Plot ist keineswegs besonders überraschend, der Schauplatz bis auf seine Straßenszenen austauschbar; der Film kann lediglich mit seinen Darstellern Boden wieder gutmachen, die mit gelassener, souveräner Routine zu überzeugen wissen. Eine atmosphärische Dichte durch Bildkompositionen will sich jedoch nicht einstellen, dafür erscheint das alles zu sehr runtergekurbelt und für einen Film, der in die unbekannte Ferne führen will, in seinen eigenen engen Horizonten gefangen.

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Freitag, 22. März 2013

Lacombe Lucien (Louis Malle, Frankreich/BRD/Italien, 1974)


LACOMBE LUCIEN erzählt die Geschichte eines Bauernjungen aus der südfranzösischen Provinz gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (gespielt von Laiendarsteller Pierre Blaise), der, da er von der Résistance abgewiesen wird, zu den Kollaborateuren überläuft. Mehr durch aufschneidende Dummheit allerdings und volltrunken verrät er den Dorflehrer, der bei den Widerständlern aktiv ist. Unter einem gewaltigen Mangel an Bestätigung leidend (der Vater ist in Kriegsgefangenschaft und die Mutter hat eine Affäre), ist er schnell zu gewinnen, wenn ihm etwas Macht in die Hand gegeben wird (und eine Pistole): im nahegelegenen Provinzstädtchen verliebt er sich in eine hübsche Jüdin (Aurore Clément) und dringt in ihr Leben ein. Er bedrängt die Familie, die sich nicht zu helfen weiß; Lucien nistet sich ein wie ein Parasit, den man nicht mehr los wird.

Dies ist dann auch der größte erzählerische Kniff in Louis Malles "Kriegsfilm", der sich auf eine Detailbegenbenheit reduziert, diese dafür mit großer Genauigkeit und Hinwendung (also auch sehr ausführlich) erzählt. Hinter der Maske des jungen Mannes, der den ganzen Film über ein unbewegtes Gesicht zur Schau trägt, mögen sich Gefühle und Unsicherheiten verbergen - allein, man sieht davon nichts. So unbeholfen und egoistisch er ist, mit seinen Dreistigkeiten und Grenzverletzungen terrorisiert er die jüdische Familie und schafft es zugleich, eine interessante Figur zu werden. Wie könnte ein junges Mädchen nicht dabei erröten, so offenkundig umworben zu werden? Dass der Mensch gefährlich und eine Bedrohung für das eigene Leben und die Jungfräulichkeit zugleich ist, steht dabei ausser Frage. Diese Ambivalenzen, denen hier immer wieder Raum gegeben werden, machen den Film in seinen kleinen Momenten spannend.

Weniger spannend allerdings ist des Regisseurs Erzählweise, der hier auf recht konservative Art und frei von Brüchen und jeder Experimentierlust seine Geschichte vermittelt. Erst gegen Ende wird das etwas aufgebrochen, etwa wenn die Großmutter den Grashüpfer bestaunt, und die Erzählung aus der Zeit zu fallen scheint und eine subjektive wird. Den restlichen Film über aber ist die Außenwelt präsent. Nicht so sehr, als dass hier ein Panorama entworfen werden würde - das gerade nicht - aber etwa durch die in den Film hereinbrechenden Figuren (die Nazichargen), durch die Tanzmusik, oder die immer wieder eingestreuten Radioübertragungen zur Kriegslage. Der Film ist das, was man einen "Ensemblefilm" nennt, wobei man nun noch unbedingt Therese Giehse als Großmutter und Holger Löwenadler als Albert Horn, den pater familias, erwähnen muss. Ebenfalls prominente Beteiligte an dieser Produktion sind der Schriftsteller Patrick Modiano, der mit Malle am Drehbuch geschrieben hat, und die schöne, abstrakte Musik von Django Reinhardt kleidet den Film sehr zurückhaltend auf der Tonspur in allzu sanfte Verstörungsszenarien. Leider hat der Film zu Beginn etwas Anlaufschwierigkeiten, ist insgesamt recht lang geraten, und mir persönlich ist er schlußendlich etwas zu zahm ausgefallen. Und obwohl er Plattitüden zu umschiffen versucht, gelingt ihm das nicht zur Gänze, etwa in der primitiven Charakterzeichnung Luciens (der freilich auch gerne Tiere tötet und mit des Vaters Gewehr herumballert). LACOMBE LUCIEN ist sicherlich sehenswert, zu Louis Malles großen Filmen gehört er aber sicherlich nicht.

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Freitag, 8. März 2013

Sightseers (Ben Wheatley, UK 2012)


Der touristische Aspekt in SIGHTSEERS hält sich in Grenzen, bzw. deutet er auf etwas hin, was zum Zentrum von Wheatleys durchaus erfolgreichem Film führt: auf seinen schwarzen Humor. Wie man das aus Englandurlauben kennt, regnet es meist ständig - eine meteorologische Tatsache, die den Besuch des Bleistiftmuseums in Nirgendwo und die Tropfsteinhöhlen von Soundso nicht gerade angenehmer macht. Aber so ist das. Regenjacke angezogen und durch. Der Wohnwagen steht ja auf dem Campingplatz, dessen üppiges Grün des Grases durch die Nässe noch intensiver wirkt. Ein jeder Sonnenstrahl scheint direkt von göttlicher Hand höchstselbst gesandt.

Nun denn, die beiden Lovebirds, die da unterwegs sind, sind frischverliebt. Chris (Steve Oram) zeigt Tina (Alice Lowe), seiner neuen Freundin, "seine Plätze" im geliebten England. Was Tina in dreimonatiger Beziehung noch nicht weiß: Chris hat recht wenig Toleranz gegenüber Leuten, die ihm auf den Nerv gehen. Und bringt diese dann auch mal kurzerhand um die Ecke. Nach der Hälfte des Films wird Tina dann klar, "Chris, you are a serial killer!" Damit aber nicht genug: die zunächst geschockte Tina zieht gleich und treibt Chris dann wiederum zur Verzweiflung, weil sie einfach mal so, nach Lust und Laune anfängt, Leute umzufahren. Mit dem Caravan.

SIGHTSEERS lief schon beim letzjährigen Fantasy Filmfestival, und war dort nach meiner Erinnerung recht gut angekommen. Da ich damals aus verschiedenen Gründen nur den Schluß gesehen hatte, kam nun eine nochmalige Sichtung in Frage, zumal dieser "kleine" Film, der immerhin in Cannes lief, nun einen regulären Kinostart bekam. Und so hat sich mein Eindruck  eigentlich bestätigt: etwas mehr Bissigkeit hätte dem Film gut getan. Allzu gemächlich verinnen die Minuten im Mittelteil, von Langeweile möchte ich nun nicht gerade sprechen, vor allem da dieses gemächliche Erzählen zur Kauzigkeit des Filmes beiträgt, doch kommt der Film da schon sehr zur Ruhe. Auch gestört hat mich, und das könnte wirklich ein Problem bei Mehrfachsichtungen werden, dass der sehr einfach gestrickte und simpel erzählte Film recht episodisch geraten ist. Kennt man mal die Szenen, das Ende, die Funktionsweise des Films, gibt es nicht mehr viel zu entdecken. SIGHTSEERS ist ein gemächlicher, zurückgenommener Film, dem dies zum Schönheit gereicht - zu einer Schönheit innerhalb seiner eigenen ästhetischen Grenzen.

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