Donnerstag, 15. Februar 2018

All Fall Down (John Frankenheimer, 1962)


Trouble in the family ... John Frankenheimers mäßig unterhaltender früher, dritter Spielfilm kurz vor dem Manchurian Candidate, ist ein Familiendrama mit einem Ausreißer-Tunichtgut à la James Dean (wenig überzeugend: Warren Beatty) und einer Liebesaffäre, die von vornherein "doomed" ist.

Der eigentliche Protagonist ist aber sein jüngerer Bruder, der dem älteren als "role model" nacheifert. Jedoch wird schnell klar, dass hier ganz unterschiedliche Haltungen zum Leben aufeinander prallen - einmal verantwortungsloses Driftertum und einmal früh gereiftes Verantwortungsbewußtsein.

Besonders hervorzuheben ist der ewig trunkene Karl Malden als Vater, der sich zum Puzzeln in den Keller zurückzieht und um ungestört seinem Alkoholismus nachzugehen; und Angela Lansbury, die mit ihrer schrillen Stimme und ihrer Mutterliebe alles um sie herum zu ersticken droht. Kein Wunder, nimmt da Berry-Berry (Beatty) reißaus. Ob das mit dem Tod endet, wird sich dann zeigen.
 
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Montag, 21. August 2017

Lourdes (Jessica Hausner, Ö/Fr/Ger 2009)


  Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner gehört sicher zu den wichtigsten deutschsprachigen Regiestimmen des Gegenwartskinos. Ihre strengen Bildkompositionen, in die ganz offensichtlich ein großer Teil der Arbeit fließt, sind visuell reduzierte Arrangements, die dafür aber umso wuchtiger in ihrer Wirkung, in ihrer Bildspannung sind. Die Berliner Schule assoziiert man da zunächst einmal, wenn man nach aktuell visuell ähnlichen Strömungen sucht. In ihrem großartigen letzten Film Amour Fou (2014) ist das eklatant, aber auch hier in diesem etwas weniger spröden Erweckungsfilm zwischen stiller Verzweiflung und Nippes-Marienkitsch, in dem alle auf die Gnade warten, die einen vielleicht aus dem Himmel heraus trifft und so aus der Misere reißt, sieht man den Drang zur Form in jeder Einstellung. Auch in der Bekleidung des Schauspielerpersonals ist das offensichtlich: blau, weiß und rot sind bestimmend, die französischen Nationalfarben. Lourdes, das ist ein französisches Nationalheiligtum am Rande der Pyrenäen, und eine Geldmaschine ist es auch.

 Der Wille zur Form wird schon in der allerersten Einstellung überdeutlich, in der sich am frühen Morgen ein Speisesaal mit Pilgerreisenden füllt. Nach und nach kommen sie herein, wie in einem arrangierten Ballett der Verwundeten und Versehrten. Mitsamt ihren Betreuern und Schwestern, die den oftmals schwer behinderten Menschen diese Reise erst ermöglichen. Was man sich erhofft, ist klar: dort, wo es vor hunderten Jahren zu einer Marienerscheinung kam, sollen sich immer wieder spektakuläre Heilungen ereignet haben. Und zwar so häufig, dass diese offiziell registriert werden. Aber zurück zur Szene selbst: nach und nach also, wie an Schnüren gezogen und nach einem unbekannten, flexiblen Mechanismus füllt sich der Saal, erheben sich murmelnde Stimmen, rotieren die rotgewandeten Schwestern mit weißen Hauben organisierend durch die Menge. Das sieht wunderbar aus, magisch beinah, erdrückend trist zugleich und rührend. Einer flaniert durch die Gänge, einer rollert mit dem Rollstuhl dahin, ein weiterer humpelt zu seinen Platz. Das könnte sogar grotesk lustig sein, wäre da nicht diese Kälte und Nüchternheit, welche die Bilder durchzieht, dieses Frösteln beim Anblick derer, denen es nicht so gut geht wie einem selbst. Die ihre Hoffnung auf etwas richten, was ihnen ihr starker Glaube als irrealen - aber immerhin möglichen - Ausgang aus dem Reich des Kummers in Aussicht stellt.

 Es gibt aber auch angedeutete Liebesgeschichten hier in diesem atmosphärisch dichten Film, Liebesgeschichten, die sich zwischen Mann und Frau abspielen, zwischen den Pflegern und Schwestern, oder zwischen Betreuern und Betreuten. Der Mensch ist immer an der Romantik interessiert, und das hört auch hier freilich nicht auf - warum auch, an diesem Ort, an dem so viel passieren kann, geschieht vielleicht auch dies: ein Abenteuer, eine Liebelei. Es ist zwar alles streng kadriert, die Bekleidung makellos gebügelt, die Miene ernst - aber dahinter steckt stets ein Mensch mit seinen Sehnsüchten und Gefühlen. Manchmal, für einen kurzen Moment, bricht dieser sich Bahn, und dann wird es richtig atemberaubend. Auch wenn es nur ein Blick, ein kurzer Augenaufschlag ist.

Michael Schleeh

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Donnerstag, 17. August 2017

UNA (Benedict Andrews, UK 2016)




 Ansprechend gefilmtes Missbrauchsdrama, das aber dank der unnötig stark zerhackstückten Narration, die den Zuschauer erst im Laufe zunehmender Spielzeit ins Bild setzt, große Anlaufschwierigkeiten hat.

 Der Fokus liegt überwiegend auf den Figuren, gespielt von Rooney Mara und Ben Mendelsohn, die - sie mit großen Augen, er mit dünnlippiger Miene - über eine recht schweigsame Konfrontation die Vergangenheit wieder auferstehen lassen. Zu welcher Konsequenz allerdings, das weiß man nicht. Die Motivationslagen sind dann aber doch etwas komplexer, als zunächst befürchtet.

 Das Ende aber bleibt unbefriedigend. Mara ist nicht viel mehr als ein stiller, plötzlich auftauchender Racheengel aus dem Jenseits, der sein Mysterium wieder mitnimmt, wenn er den Film verlässt. Die elegische Musik, die dem Film schon die gesamte Zeit über eine surreale Atmosphäre gab, und die an David Lynchs verunsichernden Alptraumfantasien erinnert, geleitet schließlich gemessenen Schrittes in den Abspann hinüber. Der wirkt dann beinahe wie das Tor zu einer anderen, dunkleren Welt.

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Dienstag, 15. November 2016

Berliner Depressionen: Die Geschwister (Jan Krüger, 2016)

Der Immobilienverwalter Thies (Vladimir Burlakov) verhilft einem jungen Pärchen aus Osteuropa entgeldlos zu einer sanierungsbedürftigen Wohnung in Berlin, Neukölln - obwohl ihnen die nötigen Papiere fehlen. Eine Grenzüberschreitung, das ist ihm bewusst, vielleicht könnte ihn das sogar seinen Job kosten. Ein Schritt Richtung Ungewissheit und Gefahr für Thies, aber irgendetwas muss ihn aus seinem statischen Leben, seiner grüblerischen Zurückgezogenheit herauslocken, das spürt er wohl selbst. Der mitmenschliche Akt ist dabei nicht ganz ohne Selbstzweck, hat ihn doch der gutaussehende Bruno (Julius Nitschkoff) angeflirtet und teilt auch schon bald das Bett mit ihm. Sonja (gespielt von Irina Potapenko (Die Lügen der Sieger, Revanche)) gibt er zwar als seine Schwester aus, was aber ganz offensichtlich nicht stimmt. Die Beziehung der beiden zueinander scheint mysteriös. Thies' Alltag droht aus den Fugen zu geraten, da kann er noch so viele straff gebügelte Hemden anziehen und aus Frust zum Joggen gehen. 

"Es gibt nichts umsonst," sagt Sonja einmal bedeutungsschwanger, und das ist dann auch so etwas wie das Motto, das dem Film voransteht. Schade, dass man das so offensichtlich thematisiert - aber vielleicht hätte es sonst der eine oder andere Zuschauer nicht mitbekommen. Überhaupt eines der größten Probleme des Films: es wird zu viel mit Worten erklärt und zugleich zu viel geraunt, bedeutungsschwer, durch die deepe Musik, die Nachtbilder, die Einsamkeitsstilisierungen.

Der Film ist bei Salzgeber im Vertrieb (und wurde u.a. von einem deutschen Fernsehsender co-produziert) und lässt sich somit auch irgendwie als Beitrag zum Queer-Filmsegment rechnen (bzw. LGBT, wie es heute korrekter heißt), eine Tatsache, die ihm wohl etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen dürfte. Etwas mehr, als wenn sich der Anti-Held einfach in den weiblichen Part der Geschwister verknallt hätte. Da gibt es dann auch die eine oder andere elegisch-zahme Sexszene zu bestaunen, in der zwei unbedeckte Männerpopos zu sehen sind. Toll ist aber, wie selbstverständlich das hier gezeigt wird: das Schwulsein gehört nicht zum Problemkreis des Films. Dazu dann immer wieder: tendenziell ausgedachte, gestelzte, verkrampfte Dialoge vor elektronischem post-Berlin-Mitte Elektro-Ambientsound. Dialoge, die Plot-Elemente verbalisieren, somit Handlungsauslassungen ermöglichen und dadurch per Wort das Bild obsolet machen. Was wieder einmal zeigt, woran das deutsche Gefälligkeitskino allzuhäufig krankt: man sieht eben gerade nicht, was behauptet wird (wie anders etwa jüngst bei Nicolette Krebitz, oder  bei den Stilisten Dominik Graf, Christoph Hochhäusler oder Thomas Arslan!). Hier jedoch muss man die Dinge als gegeben hinnehmen, weil es jemand ausspricht. Impotente Abkürzungen, die von künstlerischer Einfallslosigkeit  zeugen, oder von dominanten Drehbuchautoren - oder von beidem.

... und Techno war gestern, übrigens, bzw. vielleicht dann doch mal kurz, als Bruno in der neuen Bude ganz für sich und in die Musik abgetaucht am Fenster steht und zu tanzen beginnt... Thies nebenan, spiegelnd gebrochen, schaut herüber, mit gefurchter Stirn und stellt sich Fragen über die Existenz. Oder irgendwas Tiefgründiges, worüber man so nachdenkt in einer Nacht, in der alles an einem vorbei flottiert in unseren fragilen Konstruktionen von einem Leben. Sicher ist nichts, alles vergeht. Was ist mit dieser Beziehung ...

Dann: der beste Freund von Thies, ein türkischstämmiger Trödelhändler, der ebenfalls Probleme hat und der Thies immerzu ein Ohr abkaut (und uns). Einer also, der das Vergehen der Existenz, ihre Temporalität, zu seinem Beruf gemacht hat. Er handelt mit Zeugs, was keiner mehr braucht und auf eine Zukunft harrt. Es ist ein transitorisches Zwischenstadium, dessen Hauptmerkmal der Übergang ist. So ist es nun auch bei den Figuren, die irgendwie aus Osteuropa kommend ohne Papiere in Berlin leben wollen - aber morgen vielleicht auch woanders, in einer anderen Stadt, immer unterwegs. Klar lässt sich da keine feste Beziehung aufbauen, nur eine temporäre Bettgenossenschaft. Passt wunderbar zum Charakterprofil des Melancholikers Thies, bestätigt sie ihn doch in seinen Anlagen. Ernsthafteres Commitment müsste er zum Beispiel für eine Sache mit seiner Kollegin (Franziska Wulf) aufbringen, die ihn immer wieder mal stichelt und anflirtet. Aber das blockt er ab, schon weil er schwul ist oder eben gerne allein und unglücklich. Aber wer weiß, vielleicht überlegt er sich das auch noch einmal anders.

Die Geschwister ist ein unbefriedigender Film, da er anstatt einer stets angestrebten, sozial relevanten Authentizität nur konfektionierte, romantisch-melancholische Großstadttrübnis findet. Und eine Liebesgeschichte, die sich vor alles Echte drängt. Der Film ist so wenig liebenswert, wie es seine Figuren sind, die man nie zu greifen bekommt. Er weht über die Leinwand wie eine Ahnung vom Leben, ohne zu berühren oder zu ergreifen. Obwohl so viel Emotionen abgebildet werden, ist er doch kaum in der Lage, beim Zuschauer Emotionen zu erzeugen. Wenn der Film vorbei ist, dann ist es eben wie bei einem angenehmen Ambient-Track, den man nachts auf der Bordsteinkante sitzend aufgeschnappt hat, während drinnen noch alle tanzen. Man ist entrückt, ganz bei sich, aber den Track selbst, die Musik, die hat man schnell wieder vergessen.

Michael Schleeh

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Dienstag, 8. November 2016

Edge of Winter (Robert Connolly, Kanada/USA 2016)

Der Australier Connolly macht einen Film im kanadischen Winter, bzw. in einer Landschaft, die dem Winter im Herzen nahe ist. Denn hier erkaltet alles nach und nach. Wie der Sohn, der urplötzlich beim Queren des Eises einbricht und beinahe erfriert. Und da ist dann der - ansonsten unzuverlässige - Vater auch gleich zur Stelle, schert sich um das eigene Leben nicht, sondern rettet das einzige, was ihm, laut Eigenaussage, etwas im verkorksten Dasein bedeutet: seinen Sohn. Die Handlung des Films laviert sich immer weiter in eine Ausweglosigkeit hinein, da der Vater, der Loser-Dad, gespielt vom auf diese Rollen abonnierten Nuschelmann Joel Kinnaman, seine Söhne verlieren wird und das nicht zulassen möchte. Seine Frau hat ihn schon lange verlassen und wird mit ihrem neuen Lebensgefährten (und den Söhnen) nach London auswandern. Dann, so sagt er, wird er gar nichts mehr haben im Leben.

Das stimmt nicht ganz, denn seine Wutausbrüche und Aggressionen werden ihm erhalten bleiben und diese treiben auch bald einen emotionalen Keil in die prekäre Familiensituation. Auf ein Wochenende beim "richtigen Dad" fahren sie hinaus in die Wälder, und weil er so ein toller Hecht sein will, kommen sie aus diesen nicht mehr hinaus. Das Auto ist bald Schrott und man versucht eine einsame Blockhütte zu erreichen, weil sonst: Kältetod. Bzw., auch doof für ihn: die Zivilisation, in der er nachweislich stetig versagt. Dann fängt es auch noch an zu schneien. Und zwei Franzosen, die helfen könnten, werden wie gefährliche Eindringlinge behandelt ( - eine politische Anspielung?). Verständlich, denn auch sie sind ein letzter möglicher Kontakt zur Welt dort draußen. Dort, wo man erwachsen sein und Verantwortung übernehmen muss.

Der Film krankt an vielerlei Details und macht doch so einiges richtig. Obwohl er sehr vorhersehbar ist, ist er doch ziemlich unterhaltsam - und ja, manchmal auch spannend. Irgendwelche Strukturen, die diesen genremechanistischen Filmen innewohnen, werden jedoch niemals angekratzt. Da läuft Edge of Winter  wie auf Autopilot. Und wird allenfalls unfreiwillig selbstironisch, wenn Kinnaman die Stille des nächtlichen Waldes lobt, und zugleich der nie enden wollende Soundtrack, ein mystisches Atmo-Synthieflächen-Blubbern und -Schweben, eben genau diese Stille gar nicht wahrnehmen lässt. Und dass bei einem Zweikampf dann der Gegner nicht nur augeknockt wird, sondern schnellstens seinen Verletzungen erliegt, dient ebenfalls dem Nehmen plottechnischer Abkürzungen. Die beiden Buben spielen ausgezeichnet (Tom Holland!), vor allem am Ende im Auto zeigt sich das. Kinnaman dagegen verlässlich, so wie immer, bekommt das ziemlich gut hin mit der Balance zwischen verzweifelt liebendem Vater und verrücktem Maniac mit Verlustangst (auch wenn man den Eindruck hat, dass ihn der Regisseur nicht von der Leine lässt und seinem Hauptdarsteller nicht ganz vertraut). Und da seine Klamotten wie bei KIK eingekauft wirken, sieht er auch so aus, wie ein frustrierter Hinterwäldler und Trump-Wähler, der um seine Freiheit Angst hat - auch wenn man gar nicht so genau weiß, um was für eine Freiheit es sich da handeln mag.

Mit 90 Minuten Laufzeit ist der Film knackig kurz und passt tetrismäßig primo ins TV-Programm. Er ist produziert von Telefilm Canada und in Deutschland Anfang Oktober direkt via DVD erschienen, in USA aber im Kino (und via VOD). Das ist, obwohl er sicherlich kein guter Film ist, doch etwas schade. Denn über TV-Niveau steht er sicherlich. Aber wenn man ein Lanze für jeden Film brechen würde, der es verdient gehabt hätte, in den deutschen Kinos zu laufen, dann hätte man viel zu tun. Denn bei uns, da ist es so düster, wie wenn die Schatten der Nacht über eine einsame Bockhütte im Nirgendwo fallen. Und die einzige Aussicht auf Frühstück in einem Stück gebratenen Rehfleischs besteht. Ohne Salz, versteht sich.

Michael Schleeh

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Samstag, 5. November 2016

7 años / 7 Years (Roger Gual, Spanien 2016)

7 Anos ist der neueste Netflix-Film und so bin ich auch an einem lauen Samstag-Nachmittag zufällig darüber gestolpert. Und wenn ich ein schnelles Urteil bilden müsste, dann würde ich sagen, nun ja, dafür hat es dann auch getaugt. Muss ich aber nicht. Und wenn man etwas genauer hinschaut, dann ist das alles auch natürlich etwas problematischer.

Zum einen hat man es hier kostengünstig mit einem spanischen Kammerspiel zu tun, was da heißt: der ganze Film spielt in einer Wohnung, die so etwas wie ein modernes Hipster-Büro sein soll. Es sieht aus wie bei Ikea, inklusive Fahrrad im Wohnbereich abgestellt. Schön auf dem glänzenden Holzfußboden. Es ist alles alt und ganz neu zugleich, geschmacklos geschmackvoll, und auch ein großer roter Kühlschrank steht rum, in dem sich Getränke in Einmachgläsern befinden, so wie im Café im Prenzlauerberg (oder der Ehrenstrasse). Was man sieht, ist also nur bedingt ein Film, viel eher ist es ein Theaterstück, und ich wette darauf, dass es dafür auch ein Bühnenstück als Vorlage gibt. Man denke an Yasmina Reza oder an so etwas wie Glengarry Glen Ross von David Mamet. Freilich, nicht auf diesem Niveau.

Es geht um eine Softwarefirma, die Steuergeld veruntreut hat und ein dickes Schwarzgeldkonto in der Schweiz betreibt. Nun soll sich einer der vier Vorstände "opfern", und stellvertretend in den Knast gehen (7 Jahre (!)), damit a) die anderen gerettet werden und b) die Belange der Firma nicht gefährdet sind. Es ist alles arg konstruiert, und dann geht es natürlich los, die Leute gehen sich an die Kehle und jeder ist des Nächsten ärgster Feind. Vor aller Augen wird schmutzige Wäsche gewaschen.

Leider lässt die Verbalbrillanz dann doch immer wieder zu wünschen übrig, was relativ doof ist in einem Stück, in dem vornehmlich geredet wird. Aber die durchweg ordentlichen Schauspieler kompensieren das soweit. Je hitziger es wird, desto mehr entkleiden sie sich auch, und das sind dann so offensichtliche Metaphern, das wäre im Stummfilm akzeptabel, aber nicht so richtig bei einem Film von einhundert Jahre später, bei dem sich die Dummheiten stauen. Wie auch immer, nach gut 70 Minuten ist der Spuk vorüber und alles ist sowieso vergebens. Schönes nihilistisches Ende auch, und mit einem kleinen Hinweis, dass vielleicht ein ganz anderer kluger Kopf hinter der ganzen Sache steckt, der an allem nur verdienen wollte: der Mediator.

Produziert hat eine Firma namens Cactus Flower Productions und so steht auch netterweise ein Kakteen-Arrangement auf dem großen Holztisch, um den sich das existenzialistische Geschehen entfaltet. Das ist beinahe so nett, wie die Olivenölflasche von Rudolf Thome, die immer in seinen Filmen auftaucht. Ein Regisseur, von dem man freilich alles gesehen haben sollte. Von seinem spanischen Kollegen Roger Gual würde ich das nun nicht unbedingt behaupten.
Michael Schleeh
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Donnerstag, 5. November 2015

Pablo Larraín: El Club / The Club (2015)

Die Cinemascope-Bilder in diesem Film sind bleich und trüb durch die Lage des Ortes am Meer, oft geradezu undurchsichtig. Die geringe Tiefenschärfe und die reduzierte Farbpalette lässt alles, was nicht im unmittelbaren Zentrum steht, verschwimmen (und macht aus dem Film einen optisch absichtlich ziemlich hässlichen Film). Mit Arvo Pärt auf der Tonspur ist dann auch auf akustischer Ebene für ausreichend sakrale Überhöhung gesorgt (oder hört da jemand etwa Sarkasmus heraus?). Aber die Bilder des Films zwingen den Zuschauer ins Hier und Jetzt zu blicken. Das ist eine gewisse gegenläufige Bewegung und baut Spannung auf. Zumindest eine Zeit lang. Der Ort: ein hässlicher, abgeranzter Outpost an der chilenischen Küste, zwischen Bretterhütte und Behausung kaum ein Unterschied. Die Stromkabel führen zu den besseren Vierteln des scheinbar gottverlassenen Ortes. Wenn Betrunkene auf der Straße grölen, dann stört das hier niemanden. Besucher kommen nur an diese raue Küste um den Hund auszuführen, oder um den Wind und die Wellen zu besurfen. Archaisch geht es zu, die Familien bekriegen sich so offensichtlich wie symbolisch beim sonntäglichen Hunderennen. Windhunde sind ein einträgliches Geschäft.

Die Männer, allesamt ehemalige Priester, leben in einem Haus hoch über dem Meer und verbringen ihre Tage mit Gesprächen, Gebeten, Essen und Trinken. Alkohol ist jedem ein guter Begleiter durch die leeren Tage. Eine langmütige Ordensschwester kümmert sich. Die Ruhe wird schließlich gestört durch einen obdachlosen Betrunkenen, der einen der Männer des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. In äußerst drastischen Worten werden die Vergehen des Mannes in die nasskalte Dämmerung gebrüllt, dann, plötzlich, taucht ein Pistole auf und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Und das war nur der Auftakt zur langsam heraufschleichenden Katastrophe, in der diese Männer schon lange stecken, und was sie lange Zeit allzu gut verdrängen konnten. Da  kommt dann plötzlich ein schöner Mann ins Haus, mit einem tollen Bart und ruhigen Augen und schnittigen Wollpullovern, geschickt von der „neuen Kirche“ um aufzuräumen mit den alten Peinigern, die reihenweise sich an jungen Schutzbefohlenen vergingen. Er ist ein Ermittler, Psychologe und studiert in dubiosen Sozialwissenschaften. Vorbei die ruhigen Tage der klösterlichen Einsiedelei, in der es sich die Täter doch recht gemütlich eingerichtet hatten. Die Verhöre beginnen, die Vergangenheit kehrt endgültig zurück.

Den Bildern wohnt eine große Spannung inne (die manchmal allerdings auch etwas penetrant wirken können), und obwohl nicht viel mehr als triste Umgebung, schlechtes Wetter und Männerdialoge den Ablauf von EL CLUB bestimen, so ist der Film doch durchzogen von einer tiefen inneren Beunruhigung, einer Spannung, wie wenn ein Lunte angezündet worden ist, die jeden Moment eine Explosion auslösen kann. Denn die ganzen Lagen an Kleidung, die die Männer hier tragen, Unterhemden und hoch zugeknöpfte Karohemden, darüber Pullunder und nochmal einen Wollpullover, können nicht die Vergehen ihrer zerstörerischen Fleischeslust verdecken, die so tief verborgen liegen. EL CLUB ist ein Paradebeispiel für „relevantes Arthousekino“ – und wie man das bewertet, dazu sei heute einmal jeder selbst aufgefordert.

Michael Schleeh

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 EL CLUB hat bei der Berlinale 2015 den Silbernen Bären gewonnen und startet heute, am 5. November, in den deutschen Kinos.