Samstag, 25. Dezember 2010

Weihnachtsposting





Liebe Freunde, Filmfreunde, Leser und Gelegenheitsreinschauer,

anstatt eines normalen Postings gibt es heute zum Abschluß meiner Each Day 1 Movie - Reihe ein Rätsel, vom dem ich hoffe, dass ihr das mit eurem Filmwissen lösen könnt. Mir jedenfalls hat die Aktion großen Spaß gemacht (zumindest meistens), und ich hoffe, ihr bleibt mir auch in Zukunft treu. Den Film habe ich übrigens gestern gesehen und er war eine nette Einstimmung auf den Heiligen Abend.

Ich wünsche noch geruhsame Tage und schonmal viel Spaß mit dem kommenden Filmjahr!

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Die Beischlafdiebin (Christian Petzold, D 1998)


Nach langen Jahren im Ausland kehrt Petra (Constanze Engelbrecht) zu ihrer Schwester Franziska (Nele Mueller-Stöfen) nach Köln zurück, der sie das Studium finanziert hat und die im Haus der verstorbenen Eltern lebt. Was Franziska nicht weiß: Petra ist keineswegs die toughe Geschäftsfrau, für die sie sich ausgegeben hat; Petra ist eine Betrügerin. So becirct sie gutbetuchte Geschäftsleute, die auf Geschäftsreise einem Schäferstündchen nicht abgeneigt sind - doch die Frau, die schwarz trägt, hat die KO-Tropfen dabei oder den Elektroschocker. Kurze Zeit später hat Petra sie ausgenommen. Was Petra hingegen nicht weiß: Franziska ist pleite, und auch sie schwindelt sich durch's Leben.

Christian Petzolds früher Fernsehfilm (Drehbuchbeteiligung: Harun Farocki!) ist nicht nur sehr spannend und hervorragend gespielt, er ist auch gut gefilmt und immer wieder toll montiert. Hier wird mit Ellipsen gearbeitet, harten Schnitten, mit der Verunsicherung der Zuschauer, wenn dieser im Informationsdefizit gehalten wird. Oftmals kann man dem Kamerabild nicht trauen, etwa wenn sich herausstellt, dass es eigentlich das Bild einer im Film installierten Videokamera ist, die die Protagonistin (etwa beim Bewerbungsgespräch) abfilmt.

DIE BEISCHLAFDIEBIN ist eine Kriminaltragödie (es gibt noch Richy Müller als verdeckten Polizisten) bei der man riechen kann, dass, nicht nur weil sie schon die ganze Zeit neben der Spur handelsüblicher Fernsehfilmkonfektionsware herläuft, dieser Film kein gutes Ende nehmen kann. Wie eigentlich alle Hoffnungen stets vernichtet werden, alles Aufrappeln vergeblich scheint, das Gewonnene zwischen den Fingern zerrinnt, so erstaunlich ist es, mit was für einer Würde und schauspielerischer Eleganz Constanze Engelbrecht die zwar insgeheim fragile, stets bedrohte Frau zugleich als souveränes Ich erstehen lassen kann. Denn der Fatalismus hatte sich schon früh in den Film hineingeschlichen. Toll!

Mittwoch, 22. Dezember 2010

True Blood (Season 1, Folgen 1-7, created by Alan Ball, div. Reg., USA 2007)


In einem Kaff im tiefsten Louisiana arbeitet die Blondine Sookie Stackhouse zusammen mit ihren Freunden in einem Diner, dem Merlotte's. Die alltäglichen Themen sind der Sookie die immergleichen: wer mit wem, der irre sexgeile Bruder, die beste Freundin, die toten Eltern und die liebevolle Großmutter, Sam der Geschäftsführer, der hinter ihr her ist und sich nicht traut, LaFayette, der schwule Koch mit dem kleinen Pornobusiness: es ist alles recht aufregend, ziemlich langweilig, und alles ganz gewöhnlich zugleich. Doch da verliebt sich Sookie in den Vampir Bill, und stellt damit in dieser Welt alles auf den Kopf. Die Vampire kämpfen seit Jahren für ihre Gleichberechtigung, trinken Gen-Blut mit verschiedenen Geschmacksrichtungen und haben auch keine Angst vor Kreuzen. Bill wird dann auch vom Heimatverband eingeladen, vom Krieg gegen die Nordstaaten zu erzählen. Doch dann geschehen blutrünstige Morde und die alten Gräben zwischen Mensch und Vampir reißen wieder auf. Und zwischen allen Stühlen: Sookie...


TRUE BLOOD ist ziemlich blutig, sexuell aufgeladen, und eine meist auch recht spannende Drama-Horror-Fantasy-Melange. Es gelingt Alan Ball wunderbar, eine ganze Gesellschaft anhand dieser kleinen Gruppe als pars pro toto darzustellen. So wie die Ressentiments gegen die Vampire als Metapher für den Schwulenhass in unserer Gesellschaft gelesen werden können, so erscheint der Kampf der Vampire um Gleichberechtigung die Akzeptanz des homosexuellen Lebens zu repräsentieren.

Verblüffend sind zunächst die vielen kleinen Details, die sich aus dem alltäglichen Zusammenleben der Lebenden mit den Toten ergeben haben. Eine der spektakulärsten Wortschöpfungen ist sicherlich das abschätzig gemeinte Wort Fang-banger für diejenigen Mädels, die auf den ganz besonderen Thrill stehen, mit einem Vampir ins Bett zu gehen. Andererseits ist die Droge "V" äußerst begehrt - also echtes Vampirblut, das wie Heroin gehandelt wird und zu phänomenalen Bewußtseinserweiterungen befähigt. In den humorvollen Momenten ist die Serie immer am Gelungensten; Sookies leicht unterbelichteter Bruder Jason entwickelt sich dahingehend zum Renner.

Weniger gut ist TRUE BLOOD allerdings immer dann, wenn es ernst wird. Da geht die Tiefe flöten, die reine Action übernimmt die Oberhand, die Vampirbar ist so ein klischeehaftes Lack & Leder-Ding. Sookie wird des nächtens über den Friedhof streifend etwas zu sehr romantisch als woman in white mit wallendem Gewand inszeniert, beim Sex mit Bill liegt man auf einem weinroten Ottomanen und im Fenster stehen Kerzen. Da bricht das Tier in ihm durch.

Ein wenig enttäuschend ist TRUE BLOOD vielleicht nicht deswegen, weil die Serie schlecht wäre. Enttäuscht ist man, da sie von Allan AMERICAN BEAUTY Ball ist. Und mit SIX FEET UNDER hatte er einen deutlich überzeugenderen filmischen Kosmos geschaffen. Etwas, das vielleicht auch nicht wiederholbar ist. Ich schaue die erste Staffel jedenfalls definitiv zu Ende, auch wenn ich nur mäßig begeistert bin. Es sollte allerdings allen einleuchten, selbst den größten O-Ton-Verweigerern, dass man eine Serie, die in den amerikanischen Südstaaten spielt, nur im Original sehen kann.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Detektive (Rudolf Thome, BRD 1969)


Zwei Lumpen, die keine Lust auf einen normalen Job haben (Marquard DEADLOCK Bohm, Uli Lommel), gründen eine Detektei mit dem Ziel in möglichst kurzer Zeit zu sehr viel Geld zu kommen. Sie haben sogar eine Sekretärin im Minirock (Uschi Obermaier). Sie fühlen sich aber weder an Verträge noch Absprachen gebunden, verführen alles was ihnen vor die Flinte kommt und sehen alles sehr sehr unverbindlich. Da taucht die schöne Annabella auf (Iris Berben) - mit einem etwas heikleren Auftrag - und das Beziehungsgeflecht, sowieso fragil, fällt auseinander...

DETEKTIVE ist ein sagenhafter Film. Kein Staub nirgends, alles rotzfrech. Kesse Mädels, schnoddrige Pseudo-Machos, Wummen gegen das Establishment, Knete, und zwischendurch mal kurz ein Nümmerchen. Aber bloß kein Aufhebens drum machen, denn in zehn Minuten sieht schon wieder alles anders aus! Dazu flotter Jazz von der Tonspur und Vodka, der direkt aus der Flasche getrunken wird.
Das muss ein Schlag in die Fresse des bundesdeutschen, biederen Kinos und des Zuschauers gewesen sein! Thomes erster Langfilm (direkt vor ROTE SONNE) ist zwar formal weniger herausfordernd als dieser (dennoch schnelle Schnitte, Ellipsen usw), dafür ein herrlich freies Manifest in Spielfilmform für eine ungezwungene Lebeweise, die den Autoritäten so ein bißchen über die Schulter zugrinst. Da wird auch nicht mehr revoltiert, da können die Spießer froh sein, wenn man sie überhaupt noch wahrnimmt. Das wirkt unglaublich souverän, und ist dabei erfrischend unintellektuell. Da wird keine Politik gemacht, da werden keine Pamphlete gelesen, nee, es geht um die Mädels und die Knete. Nerv bloß nicht mit Nachdenken!
Dieser Film zeugt von der großen Hoffnung ins deutsche Filmschaffen, die man also dank dieses fantastisch energiegeladenen Anfangs haben konnte. Es gab ja auch noch Fassbinder, Lemke, usw. Dann allerdings hat es sich ein bißchen anders weiterentwickelt.

Arthaus glänzt mit einer hervorragenden 2DVD-Veröffentlichung samt Booklet, Interviews im Buch-/Hardcover-Style. So cool kann deutsches Kino sein, so unaufdringlich herausfordernd! Schönes Ding!

Tödliche Versprechen / Eastern Promises (David Cronenberg, Großbritannien / Kanada 2007)



In einem Londoner Krankenhaus: bei einer Geburt stirbt der Krankenschwester Anna (Naomi Watts) die noch sehr junge, heroinabhängige Mutter. Das Kind ist jedoch gesund. Ein Tagebuch der Verstorbenen führt Anna zu einer russischen Import/Export-Firma samt Restaurantbetrieb, in welchem sie vorspricht, um möglicherweise Kontakte zur Verwandtschaft der Toten knüpfen zu können. Was sie nicht weiß: sie gerät damit in Kotakt mit der russischen Mafia, der "Vory v Zakone"...

EASTERN PROMISES ist ein Film, über den ich schon viel diskutiert habe. Ich halte ihn für großartig, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Cronenberg-Puristen verstehen kann. Meiner Meinung nach aber fügt er sich sehr schlüssig ins Oeuvre des Regisseurs ein. Denn schaut man sich den Verlauf des Körperhorrormotivs in seiner Filmographie an, dann wird deutlich, dass sich die Ausformungen der Deformation immer stärker von äußerlichen Phänomenen nach innen, Richtung Psyche, verlagern. Ganz deutlich etwa im genialen SPIDER, dann im hyperrealistischen HISTORY OF VIOLENCE, nun in EASTERN PROMISES: es ist der Körper der Familie, der hier beschädigt wird.

Einmal derer der Familie um Anna mit ihrer Mutter und dem russischen Onkel Stepan, auf der anderen Seite die mafiöse Familie um Semyon (Armin Müller-Stahl), seinem Sohn Kirill (Vincent Cassell) und "den Fahrer" Nikolai (Viggo Mortensen). Beide Körper werden im Filmverlauf beschädigt, beide revoltieren. Interessanterweise ist das zweite Hauptmotiv das der Schrift. Am Offensichtlichsten in den Tätowierungen der Mafiosi, deren Biographie in die Haut eingeschrieben ist, aber auch in Form des Tagebuchs, das als Vermächtnis aus der Vergangenheit die Deformationen in den realen Familienkörpern in Gang setzt. Die Schrift ist wie eine Krankheit, ein Virus, der die Tragödie ins Bewußtsein katapultiert. Gespiegelt wird die Virus-Metapher an der Homosexuellenfeindlichkeit der Mafiosi, insbesondere in der bekannten Küchenszene, in der sich Semyon nach der Blutabnahme durch die Polizei "von diesem Schwulenvirus" infiziert wähnt. Aber nicht nur da blickt man hinter die Fassade des scheinbar seriösen, sanft agierenden Menschenfressers Semyon.

EASTERN PROMISES ist ein höchst komplexer Film, der mit jeder Sichtung wächst. Auch Dank der überragenden Darsteller und der Sympathieverschiebungen, deren man auf Mikroebene wie in einer Versuchsanordnung beiwohnen darf, fasziniert dieser Film zwischen mysteriöser Anziehungskraft und brutaler, hyperrealistischer Gewaltdarstellung von Menschen, die schon "längst Tote" sind, wie Nikolai einmal sehr treffend formuliert. Phantastisch.

Btw, Eastern Promises ist eine Anregung von Whoknows', the Devil, der uns momentan mit Weihnachtsfilmen einlullt, nur um dann kompensativ solche Knochenbrecher von seinen Freunden einzufordern. Tststs..

Sonntag, 19. Dezember 2010

Warbus (Ferdinando Baldi als "Ted Kaplan", Philippinen/USA/Italien 1985)


"Wir würden ohne sie nicht weit kommen, ohne unsere Freunde: die Marines!"

Der Dschungel ist die Hölle. Als eine Missionsstation von den bösen Vietcong überfallen wird, flüchten die Zivilisten mit einem alten gelben Schulbus. Kurze Zeit später allerdings werden sie von einer versprengten Gruppe Marines aufgehalten, die kurzerhand das Gefährt kapern, und erstmal nach Da Nang zu ihrer Einheit wollen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als nachzugeben - zumal die Marines gestandene Männer sind und über ordentlich Feuerkraft verfügen...





Der große Ferdinando BLINDMAN, DER VOLLSTRECKER Baldi inzenierte diesen recht gewöhnlichen, aber immer wieder spannenden, dabei ziemlich over the top-geacteten Vietnamkriegsfilm, der nicht nur mit einem okayen Plot daherkommt, sondern auch mit geölten Männermuskeln (stets bis zum Zerreissen gespannt) und einer ziemlich flotten Biene, die keine Probleme damit hat, selbst den Finger an den Trigger zu legen:

[Grindhouse läßt grüßen...]

Bei WARBUS darf man sich über eine sehr routiniert souveräne Inszenierung freuen. Der Mann hat doch einige Filme gemacht, und weiß, wie man ordentlich Krawumms mit einer Portion Originalität in Szene setzt. Manche pyrotechnischen Effekte sind sogar so toll, dass dieselbe Hütte oder das Munitionsdepot mehrmals in die Luft fliegen darf. Dazwischen finden sich immer wieder Momente der Ruhe, in denen die Figuren dann ihre hochkochenden Emotionen ausleben dürfen. Denn nicht einen kleinen Teil des Films nehmen die gruppendynamischen Verschiebungen ein. Konflikte, die selbstverständlich meist im Faustkampf ausgetragen werden. Manchmal heißt es aber auch ein fach nur Durchschnaufen!

[Mhm, alles Ok hier.]

Immer wieder allerdings finden sich Szenen, in denen beinahe eine Art Idylle geschaffen wird. Der dunkle Dschungel, ein Höhenzug in der Ferne, die Weite des Himmels, die Schönheit der Vegetation:

[Nimm doch bitte die Blume mit ins Bild, Kameramann!]


Trotz der von mir geäußerten dämlichen Ironismen ist der Film ordentliche Vietnam - Kriegsaction, die man sich sehr gut an einem verschneiten Sonntagnachmittag ansehen kann. Es muss ja nicht immer Apichatpong Weerasethakul, MISSING IN ACTION oder RAMBO III sein!

Samstag, 18. Dezember 2010

Entfesselte Begierde / Female Vampire / Les Avaleuses (Jess Franco, Frankreich/Belgien 1973)


Ein Sexvampir (Lina Romay) macht die Insel Madeira unsicher, ein uraltes Wesen aus dem versunkenen Reich Atlantis. Die Vampirin Irina von Karlstein verführt ihre Opfer, und saugt ihnen beim fellationierten Orgasmus die Lebenskraft aus dem Körper. Ein Wissenschaftler (Franco selbst) ist ihr mithilfe eines bebrillten Psychologen auf der Spur...


Die Comtesse wandelt mit einem hauchdünnen, schwarzen Umhang aus feinster Gaze über die sonnige Insel, auf der die ahnungslosen, sexbereriten Touristen die Zeit vertrödeln. Diesen Umhang kann sie prima auf einer Hügelkuppe ausbreiten, mit den Armen wedeln, und dann verwandelt zur Fledermaus ihr nächstes Opfer aufsuchen.


Das ist aber schon alles, was es an Handlung mitzuteilen gibt. Von den 100 Minuten Film ist die Romay etwa 95 Minuten nackt, allenfalls bekleidet mit einem breiten Ledergürtel, einmal, bei einer Auspeitschszene, wurde ihr ein Tuch in den Mund gestopft. Auch ein gutes Mittel gegen Vampire. Die meiste Zeit aber räkelt sie sich auf einem Bett mit Brockatbezug herum, masturbiert am Bettpfosten, oder gibt sich der lesbischen Liebe hin. Das männliche, voyeuristische Auge bekommt hier einiges zu sehen - sind doch einige Szenen beinahe pornös zu nennen. Den Film durchzieht eine eigenartige, ästhetisierte Trance, die vermutlich aus der Beleuchtung und den drei immer wieder bis zum Erbrechen wiederholten Musikstücken herrührt. Die Kamera jedenfalls ist sehr plump, faul, oft unscharf (womit natürlich gespielt wird), und zoomt lieber, als dass sie sich bewegt.

Einmal verliebt sie sich aber in ihr Opfer, in den Mann mit dem traurigsten aller Backenbärte. Vielleicht sind es seine blauen Augen. Aber dann kann sie doch nicht aus ihrer Haut. Zum Glück!

Freitag, 17. Dezember 2010

Wie in einem Spiegel / Sasom i en spegel (Ingmar Bergman, Schweden 1961)

Auf einer isolierten Ostseeinsel verbringt der Schriftsteller David mit seiner Tochter Karin, dessen Mann David und seinem noch recht jungen Sohn Minus den Sommerurlaub. Man fährt hinaus zum Fischen, kocht zusammen, führt Theaterstücke auf. Getrübt ist das Glück von der schweren psychischen Erkrankung Karins, die just aus der Nervenheilanstalt freigelassen wurde. Doch drohen Rückschläge und schon bald kommen die Wahnvorstellungen zurück. Ihr Mann kümmert sich aufopferungsvoll um sie, doch insgeheim sehnt er sich verständlicherweise nach einer normalen Beziehung. Der Bruder Minus kämpft mit den Wallungen der Pubertät und den eigenen ersten Schreibbemühungen - Karin ist die böse Weiblichkeit, die ihn zu verführen droht. Der Vater ist ein Egoist, der ihre Krankheit schriftstellerisch auszubeuten begehrt.

Dies alles wird von den Figuren natürlich nicht geäußert, es ist Karin, die in ihren Wahnzuständen die Wahrheit ans Tageslicht bringt, ihnen allen wie ein Spiegel ist. So stellt sich natürlich die Frage, wer hier krank ist, oder ob nicht eigentlich alle immerzu krank sind. Der Vater hatte vorgehabt, sich in der Schweiz, seinem letzten Rückzugsort, selbst das Leben zu nehmen. Eine Panne, natürlich, verhinderte dies.

Filmisch ist dieser Bergman imho weniger bemerkenswert - es sind vor allem die Charaktere, die mit ihrer schauspielerischen Leistung zu überzeugen wissen. Die merkwürdige Religiosität, die am Ende wie in einem Nachklapp nochmals über alles drübergegossen wird, und die dabei unangenehm wage im Unklaren gehalten wird, läßt den Film, wieder imo, etwas unentschieden enden. Die Religion als Rettung aus dem menschlichen Jammertal der Existenz hat sich mir nicht so deutlich als Rettungsmodell dargestellt, wie ich es nun eben kurz überfliegend in dem einen oder anderen Text formuliert fand - immerhin ist der Gott, der zu Karin kommt, ja ein Spinnentier, das mehr mit einer vergewaltigenden, dämonischen Macht gemein hat, als mit einer Erlöserfigur. Oder ich habe da etwas nicht richtig mitbekommen. WIE IN EINEM SPIEGEL scheint mir erstmal der schwächste der 5, 6 Bergmans zu sein, die ich bislang gesehen habe.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Rammbock (Marvin Kren, Deutschland/Österreich 2010)


Der etwas naive Michael kommt aus Wien nach Berlin, reist seiner Freundin Gaby nach. Dort angekommen, kann er sie allerdings in ihrer Wohnung nicht finden. Ein Installateur und sein Gehilfe schrauben stumm an der Heizung herum. Plötzlich allerdings rastet der Mann aus, stürzt sich auf die anderen. Er hatte sich infiziert. Als unter lautem Geschrei mehrere Anwohner des Gebäudes im Innenhof von den Zombies angefallen werden, das Fernsehen nicht mehr sendet und im Radio nur noch eine Notstandsendlosschleife durchkommt, wird klar, dass die Welt unter der Zombifizierung untergehen wird. Es ist mal wieder Apokalypse, es geht ums nackte Überleben...
Der kurze, einstündige Film, mitfinanziert vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF, macht aus seinen beschränkten Mitteln das Beste: hier wird das Genre nicht neu erfunden, aber aus der Not erwächst die Tugend; so spielt der Film fast ausschließlich in dem Gebäude um den Innenhof, über den die Überlebenden miteinander kommunizieren. Die Zombies sind rasend schnell, aggressiv wie in 28 DAYS LATER, ein Ortswechsel ein va banque-Spiel und zwingend notwendig zugleich, will man etwas zu essen finden. Oder eben Gaby, Michaels große Liebe. Die Hatz durch die Stockwerke, über das Dach, von Wohnung zu Wohnung ist trotz der bekannten Standards spannungsreich inszeniert und das Drehbuch kann zudem mit einigen gut durchdachten Kapriolen punkten. Der Film befindet sich durchweg auf einem sehr hohen Spannungslevel, die Schauspieler sind fast alle überzeugend, die Kamera up to date. Schnelle Schnitte, Musik à la EXPLOSIONS IN THE SKY, am Ende gar ein wenig Liebe und Ausblick. Das ist deutlich mehr, als man von einem deuschen Zombiefilm erwarten konnte. Eine echte Überraschung.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Fire of Conscience (Dante Lam, Hongkong 2010)

Wir bleiben beim Polizeifilm, diesmal aber in einer cantonesischen Variation mit üppig Style und Kugelhagel: *click*

Dienstag, 14. Dezember 2010

Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert / Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubbli (Damiano Damiani, Italien 1971)


DER CLAN ist eines der frühen Mafia-Dramen, in denen der Kampf gegen das Verbrechen ein aussichtsloser ist. So durchzieht den stimmungsvollen Film eine tiefe Melancholie, in der Martin Balsam als Kommissar -in einer Paraderolle- und Franco Nero als junger Staatsanwalt die Unterwelt von Palermo aufmischen. Doch es sind zwei unterschiedliche Charaktere, die hier kämpfen. Balsam ist ein erfahrener alter Hund, der zuweilen auch selbst das Gesetz beugt, um zum Erfolg zu kommen. Nero hingegen ist jung und engagiert, aufrecht, obrigkeitsgläubig. So ist in der permanenten Lebensgefahr, in der sie schweben, sogar der eigene "Partner" ein unzuverlässiger.
Einer der Höhepunkte ist das Streitgespräch der beiden auf einem Berggipfel um Palermo, bei dem sie sich so sehr verstreiten, dass sie im Bruch auseinandergehen. Nun gibt es überhaupt keine Sicherheiten mehr. Als bei den fortlaufenden Ermittlungen immer deutlicher wird, dass es nicht nur gegen den Verbrecher Lomunno geht, sondern auch gegen den korrupten Polizeiapparat und die Politik, steht Nero sogut wie alleine da.

DER CLAN ist ein nihilistisches Polizeidrama, das trotz seiner verwirrenden und etwas mühsamen ersten Hälfte (und einer furiosen zweiten (!)) mit einem überragenden Cast zu punkten weiß, mit tristen Stadtansichten, tollen Innenraumbildern und einem genialen Score von Riz Ortolani.

Montag, 13. Dezember 2010

Das Andechser Gefühl (Herbert Achternbusch, D 1974)


Ein Mann, von Beruf Lehrer, sitzt im Biergarten, gravitätisch gefilmt aus leichter Untersicht. "Morgen geht es dahin mit mir..." spricht er vor sich hin, zu sich selbst. Dann trinkt er noch eine Maß, dann noch eine Maß. Und immer so weiter, sein Leben liegt so ziemlich in Trümmern: der Schulrat soll am kommenden Tag endgültig über seine weitere Laufbahn entscheiden, seine Frau ist mit den Nerven am Ende, da er immerzu nur raucht, säuft, und Zeitung liest. Die Kellnerin mit den Waden, die er liebt, mit der hat er eine Affäre. Doch seit Jahren träumt er von der Schauspielerin, die zu ihm kommt, ihn da herausholt aus seiner selbstgeschaffenen bayrischen Idylle, aus der Hölle mit Aussicht auf Feld und Flur.

Es ist eine große Freude, dabei zusehen zu dürfen, wie Achternbusch das Bayerntum auseinandernimmt und zerlegt. Kein Wunder gilt der Mann als Nestbeschmutzer. Das Grundrecht des Menschen auf eine ordentliche Bierversorgung ist dabei nur die Ausgangsbasis seiner weitgreifenden Gesellschaftskritik, die sich exemplarisch am Lehrer (von Achternbusch selbst gespielt) zeigt, aber auch in den Nebenfiguren offenbart und denjenigen, die er nur streift: Rassismus und Fremdenhass, Scheinheiligkeit, Borniertheit, abgestumpfte Dumpfness, Lethargie, Sprachlosigkeit, Kleingeisterei, Sexualtrieb. Und immer wieder die Unterjochung der Frau, der mutwilligen Zerstörung eines anderen Lebens. Gekleidet ist das in ein Kino der Abstraktion, in der die Sätze wie Pfeiler im Raum stehen. Manchmal wirkt das, vor allem bei schwächeren Darstellern, wie Theatersprech, doch immer ist es eine Deklamation. Häufig eine des Schmerzes. Die Sätze stehen im Raum, man könnte auch um sie herumgehen, sie angucken in ihrer schrecklichen Pracht, so wie man auch die zerstörten Figuren dieses Films voller Faszination begafft. Mit Margarethe von Trotta und Walter Sedlmayr. Sehr Sehenswert.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Harry Potter und der Stein der Weisen (Chris Columbus, UK/USA 2001)

Stark moralisierender Kinderfilm, der Dank seines Budgets auch genau so aussieht, wie man es von ihm erwartet. Interessant wäre ja vielleicht gewesen, was ein talentierter Jungregisseur mit Eiern in der Hose und ohne Geld aus dem Stoff herausgeholt hätte. Aber so bleibt es leider bei völlig konsensmäßiger Sonntagnachmittagsunterhaltung kurz vor Weihnachten wenn man draußen gerade den Gehweg gekehrt hat. Die Musik von John Williams ist auch unanhörbar, wenn man etwas Geschmack besitzt. Dass die Figuren halbwegs sympathisch sind, rettet den Film etwas aus der Misere. Da die ganzen netten Ideen des Buches hier auch einfach übernommen wurden, ohne etwas Eigenständiges daraus zu machen, kann man diese dem Film nicht anrechnen. Dem Regisseur verweigere ich die Aufnahme in meine Posting-Tag-Liste. So einen Namen möchte ich dort nicht sehen. Scheiße für die allerbreiteste der Massen. Kann man sich ansehen, also.

Samstag, 11. Dezember 2010

La mariée était en noir / Die Braut trug schwarz (Francois Truffaut, Frankreich/Italien 1968)


Nun heute noch ein Selbstjustizfilm, ein echter Klassiker des Genres. Manchem mag die Ausgangskonstellation von aktuelleren Filmen her bekannt vorkommen: Da gibt es eine verwitwete Braut und fünf Personen, die auf einer Todesliste stehen, die abgehakt werden muss. Es sind fünf Männer, die am Tod des Gatten, der am Tag der Hochzeit vor der Kirche erschossen wude, schuldig sind. Julie Kohler (Jeanne Moreau ganz groß), die Jägerin Diana, ist auf ihrem persönlichen Rachefeldzug. Die Assoziationen sind KILL BILL von Quentin Tarantino und und dessen Inspirationsquelle LADY SNOWBLOOD /SHURAYUKIHIME (mit Meiko Kaji in der Hauptrolle) von Toshiya Fujita.

Der Film ist klar gegliedert: Julie reist von Ort zu Ort, und tötet jeweils einen der Männer. Spannenderweise deckt Truffaut die Motivation für diese Tat erst nach und nach auf, sodaß der Zuschauer auch erst einmal in einem Informationsdefizit gehalten wird. Harte Schnitte, verkürzte Szenen und ein ständig wechselnder Score (Hitchcocks Bernard Herrmann) trägt zur Verstörung bei. Faszinierend der ständige Rollenwechsel Julies, die bei jedem individuell geplanten Mord in verschiedene, den Mörder verführende Rollen schlüpft. Wie nebenbei deckt Truffaut auch den Machismo und die misogynen Lebenseinstellungen dieser Herrenmenschen auf, welche zudem deutlich für ihre Zeit sprechen dürften. Sehr gelungen ist auch die Sympathieführung Truffauts, der nach nur kurzer Zeit die Figur Julies dem Zuschauer nahe bringen kann. Eigentlich ein Unding: man sympathisiert mit diesem unerbittlichen Racheengel. Ein wahrlich toller Film. Pflicht.

Harry Brown (Daniel Barber, UK 2009)


Der Ex-Soldat und Witwer Harry Brown lebt in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, die wohl nicht umsonst an die Towers in THE WIRE erinnert. Als sein einzig verbliebener Freund und Schachgegener Leonard von den Jugendlichen Kriminellen ermordet wird, beschließt er dem Treiben nicht länger machtlos zuzusehen, besorgt sich eine Waffe und sorgt selbst für Ordnung.

HARRY BROWN steht klar in der Tradition der Selbstjustiz- und Vigilantenfilme, die jüngst durch Clint Eastwoods GRAN TORINO neu belebt wurde. Auch hier wird das persönliche Missgeschick zum Auslöser der Selbstjustiz, zugleich wird aber ein größerer, überpersönlicher Horizont geöffnet. Es ist ein allgemeiner Gesellschaftspessimismus, der als ursächlicher Grund für die Verwahrlosung dieser hier abgebildeten Jugend angeführt wird - eine Jugend, die sich lediglich dem Besitz und dem Drogenkonsum verschrieben hat. An einer Stelle, befragt von der Polizistin, antwortet Harry dann auch auf die Frage nach der vermeintlichen Motivation der Kids für ihre Verbrechen schlicht: für sie sei es "Unterhaltung". Konsumkritik und Gesellschaftskritik vor dem Hintergrund eines machtlosen Staates, sowie eine immerzu entfremdeter werdende Gerontokratie können mit den Bedingungen der sich entwickenlnden Gesellschaft nicht mehr mithalten. Die überforderte Polizei wird äußerst überzeugend von der Kommissarin, gespielt von Emily Mortimer zwischen Passion und Verzweiflung, dargestellt Die Zügel haben andere in der Hand, was auch mit dem kleinen Plottwist des Bartenders anschaulich gemacht wird.

HARRY BROWN ist auch ein Film über das Altern, das Alter. Darüber, dass man auf dem Abstellgleis gelandet ist (was nicht immer stilsicher bebildert worden ist). Und im größeren Rahmen, wie der "Vertrag" zwischen den Generationen nicht mehr funktioniert. Dieser Dirty Harry hier, vom Sympathen Michael Caine gespielt, sieht nicht rot und ist kein Faschist. Es ist die Verzweiflung vor der Einsamkeit und der Gewalt in der Sinnlosigkeit des Lebens, die Machtlosigkeit angesichts der Ungerechtigkeit, die ihn antreibt. Man sollte nicht vergessen, dass der Film nur einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft abbildet, er seine Geschichte individualisiert. Und hier ist er auch am Problematischsten: eine Abbildung ist das nämlich nicht. Die Mitglieder der Drogenbanden werden zu reißenden Wölfen stilisiert, die sich ausschließlich im Sündenpfuhl aus Gewalt, Sex und Drogen herumwälzen. Und zwischendurch wird ein Passant kaltgemacht und eine Heroinabhängige vergewaltigt. Der tendenziöse Film zieht den Zuschauer über seine völlig offensichtliche, affektgesteuerte Inszenierung auf seine Seite - und wird dadurch natürlich schwer problematisch. Man kann nicht anders, als Harrys Komplize zu werden. Und die Kommissarin möche man auch in den Arm nehmen.

Als Kommentar über zeitgenössische Zustände taugt HARRY BROWN also überhaupt nicht, Will er ein solcher sein? - man weiß es nicht. Der Vorwurf des Reaktionären läuft ins Leere. HARRY BROWN ist, und jetzt wird's bösartig, ein Unterhaltungsfilm. Mit irgendeiner Realität hat dieser Film nichts zu tun. Ausser natürlich, man rennt mit Scheuklappen durch die Welt.

Freitag, 10. Dezember 2010

Accident / Yi ngoi (Soi Cheang, HK 2009)

Der heutige Film ist hier zu finden: *clickety-clack*

Donnerstag, 9. Dezember 2010

The Piano Tuner of Earthquakes (Quay Brothers, D/UK/Fr 2006)


Der teuflische Irrenarzt Dr. Droz tötet und entführt die Opernsängerin Malvina van Stille um ihre Stimme für die Ewigkeit zu konservieren - er möchte sie in eine mechanische Nachtigall transformieren. Droz haust auf einer abgeschiedenen Insel, die hauptsächlich aus Klippen besteht, in einem prachtvollen Schloss, samt Laboratorium und angebauter Irrenanstalt. Zu diesem Zwecke beauftragt er den Piano Tuner Don Felisberto Fernandez, der eine Reihe von Automata (Autotraumata (?)) wieder zum Laufen bringen soll, die in kleinen Dioramen eine Art Orgelmusik erzeugen. Droz wünscht nämlich eine von ihm komponierte Oper aufzuführen, bei der Malvina naturgemäß die Primadonna geben soll.


Dieser Fantasy-Horror-Film ist, wie man an der Inhaltszusammenfassung erahnen kann, sehr komplex und vielschichtig. Nicht nur ist er ein genreübergreifender Themenmixer, er zitiert auch wild durch die europäische Kulturgeschichte, und bleibt dabei stets assoziativ, extrem düster und sexuell aufgeladen. Deshalb auch die schweren Verständnisprobleme: Der Plot wird erst nach und nach verständlich, jede Form der narrativen Erläuterung fehlt. Der Film funktioniert sehr stark über seine Bildsprache, direkte Rede oder ein stream of consciousness geben keine Übersicht, keinen Überblick. Immer wieder arbeiten die Quays mit Puppentrick-Animationsszenen.


Der Film ist sehr dunkel gehalten im steten Wechsel zwischen tiefwarmem Orange und stahlkaltem Blau. Extreme Close-Ups geben erst im Nachhinein (Zoom/Fahrt) oder dem Schwenk eine Übersicht, häufig kann man derart erst den angebildeten Körper, das Objekt, die Szenerie erkennen. Dieser Film ist also vor allem eine Montage assoziativer Szenen, weniger eine Erzählung nach bekannten Mustern.


Das ist alles sehr faszinierend - und auch sehr anstrengend. Eine Zweitsichtung war hier zwingend notwendig, da es mir schwerfiel, ohne Vorkenntnisse den Plot des Films überhaupt zu verstehen. Die Bezüge und Verweise, Metaphern und Assoziationen sind in ihrer schieren Menge erdrückend, der Film wirkt übervoll. Man wird förmlich erschlagen, ohne genau zu wissen, von was eigentlich. Auch die Kamera kommt nicht ohne Manierismen aus, das Drehbuch ebenso, das keine Verschiebung ins Irreale oder die Verunsicherung auslassen würde. Die Welt der Quays ist dunkel, voller Nachtschatten, dreckigen Scheiben, Spiegeln, psychotischen Zuständen - sie pendelt zwischen Wahn und Verlust der Wirklichkeit. Da muss man sich sehr darauf einlassen, sonst ist man nach 15 Minuten bereits draussen.

Dienstag, 7. Dezember 2010

The Road (John Hillcoat, USA 2009)


Es ist wieder mal Post-Apokalypse: ein zerlumpter Mann wandert mit seinem noch sehr jungen Sohn durch eine zerstörte Landschaft. Alles ist verbrannt, graue Asche liegt dick wie Schnee über allem. Sie ziehen zur Küste, das Sehnsuchtsziel, um dort etwas zu finden, von dem sie nicht wissen, was es ist.

Die Hoffnung aufrecht zu halten – im Angesicht der totalen Zerstörung – darum geht es in diesem Film. Und warum und wozu das gut ist wird exemplarisch verhandelt zwischen dem Mann (Viggo Mortensen) und seiner Frau (Charlize Theron), die sich das Leben nehmen will. Denn alles sei sinnlos geworden. Auch die Existenz des Sohne stellt hier, für sie, keinen Sinn mehr dar. Mit Flashbacks in warmen Farben und der Streichermusik von Nick Cave werden diese Szenen der Erinnerung eingefügt, wenn der Mann völlig erschöpft in unruhigen Halbschlaf sinkt, ständig auf der Hut vor der Bedrohung. Denn der Mensch ist des Menschen Wolf geworden; marodierende Banden ziehen über das Land. Unaufmerksamkeit kann er sich nicht leisten.

Und wie im Buch werden auch die paar wenigen Szenen, in denen tatsächlich Aktion vorkommt, in all ihrer Brutalität vorgeführt. Andere, kleinere Details werden ausgelassen. Jedoch: Hillcoat bleibt sehr dicht an der literarischen Vorlage, dem großartigen Text Cormac MacCarthys. Es war eine gute Wahl, den Regisseur von THE PROPOSITION an diesen Film zu lassen. Und dennoch kommt er um einige Hollywoodisierungen nicht herum: die Erinnerungen an die Zeit mit der Frau sind etwas sehr ausgedehnt, die Musik manchmal etwas zu sanft, das Ende zu positiv (deutlich positiver als der Text – da nimmt er sich die größte Freiheit). Im Kosmos des Filmes macht dies dennoch Sinn. Das Buch kann man für einen Moment zuschlagen, wenn man es nicht mehr erträgt. Den Film nicht. Da sei das erlaubt.

Dass der Film dennoch irgendwie unantastbar bleibt, distanziert, weniger ergreift als möglich, als würde ein „Kern“ fehlen, liegt an der reduzierten Kunst Hillcoats. Sowie an Cormac MacCarthy. Was man an Mangel an Empathie aufbringt (abgesehen vom Ende) ist die conditio humana, die der Schriftsteller seinen Figuren zuschreibt. Denn auch im Text finden wir Figuren vor, die in der Distanz bleiben, emotional kaltgestellt, in einer Welt, die innerlich schon längst untergegangen ist. Die Menschheit, wie wir sie kennen, ist gestern.

Montag, 6. Dezember 2010

The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz (Sam Peckinpah, USA 1969)


Peckinpahs großer Spätwestern ist vor allem eines: eine Reise in den Tod.
Wie es ein zum Standard gewordener Plotmotivator ist, die Protagonisten einem Sehnsuchtsziel zustreben zu lassen (die ferne Geliebte, „Boston“, „die Küste“, „nach Süden“), so ist im Genrefilm dies häufig an eine „letzte Handlung“ gebunden: dieses eine Ding wolle man noch drehen, bevor man sich, da oder dort, zur Ruhe setze. Auch in THE WILD BUNCH gibt es an zwei Stellen diese Diskussion, einmal bevor die Bande zum Raubzug aufbricht, ein andermal in der mexikanischen Beinahe-Idylle Aqua Verde. Bei Peckinpah aber ist das anders, man ist schon einen Schritt jenseits dieses Konzepts. Denn die Protagonisten lernen in diesen Gesprächen vor allem eines: dass sie dieses Sehnsuchtsziel nicht benennen können. Dass sie, so geben sie zu, nie etwas anderes tun werden – und auch tun wollen – als das, was sie eben gerade tun. Reiten, Stehlen, ortlos Umherziehen. Driften. Mit einer eingerichteten Bürgerlichkeit können sie nichts anfangen und verweigern es, ein Teil ihrer zu werden. Aber sie sind alt geworden, so alt wie der Western selbst: ein neues Zeitalter steht vor der Tür. Man erkennt es an dem Automobil, dem Maschinengewehr und dem Flugzeug, über das gesprochen wird. Aus einem harmlosen Banküberfall wird ein Massaker. Da wundert es nicht, wenn der Steigbügel reißt.

Peckinpah betreibt hier eine Entmystifikation des mystifizierten Westerhelden, einen Abgesang auf eine zu einem Klischee erstarrte Figur. Wenn bei Peckinpah einer erschossen wird, dann stürzt er nicht idealisiert und verharmlost zu Boden, sondern dreht sich in Zeitlupe um die eigene Achse, man hört das Einschlagen der Gewehrkugel, man sieht die Blutfontäne spritzen. Das häufig erwähnte Todesballett Peckinpahs ist keines der ästhetischen Verharmlosung, sondern fördert gerade in ihrer Explizität die Wahrnehmung der Gewalt. Hier erschiessen dreckige Männer dreckige Männer. Und die Kugeln reißen Wunden. Das Metall dringt in den Körper ein, wie die Eisenbahn (und mit ihr die Moderne) dem Westerner das mythische Land zerschnitten hat.
Aber nicht nur das: er nimmt dem Kino die Versöhnlichkeit. Ein „gutes“, sprich: hollywood ending ist nicht zu erwarten, Freundschaften sind Zweckbündnisse (es sei denn sie ist uralt wie guter Wein in Fässern), es sind Alliancen, die das Geld und der Colt zusammenhält. Schlicht: auf ein (Etappen-)Ziel hin gerichtet. Verbindlich in ihrer Verpflichtung, aber emotional kaltgestellt. Mit oder ohne einen, es wird weitergehen, genauso, immer weiter.

Und anders kann ich es mir nicht erklären, diese scheinbare Plotinkonsistenz, gegen Ende des Filmes: anders als auf dem DVD-Cover behauptet wird, verweigert Mapache die Zahlung nicht. Auch wird der Mexikaner Angel nicht einfach getötet, sondern gefoltert. Und: Dutch (Ernest Borgnine) läßt ihn bei Mapache zurück. Er opfert ihn. Er setzt sich nicht für ihn ein. Vermutlich, so denkt man zunächst, um selbst ungeschoren mit der letzten Teilzahlung für die geraubten Gewehre davonzukommen. Doch eine Szene weiter ist genau er es, der auf Loyalität pocht. Die auch Angel gegenüber der Gang ausgezeichnet habe. Er läßt ihn also erst zurück, dann fordert er Rache. Es ist davon auszugehen, dass es die geheime Absicht war, zurückzukehren, sich mit dem (über)mächtigen Banditenboss anzulegen; und es darauf anzulegen, nicht mehr lebend aus der Sache herauszukommen. Eine Auslebung des tiefschlummernden nihilistisch-zynischen Todestriebs, der dem eigenen Ich gegenüber rücksichtslos ist und dabei grinst. Interessanterweise scheint in dem Moment, als Mapache getötet wird, eine schockartige Ruhe einzutreten. Plötzlich ist alles möglich, vielleicht könnte die Bunch auch einfach davongehen. Doch sie grinsen sich an, beginnen erneut zu feuern, starten ein Massaker und gehen sehenden Auges in den eigenen Tod. Sie beginnen ein Massaker wie man es sonst nie auf der Leinwand zu sehen bekommt ( - dieses gegenseitige Abschlachten scheint schon auf die Schlachtfelder des 1. Weltkriegs vorauszuweisen).

Die Plotkonstruktion erscheint wie eine absichtliche Reise in den Tod, wie eine nihilistische Spielerei. Die lange Reise in den Tod: SIE KANNTEN KEIN GESETZ, auch sich selbst gegenüber nicht.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Aus dem Pfirsich die Nektarine schaut: Judd Apatows KNOCKED UP (2007)


Eigentlich wollte ich die Sichtung dieses Films unterschlagen, da ich die Befürchtung hatte, das Schreiben in der Verärgerung über diesen biederen, sexistischen Film trage mich hinfort. Und was daraus folgt ist bekannt: man macht sich lächerlich.

Apatow und sein „neues Komödienkino“ wurde einem nun mehrfach als das neue große Ding empfohlen, man liest überwältigende Kritiken allerorten. Von Haus aus kein Komödienkucker wärmte ich mich mit dem etwas schenkelklopfenden Brachialhumoristen PINEAPPLE EXPRESS (Apatow Productions 2008) auf, in welchem Seth Rogen ebenfalls einen der zentralen Charaktere spielt: ein pummeliges, kiffendes Dummchen, das versucht, den Kopf über Wasser zu halten.

In BEIM ERSTEN MAL, so der geniale deutsche Verleihtitel, geht es um etwas ganz neues im Kino, etwas das man noch nie gesehen hat: um das Zueinanderfinden zweier ungleicher Charaktere. Den Bauernsohn und die Prinzessin, oder genauer, den Loser, den Hänger, das Couch-Potato und die upper-classy Fernsehmoderatorenblondine. Das Partyanimal Ben, der aus seinem Zuhause eine WG der sexbesessenen Langzeitarbeitslosen gemacht hat, kifft von morgens bis abends, unterhält sich ausschließlich über Schwanzprobleme und hat die geniale Idee, eine Webseite aufzuziehen, auf der man die Busenscreentime der Schauspielcelebrity erfahren kann.
Die Jungs schauen also die ganze Zeit Filme und reden über Sex. Da treffen Ben und seine Kumpels in einem Club auf Alison samt Schwester, baggern sie an, und Ben und Alison verbringen schwer alkoholisiert eine Nacht miteinander. Am nächsten Morgen geht man befremdet auseinander: wie konnte man sich mit so einer Person nur einlassen? Acht Wochen später ist aber daran nichts mehr zu ändern: Alison ist schwanger, und sie und Ben, die sich nicht leiden können, bereiten sich auf eine gemeinsame Zukunft mit Kind vor...

Diese Ausgangskonstellation hätte eigentlich genug Potential gehabt, um ein Potpurri des kreativen Witzes zu werden. Doch Apatow macht daraus, wie im Vorspann angedeutet, eine hysterische Achterbahnfahrt der Extreme, die in ihrer bildlichen Darstellung letztendlich leider doch sehr handzahm ist und sich in verbalem Fäkalwitz erschöpft.

Ben ist, obwohl er sich so bemüht, in seinem Kiffer- und Sexuniversum gefangen. Der Zuschauer wird also permanent mit einem mongoloiden, total durchsexualisierten Sprachgestus gequält. Aber dies auf beiden Seiten: wenn die Frauen zeigen wollen, wie hart sie sind, greift man dort auch sehr gern ins ordinäre Schubfach. Alison wirkt mäßigend auf den Mann ihrer Tochter, doch ist auch sie nicht mit einem komplexen Charakter gesegnet: sie sieht gut aus, hat einen Job, und sehr genaue Vorstellungen davon, wie diese Schwangerschaft zu funktionieren hat: Alsion ist vor allem erstmal eine Zicke. Da das zeitgenössische amerikanische Mainstream-Kino gerne derbe ist ohne weh zu tun und konsequent zu sein, sieht man hier also Kifferei und Speierei, aber keinen Sex und auch nie die Brüste Alisons, die von Apatow stundenlang verführerisch in Szene gesetzt werden. Außer Seth Rogens haarigem Hintern sieht man eigentlich überhaupt keinen Körper in diesem Film. Der Film ist zahmer als das Reh im Kölner Zoo.

Dann aber die Geburt: Alison ist entsetzt darüber, dass ihre ******* nach der Geburt nie wieder so aussehen werde, wie zuvor. Doch Ben hält tapfer Händchen. Und dann kommt die Pfirsichszene: während Alison hysterisch schreit und presst, GEHT DIE KAMERA ZWISCHEN DIE BEINE DER PROTAGONISTIN! Unfassbar! Doch was bekommt man zu sehen: das wohl makelloseste Geschlecht seit Anbeginn der Zeiten: eine sepiafarbene Pfirsichspalte öffnet sich und heraus kommt ein sauberes Nektarinenköpfchen. Dass eine Geburt ganz anders aussieht (und auch eine weibliche Vagina), mit Schweiß, Schleim und Blut, muß nicht extra ewähnt werden. Aber nun verstehen wir Alisons Begehr natürlich: so eine mutierte Vorzeige***** muß natürlich erhalten bleiben, sie ist ja die einzige ihrer Art! - und das „Idealbild“ der amerikanischen weiblichen Scham nach all den Geschlechts-OPs! Ein sauber rasierter, sanfter Hügel, eine makellose Oberfläche, die sich wie bei einem Augenzwinkern öffnet und neues Leben schenkt.

Ach und falls sich einer fragt, wie der Film wohl ausgehen werde: nach all den aufgewärmten Klischees (etwa die Las Vegas-Szene) wohl kaum originell. Der große Komödienerneuerer Apatow läßt seinen Film ins Happy-End rutschen, in die glückliche Familie hinein, und bringt dann dort auf der Rückfahrt den wirklich einzigen netten Gag des ganzen Films.

Wenn jetzt einer sagt, der Film wolle nur unterhalten, dann fange ich an zu schreien. Und esse nur noch Sauerkraut, furze in dessen Wohnung bis ans Ende aller Tage. Nur um im Bild (und auf dem Apatowschen Humorlevel) zu bleiben. In THE 40YEAR OLD VIRGIN (Apatow 2005) habe ich kurz reingeschaut. Da geht ein Mann mit einer Morgenlatte auf's Klo und muß sich sehr vorbeugen, um zu treffen. Kein Witz, der Film beginnt wirklich so! Da habe ich dann wieder ausgemacht.

Samstag, 4. Dezember 2010

Zazie dans le Métro (Louis Malle, Frankreich 1960)


Das zehnjährige freche Mädchen Zazie ist mit ihrer Mutter aus der Provinz nach Paris gekommen, damit diese ein Wochenende mit ihrem Liebhaber verbringen kann. Zazie wird beim Onkel abgegeben, dem mit der vorwitzigen Göre zwei Tage Chaos total ins Haus stehen. Ihr größter Wunsch ist es, einmal mit der Métro zu fahren - doch diese wird bestreikt. Also wird die Stadt auseinandergenommenn.

1959 erschien die Vorlage zum Film, der gleichnamige Roman von Raymond Queneau. Wie im Roman mit Wörtern gespielt wird, so wird im Film mit visuellen Einfällen gespielt. Das wird oft enorm slapstickartig, schäumt über von kreativen Ideen, Bild- / Ton-Scheren, Zeitlupe und Zeitraffer, sprechenden Papageien und stlisierten Szenen, in denen die Naturgesetze aufgehoben werden, in denen aus allen Bereichen der Kunst zitiert, veralbert und herumgespaßt wird. Der Film entwickelt ein beinahe anarchisches Befreiungspotential, war wegen seiner anstößigen Dialoge in Deutschland sogar zensiert, und kulminiert am Ende bei der Aufführung des Varietés in den totalen visuellen und akustischen Terror.

Ein Film, den sich auch Freunde der Amélie Poulain anschauen können, wenn sie mal sehen wollen, wie diese Kreativität noch eine Stufe weiter ins Extrem getrieben wird. Zazie ist Metakino und bleibt nicht beim Fabulieren stehen. Kein Wunder also, machen sich die Figuren in einer Szene über die nouvelle vague lustig. Zu der der Film selbst natürlich dazugehört. Und am Ende fährt man mit dem Zug wieder aus der Stadt hinaus...

Freitag, 3. Dezember 2010

Overlord (Stuart Cooper, UK 1975)


1944: der junge Tom Beddows bekommt seinen Einberufungsbescheid und muss Eltern und Kindheit hinter sich lassen. Er meldet sich bei der Armee. Er kämpft sich durch die Grundausbildung und arrangiert sich dank seines Fatalismus mit mit der unerträglichen Situation. Immer wieder hat er visionäre Schübe, in der ein Soldat durch den Sand rennt und, von einem Schuß getroffen, zu Boden stürzt. Da kommt plötzlich der Einsatzbefehl: es geht an die Küste, er wird am 6. Juni bei der Landung der alliierten Truppen in der Normandie dabei sein. Tom ist überzeugt davon, dass er nicht überleben wird...


Coopers Film erzählt vom Krieg, von den Menschen, die ihn führen. Schon von Beginn aber setzt er ein klares Zeichen: diesem Film geht alles Heroische ab. Es gibt keine Helden in diesem Antikriegsfilm. Und beruhigenderweise auch keine überzogene Antiheldendarstellung. Durch die Vermischung von Spielfilmszenen und originalen Dokumentarfilmaufnahmen bekommt der Film eine bislang kaum gesehene Authentizität, die in ihrer Schrecklichkeit für sich selbst steht. Da ist man auf der Straße inmitten eines Löschtrupps dabei oder schaut durch die Kanzel eines Bomberpiloten. Minutenlang. Die Spielfilmhandlung setzt aus.



Es geht auch nicht um Moral und das Leiden (der Film endet, bevor der eigentliche Kampf überhaupt richtig einsetzt). Hier findet man kein Schlachtengemälde oder eine Sensation vor. In OVERLORD geht es um das Rädchen in der Maschine, um die Unausweichlichkeit des Laufs der Dinge. Und das ist umso schrecklicher. So lernen wir im Film auch nur den Protagonisten und ein, zwei Kameraden kennen. Aber nicht einmal deren Biographie, kaum eine Persönlichkeit. Eine Liebelei wird zum Sehnsuchtsziel Toms, der Mensch dahinter bleibt ungekannt. Was man sieht sind Maschinen, arbeitende Motoren, Geschwindigkeit, Feuer, Stein und Metall. Der Mensch verschwindet hinter diesen Kolossen der Moderne, er wird zum Kanonenfutter.



Vielleicht mag einem die Ausbildungssituation nicht ganz unbekannt vorkommen, wie auch immer wieder einzelne Bilder des Filmes: ich habe mehrfach an Kubricks FULL METAL JACKET denken müssen. Der Kameramann hier ist John Alcott, der im selben Jahr für Kubrick BARRY LYNDON ins Bild setzte (und übrigens auch CLOCKWORK ORANGE und SHINING einfing). Möglicherweise bekomme ich aber auch nochmals Lust auf den tollen, sehr düsteren Thriller NACHTRATTEN - VICE SQUAD von Gary Sherman, bei dem Alcott ebenfalls Kameramann war.
Die DVD vom Label Bildstörung ist hervorragend ausgefallen - wie jedes ihrer Release. Hier findet man Filme abseits des Mainstreams liebevoll restauriert, mit dicken Booklets versehen und Specials auf der Scheibe. Eine echte Empfehlung.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Twin Peaks: Fire walk with me (David Lynch, USA 1992)


Der Film ist das nachgeschobene Prequel zur bekannten TV-Serie TWIN PEAKS. In der ersten Hälfte ermittelt FBI-Agent Chet Desmond den Tod der Kellnerin Teresa Banks. Als dieser dem Mord einen entscheidenden Schritt näher kommt, verschwindet er plötzlich. Das ruft Special Agent Dale Cooper auf den Plan, der sich auf die Suche nach dem Vermissten macht. Zugleich erzählt der Film die letzten Wochen der Laura Palmer, deren brutale Ermordung die Ausgangskonstellation der Fernsehserie darstellt.

Ich mag diesen komischen, symbolüberladenen Film, der irgendwo zwischen Kunst und Kitsch, zwischen Sein und Schein, zwischen Verdorbenheit und Unschuld hin und her pendelt. Komisch deswegen, da er einserseits sehr lustig und bizarr ist, andererseits einer seltenen Form des surrealen Dilettantismus frönt. Nicht nur in der Schauspielerleistung, sondern auch bildästhetisch ist das teilweise unglaublich einfach, was man da zu sehen bekommt - und doch zugleich wieder -innerhalb des Spielfilmkontexts- wegen der Andersartigkeit sehr befremdlich.
Dann wieder schwimmt man regelrecht inmitten des Geflechts aus lynchesken Anspielungen und Referenzen ans eigene Werk, sodaß man ständig dazu genötigt wird, semantische Bezüge herzustellen. Bisweilen bleibt es einfach auch nur kryptisch. Spannenderweise schadet das aber dem Film nicht, ein Film, der hinter die bürgerliche Fassade der Bewohner des Städtchens Twin Peaks an der kanadischen Grenze schaut, und die dort lauernden Abgründe ausstellt.

Gegen Ende läuft der Film in die emotionale und psychische Apokalypse der Protagonistin hinein, wie man sie ansonsten selten zu sehen bekommt. Auch wenn sich die aus der Serie aufgegriffenen Motive etwas zu sehr ballen, allzuviele Handlungsstränge angeschnitten werden, und der Film in der zweite Hälfte überzuquellen droht, so gelingt es Lynch doch immer wieder ruhige Phasen zu setzen, die gegen Ende dunkler, mysteriöser, gewalttätiger und sexueller werden. Es läßt sich nur noch schwer zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsebenen unterscheiden, was "objektive" Erzählung und subjektives Wahngebilde ist. Letztlich formuliert mir der Film zuviel aus, rundet sich in seiner Eruption der Gewalt zu sehr zu einer narrativ geschlossenen Geschichte (auch wenn sich das paradox anhören mag, steht diese doch in kaum einem Verhältnis zu den Ungeklärtheiten). Man sollte jedoch keinesfalls diesen Film, nur weil er ein Prequel ist, vor der eigentlichen Serie schauen. Er deckt dafür zuviel auf, wird einem mit der Fülle an Informationen das Erlebnis der Serie schmälern. Und die erste Staffel der Serie ist, daran konnte auch die heutige Sichtung nichts ändern, immer noch the real thing.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

The Shining (Stanley Kubrick, USA 1980)

Jack Torrance, Gelegenheitsarbeiter und verhinderter Schriftsteller, übernimmt die Aufgabe des Hausmeister für die Überwinterung des imposanten Overlook-Hotels in den Rocky Mountains. Nach kurzer Zeit ist er dort oben mit seiner Familie völlig eingeschneit, isoliert und von der Umwelt abgeschnitten. Eine ehemalige Familientragödie, die sich im Hotel abgespielt hatte, drückt auf die Stimmung; vor allem auf die Dannys, des Sohnes, der für solcherlei Schwingungen besonders empfänglich ist: er hat DAS SHINING. Kurze Zeit später steht Jack mit beiden Beinen im Wahnsinn und gedenkt die Tradition des Axtmörders fortzuführen...


Kubricks Film ist nach all den Jahren und den vielen, vielen Sichtungen immer noch ein Höhepunkt im filmischen Alltagsgeschehen. Der Film, ich hatte zunächst Bedenken, nutzt sich überhaupt nicht ab. Sicher, die Schocks sitzen nicht mehr ganz so tief wie "damals", doch mit reiferem Alter drängt sich immer mehr das Wie vor das Was. Dass Kubrick vor allem ein Stilist ist, weiß natürlich jedes Kind, und dennoch: es ist atemberaubend, dass wirklich jede Szene, jede Einstellung großartig ist auf ihre Weise, die Montage einen enormen Beitrag zum Film leistet (wenn nicht den größten), und der absolut umwerfende Score die Ausschläge auf dem Verstörungsgeigerzähler herumwirbeln läßt. Es ist müßig, die klassischen Horror-Szenen aufzuzählen, die bereits ins kollektive Filmgedächtnis eingegangen sind. Ihre Zahl ist Legion. Das Labyrinth als Leitmotiv des Films allerdings muß erwähnt werden, es zieht sich mustergültig durch alle Ebenen des Films.
Der Film ist immer noch ein Magenhieb und ein optischer Genuß zugleich. Und für einen Kubrick ist er gar nicht mal so kalt und distanziert. Wahnsinn, dieser Irrgarten.

Sonntag, 28. November 2010

Charles, mort ou vif / Charles - tot oder lebendig (Alain Tanner, Schweiz 1969)


Zum 100sten Jahrestag der Gründung der Uhrmacherfabrik gibt der Firmeninhaber Charles Dé dem Reporter ein selbstkritisches Interview, bei dem er gesteht, über sich selbst nichts zu wissen: sein Vater sei Handwerker gewesen, ein Anarchist aus dem Jura, sein Sohn ein Geschäftsmann (welcher die Firma nach rein ökonomisch-kapitalistischen Prinzipien leiten möchte). Er selbst aber wisse nicht, wer und was er sei. Daraufhin macht er sich davon, logiert in einem einfachen Hotel unter falschem Namen und lernt schließlich einen Maler und dessen Freundin kennen, die auf dem Land in einem alten Bauernhof leben. Sie laden ihn ein zu bleiben und Charles nimmt dankend an. Fortan ändert sich sein Leben. Er hat Zeit: nachzudenken, zu lesen, zu philosophieren, zu kochen und die Gemeinschaft zu genießen. Seine Tochter, eine Anarchistin, schließt sich bisweilen an.
Das kann aber nicht lange gut gehen, denn sein Sohn, der ihn mittlerweile als vermißt gemeldet hat, läßt ihn landesweit suchen. Tot oder lebendig eben, denn er möchte Charles die Zurechnungsfähigkeit entziehen lassen und in eine Anstalt einweisen...

Tanner arbeitet hier wieder mit schwarz/weiß, mit ungeschminkten Bildern, mit close-ups, die die Irritation Charles' deutlich zu vermitteln wissen. Einmal erlaubt er sich einen metapoetischen Gag, als er ständig die Kameraleute des Interviews ins Filmbild tapern läßt, die Charles beim Morgenspaziergang filmen. Kurz darauf sitzt Charles in der Brasserie und sieht sich selbst im Fernseher beim Interview, plötzlich füllt das Bild im Bild den ganzen Bildschirm aus. Auch sonst erzählt Tanner mit Sprüngen, erklärt erstmal nicht - er bleibt aber chronologisch, wodurch sich die Anschlüsse von selbst ergeben. Die Musik besteht aus einem dissonanten Flötenspiel, das häufig in die Gehörgänge beißt. Beinahe japanisch mutet das in seiner Reduziertheit an.

CHARLES - TOT ODER LEBENDIG ist ein kraftvoller Film, der einen nicht mehr losläßt, wenn man sich einmal "eingeschaut" hat. Und die Tragödie berührt, man entwickelt unweigerlich Sympathien zum Protagonisten, der seinem alten Leben den Rücken kehrt. Er findet dabei keineswegs ein Idyll - das Leben auf dem Hof wird ganz ohne bukolischen Kitsch dargestellt, eher rauh, befremdlich zunächst; ein Ort des Denkens, der Kunst, des Zweifels. Beinahe wie ein Kloster, also einer der Gemeinschaft. Auch wenn das Ende etwas überdeutlich ruppig der Message des Films gehorcht, weiß er doch mehr als zu überzeugen und stellt für mich, als utopischer Film, eine echte Entdeckung dar.

Sonntag, 21. November 2010

Haschisch aka Hachisch (Michel Soutter, Schweiz 1968)



Soutter, Schüler von Goretta beim Schweizer Fernsehen, realisierte dieses Kaleidoskop schweizerischer Befindlichkeit als vielgestaltiges Kunstkino. Städtebilder, Handlungsausrisse, Interviews, Kommentare direkt in die Kamera. Dazu Bild/Ton-Scheren. Die Handlung schält sich erst nach und nach heraus: eine Liebesgeschichte, die möglicherweise die Kraft hätte, die Figuren zu retten. Doch sie scheitert. Wie eigentlich alles in diesem Film scheitert oder, wie man vermittelt bekommt, bereits gescheitert ist. Die Schweiz, ein Land ohne Identität, bietet auch nichts zur Identitätsstiftung an. Wie einmal gesagt wird: häßliche Großstädte und lächerliche Kurorte, das sei die Schweiz.





Die Protagonisten in Soutters Film sind Intellektuelle der Großstadt, ein Mann des Theaters und sein Freund, ein Mechaniker (dessen Wohnung aber die eines Lesers ist). Die beiden wollen Genf endlich verlassen (-> think about Beckett, Mercier und Camier). Doch sie kommen nicht weit. Mathieu, der Theaterschauspieler, verliebt sich just im Moment des Aufbruchs in Pauline, ein hübsches Mädchen, das aber, ganz selbstbewußt libertin, in einer anderen Beziehung zu einem Mann steckt, die sie nicht aufgeben möchte. Mathieu also möchte weg, dramatisch, und kann doch nicht. Die Sehnsucht bleibt, die Beziehung geht vor die Hunde.

Die Grundstimmung ist die der tiefen Melancholie (diese Tonspur! [--> Jacques Guyonnet]). Man möchte lieben, sich heimisch fühlen, ein sinnvolles Leben leben. Aber es ist nicht möglich. Es bleibt nur das Weggehen. Kurzfristigen Halt scheint nur die Kunst zu bieten, und die ist ortlos. Sie ist überall.


Freitag, 19. November 2010

Nice Time (Claude Goretta und Alain Tanner, Großbritannien 1957)

Angeregt zu einer kleinen Filmschau, die sich mit dem Filmland Schweiz beschäftigen soll, wurde ich durch diesen formidablen Text meines eidgenössischen Freundes Whoknows' zum Nationalhelden Franz Schnyder und dessen Opus Die Käserei in der Vehfreude.

Nach ein wenig Recherchearbeit stieß ich auf den Begriff des Jungen Schweizer Films, der in den 60ern wohl vor allem als eine Reaktion auf die Heimatfilmblüte und das Schuldverdrängungsgebaren der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt. Man nahm Anstoß an der Darstellung der immergleichen Idylle, den allzuroutinierten Inszenierungsschablonen und der künstlerischen Stagnation. Äquivalent entwickelte sich in Österreich eine avantgardistische Bewegung, in Deutschland bekannterweise der Neue Deutsche Film (welche wiederum von der französischen Nouvelle Vague und den Studentenbewegungen beeinflusst waren).

Schnell stößt man im Schweizer Kontext auf die Namen der Groupe de 5 (neben anderen Experimental- und Dokumentarfilmgruppierungen), die sich in der Romandie formierte und zu der sich Alain Tanner, Claude Goretta, Michel Soutter, Jean-Louis Roy und Yves Yersin zählen lassen. Tanner und Goretta waren als junge Cinephile nach London gereist um am British Film Institute zu studieren, wo sie den kaleidoskopartigen Film NICE TIME realisierten, der das moderne Großstadtleben abbilden sollte. Vielerorts wird dies als die Geburtsstunde des Jungen Schweizer Films betrachtet:


NICE TIME ist ein 17minütiger experimenteller Dokumentar-Kurzfilm über den Piccadilly Circus in London, der eine Zeitspanne vom frühen Abend bis zum nächsten Morgen umfasst.


Und mit dieser kleinen Beschreibung stößt man schon an Grenzen, die ausgeweitet werden wollen: denn diese Kurzzusammenfassung ist mehr als dürftig und beschreibt diesen "kleinen" aber komplexen Film überhaupt nicht in adäquater Weise.
Denn ein Dokumentarfilm ist NICE TIME nur bedingt, denn er bildet Menschen und Autos in Bewegung, Lichter, Werbe- und Filmplakate, Matrosen beim Proleten, Menschen beim Zeitungslesen und lange Schlangen vor dem Cabaret oder dem Kino ab. Sein Dokumentation beschränkt sich also auf das reine Abbilden von Ereignissen, die scheinbar wahllos montiert wurden.


Doch so ist es nicht. Die Kamera verfolgt Richtungen, läßt sich leiten, beobachtet (Liebespärchen, Essende, Redende, Bettler, Strichmädchen, Formen des Händchenhaltens, des Umarmens, des Wartens) und zieht seine Bahn, betritt Cafés und Bars, steht am Straßenrand. So ergibt sich eine Kohärenz des Flaneurs, des passiven Teilhabers. Am Ende ist die Nacht vergangen und das letzte Filmbild (der "Eros-"Engel auf der Shaftesbury Memorial Fountain) ist dasselbe wie das erste, der Film rundet sich zu einer Erzählung.



Diese Beobachter-Struktur wird aber durch einen einfachen, dafür effektiven Trick sabotiert: durch die Tonspur. Denn Mitnichten hören wir einen O-Ton der Straßenszenen. Es sind vielmehr Geräusche, Musiken und Ereignisse, die innerhalb der Gebäude stattfinden: ist die Kamera vor dem Kino hört man eine Filmaudiospur, ist auf dem Plakat ein Gangster mit Knarre, dann hört man einen Schuß, vor dem Cabaret hört man einen Witzeerzähler, vor der Bar Beatmusik von der Jukebox. Wenn dann tatsächlich eine Straßenszene zu hören ist, dann passt sie nicht zum gesehen Filmild: es ist also eine fremde, andere. Woher, das weiß man nicht. Doch dadurch erhält der Film enorme Spannung, die Aufmerksamkeit steigt, man nimmt auf verschiedenen Wahrnehmungsorganen zwar verschiedene, aber sich ergänzende Dinge wahr, wodurch sich die Wahrnehmungsebene insgesamt vervielfacht und sich die filmische Erfahrung aufsummiert zu einem großen, vielschichtigen und mehrdimensionalen Wahrnehmungskarussel - ganz dem Wagen, der immerzu im Kreis um den "Mittelpunkt der Welt" (den Brunnen) herumfährt.

Solange, bis die letzten Säufer und Huren nach Hause gehen...

Sonntag, 14. November 2010

Barnvagnen (Bo Widerberg, Schweden 1963)


Eine junge Fabrikarbeiterin verliert ihren Job, läßt sich mit einem Rock and Roll-Sänger ein, wird schwanger nach einer Nacht in seinem Wagen. Der Junge, ein Taugenichts. Die eigene Familie keine Hilfe: eine junge Frau allein. Da lernt sie den jungen Björn kennen, ein Sprößling reicher Leute, Sohn einer Galeristin. Er umschwärmt sie, scheint wirklich verliebt zu sein. Er zeigt ihr Literatur, klassische Musik und Kunst, neue Horizonte öffnen sich. Ob das lange gut gehen kann?

Bo Widerberg (1930-1997) war einer der jungen schwedischen Regisseure, die sich mit ihren Filmen gegen eine scheinbar übermächtige "Vätergeneration" wendeten - was im schwedischen Kino natürlich vor allem bedeutet: gegen Ingmar Bergman. Man will auf die Straße, die Schicksale der "kleinen Leute" stehen im Interesse, horizontales Kino also, gegen soziale Mißstände. Also auch politisch, natürlich. Gegen die Bourgeoisie.

Das erreicht der Film (Widerbergs erster Spielfilm) jenseits des Plots auch mit verschiedenen ästhetischen Mitteln, die sehr an die französische nouvelle vague erinnern. Es gibt Jump Cuts zuhauf, dyskontinuierliches Erzählen, Bild/Ton-Scheren, Close-ups, Jazzmusik, Stimmung vor Inhalt, Ästhetik vor Plotpoint. Dass sich daraus dennoch eine Geschichte herauszaubert ist die wunderbare Leistung dieses Films, etwas, das sich der Zuschauer zunächst selbst erarbeiten muß. Spröde also mutet der Film zunächst an, dann fortlaufend schlüssiger, runder, eleganter. Tolle Bilder, wahrlich, von Widerbergs Kameramann Jan Troell, den man heute vor allem als Regisseur kennt.

Am Ende steht die selbstbewußte alleinerziehende Frau, die die Männer in die Schranken weist. Und der Kinderwagen, den sie durch die Straßen der Stadt schiebt, ist ein Zeichen ihres Selbstbewußtseins. Da blitzt das Licht auf in ihrem Gesicht, von der Sonne reflektiert durch die Scheiben eines Gebäudes, in dem sich die Fenster scheinbar selbstständig gemacht haben. Aber es werden nur die jungen Männer sein, die ihr mit diesen zuwinken und ihr nachschauen auf ihrem Weg...

Donnerstag, 11. November 2010

Lumières sur un massacre : Ce n'est qu'un pas (Youssef Chahine, Ägypten 1997)


Eine Filmcrew fährt los Richtung Rotes Meer, euphorisch, laute Musik im Bus, die Leute tanzen. In der Wüste ein kleiner Zwischenstopp mit lustiger Einstellung: alle stehen abgewandt da und pinkeln, dann plötzlich ein Knall, eine Explosion, einer rennt zu dem, der am Boden liegt. Die Beine zerfetzt, der Bauch aufgerissen, weite Augen, lebend.

Der Kurzfilm (4 1/2 min) ist ein Beitrag Chahines zu einer Kurzfilmkampagne des französischen Fernsehens gegen den Einsatz von Landminen. Wenn man das vor der Sichtung nicht weiß, dann wird man wahrlich getollschockt von diesem kleinen Film. Zu meiner Schande muss ich gestehen mit dem Kino Chahines überhaupt nicht vertraut zu sein - mit einer Ausnahme: seinem Beitrag zum 9/11 Kurzfilmprojekt mit Amos Gitai, Shohei Imamura, Sean Penn, Danis Tanovic, Samira Makhmalbaf usw. Seine Biographie liest sich jedenfalls interessant, seine Filme, die laut FAZ arabische Traditionen mit modernen Sichtweisen kollidieren lassen sollen, ebenso.

Sonntag, 7. November 2010

Machete (Ethan Maniquis, Robert Rodriguez, USA 2010)


Nachdem Machetes Familie ausgelöscht wurde und er von den Auftraggebern eines Killerkommandos hinter's Licht geführt wurde, kehrt Machete zurück um sich an den Bösewichtern zu rächen. - Aua. Das ist ja mal ziemlich in die Hose gegangen. Die Story ist reinster Pulp und die uralte Migrationsproblematik lediglich Anlass dazu, sich von Action- zu Splatterszene zu hangeln. Natürlich, ein Exploitationfilm darf das, er darf so einiges. Die Frage ist, ob MACHETE überhaupt ein solcher ist, oder nur vorgibt, Exploitation zu sein

Da kann mit noch so viel CGI-Blut herumgespritzt, markige Sprüche rausgequetscht und grimmig gekuckt werden: man sieht dem Film sein Budget an. Denn an MACHETE ist alles hypertroph. Die Action, die Grimassen, die Gewalt, die Explosionen, Trejos Physiognomie, seine Libido. Und zugleich ist das alles erschreckend zahm. Da gibt es so gut wie keine Szene, die einen tatsächlich in die Magengrube hauen oder die verstören, die einen mit den Filmbildern herausfordern würde. Alles, was ich/man von echter Exploitation erwarten kann: da Spiel mit den Regeln, und das Brechen derselben. Aufwind im euphorischen Gefühl des Grenzübertritts: das gibt es hier nicht. Hier sitzt der taccomampfende Kinogänger in seinem wohlgefälligen Genrefilm, der allzu souverän seine Standardsituationen abhakt, und klopft dem Nachbarn auf die Schulter bei diesem oder jenem Zitat, bei dieser oder jener Gräueltat. Gut gemampft und gut gelacht, am Ende gibt's Applaus im Saale, man hat sich mäßig bis ordentlich amüsiert, ganz nach Gemüt. I seriously don't understand this.

Mittwoch, 3. November 2010

Schnappschüsse, Pt. 1

Da sich die gesehenen Filme anhäufen und mir momentan etwas die Zeit fehlt, richtige Einträge zu schreiben ("Schuld" daran ist das japanische Kino - ein längerer Text ist in der Mache, und außerdem findet ab heute der JAPANESE FILM BLOGATHON 2010 statt, an dem dem ich teilnehmen möchte), werde ich wie im Schneeland unter dieser Rubrik Kurzkommentare posten, manchmal auch launig, um das jüngst Gesehene kurz zu dokumentieren. Also:

COCKFIGHTER
(Monte Hellman) -- furioses kleines Meisterwerk nach einem Roman von Charles Willeford. Dreckige Bilder, zerrissene Leben, szenenhaftes, dyskontinuierliches Erzählen. Das Leben eines Drifters ohne Sonnenuntergang. Toll.

LOST AND DELIRIOUS (Léa Pool) -- hatte mir ihr MOMMY'S AT THE HAIRDRESSER'S letztes Jahr auf dem Verzaubert-Filmfestival noch sehr gut gefallen, so übel aufgestossen ist mir dieser frühere Film der Regisseurin. Völlig überstrapazierte Metaphern ruinieren eine Internats-/Coming-of-age-Tragödie, die das Potential zu einem viel besseren Film gehabt hätte. Ärgerlich.

ROTE SONNE (Rudolf Thome) -- für die einen dilettantisches Möchtegernkunstkino, für die anderen (wie mich) einer der Kickstarter für den modernen deutschen Film; geiles reduziertes Erzählen in den aufgelösten Strukturen einer Versuchsanordnung vor dem Hintergrund politischer Repressionen, von Krieg und dem revolutionären Befreiungsschlag aus diesen Zwängen (Kommune 1). Formal spannend vor dem Hintergrund der nouvelle vague, einhergehend mit einer inhaltlichen Befreiung des Films von einem zusammenhängenden (Zwangs-)Sinn. Tolles Ende.

JERICHOW (Christian Petzold) -- nüchterner Film ohne Sympathiefiguren in einem Deutschland, in dem die Beziehungen durch Abhängigkeiten geregelt werden. Strukturelles Motiv ist das Geld und die Absenz von "Liebe." Überzeugende Darsteller und teilweise offenes Ende. Guter Film.

Montag, 1. November 2010

Ein kurzer Film über die Liebe / Krótki film o milosci (Krzysztof Kieslowski, Polen 1988)


Der 19 Jahre alte Postangestellte Tomek (Olaf Lubaszenko) verbringt sein Leben in Einsamkeit und spioniert mit einem Fernrohr seiner attraktiven Nachbarin Magda (Grazyna Szapolowska) hinterher, einer Künstlerin in den Mitdreißigern, die keinen Mangel an Männernachschub hat. Auch scheut er nicht davor zurück, durch anonyme Telephonanrufe das Objekt der Begierde zu verunsichern, oder sogar ihre Post zu unterschlagen. Als sich die beiden schließlich kennenlernen, verläuft die Bekanntschaft anders, als erwartet...

Kieslowskis Film, eingebettet in seinen weltberühmten Dekalog, der eine moderne Adaptionen der 10 Gebote innerhalb einer strikten Versuchsanordnung formaler Beschränkungen darstellt, ist eine weitere stille, triste und zugleich wenig berührende Aktualisierung, die aber doch neben der Liebe und dem Begehren vor allem die Einsamkeit des Menschen zum Thema hat. In diesem Film sind alle Charaktere Verlorene: die Künstlerin, die sich nicht binden kann, der junge Mann, der keinen "normalen" Zugang zur Frauenwelt findet, die Mutter des Freundes (bei der er untergekommen ist), die auf die Rückkehr des in den Krieg gezogenen Sohnes wartet. Aus Tomeks Voyeurismus entsteht Sehnsucht und schließlich Zuneigung, bevor die Erzählung auf die Katastrophe zusteuert.

Die Bilder dieses Teils des Dekalogs fallen nicht ganz so niederschmetternd aus, wie etwa die von Dekalog 1; obwohl auch dieser Teil in besagtem Wohnblock Warschaus spielt, wie all die anderen Teile. Die Intensität des Films speist sich auch aus den vielen Nachtszenen, der reduzierten Beleuchtung und aus der räumlichen Begrenzung der Wohnungen. Interessant ist dabei ein Wechsel der Perspektive nach der Liebesoffenbarung Tomeks: zunächst sieht man den Film aus der Perspektive Tomeks, anschließend aus der Magdas (als sich Tomek zurückzieht). So bleibt die Kamera in ihrer Blickrichtung immer bei der aktiv liebenden Person, nicht beim Objekt der Liebe, dem/der Geliebten. Wie Tomek Magda durch das Fernglas beobachtete, so beobachtet nun Magda Tomek durch ein Opernglas. PEEPING TOM klingt da an, und natürlich auch REAR WINDOW. Spannenderweise erscheint der Voyeurismus im Film zwar als Bedrängung, aber nicht als der agressive Akt, für den man ihn zunächst hält. Schnell wird die Sehnsucht dahinter deutlich, dann der spielerische Charakter, mit der sich die Figuren annähern. Dass es dabei auch um Macht geht, ist unbestritten.

Beeindruckend gelingt es Kieslowski, die gefährlichen Klippen der Verklärung zu Umschiffen - da offenbart sich die Stärke seines dokumentarisch-nüchternen Stils und die starke Zurückhaltung in der Verwendung der Filmmusik. Ein sehr sehenswerter, komplexer Film.

Samstag, 30. Oktober 2010

In ihren Augen / El secreto de sus ojos (Juan José Campanella, Argentinien 2009)


Ich hatte mir schon gedacht, dass ein Film, der den Auslandsoscar in der Tasche hat, möglicherweise nicht so ganz mein Ding ist. Dass er mir allerdings so dermaßen wenig gefallen würde - damit hätte ich nicht gerechnet. Eine Chance bekam er auch wegen diesem ZEIT- Artikel, den ich zwar auch eher schlecht finde (weil er m.E. die falschen Aspekte zu (gefälligen) Hauptthemen hochstilisiert), was ich aber erst jetzt im Nachhinein so richtig erkennen kann.

Es geht um einen Mord an einer schönen jungen Frau, die Fassungslosigkeit der beiden Staatsanwälte angesichts dieses Verbrechens, sowie die unausgesprochene Liebe zwischen dem Protagonisten Esposito und der Richterin - Irene heißt sie glaube ich. Der Film ist irgendwie ein Thriller und ein Liebesmelodram zugleich, der sich zeitweise in seinem deplazierten Hardboiled-Sprachgestus gefällt, welcher aber nur vorgetäuscht wird um die Härte und Unerbittlichkeit der Anwälte auszustellen. Er ist, und das macht ihn auch so wahnsinnig langweilig: schrecklich ideenlos und konventionell erzählt. Hier gibt es nur Übergänge, Klimpermusik, Mosaikfußböden, edle Recken und korrupte Kader. Ein Grauen. Die Dialoge wirken oft sehr aufgesetzt, und wenn ein Zuschauer hinten links was verpasst haben könnte, dann wird auch mal kommentiert und zusammengefasst, was man gerade gemacht hat und eigentlich im Filmbild zu sehen war. Oder auf welchem Ermittlungsstand man sich gerade befindet.
Und zum Ende hin, da strandet man förmlich in diesem nicht enden wollenden Film erneut im Melodram. Liebe, Vergangenheit, die Biographie, bla bla bla. Zum Glück muss ich mir nach dem Kinobesuch den Film nicht mehr als DVD kaufen.

Freitag, 29. Oktober 2010

Moy laskovyy i nezhnyy zver / The Shooting Party / A Hunting Accident (Emil Loteanu, Sowjetunion 1978)


Nach einem tschechowschen Bühnenstück sehen wir hier der russischen Aristokratie beim dekadenten Zeitvertreib zu: eine Landpartie, ein Festmahl, eine Hochzeit steht an, ein Mann begehrt die Frau eines Anderen. Er bekommt sie auch, die hübsche Tochter des Untergebenen, doch nur für wenige emotionale Momente - die Frau ist zu klug um nicht zu wissen, dass er sie fallen lassen wird, wenn er sie besessen hat...


Ganz w u n d e r b a r photographierter Film, irgendwo zwischen magischem Tarkovskij (ZERKALO) und Bühnenstück. Es wird viel geredet in diesem Film; Gerede, das wenig zu bedeuten hat, und doch vermittelt sich genau dadurch ein guter Eindruck von diesem Mikrokosmos einer (untergegangenen) Epoche. Der Film punktet mit durch die Bank fantastischen Darstellern, die durchaus dezent ironisch ihre Figuren zu überhöhen wissen, ohne sie preiszugeben. Ein Film mit dem tollen Oleg Jankovskij.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Little Fish (Rowan Woods, Australien 2005)


Seit vier Jahren nun ist Tracy, die einen kleinen Videoladen in Sydney betreibt, bereits clean, da taucht plötzlich ihr vietnamesischer Ex wieder auf, ihr Bruder, ein kleiner Loser und Drogenschieber, plant einen großen Coup, der Ex ihrer Mutter, mit dem sie ein Verhältnis hat, ist auf Entzug, und sie selbst bekommt das Darlehen von der Bank nicht bewilligt. Die Vergangenheit, ja das hart, holt sie ein. Wie ein kleiner Fisch schwimmt Tracy, nicht nur bildlich im Schwimmbad, sondern auch metaphorisch zwischen den männlichen Haien umher, die sie auffressen wollen, sie schwimmt auch inmitten der Drogen, sich zusammenreißend um nicht rückfällig zu werden. Und Little Fishes sind auch die Drogen selbst; denn diese werden in den Sojasoßen-Plastikfischen verscherbelt an all die Junkies dieser Stadt. Man sieht: an Metaphorik mangelt es nicht in diesem australischen Charakterdrama, das so einige Preise eingeheimst hat mit tollen Leistungen von Cate Blanchett, Sam Neill und Hugo Weaving. Doch wirkt das auch alles sehr zerfahren, die vielen Subplots (den mit der Mutter habe ich noch gar nicht erwähnt, oder den mit dem Videoladencompagnon) sabotieren sich gegenseitig; Spannung will also nicht so recht aufkommen (was für ein lahmes Thrillerfinale!), und Atmosphäre leider auch nicht. Obwohl der Film ordentlich photographiert ist und trauriger Minimalismus von der Tonspur klimpert.

Allzusehr hat man das Gefühl, dass die Beteiligten Gutes im Sinn hatten und gerne Preise für die kleine Produktion einheimsen wollten. Drogenarthouse at it's best (der Vergleich mit REQUIEM FOR A DREAM, wie öfters zu lesen, ist viel zu weit hergeholt) - der Film ist leider ziemlich ziellos umgesetzt.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Valkoinen Peura / Das weiße Rentier (Erik Blomberg, Finnland 1952)


Eine frisch vermählte Dorfschönheit sucht den Rat eines Wahrsagers und Schamanen, um irgendetwas über ihre Zukunft herauszufinden (der Film hat keine Untertitel). Dabei wird sie verhext und verwandelt sich nach einer finnischen Legende - wie man liest - in ein weißes Rentier, das die Männer des Dorfes in die schneebedeckte Einöde lockt, nur um sie dort, zurückverwandelt in eine wunderschöne Vampirin, auszusaugen.
Selbst ohne Kenntnis des Finnischen bekommt man genug mit, um dem Film folgen zu können - zumal sowieso nicht allzuviel gesprochen wird. Zeitweise mutet VALKOINEN PEURA sogar wie ein Stummfilm an. Wirklich fantastisch sind die Landschaftsaufnahmen des unendlich scheinenden, verschneiten Lapplands, das zugleich menschenfeindlich und extrem anziehend wirkt. Ein echter Augenschmaus.