Samstag, 30. Oktober 2010

In ihren Augen / El secreto de sus ojos (Juan José Campanella, Argentinien 2009)


Ich hatte mir schon gedacht, dass ein Film, der den Auslandsoscar in der Tasche hat, möglicherweise nicht so ganz mein Ding ist. Dass er mir allerdings so dermaßen wenig gefallen würde - damit hätte ich nicht gerechnet. Eine Chance bekam er auch wegen diesem ZEIT- Artikel, den ich zwar auch eher schlecht finde (weil er m.E. die falschen Aspekte zu (gefälligen) Hauptthemen hochstilisiert), was ich aber erst jetzt im Nachhinein so richtig erkennen kann.

Es geht um einen Mord an einer schönen jungen Frau, die Fassungslosigkeit der beiden Staatsanwälte angesichts dieses Verbrechens, sowie die unausgesprochene Liebe zwischen dem Protagonisten Esposito und der Richterin - Irene heißt sie glaube ich. Der Film ist irgendwie ein Thriller und ein Liebesmelodram zugleich, der sich zeitweise in seinem deplazierten Hardboiled-Sprachgestus gefällt, welcher aber nur vorgetäuscht wird um die Härte und Unerbittlichkeit der Anwälte auszustellen. Er ist, und das macht ihn auch so wahnsinnig langweilig: schrecklich ideenlos und konventionell erzählt. Hier gibt es nur Übergänge, Klimpermusik, Mosaikfußböden, edle Recken und korrupte Kader. Ein Grauen. Die Dialoge wirken oft sehr aufgesetzt, und wenn ein Zuschauer hinten links was verpasst haben könnte, dann wird auch mal kommentiert und zusammengefasst, was man gerade gemacht hat und eigentlich im Filmbild zu sehen war. Oder auf welchem Ermittlungsstand man sich gerade befindet.
Und zum Ende hin, da strandet man förmlich in diesem nicht enden wollenden Film erneut im Melodram. Liebe, Vergangenheit, die Biographie, bla bla bla. Zum Glück muss ich mir nach dem Kinobesuch den Film nicht mehr als DVD kaufen.

Freitag, 29. Oktober 2010

Moy laskovyy i nezhnyy zver / The Shooting Party / A Hunting Accident (Emil Loteanu, Sowjetunion 1978)


Nach einem tschechowschen Bühnenstück sehen wir hier der russischen Aristokratie beim dekadenten Zeitvertreib zu: eine Landpartie, ein Festmahl, eine Hochzeit steht an, ein Mann begehrt die Frau eines Anderen. Er bekommt sie auch, die hübsche Tochter des Untergebenen, doch nur für wenige emotionale Momente - die Frau ist zu klug um nicht zu wissen, dass er sie fallen lassen wird, wenn er sie besessen hat...


Ganz w u n d e r b a r photographierter Film, irgendwo zwischen magischem Tarkovskij (ZERKALO) und Bühnenstück. Es wird viel geredet in diesem Film; Gerede, das wenig zu bedeuten hat, und doch vermittelt sich genau dadurch ein guter Eindruck von diesem Mikrokosmos einer (untergegangenen) Epoche. Der Film punktet mit durch die Bank fantastischen Darstellern, die durchaus dezent ironisch ihre Figuren zu überhöhen wissen, ohne sie preiszugeben. Ein Film mit dem tollen Oleg Jankovskij.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Little Fish (Rowan Woods, Australien 2005)


Seit vier Jahren nun ist Tracy, die einen kleinen Videoladen in Sydney betreibt, bereits clean, da taucht plötzlich ihr vietnamesischer Ex wieder auf, ihr Bruder, ein kleiner Loser und Drogenschieber, plant einen großen Coup, der Ex ihrer Mutter, mit dem sie ein Verhältnis hat, ist auf Entzug, und sie selbst bekommt das Darlehen von der Bank nicht bewilligt. Die Vergangenheit, ja das hart, holt sie ein. Wie ein kleiner Fisch schwimmt Tracy, nicht nur bildlich im Schwimmbad, sondern auch metaphorisch zwischen den männlichen Haien umher, die sie auffressen wollen, sie schwimmt auch inmitten der Drogen, sich zusammenreißend um nicht rückfällig zu werden. Und Little Fishes sind auch die Drogen selbst; denn diese werden in den Sojasoßen-Plastikfischen verscherbelt an all die Junkies dieser Stadt. Man sieht: an Metaphorik mangelt es nicht in diesem australischen Charakterdrama, das so einige Preise eingeheimst hat mit tollen Leistungen von Cate Blanchett, Sam Neill und Hugo Weaving. Doch wirkt das auch alles sehr zerfahren, die vielen Subplots (den mit der Mutter habe ich noch gar nicht erwähnt, oder den mit dem Videoladencompagnon) sabotieren sich gegenseitig; Spannung will also nicht so recht aufkommen (was für ein lahmes Thrillerfinale!), und Atmosphäre leider auch nicht. Obwohl der Film ordentlich photographiert ist und trauriger Minimalismus von der Tonspur klimpert.

Allzusehr hat man das Gefühl, dass die Beteiligten Gutes im Sinn hatten und gerne Preise für die kleine Produktion einheimsen wollten. Drogenarthouse at it's best (der Vergleich mit REQUIEM FOR A DREAM, wie öfters zu lesen, ist viel zu weit hergeholt) - der Film ist leider ziemlich ziellos umgesetzt.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Valkoinen Peura / Das weiße Rentier (Erik Blomberg, Finnland 1952)


Eine frisch vermählte Dorfschönheit sucht den Rat eines Wahrsagers und Schamanen, um irgendetwas über ihre Zukunft herauszufinden (der Film hat keine Untertitel). Dabei wird sie verhext und verwandelt sich nach einer finnischen Legende - wie man liest - in ein weißes Rentier, das die Männer des Dorfes in die schneebedeckte Einöde lockt, nur um sie dort, zurückverwandelt in eine wunderschöne Vampirin, auszusaugen.
Selbst ohne Kenntnis des Finnischen bekommt man genug mit, um dem Film folgen zu können - zumal sowieso nicht allzuviel gesprochen wird. Zeitweise mutet VALKOINEN PEURA sogar wie ein Stummfilm an. Wirklich fantastisch sind die Landschaftsaufnahmen des unendlich scheinenden, verschneiten Lapplands, das zugleich menschenfeindlich und extrem anziehend wirkt. Ein echter Augenschmaus.

Der Busenfreund (Ulrich Seidl, Österreich 1997)

Herr Rupnik ist Busenfetischist, Senta Berger-Verehrer und Mathematiklehrer. Mit seinen Ansichten über das weibliche Geschlecht hält er auch im Unterricht nicht hinter den Berg (Kurvendiskussion), was ihm schnell leere Stuhlreihen einbringt. Im zweiten Teil des einstündigen Fernsehfilms liegt der Fokus mehr auf dem Privaten, dem Messie Rupnik, der Altpapier sammelt um so seine uralte, aber intelligente Mutter aus der Wohnung "zu verdrängen" (die ihn immer wieder mit der Realität konfrontiert). Der mittlerweile in einer Parallelwelt lebende Rupnik begreift seinen eigenen asozialen Status nicht, und der Zuschauer darf ihm bei seinen Alltäglichkeiten zusehen, lachen, sich wundern, gruseln, entsetzt sein. Die Frage nach der Moral, ob man so etwas dürfe: nun ja, warum sollte man die Realität (hier bearbeitet, kondensiert, sicherlich auch: abgemildert) nicht abbilden dürfen. Hält man so etwas nicht aus?