Freitag, 30. Dezember 2011

The Last Drop of Water (D.W. Griffith, USA 1911)


Früher Stummfilm-Western, der eine unglückliche Liebesgeschichte (sie sucht sich den Säufer, das Rauhbein aus - nicht den, der sie liebt) mit dem (Siedlungs-)Treck nach Westen verbindet. Frauennahme, Landnahme.



Jim, der Held, ist freilich auch mit dabei und bewahrt die Angebetete vor den Zudringlichkeiten des Wüstlings. Hier hält er ihn davon ab, sie zu verdreschen. Jedoch greifen bald die Indianer an - und da hat Griffith optisch schon einiges an Rasanz zu bieten; vor allem was die Actionszenen während des Überfalls betrifft, die Vielzahl der Darsteller und Komparsen betreffend.


Jim wird ausgesandt, um die Kavallerie zu alarmieren. Jedoch: in der belagerten Wagenburg geht alsbald das Wasser aus, sodass der Anti-Held fortgeschickt wird, Wasser zu finden. Freilich auch für ihn eine riskante Angelegenheit, die Rothäute machen kurzen Prozess.


Jim ist kurz darauf am Verdursten, da rettet ihn der Bösewicht mit einem Last Drop of Water aus seiner Flasche. Jim findet darauf ein Wasserloch und rettet somit den Treck. Den Toten begraben sie, der für sie alle gestorben ist, und Jim wird der neue Begleiter der Angebeteten. Die Reise kann weitergehen, die Moral hat den Tapferen das Leben gerettet. "Bei Griffith ist wichtig, wer und wie er durchkommt..." (Georg Seeßlen)

Viel Stoff für 13 Minuten Film! Doch immer wieder wird deutlich, wie wenig Gesten und standardisierte Abläufe lediglich angedeutet und aufgerufen werden müssen, um Handlungsabkürzungen nehmen, oder Handlungsverläufe auch ganz weglassen zu können. Wir wissen ja, was gesagt werden soll und wer wie handelt. Am Ende gibt es also ein Happy End, zumindest ein temporäres. Solange man auf dem rechten Weg bleibt.

Freitag, 23. Dezember 2011

Vigilante / Streetfighters (William Lustig, USA 1982)


Als die Frau des an Recht und Ordnung glaubenden Fabrikarbeiters Eddie Marino (Robert Forster) mit viel Zivilcourage einer Bande Wüstlinge entgegentritt, hat die Sache ein Nachspiel: bald kommt es zu einer Home Invasion, bei der einer der Übeltäter, ein Schwarzer mit Pumpgun, die Gattin angreift und den Sohn ermordet. Als der Verbrecher bei der anschließenden Gerichtsverhandlung aber von dem korrupten Richter unter Bewährung frei gesprochen wird, dreht Eddie durch und attackiert denselben. Dafür wandert er in den Knast. In der Zwischenzeit formieren seine ehemaligen Kollegen unter ihrem Anführer Nick (Fred Williamson) eine bewaffnete "Bürgerwehr", die ihren Neighbourhood vom "Gesindel" mit Waffengewalt befreien will. Als Eddie aus dem Knast kommt gibt es nur noch eines für ihn: Rache.


William MANIAC / MANIAC COP Lustig brilliert hier mit einem knallharten Selbstjustizstreifen, der trotz seines nicht gerade originellen Plots nicht nur äußerst unterhaltsam und spannend ist, sondern auch exzellente Bilder vorzuweisen hat. Besonders auffällig ist auch die Regie in den Actionszenen, die oftmals die Woo'schen oder Peckinpahschen Zeitlupenästhetik bemüht, um an Intensivität zu gewinnen. Bemerkenswert ist hier eine grimmige Konsequenz, die vor keinen moralischen Schranken halt macht. Seien es die Blutfontänen, die sich aus den angeschossenen Körperteilen blutrot ergießen, oder die Tatsache, dass hier mehrfach Frauen misshandelt und wie bereits erwähnt, ein Kind aus purer Lust am Töten ermordet wird. Und das vor einem geblümten Duschvorhang mit einem Gewehr, das in seiner Durchschlagskraft sogar noch das Fenster (Perspektive der Mutter draußen) zerbersten lässt.



Überhaupt überzeugt der ständig wie zur Explosion neigende Film mit den tollen Stadtansichten New Yorks, insbesondere des heruntergekommenen Stadtteil Queens. Dazu ein pumpender 80er- Jahre-Soundtrack, coole Autos, die in bester BULLITT-Manier zur Verfolgungsjagd einladen, und eine Trostlosigkeit, die keine Aussicht auf Besserung bietet. Hier hat sich in den menschenleeren Straßen, die den Straßenbanden überlassen wurden, ein feiger Egoismus etabliert. Die Polizei weiß sich nicht zu helfen, die Gewalt regiert. Die einzige wirklich positive Figur des Films, eine engagierte Staatsanwältin, ist völlig desillusioniert und hat keine Cahnce, gegen das korrupte System anzukommen. So endet der Film mit einer Explosion der Gewalt, nach vollzogener Rache. Und nun? Wird so eine bessere Welt geschaffen? Nein. Über allem, der Nihilismus.

Freitag, 16. Dezember 2011

Mountain of the Cannibal God / Die weiße Göttin der Kannibalen (Sergio Martino, Italien 1978)


Martino hat in seiner filmischen Karriere alles vorzuweisen, mit was man Geld verdienen kann: Western, Gialli, Kannibalenfilme. Und wie so oft, sind seine Filme denen seiner Kollegen voraus. Auch MOUNTAIN OF THE CANNIBAL GOD überzeugt zunächst durch sein interessantes Drehbuch, seinen durchweg spannenden Plot.
Das ehemalige Bondgirl Ursula Andress reist als Susan Stevenson mitsamt ihrem Bruder nach Neu Guinea, um dem Verbleib ihres verschollen gegangenen Mannes nachzuspüren. Zu Hilfe kommt der Dschungelspezialist Foster (Stacy Keach) und später noch ein gewisser Manolo (Claudio Cassinelli), dem Susan schöne Augen macht, und der dem westlichen Lebensstil entsagt hat. Ein Abenteurer, den nichts schreckt, und der moralisch gefestigt ist. Auf ihrem Weg durch den Dschungel Neu Guineas jedoch machen sie recht bald Bekanntschaft mit dem Tod: eine gefährliche Spinne, Schlangen, und Alligatoren verspeisen sich gegenseitig oder beißen Paddlern die Arme ab. Jedoch: dies ist alles bitterer ernst, grausam gezeigt, und mit der Kamera en détail abgebildet.


Erst nach 2/3 des Films gelangt die Truppe, nun bereits dezimiert, zum besagten Berg, und es enthüllt sich, dass das Geschwisterpaar doch ganz andere Absichten hat, als den Vermissten zu finden. Es geht um Bodenschätze, genauer: Uran. Doch hier werden sie recht bald von den Puka gefangengenommen, einem Kannibalenstamm, der grausamen Riten folgt, und mit äußersten Brutalitäten seine Gesellschaft organisiert. Klar ist, hier kommt keiner mehr raus.


MOUNTAIN ist zunächst ein veritabler Abenteuerfilm, der spannend ist und interessante Figuren zu bieten hat. Sowie des öfteren tolle Naturkulissen (den Dschungel freilich, den Fluss, die Stromschnellen, die Landschaft, den Wasserfall). Allein die Kamera ist manchmal etwas uninspiriert - und die erwähnten Tiersnuff - Szenen haben dem Film als "Video Nastie" zu zweifelhaftem Ruhm verholfen. Dass Martino diese Grausamkeiten sogar noch forciert hat, ist dabei das i-Tüpfelchen auf der ganzen, seit Jahren immer wieder hochkochenden Diskussion.

Nun, eine bigotte Gesellschaft wie die unsere braucht sich nicht wundern, wenn Grenzen überschritten werden. Was immer gut und notwendig ist - das Skandalpotenzial dieser ekligen (und echten) Szenen ist sicherlich oftmals aus den falschen Gründen herbeigeredet worden, genauso sicher aber nicht immer nur aus diesen. Gewalt, Tod, Pornographie, Schlachtungen sind nun beileibe keine Seltenheit in heutiger künstlerischer Praxis. In MOUNTAIN allerdings geht es um die Sensation, die Ausstellung derselben, das Delektieren am "Schrecklichen" (also vor allem am "Fremden" und "Anderen"), nicht um Aufrüttlung. Um einen kleinen Jokus mir zu erlauben: das ist keineswegs "affig" (sagt die Python). In unserer Gesellschaft allerdings regiert der Zynismus (spätestens an der Fleischertheke im Supermarkt). Genauso dürfte man sich also über die Masturbationsszene erregt haben, oder die Schweine-Fick-Szene, den geöffneten Schädel oder den abgeschnittenen Penis, obwohl das völlig andere Darstellungshorizonte sind, die eigenständig betrachtet werden müssten. Szenen allerdings, die nicht weniger echt aussehen, als die realen. MOUNTAIN OF THE CANNIBAL GOD ist ein Exploitationfilm. Das sollte man nicht vergessen. Hier wollte auch jemand Geld verdienen. Ein Film, den ich (mit Einschränkungen) sehr gut finde.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Jungfrau unter Kannibalen / Sexo Caníbal (Jess Franco, Spanien/D/Fr 1980)


Die Schauspielerin Laura Crawford (Ursula Buchfellner) wird das Opfer einer Entführung: ihre eigene Managerin ist nämlich die Urheberin, um vom Produzenten des Films, in dem die Crawford reüssieren soll, eine größere Geldsumme zu erpressen. Mit Hilfe einiger Ganoven (einer hat einen Schlapphut) wird die Blondine auf eine tropische Insel verfrachtet, nur um dann festzustellen, dass man sich ausgerechnet eine solche ausgesucht hat, auf der ein Eingeborenenstamm einem Kannibalengott gut aussehende Frauen opfert. Dieser erscheint immer wieder für kurze Momente am Dschungelhorizont, rollt mit seinen blutunterlaufenden Basedow-Augen und schwingt seinen mächtigen Penis, wenn wieder eine Dame an einen Baum gekettet wird. Zur Rettung Lauras allerdings kommen ein Hubschrauberpilot angeflogen, sowie eine Pornokante mit blondem Schäuzer (Vietnamveteran Peter Weston (Al Cliver)). Es gibt dann Action.


Ich hätte ja gerne einen erlesenen und außergewöhnlichen Filmgeschmack, aber hier muss ich mich dann doch der Masse beugen. SEXO CANIBAL gehört zum Schlechtesten, was ich bisher in meinem nicht mehr ganz jungen Leben sehen durfte. Obwohl der Plot alle Möglichkeiten für einen reisserischen Exploitation- und Abenteuerfilm böte, ist er so dermaßen uninspiriert heruntergekurbelt und vor allem: zusammenmontiert worden, dass man den Glauben verliert. Auch die schon hilflos zu nennende Kamerarbeit, die sich in ihrem Stumpfsinn vor allem in ihrem prinzipiell voyeuristischen Blick und bei den Sexszenen offenbart, ist der eigentliche Skandal. Jede Form der Bildgestaltung geht diesem Machwerk ab.

Besonders eindrucksvoll ist die Montage der parallelen Erzählstränge zu Beginn: hier wird einfach minutenlang zwischen Dschungel und Croisette hin und hergeschnitten, obwohl in beiden Sequenzen eigentlich überhaupt nichts passiert. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen. Würde der Film seinen überschäumenden Plot in 60 Minuten zu bändigen wissen, wäre das alles vielleicht auch noch halbwegs zu verzeihen - bei einer Laufzeit von 100 min ist aber selbst der gutwilligste Gutfindenwoller an seine Grenzen geführt. Was ja durchaus auch eine gewisse Rekordleistung darstellt.

Samstag, 10. Dezember 2011

Ausgestoßen / Odd Man Out (Carol Reed, Großbritannien 1947)


Ein mit tollen Bildern randvoller Film ist dieses Noirgewächs von Carol DER DRITTE MANN Reed, der im Belfast der Nachkriegsjahre spielt: es gibt zuhauf hartkontrastiges Schwarzweiß, Verfolgungen im Gegenlicht durch die engen Gassen bei Nacht, Großaufnahmen auf die Gesichter der Verlorenen, Halunken und Gauner. Und eine Liebesgeschichte im Schnee. Meine Filmkritik hier in der Filmgazette.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Mondo Cannibale / Il Paese del sesso Selvaggio / Deep River Savages (Umberto Lenzi, Italien 1972)


Der blonde Photograph Lee Bradley macht sich flußaufwärts auf, immer Richtung Herz der Finsternis, tief in den thailändisch-burmesischen Urwald hinein. Dort am Fluss entlang findet er die gesuchten exotischen Landschaftsmotive, doch die Expedition gerät immer gefährlicher, je weiter man sich von der "Zivilisation" entfernt. Schon bald wird sein Führer getötet und er selbst wird von einem Stamm Wilder gefangengenommen. Darauf folgende Fluchtversuche werden nicht gerade gern gesehen. Erst der Einfluß Marias, der Tochter des Stammesfürsten, und eine wagemutige Luftröhrenoperation an einem einheimischen verunglückten Jungen lassen ihn in der Gunst des Eingeborenenstamms steigen. So also entdeckt Bradley die Wonnen des urwüchsigen Lebens, fernab jeder zivilisatorischen Ersatzbefriedigung. Hier hüpft man noch nackt in den Fluß und vögelt auf der Wiese, während einem die Sonne auf den Pelz brennt. Dazu läuft dann Softpornomucke.

Daß aber hinter all dem Scherz bitterer Ernst steckt, dürfte klar sein; hinter dem Mythos der Ursrünglichkeit droht das Unzivilisierte mit seinen archaischen Gesetzen. Der exotistische Eskapismus, bei dem das erotische Moment stets direkt bis in die Hose dringt - da man sich endlich den prüden puritanischen Fesseln des Christentums entledigen kann - ist ein gewaltiger Motor der Befreiung; auch für den Filmemacher, der wunderbar breitbeing im Sumpf des Exploitationkinos steht. Hier werden also en détail Tiere geschlachtet und Menschen gefoltert. Und der Kannibalenstamm von noch weiter weg (demnach noch ursprünglicher, wilder und aus den Bergen kommend) überfällt denn auch auf grausame Weise das Dorf, vergewaltigt und verspeist darauf das Opfer (sogar ohne es vorher zu braten!). An herben Szenen mangelt es nicht.

Eine ganz besonders interessante Perspektive ist auf die Frauenfiguren im Film zu werfen: zentral wären hier die o.g. Maria, die sich in den Fremden aus der Stadt, aus dem anderen Land, verliebt; sowie die Greisin, welche sich später bei einer heimlichen Hilfsaktion als verschleppte Amerikanerin ausgibt, die als Kleinkind im Dschungel ausgesetzt wurde. Während Maria die Verlockungen der Exotik verkörpert und auch mit zunehmender Spielfilmlänge immer öfter barbusig und dann gänzlich nackt gezeigt wird (wie auch Lee, dessen Gemächt allerdings nie zu sehen ist), wirkt ihre Autorität immerhin soweit, dass Lee nicht getötet wird, trotz seiner anfänglichen Fluchtversuche. Die Greisin allerdings ist eine Figur wie in einem US-amerikanischen Western, einer assimilierten Indianerin gleich, die nie ganz zur Indianerin wird, und immer ihrem in Bedrängnis geratenen Landsmann helfen wird. Ob sie dies auch bis zur Hinnahme eines eigenen Nachteils tun würde (wie häufig in der verbrämenden Darstellung eines klassischen Western), wird im Film nicht ausgeführt. Lee entscheidet sich für die Heirat mit Maria und kehrt der westlichen Welt den Rücken. Als Vater eines Sohnes mit einer Eingeborenen ist ihre Sache, nun nach dem Überfall durch die Kannibalen, auch seine eigene. Der Blick zum Hubschrauber durch das Blattwerk aus dem Versteck heraus ist eine überraschende und wunderbare letzte Einstellung dieses Filmes, die in ihrer Konsequenz bemerkenswert ist. Und eine Drehbuchentscheidung, die aus MONDO CANNIBALE einen herausragenden Film macht.

Sonntag, 27. November 2011

Jeder stirbt für sich allein (Alfred Vohrer, Deutschland 1976)


Die DVD-Veröffentlichung des Filmes (nach einem berühmten Roman des alkoholsüchtigen Morphinisten Hans Fallada), die im Oktober herausgekommen ist, habe ich hier bei HARD SENSATIONS besprochen. Es ist leider ein mir bisweilen kaum erträglicher Film gewesen. Was vor allem an der Plattheit der Inszenierung lag und der "Darstellungskunst" Hildegard Knefs.

Freitag, 25. November 2011

Der Mann mit der Narbe / Hollow Triumph (Steve Sekely, USA 1948)


Für Hard Sensations habe ich eine Filmkritik zu diesem Film Noir - Thriller verfasst, die ihr hier nachlesen könnt: [click]. Der Film erscheint heute in der Film Noir - Collection von Koch Media mit der Seriennummer 8.

Mittwoch, 23. November 2011

22. Mai / 22 Mei (Koen Mortier, Belgien 2010)


Sam ist Wachmann in einem Shoppingcenter. Ein normaler Tag, alles geht seinen gewohnten Gang. Plötzlich explodiert eine Bombe und verwandelt seinen Arbeitsplatz in eine Hölle voller Trümmer, Staub, Geröll, Feuer und Geschrei. Verzweifelt versucht er Leben zu retten, aber von Angst und Panik überwältigt, rennt er davon, bis er vor Erschöpfung hinfällt. Als er die Stimme einer Frau hört, hebt er den Kopf. Sie will wissen was passiert ist. Was folgt, ist ein verstörendes, surreales Echo des Terroranschlags.– wieder und wieder muss Sam ihn durchleben, aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Geister der Verstorbenen scheinen ihn heimzusuchen. Was ist real, und was bildet sich der von Schuldgefühlen Geplagte ein?


Für die sehr schön aufgemachte Veröffentlichung von 22 MEI bei Donaufilm habe ich einen Text beigesteuert, den ihr jetzt im Booklet finden könnt. Den Film gibt es in mehreren Ausführungen zu kaufen, z.B. in der 3 Disc- Collector´s Edition mit DVD + Blu-ray + Soundtrack CD und 24 Seiten Booklet im Digipack mit Schuber.


Atmosphärisch dicht, wunderbar gefilmt..ein düsteres Glanzstück des Independent-Films. (Oldenburg Filmfestival)

Dienstag, 22. November 2011

Veranstaltungshinweis Live-Audiokommentar! Yeah!


Diesen Samstag, den 26.11. ist es wieder so weit: Es wird in der Raststätte ein Überraschungsfilm live kommentiert. Gast ist diesmal Carsten Blastoff (Three Kings Records, Teenage Astro Dictators) und das Motto ist keinerlei Finte, es kommt tatsächlich ein Strand im Film vor. Und Autos. Und Mädchen. Und Monster. Fängt wie immer um 21 Uhr an und kost nix.

Sonntag, 20. November 2011

L'Orribile segreto del Dr. Hichcock / Raptus / The Terror of Dr. Hichcock (Riccardo Freda, Italien 1962)


Der erfolgreiche Londoner Arzt Dr. Bernard Hichcock (Robert Flemyng) hat ein verteufelt gutes Anästhetikum entwickelt, das eine rapide Verlangsamung des Herzschlags bewirkt. Bei chirurgischen Eingriffen kann er so noch erfolgreicher operieren. Als aber eines Nachts das Mittel zweckentfremdet beim Liebesspiel mit seiner Gattin deren Tod hervorruft, ist der Schock so groß - und das Risiko zu hoch - das Gebräu weiter zu verwenden. Er verlässt das Land und kehrt erst 12 Jahre später wieder zurück in die alte Klinik, auf sein Anwesen. Nun allerdings hat er die hübsche Italienerin Cynthia geehelicht (Barbara Steele), die von alldem nichts ahnt. Doch geisterhafte Erscheinungen und eine gruslige Haushälterin, sowie eine Geisteskranke, die irgendwo im Schloss untergebrachtg ist, rauben ihr den Schlaf...





Der Film Fredas atmet den barocken Gothic Horror zu jeder Sekunde. Doch wäre das schwer verkürzt: eigentlich wird hier alles zusammengematscht, was sich im cineastischen Giftschrank finden lässt: Viktorianismus, Hammer-Studio-Ästhetik, Mad Scientist, Jane Eyre, und vor allem das große Geheimnis, das den Film zum Opfer der Zensur machte: Nekrophilie. Denn freilich ist jenes ominöse Liebesspiel, das der Herr Doktor bevorzugt, eines mit Leichen - und das seine erste Frau Margareth mit großer Leidenschaft unterstützte. Entsprechend groß ist Bernards emotionales Dilemma. Und kein Wunder muss die arme Cynthia immer alleine schlafen in ihrem riesigen Bette (Mannomann!), während sich der Gatte im Kühlhaus vergnügt.




Eine ganze zeitlang bleibt natürlich offen, was auf dem Schloss eigentlich tatsächlich passiert. Und die Verunsicherung Cynthias wird nicht gerade dadurch weniger, dass ihr autoritäre Männer bevormundend eine angeknackste Psyche unterstellen. Freda verbeugt sich in diesem Meilenstein des italian gothic horror in vielen Zitaten und Anspielungen mehrfach vor dem Werk Alfred Hitchcocks, was die Namensgebung des Protagonisten bereits offensichtlich macht. Der Film ist ein atmosphärisches Bravourstück und ein Alptraum zugleich, er ist vorzüglich photographiert und entlässt den delirierenden Zuschauer bis zum Schluss nicht aus seinen Ungewissheiten. Auch weil nicht alle Handlungsfäden zuende erzählt werden und der Film einiges offen lässt, wirkt er lange nach. Ein hypnotisierendes Ereignis!

Montag, 14. November 2011

Unter Dir die Stadt (Christoph Hochhäusler, Deutschland / Frankreich 2009)


"...mit einem Blick der Protagonistin von oben durch ein Fenster hinab auf die Straße. Doch dort rennen urplötzlich die Menschen wie in Panik durcheinander. Es bleibt offen, ob das nun der große Börsencrash ist oder eine Zombie-Apokalypse. Diejenigen jedoch, die immer oben alleine am Fenster stehen, die müssen gewaltig einsam sein."

Zum aktuellen DVD-Release ein Text von mir in der Filmgazette: *click*.

Freitag, 11. November 2011

Love Life - Liebe trifft Leben (Reinout Oerlemans, Niederlande 2009)


Ein Paar findet sich, heiratet, baut ein Haus, bekommt Kinder. So weit, so gewöhnlich. Doch Stijn, aus dessen Perspektive der Film erzählt wird, geht manisch fremd. Irgendwann akzeptiert Carmen (Carice van Houten) das: "Manche bohren in der Nase, manche gehen eben fremd!" - so der Off-Kommentar. So weit, so dämlich. Nun aber kommt das eigentliche Drama in den Film: Carmen erhält eine Brustkrebsdiagnose. Arztbesuche, Chemotherapie, Amputation. Der Krebs ist weit fortgeschritten, Carmen gibt sich kämpferisch stark, Stijn vögelt sich die Welt schön. Er kann nicht mehr anders, es ist seine Betäubung ("Bei Rose bekam ich genau das, was ich jetzt brauchte - sie wurde zu meiner Ersatzkönigin!" - mit markigen Worten gesprochen). Der Film leistet sich dann Gegenschnitte aus der Bestrahlungsröhre in die Edeldisco, wo Stijn einer Blondine an den Popo fasst. Und so weiter und immer schrecklicher. Oder von der amputierten Brust auf die der Blondine, die Stijn gerade exstatisch knetet. Oder vom Catwalk in der Disco auf den Flur in der Klinik. Und tatsächlich ist dieser Hochglanz-Möchtegern-Blockbuster ein schrecklicher Film - aber nicht wegen des Themas, sondern weil er ganz unerträglich inszeniert ist. Er entblödet sich zum Beispiel auch nicht, ein harmonisches Stelldichein in einem Kornfeld zu inszenieren, wo am Firmament die Sonne untergeht. Oder dem Helden, der übrigens völlig unsympathisch ist, eine Fliegerbrille mit Goldrand aufzusetzen, unter der hervor er wie Boris Becker in unseren schlimmsten Alpträumen lacht. Schade, dass dieser Film, der gegen Ende immer hemmungsloser sein Herz-Schmerz-Potential ausnutzt, mit diesem Thema so fahrlässig umgeht. Und das ist vermutlich der eigentliche Skandal an LOVE LIFE: wie hemmungslos der Film sein Sujet auszuschlachten bereit ist. Da kann leider auch die respektable schauspielerische Leistung von Carice van Houten nichts mehr retten. Ärgerlich.

Donnerstag, 10. November 2011

La Polizia chiede aiuto / Der Tod trägt schwarzes Leder (Massimo Dallamano, Italien 1974)


Als ein 15jähriges Mädchen auf einem Dachboden mit einer Schlinge um den Hals nackt vom Balken baumelt, da ruft das die Kommissare Valentini (Mario Adorf) und seinen Kollegen Silvestri (Claudio Cassinelli) von der Mordkommission auf den Plan. Skandalöserweise stellt sich sogar heraus, dass das Mädchen nicht nur exzessiven Geschlechtsverkehr hatte, sondern bereits seit zwei Monaten schwanger war. Dies führt die Kommissare auf die Spur eines Teenagerprostituiertenrings, den sie mit Hilfe der engagierten Staatsanwältin Vittoria Stori (Giovanna Ralli) hochzunehmen hoffen. Doch bald schon bekommen sie es mit einem in Leder gekleideten Killer zu tun, der mit einem ordentlichen Metzgermesser die Leute abschlachtet. Und eines abends lauert er der Staatsanwältin in der Tiefgarage auf...

Das hört sich zunächst nach einer äußerst launigen Mixtur aus Giallo, Thriller, Polizeifilm und vor allem: sleaziger Exploitation an, doch Dallamano macht stilistisch von Anfang an klar, worum es ihm geht: an einem sich an "Tatsachen" orientierenden, realistischen Spielfilmthriller. Dazu nutzt er eine Einführung durch eine Voice-Over-Stimme, die auf die "schreckichen Ereignisse", welche der Film darstellen wird, verweist:

 "Tagtäglich ereignen sich überall schreckliche Dinge, für die es anscheinend keine Erklärung gibt. Geht man ihnen allerdings gewissenhaft auf den Grund, so kommen oft Ursachen ans Licht und Zusammenhänge, die jedermann Anlass zu größter Sorge geben müssen."

 So verwundert es auch nicht, dass der Film durchweg einen sehr ernsten Ton anschlägt, seine Bilder des blutigen Gemetzels etwa tatsächlich auf den Magen schlagen. Und die Szene, in der Valntini erfährt, dass auch seine Tochter in die Sache verwickelt ist, ist ein wilder Aufschrei der Verzweiflung, in der Adorf alle Register seines Könnens zieht und tatsächlich zusammenzubrechen scheint.


Gleichwohl finden sich einige Kleinigkeiten, über die sich schmunzeln lassen: etwa das stets gut sichtbar hochgehaltene Metzgerbeil des Killers, oder die Kofferraumszene, in der Silvestri die nächste Leiche entdeckt. Doch dies sind kurze Momente, eingefärbt auch durch die Jahrzehnte vergangener Filmgeschichte. Man hat es hier mit einem ernsten Film zu tun, rasanten Verfolgungsjagden und blutigen Bildern. Auch die öfters angedeutete Annäherung zwischen Silvestri und Stori findet keine Erfüllung - in diesem Film ist für einen Liebes-Subplot kein Platz.

Mit DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER ist Massimo Dallamano ein ultraspannender Polizei-Thriller gelungen, der dem Filmfan - auch Dank der mitreissenden Musik Stelvio Ciprianis - unvergesslich bleiben wird. Hier kann man sich La polizia sta a guardare anhören.

Michael Schleeh

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Sonntag, 6. November 2011

I Am You - Mörderische Sehnsucht / In Her Skin (Simone North, Australien 2009)


Das Verschwinden der Rachel Barber zählt zu den Aufsehen erregendsten Mordfällen in der jüngeren Geschichte Australiens. Simone Norths Debut kann jedoch nicht vollständig überzeugen, da der Film immer wieder emotional völlig überfrachtet wirkt. Mein Text bei der Filmgazette ist *hier zu finden*.

Samstag, 5. November 2011

Lizard in a Woman's Skin / Una Lucertola con la Pelle di Donna (Lucio Fulci, Spanien/Italien/Frankreich 1971)


London, in den schwingenden Sechzigern: die gut situierte Carol Hammond (Florinda Bolkan) leidet unter erotischen Alpträumen, in denen vor allem ihre freizügig lebende Nachbarin Julia (Anita Strindberg) eine Hauptrolle spielt: Drogenkonsum, freie Liebe, laute Musik, lesbische Erfahrungen. Eines Nachts träumt sie von einem Mord an Julia, und schockierender Weise wird diese tatsächlich am nächsten Tag in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Auf dem Bett ein Schal von Carol! Von hier an verschmelzen Traum und Wahn, Alptraum und Realität, bis Carol selbst immer stärker ins Zentrum der polizeilichen Ermittlungen gerät.


Dieser frühe Giallo Fulcis zieht nur einen geringen Anteil seiner Spannung aus dem Murder/Mystery-Plot. Vielmehr sind es die permanent delirierenden Traumsequenzen, die durch ihre grandiose Bildgestaltung zu begeistern wissen. Denn wenn man genauer hinschaut, so ist der Plot nur ein Vehikel, um schöne Frauen verruchte Dinge tun zu lassen, und mit ein paar derben Schockmomenten aufzuwarten. Dies ist aber kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Zu einiger Berühmtheit hat es dabei die "Hundeszene" gebracht, in der Carol ein Labor betritt und dort mehrere auf der Bauchseite aufgeschnittene Hunde vorfindet, die in Apperaturen eingespannt sind. Das Herz und die Innereien liegen frei und pulsieren. Diese Szene wirkt auch heute noch, trotz besserer Abspieltechnik, enorm echt - schrottiges VHS kann ja auch mal dankenswerterweise über schlechte Effekte hinwegtäuschen. Hier sind diese Segnungen nicht vonnöten.

Meiner Empfindung nach bricht der Film in der zweiten Hälfte etwas ein, das Whodunit führt auf seinem Weg der Auflösung einige Schlenker mit sich, denen man nicht unbedingt bereitwillig folgt. Hervorzuheben ist aber sicherlich die Szene in der Kathedrale (das sieht fast schon aus wie bei Antonioni), wenn Carol vom Killer verfolgt, und auf dem Dach derselben eingeholt wird. Wunderbar kontrastiert ihr blutrot sich färbender Oberarm mit den graubraunen Erdfarben des Bauwerks, der von einer tiefen Messerwunde verletzt wurde. Ennio Morricones Score gibt dabei dem Film den richtigen Schwung: eine Filmmusik, die sich deutlich hörbar an der britischen Szenemusik orientiert. LIZARD IN A WOMAN'S SKIN ist, auch deutlich in der umständlich verlaberten Auflösung am Ende, kein Film für Handlungsfanatiker. Wer aber sich an surrealen Traumsequenzen und Pulp und Exploitation erfreuen kann, für den dürfte dieses Exponat zur vollsten cineastischen Befriedigung führen.

Mittwoch, 2. November 2011

Deep Red / Profondo Rosso / Rosso - Farbe des Todes (Dario Argento, Italien 1975)


Pianist Marcus Daly (David BLOW-UP Hemmings) nimmt es selbst in die Hand - die Polizei ist zu unfähig - den grausamen Mord an seiner Nachbarin Helga Ulmann (Macha Meril) aufzuklären. Ein Mann im schwarzen Regenmantel, mit Hut und schwarzen Handschuhen hat die Telepathin, die kurz zuvor auf einem "Übersinnlichen-Kongreß" in einer barocken Oper Roms als Medium fungierte, erstochen und mit dem Kopf durch die Fensterscheibe gestoßen. Der stets betrunkene Klavierspieler Carlo (Gabriele Lavia), der in einer Bar gegenüber (Edward Hopper, Nighthawks) für seinen Suff auf den Tasten herumklimpert ist zu betrunken, den Davonrennenden aufzuhalten. Mit Hilfe der Reporterin Gianna Brezzi (Daria Nicolodi) macht sich Daly also auf, die Identität des Killers zu lüften.

Dario Argentos nicht unumstrittener früher Giallo punktet mit seiner überzeugenden Farbdramaturgie, mit drastisch brutalen Gewaltdarstellungen und einer Atmosphäre der Verunsicherung, die sich aus einem permanent bedrohlichen Szenarium der körperlichen Bedrohung speist. Auch verschiedene dichotomische Aspekte wie Realität vs. Wahn und Übersinnliches, Kunst vs. Leben, Bild vs. Abbild usw. werden angeschnitten, wobei es dem Film gelingt, durch ständig gelegte Fährten (Leichen, Häuser, Kinderlieder,...) und Finten (geheime Zimmer, Gänge und Flure, Spiegel, Musik) den Zustand des Zuschauers vollständig zu zerrütten. Die artistische Photographie, die ungewöhnlichen Kamerawinkel, die Farbarrangements tragen hier nicht wenig bei. Dass der Plot mehrfach aus der Linie wandert, dass unfassbar humorvolle Szenen den Film bereichern, etwa in den Autoszenen, mag vielen ein Dorn im Auge sein. Allein, den Fans des Giallos dürfte das wenig stören, erfreut dieser sich doch an der künstlerischen Kreativität des Regisseurs, die hier exzessiv zum Ausdruck kommt, und die sich selbstbewußt ins Recht setzt Grenzen zu sprengen, über Konventionen (eben auch narrative) hinwegzugehen und sich vor allem auf der Bildebene so richtig auszutoben. Übersehen sollte man dabei aber die starken Frauenrollen nicht.

Wenn also das Lexikon des Internationalen Films zum Schluß kommt, die kreativen Aspekte könnten nicht die "substanzielle Inhaltslosigkeit des Films" überdecken, so ist dieses filmhochschulische Argument aus dem 19. Jahrhundert sicherlich bedenkenswert, für meinen Filmgenuß aber nicht weiter relevant. PROFONDO ROSSO hat sehr viel zu bieten - die Chance dies zu entdecken sollte man sich nicht nehmen lassen.

Dienstag, 1. November 2011

A Quiet Place to Kill aka Paranoia (Umberto Lenzi, Italien/Spanien/Frankreich 1970)

Die Rennfahrerin Helen (Carroll Baker) verliert die Kontrolle über ihren Wagen und kann gerade noch aus dem brennenden Wrack gerettet werden. Da sie nun nix als Schulden hat, kommt die Einladung ihres Ex-Mannes gerade recht, ihn doch mal in seiner Villa auf Mallorca zu besuchen. Maurice Sauvage (!) (Jean Sorel) ist ein Frauenvernichter wie er im Buche steht: Föhnwelle, Strahlegrinsen, Body. Doch eigentlich kam die Einladung von Maurices neuer Gattin Constance, die dank ihres dicken Portemonnaies auf die Mithilfe Helens hofft, den Lüstling ins Jenseits zu befördern. Doch im entscheidenden Moment zögert Helen, da sie immer noch Gefühle für den sonnengebräunten Beau hegt. Constance darf sich nun von ihrem Vermögen trennen und sich aus dem Leben verabschieden. Dummerweise taucht aber plötzlich deren Tochter auf, die an einen Unfall nicht glauben will.

Dieser Giallo Umberto Lenzis ist ein fulminanter Thriller, dem in den 90 Minuten niemals die Luft ausgeht. Hier gibt es einen hakenschlagenden Plot, rasante Verfolgungsjagden, Unmengen leichtbekleideter Frauen, Softpornoszenen, Duschszenen, Messerstechszenen, tolle Landschaften und einsame Buchten, Gigolos, Villen mit Pools, Drinks mit Eis, Mord und Totschlag. Freilich gibt es auch noch den überraschenden Mitschnitt der Mordtat eines Super 8-Filmers, der den Plan der Bösewichter kräftig ins Schwanken bringt. Ein befreiender Film, in dem alle Figuren klare Motivationen und jeder ein Ziel vor Augen hat - und der sehr deutlich zu machen versteht, dass ein jeder, der bedingungslos etwas erreichen möchte, jedes Mittel dazu einsetzt. Sollte man gar nicht denken in all der Mittelmeerprächtigkeit. Marina Coffa, die die resolute und zugleich betörende Tochter gibt, hat übrigens bedauernswerterweise nicht gerade in besonders vielen Filmen mitgespielt. Allerdings machte sie dann eine große Karriere als Darstellerin in Fotoromanen, den sogenannten "Fotoromanzi". Anfang des Jahres 2011 ist sie leider von uns gegangen. Amen.

Fazit: A QUIET PLACE TO KILL ist, das sei noch erwähnt, im Zusammenspiel mit einer hervorragenden Filmmusik von Piero Umiliani, ein berauschendes Filmerlebnis, das einem durchaus einige Superlative der Begeisterung zu entlocken vermag. Denn hier gibt es auch neongrüne Bademäntel, selbstverständlich. Klasse!

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Samstag, 29. Oktober 2011

WAZ (Tom Shankland, Großbritannien 2008)


Die Ermittler finden mehrere Leichen mit eingeritzten, formelhaften Zeichen. Es scheint eine Gleichung zu sein, in der die Variablen von Evolution und natürlicher Auslese zu einem Ausgleich kommen (!). Die Detectives Eddie Argo und seine neue Partnerin Helen Westcott (Stellan Skarsgård, Melissa George) stehen vor einem Rätsel...


Wie auch der Zuschauer. In diesem düsteren, zumeist bei Nacht spielenden Horror- oder Copthriller, der Anleihen beim Torture Porn nimmt, ist zwar recht bald klar, wer der Täter ist (eine missbrauchte Frau, die Rache nimmt), doch streift der Film wie seine Figuren scheinbar ziellos durch die Nacht. Spannung, obwohl vielfach beschworen, will sich einfach nicht einstellen. Sympathien für die Figuren ebensowenig. Skarsgård spielt sehr verstockt, und die George ist eben der Frischling, der sich nicht traut. Dem Film fehlt zudem eine klare Perspektive, ein Ziel, wohin die Ermittlungen führen sollen und schnell stellt sich ein Gefühl der Resignation ein: das Drehbuch weiß wohl nicht, was der Film erzählen will. Auch die Dialoge wirken sehr künstlich, aneinandergepappt und unnatürlich. Das mag teilweise auch an der deutschen Synchronisation liegen, in der ich den Film sah. Hohle Stimmen, gestelzte Emotionen, Lippensynchronitätsprobleme.


Am sympathischsten, und das ist dann vielleicht doch bemerkenswert, ist letztlich die Killerin. Welche freilich um den Film auszubalancieren viel zu wenig Screentime hat. Auch die Vergleiche mit SE7EN sind haltlos; die Filme ähneln sich lediglich in ihrer Dunkelheit. Atmosphärisch aber ist WAZ deswegen noch lange nicht. Shanklands THE CHILDREN hat mir dann doch deutlich bessser gefallen, auch wenn ich ihn für stark überschätzt halte. WAZ muss man jedenfalls nicht gesehen haben.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Pornfilmfestival Berlin


Holy Fuck! Auch dieses Jahr findet in Berlin wieder das Pornfilmfestival statt, was eine sehr begrüßenswerte Sache ist. Dass Porno mehr ist als reine Körperdarstellung war schon immer ein Anliegen der Veranstalter, und so ist es kein Wunder, dass vor allem die filmische Qualität der Beiträge im Vordergrund steht - auch um dem Medium in seiner Vielfalt gerecht zu werden. Thema Experimentalfilm, Arthouse-Film. Außerdem gibt es wieder zahlreiche Gäste, Lesungen usw. Herr Keßler etwa liest am Freitag, dem 28. Oktober aus seinem Buch "Die läufige Leinwand".

Zugleich muss ich auf eine der besten Filmseiten der Welt hinweisen: bei HARD SENSATIONS gibt es schonmal einen Vorgeschmack auf diese Schweinereien: ohne Vorurteile gesehen, mit offenen Augen und einem freien Kopf. So sollte man sich Filmen widmen! Die ständige Kolumne The Golden Age of Porn zeugt von der Kenntnis der Materie und vom steten Interesse der AutorInnen. Und das ist ziemlich einmalig in der deutschen Filmpresse.

Sonntag, 25. September 2011

Grenzfälle - Es geschah übermorgen (Claude Boissol, Victor Vicas, Frankreich/Deutschland 1971)


Wenn man glaubt, es gäbe keine Menschen, die sich in Zeitlupentempo fortbewegen würden, dann hat man sich aber getäuscht! AUX FRONTIÈRES DU POSSIBLE, eine recht spannende Serie aus den 70ern, beweist das Gegenteil. Denn alles was man braucht, ist etwas kriminelle Energie und einen Wellenmodulator! Und für die Filmgazette habe ich die aktuelle DVD-Box unter die Lupe genommen. Click: *here*.

Freitag, 23. September 2011

The Clay Pigeon (Richard Fleischer, USA 1949)


Als der ehemalige Kriegsgefangene Jim Fletcher (Bill Williams) in einem Marine-Krankenhaus aus dem Koma erwacht, wird er von einem erblindeten Soldaten gewürgt: er habe sie alle verraten und sei zudem ein Mörder. Jim ist sich jedoch keiner Schuld bewußt, kann sich aber auch an nichts erinnern. Heimlich schleicht er sich davon, um die Sache aufzuklären...

Nicht immer gerade plausibel ist der Plot dieses Films - so etwa hält es Jim für angebracht, zualler erst bei Martha (Barbara Hale), der Witwe des Ermordeten, der einer seiner besten Freunde war, vorbeizugehen. Diese denkt freilich, der Mörder stünde vor ihr. Doch Jims lauteres Wesen überzeugt sie recht schnell - da muss eine Verschwörung dahinterstecken. Und so kann sich alsbald in der fürsorglichen Frau, die für männliche Wesen vor allem gerne Schnittchen zubereitet, eine zarte Liebe entfalten. Eine Frage der Zeit ist es, bis die beiden ein Paar werden sollen. So machen sie sich gemeinsam auf den Weg nach Los Angeles, wo sie Hilfe von einem weiteren Kriegsveteranen erhoffen - ohne zu ahnen, dass sie sich nun direkt in die Höhle des Löwen begeben.

THE CLAY PIGEON ist ein niedrig budgetiertes und auf's Wesentliche reduziertes B-Movie mit Film Noir-Anleihen, der in seinen knappen 60 Minuten in gerader Linie auf seine Auflösung zuschreitet. Da überrascht es wenig, dass er wenig überrascht. Umso verwunderter ist zu konstatieren, wie elegant er sein Tempo zu halten vermag und den Zuschauer, trotz des offensichtlich primitiven Plots, trotz des nicht gerade sympathischen Heldens (Bill Williams ist ein ziemlich einfach gestrickter Mensch), bei der Stange hält. Dies liegt sicher nicht nur am mit Könnerschaft gestrickten Spannungsbogen und den Verfolgungsjagden, sondern der Film gewinnt seinen Reiz auch durch die ungekünstelte, "rauhe" Optik, die die Settings naturalistisch abbildet.

Richard Fleischers Filme sind mir wenig bekannt - und das, obwohl mir THE BOSTON STRANGLER (1968) mit Tony Curtis und Henry Fonda sehr gut gefallen hatte. Bis auf ein paar wenige größere Produktionen gibt es also in dem doch recht umfangreichen Oeuvre des sympathischen Regisseurs einiges nachzuholen. Und rein thematisch ist es eher das Frühwerk, seine low-budget-Produktionen, die mich ansprechen. Es bleibt noch Oliver zu danken, der in seinem wunderbaren Blog Remember it for later momentan Fleischers komplette Filmographie durchgeht und mit einer bewundernswerten Ausdauer davon berichtet. Als Einstieg möchte ich noch auf seinen Text zu Fleischers Biographie und Regieverständnis hinweisen, der einem den Einstieg erleichtert und wie mir eben einfach Lust macht, sich mit diesem Regisseur ein wenig mehr zu beschäftigen.

Mittwoch, 21. September 2011

Veranstaltungshinweis Live-Audiokommentar !


Diesen Samstag findet der Live-Audiokommentar in Aachen doch tatsächlich schon zum 20. Mal statt! Wie immer in der Raststätte um 21 Uhr, diesmal unter dem Motto AUF DIE DAUER HILFT NUR POWER. Zu Gast bei Alex Klotz ist mal wieder der vortreffliche Oliver Nöding aus Düsseldorf, der für F.LM, Schnitt, Splatting Image u.v.a. schreibt und auch das tolle Blog "Remember it for later" betreibt und seit neuestem auch das Projekt "marquees in movies" (siehe Blogroll). Der Film ist wie immer eine Überraschung... und man darf sich anschließend sicher sein, etwas Unerhörtes erlebt zu haben!

Sonntag, 18. September 2011

Long Riders (Walter Hill, USA 1980)


Der Film erzählt die Geschichte um die berüchtigte Gang um Jesse James und die Younger-Brüder, die in der Zeit nach dem Sezzesionskrieg durch Bankraub und Raubüberfälle zu zweifelhaftem Ruf gekommen waren. Besonders hervorzuheben ist, obwohl unmittelbar in einen solchen Bankraub eingestiegen wird, dass zunächst nicht die Überfälle der Bande im Vordergrund stehen, sondern die persönlichen und privaten Verhältnisse geschildert werden. Liebschaften, Familiengründung, Herkunft. Spätestens dann aber wenn die "Pinkertons" hinter den Jungs sind, ist es vorbei mit der Gemächlichkeit. Als diese versehentlich mit einer Rauchbombe den behinderten Bruder Jesses mitsamt dem Wohnhaus in die Luft sprengen, werden keine Kompromisse gemacht. Schwer haben es die Detektive der Eisenbahngesellschaft auch deswegen, da die Landbevölkerung, sprich: die Gemeinde, hinter der Bande steht, da sie sozial vollkommen integriert sind. Wir haben es hier also nicht mit mythisch überhöhten Outlaws zu tun, sondern mit "rechtschaffenen" Gesellschaftsmitgliedern, mit Durchschnittstypen, die im allgemeinen dem Staat die Schuld an ihrem Treiben zuschieben - der Krieg habe dies aus ihnen gemacht. Wenn das kein Indiz für einen Spätwestern ist! Somit hat man es in Hills Film nicht mit einer weiteren verklärenden Mythosbekräftigung zu tun, sondern vielmehr mit dem Versuch einer historisch akuraten Bestandsaufnahme. Zu erwähnen ist freilich Walter Hills Besetzungscoup, die Hauptrollen auch im Film mit Brüderpaaren zu besetzen (den Keaches, Quaids, Guests und Carradines). Zudem verbeugt er sich ästhetisch ganz offensichtlich vor Sam Peckinpah: hier wird exzessiv mit Zeitlupen in den Shootouts gearbeitet, die recht actionreich ausfallen, und ebenso werden die Härten gezeigt, die sonst im Western allzu gerne ausgespart werden: langsames, dabei undramatisches Sterben, Einschusslöcher, Blutfontänen. Absolut sensationell ist der letzte Banküberfall, bei dem die Flüchtigen durch die Fensterscheiben eines Wohnhauses reiten. Das Lexikon des Internationalen Films bescheinigt dem Film zwar eine herausragende Photographie, findet allerdings diese Szenen selbstzweckhaft. Nun denn. Ry Cooders phantastischer Score sei noch erwähnt, der nicht nur aber vor allem aus der Tanzszene in Filmmitte ein wahrhaftes Erlebnis macht. Unbedingt sehenswert ist dieser Film in der neuen Blu-ray-Fassung mit einer hervorragenden Bildqualität. Toll!

Freitag, 16. September 2011

Caged / Captifs (Yann Gozlan, Frankreich 2010)


Am 30. 9. erscheint dieser französische Terrorfilm bei Koch Media als DVD und Blu-ray. Ich habe ihn mir schonmal angeschaut und hier bei Hard Sensations etwas dazu geschrieben. Viel Vergnügen!

Donnerstag, 8. September 2011

Le Havre (Aki Kaurismäki, Fin/F/D 2011)


Bereits vor einiger Zeit gesehen, hat sich mir das Flüchtlingsdrama LE HAVRE mit seinen tollen, stilisierten Bildern und seiner Geschichte um einen hilfsbereiten Schuhputzer doch sehr eingeprägt. Ein Film, den ich uneingeschränkt empfehlen möchte, und über den ich hier in der filmgazette geschrieben habe.

Mittwoch, 7. September 2011

Wasted on the Young (Ben C. Lucas, Australien 2010)


Ein junger australischer Student an einer Elitehochschule wird dazu gezwungen, Position zu beziehen, als die Jungs der angesagtesten Clique, zu der auch sein Stiefbruder gehört, bei einer ausufernden Party seine heimliche Liebe, die blonde Xandrie, erst mit Drogen vollpumpen, dann gemeinsam missbrauchen, und sie schließlich halbtot an einen Strand fortschaffen, um sie dort ihrem Schicksal zu überlassen.

WASTED ON THE YOUNG ist ein kalter, auf moderne Optik getrimmter Film: Alles ist in bläuliches, monochromatisch stahlfarbenes Licht getaucht, es wird teilweise irrsinnig schnell geschnitten und montiert, die Kamera ist sehr agil, springt auch schnell in einer subjektive Sicht. Die Protagonisten sind zunächst einmal alle unsympathisch. Die Jungs vom Schwimmteam sind unsägliche Potenzprotze, die mit dicken Autos zu den Strandhäusern ihrer reichen Eltern fahren, die Mädels sind generell wenig mehr als die Partypüppchen, die für eine Nase Koks so ziemlich alles machen, was der Testosteronbomber möchte. Der Protagonist allerdings ist ein Nerd, ein Computerfreak, der sich außerhalb dieser Gesellschaft befindet und ein wenig wie ein zu gut gekleideter Emo-Boy dahrkommt. Xandrie und ihre Freundin Ella sind logischerweise denn auch die einzigen Ausnahmen auf weiblicher Seite. Umso mehr spornt es folglich die Topdogs an, Xandrie ins Bettchen zu bekommen, da die aufkeimende Liebe des Außenseiters zur zurückhaltenden Schönheit natürlich ein Affront gegen deren Platzhirsch-Dasein bedeutet.

Auffälligstes Plotmerkmal ist Lucas' Einbindung der "social media"-Kontexte in seine Narration. Es werden unzählige SMS geschrieben, deren Text als Buchstaben im Filmbild aufblenden. Das Smartphone mit seinen Kameramöglichkeiten, Chatforen und mms-Dienste tun ein Übriges, um jede Neuigkeit und jeden Skandal möglichst schnell unter die Leute zu bringen. Hier schlägt dann die Stunde des Nerds: er weiß diese Kommunikationsformen strategisch zu nutzen, um seine Rache an den Übeltätern durchzuführen. Konsequenterweise begegnet uns in diesem Film kein einziges Mal eine erwachsene Person. Ein interessant konstruierter Film, der nichts wirklich Neues erzählt, aber motivisch dicht verwoben ist und mit ordentlichen Jungdarstellern überzeugt.