Sonntag, 30. Januar 2011

Black Swan (Darren Aronofsky, USA 2010)


Es gibt nun bereits mehr als genug Texte zu diesem Film in Presse und Netz, als dass man noch einen weiteren hinzufügen müsste. Ein paar Kleinigkeiten hätte ich aber dennoch anzumerken, schon um das nicht zu vergessen, als kleines Erinnerungsnotat und Steinchen im Schuh (jenseits einer Abwatschung Natalie Portmans, ob man sie nun gut findet oder nicht). Drei Dinge in der Hauptsache möchte ich anführen bei einem Film, der mir von der Bildgestaltung und der sich intensivierenden Spannung her recht gut gefallen hat. Da wären:

1. Aronofsky läßt unglaubwürdigerweise Cassel seiner Truppe den Inhalt des Schwanensee erklären. Welcher Balletttänzer aber kennte diesen nicht?! Eigentlich also erklärt er dem doofen Publikum, worum es da geht.

2. Die Dialoge sind allesamt schwach. Zudem: die "künstlerischen" Regieanweisungen Cassels sind sogar von einer verblüffend naiven Primitivität. So spricht kein Künstler auf der ganzen Welt über sein Sujet. Außer vielleicht beim Volkshochschul-Einführungskurs. Auch hier wird vermutlich zu sehr ans Publikum gedacht. Bildwelten also: originell, Sprachwelten dagegen: Phrasen, platte Dialoge, Allerwelt.

3. Aronofsky arbeitet recht viel mit billigen rummsdada-Schocks. Das hatte er bislang noch nie nötig gehabt. Eine Arbeitstechnik, die bei mir mitlerweile so großen Verdruß hervorruft, dass bei mir direkt der Nervpegel recht weit ausschlägt.

Eines der schönsten Argumente für die gelungene Bildgestaltung war in der Kritik von Georg Seeßlen in der Zeit zu lesen, dass nämlich selbst das eingesetzte Licht wie Wände wirken würde. In der Tat, wer den Film noch nicht gesehen hat, achte auf den Anfang.
Extrem bedrückend neben den ganzen Katakombenbildern und dem beinah völlig fehlenden Tageslicht ist die Wohnung der Protagonistin, ein viktorianisch verwinkeltes Schloß der erdrückenden Reizüberflutung. Diese Wohnung versinnbildlicht den mentalen status quo der Protagonistin, nämlich das des eingesperrten Individuums in Leistung und Anspruch, das des totalen Seelenknasts.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Das rote Zimmer (Rudolf Thome, Deutschland 2010)


Man konnte ja schon viel in der Presse über diesen Film lesen: vom "Erotomanen Thome" war da die Rede, von einer "Ménage à Trois" und von einer "Männerphantasie". Dies gleich vorweg: eine solche ist DAS ROTE ZIMMER nicht. Denn zu keiner Zeit stellt der Film Nacktheit oder Sexualität aus, macht nie auf Fleischbeschau, ist hingegen in der Abbildung der Körper zurückhaltend: vielmehr kocht er die sexuelle Spannung auf kleiner Flamme, bis dass die Atmosphäre aufgeladen ist, sie sich in Worten, Gesten und Augenaufschlägen ausdrücken kann. Der eingeschüchterte Protagonist ist zudem alles andere als der Mann mit der Peitsche im Harem. Aber zurück auf Anfang:

Der Universitätsdozent, Biochemiker und Kussforscher Fred Hintermeier (Peter Knaack) macht eine schwierige Phase durch: die Ergebnisse seines Forschungsprojekts lassen auf sich warten, und seine Frau läßt sich von ihm scheiden. Er ist ziemlich am Boden zerstört. Da lernt er zufällig, nun beginnt das Märchen, in einer Buchhandlung, blätternd in einem Murakami-Buch ("Gefährlich Geliebte" (!)) die junge Schriftstellerin Luzie kennen (Katharina Lorenz), die ihn nach einem Kaffee zu sich auf's Landhaus einlädt. Dort, in einer ostdeutschen Idylle mit Holzhaus und See, macht er die Bekanntschaft Sibils (Seyneb Saleh), die mit Luzie eine Art freibeuterische Liebesbeziehung führt. Immer wieder laden sie Männer zu sich ein, um selbst ein wenig zu forschen, sprich: ein wenig Abwechslung in Liebesdingen zu haben. Fred ist von diesen Verhältnissen zunächst total eingeschüchtert, doch als er die ersten Hürden genommen hat, scheint in diesem Sommer, der so schlecht begonnen hatte, ganz viel Unverhofftes möglich.

Wie in ROTE SONNE und auch in DETEKTIVE - die beiden einzigen mir bislang bekannten Filme Thomes - ist einer der spannenden Aspekte die sich stets verändernden Figurenkonstellationen. Wie sich die drei Protagonisten becircen und umschweben in diesem Sommermärchen (Sibil hat noch einen etwas störenden Freund, der ihr auf die Nerven geht), das ist faszinierend anzusehen, und auch die Kamera findet hier einige sehr schöne Bilder über die Felder hinweg, den See, das Herantasten an die Figuren, das über die Körperkonturen funktioniert. Betörend auch die zunächst sehr unauffällige Filmmusik, die, spartanisch eingesetzt, irgendwann dem Zuschauer zu Bewußtsein kommt, und mit ihrer durchaus fordernden Melodieführung zu begeistern weiß.
Der schönste Filmmoment, wenn ich denn einen aussuchen müßte!, war dieser, in dem Sibil Fred anblickt, ihre Augen werden immer größer, tiefer und schwärzer, und ihr selbst bewußt wird, wie sehr sie sich bereits in ihn verliebt hat. Das ist, wie auch die gesamten darstellerischen Leistungen aller Beteiligten, ganz große Klasse.

Dass sich der Film am Ende einen Ausgang in eine positive Utopie gönnt, setzt ihm die Krone auf - ein phantastisches Finale.

Leider war das Kölner Filmhaus nicht gerade ausverkauft. Zwölf Besucher zählte ich insgesamt; aber diese verließen, wenn ich das richtig beobachtet habe, allesamt das Kino mit leuchtenden Augen.

Dienstag, 25. Januar 2011

Valhalla Rising (Nicholas Winding Refn, Dänemark / UK 2009)



Langersehnter, stark hypnotischer Wikingerfilm zwischen Herzog und Tarkovskij des BRONSON/PUSHER-Regisseurs, der sowohl durch seine dezidiert offen künstlerische Arthousigkeit, als auch seine unverhüllte Brutalität den Zuschauer voll zu fordern weiß; Elemente, die hier wundersam gut zusammengehen vor einer weiten Landschaft, in der nichts als stille, rauhe, gnadenlose Natur herrscht. Wobei stets deutlich wird, dass selbst hier "im Nichts", wo der Mensch vor die letzten und zugleich ersten Fragen gestellt wird, der Mensch diese Leere selbst mit Sinn, manche also mit Religion, füllen muss, auch dass selbst hier "im Nichts", wo die Chance bestünde auf ein tatsächlich "Neues Jerusalem" dies aufgrund der Gewalt, die sich der Mensch antut, nicht zustande bringen kann. Ob der Film selbst alles so zusammenhalten kann, was er an Fragen auswirft, kann ich nicht beurteilen - sicher ist aber, dass es solche wagemutigen, radikalen Filme dringend braucht um vor Augen zu führen, wozu Film fähig ist.




Montag, 24. Januar 2011

Decision before Dawn / Entscheidung vor Morgengrauen (Anatole Litvak, USA 1951)


Bei der Ardennenoffensive ("Wacht am Rhein") wird der Soldat Karl Maurer (Oskar Werner) von den Amerikanern gefangen genommen und willigt kurz darauf ein, sich nun auf der "richtigen" Seite wähnend, für diese als Spion nach Deutschland zurückzukehren um die Stellung einer Panzerdivision bei Mannheim auszuspionieren. Doch kaum "in der Heimat" angekommen, fliegt die Tarnung auf und "Happy", wie er von den Amerikanern genannt wird, muss sich durch das zerbombte Deutschland zu den Alliierten zurück durchschlagen...

Anatole Litvak, 1933 selbst zunächst aus Deutschland, dann aus Europa emigrierter Filmemacher, nutzte 1950 die Chance, in Trümmerdeutschland diesen Spionagefilm zu inszenieren. Mit für damalige Verhältnisse riesigem Budget, in authentischem Setting, großem Cast, und alles echt und original. Den Aufwand sieht man dem Film an, die Kulisse, die keine ist, ist ein atemberaubendes Dokument dieser Großstädte in Ruinen. Auch wurden mit beträchtlichem Aufwand Kampfeshandlungen inszeniert, Fliegerangriffe und Verfolgungsjagden durch die zusammenkrachenden Häuserruinen und zerbombten Straßenschluchten. ENTSCHEIDUNG VOR MORGENGRAUEN ist aber nicht nur visuell ein "Erlebnis", auch die Schauspieler können vollstens überzeugen, neben Oskar Werner etwa Hildegard Knef, die eine Prostituierte mit Herz spielt, oder ein SS-Offizier, gespielt von Wilfried Seyfert. Kurz zu sehen ist auch Klaus Kinski in einer ersten Nebenrolle. Ein beeindruckender Film, der von einem letzten Aufbäumen des Dritten Reiches erzählt, aber eigentlich bereits von dessen Untergang kündet.

[Die DVD ist jüngst bei Winkler erschienen.]

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Freitag, 21. Januar 2011

You will meet a tall dark Stranger / Ich sehe den Mann deiner Träume (Woody Allen, USA 2010)


...orakelt es aus einer der Figuren heraus, aus einem "Medium", die für viel Geld verzweifelten Ehefrauen etwas vorschwindelt. Vor allem klappt das so gut, da sie mit einer Masseuse gut befreundet ist, bei der sich die Kundschaft sowieso die innersten Geheimnisse von der Seele redet. Doch um diese Frau geht es gar nicht in der Hauptsache, es ist nur das Motto, das sich gleichsam orakelnd durch den ganzen Film zieht und auf alle Figuren in ihm zutrifft. Zumindest wünschen sich dies die meisten...: ein neuer Mensch soll in mein langweiliges Leben treten!

Und wie es bei einem allenschen bildungsbürgerlichen Liebesreigen so ist, werden auch bald die Beziehungskrisen so gravierend, dass das Karussell sich zu drehen beginnt. Am schönsten kommt das zur Darstellung in der Beziehung von Galleristin Naomi Watts und dem erfolglosem Schriftsteller Josh Brolin, die unter permanenter Geldnot leiden und sich so nicht nur in Liebesdingen wie in einem Käfig fühlen. Der Schriftsteller also schaut viel aus dem Fenster, und als im Appartment gegenüber eine schöne junge Frau in rotem Gewand einzieht (welches sie dann auch bald auszieht), da ist es um ihn geschehen.

Viel später im Film hat er dann bekommen was er wollte, zieht gegenüber ein und Allen spiegelt die o.g. Fensterszene in ganz fantastischer Weise, dass tatsächlich so etwas wie eine kleine, altbekannte aber melancholische Weisheit sich ausdrückt. Ganz toll gemacht, hier.

Und dies ist nur, stark verkürzt, eine der Geschichten des Films, die in ihrer Vielzahl und Verknüpfungen beinah den Geist der Filme Robert Altmans atmen. Nur nicht so hysterisch, bei Allen bleibt alles gesittet. ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME ist aber auf das allensche Gesamtwerk bezogen ein eher kleiner Film, möchte ich vermuten, die große Durchschlagskraft fehlt ihm, die Sensation ebenso. Wie sich Anthony Hopkins hier zum Horst macht, ist zwar wunderbar, aber auch wunderbar durchschnittlich.

Den Film kann man sich definitv ansehen, man findet Unterhaltung auf hohem Niveau, alles natürlich äußerst routiniert, und so etwas wie gutes Handwerk von einem großen Filmemacher. Wer wie Allen ein Leben lang Filme gemacht hat, so scheint es, kann gar keinen schlechten machen - selbst die kleine Produktion glückt zur vollsten Zufriedenheit. Ein Meisterwerk jüngerer Zeit wie SCOOP, der im Schatten vom reißerischen MATCH POINT etwas untergegangen ist, ist dieser Film aber nicht.

Mittwoch, 19. Januar 2011

Schnappschüsse, Pt. 3


Es gibt ja so Filme, bei denen hat man Angst, sie sich nochmals anzusehen. Bei besonders schlechten etwa. Aber auch: bei den Besonderen, den wahnsinnig Tollen. Die einen umgehauen haben. Lange habe ich mir also Zeit gelassen, um mir noch einmal Fabrice du Welz' CALVAIRE (2004) anzuschauen, einen Film, den ich damals vom untersten, verstaubten Regal der Videothek plückte, direkt am Durchlass zu den Pornos. Erwartet hatte ich naturgemäß nichts, die französische nouvelle vague des harten Horrorfilms gab es so, als festen Begriff noch nicht, war noch bei weitem nicht so etabliert. Aber dann: der Film kommt ja auch aus Belgien, also noch besser, noch außenseitiger, noch verregneter, noch düsterer. Aus den bekannten Backwood-Spezifika zimmert du Welz einen hochatmosphärischen, beinah den gesamten Film über auf Musik verzichtenden, fragilen Bedrohungskoloss, der in einer Verfolgungsjagd zu Fuß endet, einer echten Manhunt, wie man sie selten gesehen hat. Der Spätwestern SERAPHIM FALLS dürfte sich -für seine Eröffnungsszene- hier bei CALVAIRE bedient haben. Auch wichtig: der Film kommt fast völlig ohne Schocks aus, ist relativ kurz und setzt auf gute Schauspieler und kommt bis auf eine einzige Szene ganz ohne Platitüden aus. Hervorragend, meine ich, und auch einen Deut besser als der heiße, psychologisch durchschwitzte Horror vom Nachfolger VINYAN.


Der echte Horror als Dokument: Gary Tarn läßt in BLACK SUN (2005) zu hypnotischen Bildern den Off-Erzähler die Biographie des Filmemachers und Künstlers Hugues de Motalembert erzählen, der nach einem Raubüberfall das Augenlicht verlor. Eine faszinierende Art, Kunst und Biographie zu verknüpfen - das ganze so ein bißchen als Apokalypse mit gutem Ausgang. Produziert vom Endzeit-Experten Alfonso CHILDREN OF MEN Cuarón und erhältlich beim tollen Label Second Run.


Der Nerd, der sich durch die Untiefen der Teenage Angst zum Erwachsenwerden durchkämpft: SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD (2010), das ganze als Videospielallegorie aufgebaut, in der man auch kurz zum Superhelden werden darf. Bissl alternativ-Lifestyle, pseudo-Punk und Independentszene, hübsche Mädels die den Kopf verdrehen, und eine ganze Reihe Ex-Liebhaber, mit denen man es nicht nur metaphorisch aufnehmen muss. Ein Film, der so ziemlich alles richtig macht, so RICHTIG Spaß macht, leider zu lange ist (das Finale nervt), und dennoch ein wenig schal zurückläßt: hier werden so viele Netze der Menschenfischer ausgeworfen, da ist für jeden was dabei, nur nicht für Hip-Hopper (vermutlich). Und einen Plattenvertrag gibt's im echten Leben auch nicht so schnell. Beschwingende Komödie, die mich in ihrer hemmungslosen Zielgruppenorientierung aber etwas abstößt.

Freitag, 14. Januar 2011

Schnappschüsse, Pt. 2

In THE GIRL NEXT DOOR (2004) werden die Träume eines Teenagers (Emile Hirsch) wahr, als im Nachbarhaus eine sehr hübsche Blondine einzieht. Kann er endlich seine Schüchternheit überwinden, und somit im Handumdrehen seinen Außenseiterstatus an der Schule ablegen? Nach kurzer Zeit allerdings zeigt sich: Danielle (Elisha Cuthbert) ist eine Pornodarstellerin, und die Probleme werden nicht weniger - dafür das Leben spannender. Was amüsant beginnt wird hintenraus öde: der Film weiß zu Beginn durchaus zu überzeugen, bekommt sogar einige kleine wahrhaftige emotionale Momente hin und wirkt aufgrund seiner spaßig übertriebenen Darstellung der Teenage Angst, nur um sich, gegen Ende, in öden Klischees zu verlieren. Alles läuft nach längst bekannten Ereignisketten ab und jeder Twist ist nur die Erfüllung der Zuschauererwartung. Umso ärgerlicher also dieser Film.

Mit Klischees in der Plotentwicklung hadert L'ARGENT (1983) von Robert Bresson nicht. Der Plot ist ihm nur ein Mittel zur Darstellung von etwas anderem. Dem Umgang mit Film, der Form. Unsinnlich, nüchtern, blanke Wände, kausale Ereignisketten stehen im Zentrum der Reise dieser gefälschten Geldscheine, die einen jungen Mann erst ins Gefängnis bringen und anschließend noch viel Schlimmeres lostriggern. Dabei: Verzicht auf das Erzählen von Sensationen, die Darsteller sind Funktionsträger, mechanische Bewegungen werden ins Bild gesetzt. Warum eine Emotion darstellen wenn man mit einer funktionalen Handlung universellere Prozesse abbilden Kann?! Eine Verweigerungshaltung geradezu und die Frage nach der Erzählhaltung werden hier thematisiert.

Alexandre Aja hat für PIRANHA (2010) eine kleine strukturelle Änderung vorgenommen: die Fische kommen nun, metafilmhistorisch gesehen, durch eine durch ein Erdbeben entstandene Spalte im Grund des Lake Victoria an die Oberfläche. Und das bedeutet: die prähistorischen Biester knabbern an den schönsten Frauen und Männern, die das B-Movie zum Spring Break und heftig Party machen versammeln konnte. Aus dem Knabbern wird natürlich bei Aja ein echtes Gorefest, und auch alibimäßig gibt es eine kleine Geschichte um den allseits beliebten Nerd und Schüchterling, der sich hier beweisen kann und zum Manne wird. Womit wir wieder bei THE GIRL NEXT DOOR wären... Nun denn, Ajas Film macht eigentlich alles richtig, ist straight heraus und kurz dazu. Er leistet sich sogar den einen oder anderen Scherz, wenn etwa ein Brustimplantat durchs Wasser treibt.

Don Siegels Crossover zwischen Agentenfilm und Selbstjustiz-Thriller THE BLACK WINDMILL hat mir auch ganz gut gefallen, nicht nur dank Michael HARRY BROWN Caine, sondern auch wegen den ziemlich tollen Bildern und der spitzenmäßigen Filmmusik. Allerdings kommt er lange Zeit nicht so richtig aus dem Quark - was nicht schlimm ist, sondern lediglich darauf hinweist, dass man sich früher mehr Zeit für den Plotaufbau genommen hat, bevor man gleich mit der Action das Publikum fesseln musste.

Dann sieht man so einen Film wie Paul Bartels DEATH RACE 2000 / FRANKENSTEINS TODESRENNEN (1975) zum ersten Mal, und denkt, ok, SO sieht das Licht der Welt also aus. Dieser Roger Corman-Film, der sich beim Westernmythos bedient, ist eine echte Trashfilm-Perle, bei der sich nicht nur gestandene Stars wie David Carradine und Sylvester Stallone die Klinke in die Hand geben, nein, er ist auch ein wirklich liebvoll gestalteter, rasant montierter und respektlos im Umgang mit seinen Figuren umgehender und kritisch die Gesellschaft kommentierende Spaßbringer erster Güte und sowieso und vor dem Herrn. Wow!

ROLE MODELS / VORBILDER?! (2008) bekommt zwar eine recht hohe IMDb - Wertung, allerdings ist mir doch recht schleierhaft, wieso. Ist ganz nett, mit seinen behaupteten Konflikten die keine sind, dafür ist er aber deutlich zu lang, die Figuren sind eigentlich alle uninteressant, und richtig gute Laune kommt auch nicht auf. Kann man drauf verzichten. Es sei denn man ist ein Rollenspieler, dann findet man sich hier vielleicht wieder.

Freitag, 7. Januar 2011

The Good North (Jonathan Entwistle, UK 2010)

Als in einer ländlichen Stadt im Norden Englands ein Engländer pakistanischer Herkunft zusammengeschlagen wird, stehen vor allem diejenigen Ortsansässigen unter Druck, die diese Tat nicht gutheißen wollen.
In vier Kapiteln erzählt dieser Kurzfilm (Budget: 240 Pfund) ausschnitthaft von der vergifteten Atmosphäre, die die National Front in dieser Kleinstadt etablieren konnte (die aber natürlich als Stellvertreter für viele andere steht). Ausschnitthaft deshalb, da die Szenen nur angerissen werden, in denen antifaschistisch oder liberal eingestellte Bürger an die Wand gedrängt werden. Das Klima der Aggression macht sie mundtot, sie fürchten sich zu wehren oder sich einzusetzen. Das alles wird völlig ohne moralische Keule oder Betroffenheitspathos vermittelt, sondern mit einer Direktheit und Unmittelbarkeit erzählt, die dem Zuschauer die Entschlüsselung der Szenen zumeist selbst überläßt. Denn es wird keine Einführung gegeben und auch keine Übersicht gewährt, keine der Figuren eingeführt. Jedes Segment formuliert seine Story "aus sich selbst heraus". Dass am Ende noch eine kleine, entlarvende Pointe kommt, war zu erwarten. Sie setzt dem Film das Sahnehäubchen auf, einem Film, der gut gespielt ist und sehr ordentlich ins Bild gesetzt wurde. THE GOOD NORTH erzählt eine der "kleinen" Geschichten des Alltags - die dafür um so schrecklicher ist. Dafür braucht Entwistle nur gute 7 Minuten. Im Oktober 2010 wurde er zum 54. Londoner Filmfestival des British Film Institute eingeladen. Ziemlich klasse.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Alexander Revisited - Final Cut (Oliver Stone, USA 2004/2007)


Oliver Stones Fantasie über das Leben und die Kreuzüge des Mazedonierkönigs Alexander des Großen habe ich mir in der 214 Minuten-Version angesehen. Neben der üblichen Probleme mit der historischen Faktenlage (Beispiel: Übergehen wichtiger Schlachten, Hervorhebung von Nebenfiguren, Konzentration auf den ödipalen Konflikt zur Vaterfigur), gesellen sich zu diesem Sandalenepos moderner Gattung (sprich: viel Blutmatsch) noch ganz andere, rein filmische Probleme.

So steht der Film ganz im Zeichen eines schwülstigen Pomp. Dies zeigt sich schon gleich zu Beginn in der Szene, in der Ptolemaios (Anthony Hopkins) in seinem von Zierpflanzen überwucherten Kakadu-Garten lustwandelt. Wie nebenbei erzählt er seinen drei Schreibern seine Version der Alexandergeschichte (welche später im großen Feuer der alexandrinischen Bibliothek verlorenging). Das ist also nun der Freifahrtschein für Stone, den Film nach seinem Gutdünken zu gestalten - was natürlich sein volles Recht ist. Bei einem Fantasy-Epos.

So reiht sich also pathetisches Geschwafel an Schlachtenszene, im Hintergrund bläst Vangelis in die Trompeten und über allem schwebt ein schlimmer psychologischer Vater-Sohn-Konflikt. Auf Dauer nervig ist diese ganze Söldnerthematik: das Einschwören der Truppen auf den Heldentod und das Blut und den Boden und den Stolz und die Ehre der Mazedonier.

Nervig und zugleich entlarvend ist der Fakt, wieviel Aufwand Stone betreiben muss, um die zerhackstückte Narration dem Zuschauer zu erklären. Ständig muss der Off-Erzähler bemüht werden, o.g. Rahmenerzähler Ptolemaios, oder durch Schrifteinblendungen der aktuelle Geschehenszeitraum erläutert werden, im Kriegsgetümmel welche Flanke jetzt wo gerade angreift. Zudem wird ständig zwischen den Ereinissen aus der Jugend Alexanders und der aktuellen Erzählzeit hin und hergehüpft, und der Zuschauer darf immer alles auf dem Zeitstrahl sortieren. Das ist sehr umständlich.

Die schauspielerische Leistung hält sich dabei auch in Grenzen: Herr Farrell übersteht den Film mit genau zwei Gesichtsausdrücken, mehr kann er scheint's nicht: Hundeblick (1) und hasserfülltes Schreien mit äh, anschließendem Hundeblick (2). Hat er tatsächlich Geld dafür bekommen? Und Frau Jolie darf kucken wie eine Raubkatze. Macht summa summarum: 1 Gesichtsausdruck. Hat auch sie Geld dafür bekommen?

Die zweite Hälfte des Filmes hat mir insgesamt besser gefallen, als die erste. Denn sie ist spannender. Nicht zu verstehen ist aber, weshalb hier solche Grausamkeiten aufgefahren werden und zugleich, da in diesem Film ALLES POMP ist, überhaupt keine Sexualität stattfindet. Vermutlich hielt man es schon für wagemutig, das Thema Homosexualität anzudeuten. Da hat Alexander drei Frauen und zwei Lustknaben und man sieht nichts.

Was aber wirklich schlimm sei, das ist die anale Vergewaltigung eines Jungen durch Philipp (bei einer Zecherei). Immer wieder wird dieses Bild kurz dazwischengeschnitten, vor allem dann, wenn es um die Erklärung des Mordes an Philipp geht. Klar: Rache. Das verstehen wir doch alle, das ist VIEL SCHLIMMER als die Vergewaltigung von Roxane, denn sie ist ja nur eine Frau und Alexander dann auch hörig am Ende. Hier geben sich Frauenfeindlichkeit und Homophobie ein Stelldichein.

Der Film schwingt sich dann zu höchsten Weihen empor - es ist beinah grotesk zwischen all dem hyperrealistischen Geschlachte auf den Kriegsschauplätzen des Friedensstifters - als der Befreier Alexander über sein frisch erobertes CGI-Babylon blickt mit Goldkrone im Haar und wallendem Gewand: da ist man mitten in einem Bild von Jeff Koons. Das ist lustig. ALEXANDER ist ein ziemlich mißratener Film, fürchte ich.

Dienstag, 4. Januar 2011

The 40 year-old virgin / Jungfrau (40), männlich, sucht... (Judd Apatow, USA 2005)


"Ich stand seinerzeit die 40-jährige Jungfrau ganz durch (buy it, watch it!)"
Whoknows' Best im Dezember 2010


Eigentlich sucht er ja gar nichts. Andy Stitzer (Steve Carell) hat sich eingerichtet in seinem kleinen Häuschen, das aus lauter Reminiszenzen an seine Jugend besteht: Pappkameraden aus Filmen, teuren Actionspielfiguren, die noch in Kartons verpackt sind, Videokonsole und seine daily routines. Doch seine Arbeitskollegen im Elektronikmarkt sehen das anders: die Jungfrau Andy soll endlich mal zum Schuß kommen, vielleicht auch nur, weil man ihn ein bißchen damit quälen kann...

Judd Apatow macht das sehr geschickt: seine wohl vornehmlich ans männliche Publikum gerichtete Komödie macht sich die bunte Welt der Medien und Popkultur-Nerds zunutze, die sich vor einem "Erwachsenwerden" sträuben und sich hervorragend in ihrer Berufsjugendlichkeit eingerichtet haben. Hier geht es immer nur um Mädels, Computerspiele, den nächsten Joint, die Sause am Wochenende. Und so kann man durchaus auch 40 Jahre alt werden und mehr oder weniger glücklich sein - und sind wir nicht alle selbst auch so noch ein bißchen? Ein Blog zu pflegen anstatt an die Rente zu denken?! Genau.

Apatow läßt sich, wie von funkhundd angesprochen, viel Zeit mit den Figuren. Das ist gut. Und er macht das nicht mit selbstquälerischen, grüblerischen Momenten und Flashbacks in die Vergangenheit, sondern -dem Film angemessen- durch o.g. fetischierte Objekte. Da wissen alle ähnlich gelagerten Nerds sofort: klar, kenn ich. Oder man kennt einen, der genauso ist; also: klar. Da braucht es auch keine großen Diskussionen (man ist ja in einer Teenie-Komödie für Erwachsene), da reichen der Prolltalk in der Disco und ein Grinsen im Marihuanarausch, um Dinge anzureißen, die man dann sofort versteht. Es wird also charakterisiert ohne zu charakterisieren. Durch Drücken der richtigen Knöpfchen.

Dass das System dieser nur quasihaften Vereinzelung und behaupteten Einsamkeit Andys dann durch eine Frau aufgebrochen wird, ist keine Überraschung. Und dass das, was auf ihn zukommt, nicht nur das Erste Mal ist, der Sex, um den es hier im Land der Pimmelwitze eigentlich geht, ebenso. Nein, es steht die Verantwortung eines erwachsenen Lebens vor der Tür, leibhaftig geworden durch Trish (Katherine Keener), denn diese Frau ist eine reife Frau, die bereits Kinder hat. Und da Andy eigentlich auch erwachsen ist, paßt das ja alles.

Let the sunshine in your heart, ist ja alles nicht so schlimm, auch der Film nicht: ist ja nur ein Märchen. Oder sowas. Ein wirklich netter, kuckbarer, aber auch sehr konsevativer Film, wie ich finde, der es allerdings schafft, ein gewisses anarchisches Befreiungspotential mitzuliefern. Etwa wenn Seth Rogen seine Wampe durchs Bild tanzen läßt. Hach!

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