Mittwoch, 30. März 2011

Das Schmuckstück / Potiche (François Ozon, Frankreich 2010)


Zur neuen Komödie von François Ozon mit Catherine Deneuve und Gérard Depardieu, die "total 70er" ist, habe ich eine Filmkritik geschrieben: Wenn sich der Nippes wehrt und aufbegehrt... Könnt ihr hier bei der Filmgazette nachlesen. Viel Spaß dabei.
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Montag, 28. März 2011

Aktion Deutscher Film

Das Drama um Benjamin Heisenbergs RÄUBER ist ja, dass sich den Film trotz Berlinale-Erfolg und sehr viel Werbung kaum einer im Kino angeschaut hat. Es gibt noch schlimmere Schicksale, aber hier schmerzt es vielleicht besonders, da der Film so gelungen ist. Woran liegt es, dass sich so wenige nur aufraffen konnten, diesen tollen Film anzuschauen? Nun ist er als DVD erhätlich und die Hoffnung ist die (Achtung Zynismus!), dass er, wenn er dann auf dem 10€-Ramschtisch landet, auch fleißig gekauft wird. Und bei Rudolf Thomes DAS ROTE ZIMMER freut man sich, wenn er in einschlägigen Programmkinos drei Wochen lang läuft. Wir scheinen ein Problem zu haben mit den Filmen des eigenen Landes, und ich glaube nicht, dass die Zuschauer allesamt hinter die Kulissen der Filmförderanstalten schauen und das komplexe System der Förderung zu analysieren bereit sind, welches von den engagierten Filmemachern generell als die Wurzel des Übels angesehen wird. Und den österreichischen Film nimmt man vor allem als Selbstverletzung wahr, als den Nestbeschmutzerfilm und freut sich an der dreisten schwarzen Komik. "Warum nur macht bei uns keiner solche Filme?", fragen sich viele. Die Antwort wäre: Warum machst DU den Film dann nicht?

Initiiert wurde die AKTION DEUTSCHER FILM vom Kollegen hinter den INTERGALAKTISCHEN FILMREISEN. Vielen Dank dafür. Das wird hier so ein Blogger-Zusammenschluss-Ding. Toll!

Hier einige Filme, die man sich meiner Meinung nach anschauen sollte/könnte, ganz egal woher sie kommen (ganz ohne Lieblings- und Ranking-Quatsch, das mag ich nicht):

DAS ROTE ZIMMER
DER RÄUBER
DIE REISE INS GLÜCK
DEADLOCK
DAS TOTENSCHIFF
BLIND HUSBANDS
GESPENSTER
CAPTAIN COSMOTIC
WESTEND
NORDSEE IST MORDSEE
CHARLES; MORT OU VIF

(alle Bilder entfernt wg. unklarere Rechtslage)

Ich hoffe, wir werden uns gegenseitig die Augen öffnen!

Sonntag, 27. März 2011

Kick-Ass (Matthew Vaughn, USA 2010)


KICK-ASS ist zwei Filme in einem: eine Superheldenkomödie und zugleich ein Teenager-Liebesdrama. Alle Genres, die sich in irgendwie nur streifen lassen wie die High-School- und Splatter-Komödie, das Coming-of-Age-Drama und die Mediensatire, umarmt der überhaupt nicht dumme Film ebenfalls. Kurzweil ist also angesagt, wenn sich das zurückhaltende Pupsgesicht Dave Lizewski dazu entschließt, nicht nur Superheld zu werden, sondern auch noch seine ultrahübsche Mitschülerin Lyndsy anzugraben (in die er schon lange heimlich verschossen ist, und die ihn naturgemäß keines Blickes würdigt).
Einmal angekommen im harten Straßenkampf gegen das Verbrechen macht sich allerdings mangelndes Training und Daves Schüchternheit negativ bemerkbar, sodaß er nach seinem ersten Tag im Kostüm erstmal ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Doch davon läßt er sich nicht unterkriegen!


In rasendem Tempo und erquicklichen Schauwerten wird weiter an der Loserballade gesponnen, die vor allem auch durch das tatsächlich stark gewaltaffine Team aus "Big Daddy" (Nicolas Cage) und seiner elfjährigen Tochter "Hit Girl" besteht, die in allerbester Splattermanier sich durch die Gegener metzeln. Die Probleme McNultys aus THE WIRE sind hier ad acta gelegt. Am Ende geht es dann gegen einen übermächtigen Gegner, dessen illegales Imperium genregerecht zu Kleinholz verarbeitet wird. Der Zuschauer sitzt mit einem Grinsen da und drückt Replay.

Dienstag, 15. März 2011

Lärm & Wut (Jean-Claude Brisseau, Frankreich 1988 )

Etwas ruhiger ist es auf meinen beiden Blogs in letzter Zeit gewesen. Das hat vielerlei Gründe: unter anderem stehen ein paar aushausige Veröffentlichungen an. Die Erste ist nun erschienen und die Sektkorken knallen!

Hier mein erster Text für die "Filmgazette": Last Exit Bidonville

Sonntag, 13. März 2011

Biutiful (Alejandro Gonzáles Inárritu, Mexiko/Spanien 2010)


Der Kleinkriminelle Uxbal bekommt von seinem Arzt die Diagnose, dass er unheilbar an Prostatakrebs erkrankt sei. Die letzten Wochen bis zu seinem bevorstehenden Tod gestalten sich dabei äußerst turbulent: nicht nur hat er sich um seine beiden Kinder zu kümmern, sondern es findet eine erneute Annäherung an seine Ex-Frau (die Mutter seiner Kinder) statt, die allerdings mit ihrer Schizophrenie zu kämpfen hat und in ihrer Panik vor dem Leben gewohnt ist, dieses vor die Wand zu fahren. Aber auch seine Profession betreffend überschlagen sich die Ereignisse: sein illegaler Händlerring von Straßenhändlern aus dem Senegal wird mit äußerster Brutalität von der Polizei zerschlagen, als diese beginnen, mit Heroin zu dealen, und die illegalen Chinesen, die in einer Raubkopiererfabrik schuften sollen plötzlich auf dem Bau arbeiten. Da will Uxbal ihre Situation etwas aufbessern und löst so ausgerechnet eine schreckliche Katastrophe aus...

BIUTUFUL ist Javier Bardem. Das soll die Leistungen der Nebendarsteller nicht schmälern, aber dieser Mann überstrahlt und trägt diesen ganzen langen Film auf seinen Schultern. Und das scheinbar mühelos. Dass dabei nicht alles koscher ist, dürfte schon alleine in der Anmassung der Plotpoints klar geworden sein. Der Mann rutscht so richtig in die Scheisse. Und da lebt er auch: Barcelona bei Nacht, die Nebenstraßen, Gassen und Einwandererviertel. Hier ist alles dunkel, gefährlich, extrem verarmt. Überall tropft es stilsicher von der Decke, die Farbe blättert ab, die Parties sind brüste- und drogengeschwängert, die Laterne leuchtet in neongelb mal aggressiv, mal sanft, ein jeder leidet und kämpft um seine Menschenwürde. Und obwohl Uxbal ein Gangster ist, so ist er doch der sympathischste dunkle Ritter, den man sich vorstellen kann.

BIUTIFUL gewinnt den Zuschauer mit seiner extrem auf den Affekt abzielenden Inszenierung. Und das gekonnt - selten fühlte ich mich in letzter Zeir derart durch den Wolf gedreht. Es ist ein subtile Taktik der Überrumpelung, deren eigentlich sehr simple Art vom Film zunächst verdeckt wird (etwa dadurch, dass man eben über die Gut-Böse-Koordinaten längere Zeit nicht ausreichend informiert ist). Uxbal ist also kineswegs eine gebrochene Figur, sondern ein sozial Benachteiligter, der innerhalb seines ökonomischen Szenarios, seines kriminellen Millieus ein echter Gutmensch ist. Der Film entwickelt das über seine verschiedenen Geschichten, sodaß auch diese Einseitigkeit zunächst nicht negativ auffällt, sondern erst in Retrospekt deutlich wird. Inarritu lädt hier einfach ein bißchen sehr viel auf den Schultern seines Protagonisten ab. Bis zum Kotzen in der Gasse, bis zum Pissen des Blutes, bis zur Szene mit der Windel, da er das Wasser nicht mehr halten kann.

Von seinen früheren Filmen unterscheidet sich BIUTIFUL vor allem darin, dass er streng chronologisch erzählt ist, und dass er hier weitestgehend auf das Knüpfen von Erzählfäden verzichtet. Zwar werden auch Nebenhandlungen erzählt, diese sind aber bei weitem nicht so ausgearbeitet, wie man das von ihm gewohnt ist. Das gesellschaftskritische Potential des Filmes - jenseits des individuellen Schicksals - ist dabei eindeutig die Armut, die daraus folgenden rücksichtslosen ausbeuterischen ökonomischen Verhältnisse und die illegale Migration. In BIUTIFUL bekommt man einen etwas anderen Eindruck von der zeitgenössischen katalanischen "Sagrada Familia".

Freitag, 11. März 2011

The Limits of Control (Jim Jarmusch, USA 2009)


Ein Mann auf dem Flughafen, er erhält einen Auftrag. Um was es geht, erfährt man nicht. Er sieht aus wie ein stummer Killer - ein eiskalter Engel. Melville, Bilder sagen mehr als Worte. Der Mann liest einen Zettel und verschluckt ihn. Daran knüpft sich eine Konsequenz, ein weiteres Verhalten. Bis zum nächsten Zettel. Dann trifft er jemanden. Neuer Zettel. Kaffee, schräge Typen, Spanien. Handlung folgt auf Handlung, keine Erklärung, Versuch der Entzifferung, Versuch der Sinnindung. Krimi, Noir, Geheimnis.

Jim Jarmusch war schon häufiger ein Mann der Auslassungen. Stumme Helden, eine sich erst im Filmverlauf andeutende Handlung, Ellipsen, Verknappungen, Bildermagie. "Arthouse" wird so etwas von den Kritisierenden geschimpft, Langeweile, Ödnis, Behauptungskino wird konstatiert. Kein Wunder also, dass in einem Film, der irgendwie so tut, als wäre er ein Thriller, die Wogen vor Entrüstung hochschlagen, wenn in ihm dann eigentlich weder "etwas Besonderes" passiert (was soll das eigentlich sein? - wohl die sensationelle Handlung mal wieder), noch etwas gesprochen wird (und wenn dann kryptisch), und sich alle Figuren wie ferngesteuert oder aus anderen Filmen importiert mirakulös verhalten. Es ist eben nicht die Handlungsebene, die hier im Zentrum steht.


Wenn man von Film auch erwarten darf, dass er sich einen Scheiss um den Zuschauer kümmert, dass er sich selbst ergeht in seinem Unterwegssein, dass er sich selbst ins Leben katapultiert durch seine Bilder, dann kann man hier einsteigen, mitreisen, Gemälde betrachten, staunen. Ein handlungsgesättigter Plot wäre eine Ablenkung vom Wesentlichen, vom Aufschließen der Welt über die Bilder. Christopher Doyle hat diese hier gemacht, und bis auf ein, zwei etwas manirierte Kompositionen mit Leuten im Winkel auf der Fluchtlinie entlang geschossen sind diese durchweg atemberaubend. Dass der Film so spannend ist, daran haben sie sicherlich nicht geringen Anteil. Der rote Faden (der in der Museo Nacional-Szene gezeigt wird), ja was ist der nur?
Eine starke Verkettung von Symbolen verrätselt den Film zusätzlich, und der schließlich am Ende absurde ausgeführte Mord verschließt sich dezidiert einer sinnstiftenden Erklärung oder inhaltlichen Einbindung. Der Film verweist folglich auf eine andere Ebene (jenseits der inhaltlichen), auf die er abzielt.


Wie in dem vorangestellten Rimbaudschen Gedicht bewegt sich der Protagonist als trunkenes Schiff durch die Realitäts- und Filmebenen, die in einem Netz aus Anspielungen, Zitaten und Diskursen kaum aufzulösen sind. Es sei denn man macht sich an die Fleißaufgabe. Doch damit geht man wohl an der Intention des Filmes, so er denn eine hat, vorbei. Er verweigert sich einer kausalen, auf's Inhaltliche abzielenden Sinnhaftigkeit, was vor allem - nochmals betont: durch den absurden Schluß eindrücklich ausgestellt wird. Hier kommt denn auch der Zuschauer an seine eigenen "Limits of Control." Für mich bedeutet das: Einsteigen, Mitfahren, Anregen lassen, Zuschauen. Klappe halten.

Dienstag, 1. März 2011

True Grit (Joel und Ethan Coen, USA 2010)


Der Eröffnungsfilm der Berlinale ist nun auch bei uns in den Kinos gelandet. Und wieder einmal dürfen wir den Coens dabei zuschauen, wie sie zu ihrem Gesamtwerk weitere Americana hinzufügen. Und obwohl der Film hinsichtlich des Plots einer klassischen Rachegeschichte gleicht - der Mord am Vater soll gerächt werden - finden sich doch ein paar wichtige Details, die aus dem Konventionellen das Besondere machen. Und aus dem Film einen Abgesang auf den mythischen Western-Helden. TRUE GRIT ist ein Spätwestern.

Die Besonderheit des Filmes liegt in zwei Dingen begründet: die Protagonistin ist ein junges Mädchen (1), die sich etwas naiv und etwas stur zugleich, äußerst eloquent mit der Waffe der Sprache (2) gegen die brummelnd verstockten, stets alkoholisierten und abgehalfterten Rauhbeine durchzusetzen weiß. Thema Sprache: Jeff Bridges ist auch in der deutschen Synchro, die ich sehen mußte, manchmal kaum zu verstehen. Der Mann brabbelt, nuschelt und brummt vor sich hin und in den Bart hinein (hier tragen alle Bärte!), dass man oft nur den Beginn eines Satzes versteht. Matt Damon wird einmal von den Banditen hinter dem Pferd hergeschleift, wobei ihm der Kiefer bricht und die Zunge halb abgerissen wird. Danach kann er erstmal nur noch stöhnen, später kann er sich nur mühsam lispelnd, zischelnd und hauchend artikulieren. Auch das ist natürlich immer wieder extrem doof-lustig, vor allem da er sowieso schon so eine Karikatur eines Revolvermannes ist. Dem gegenüber natürlich die Protagonistin Mattie Russ (Hailee Steinfeld - toll!), die sich mit klarer Sprache, präziser Argumentation und Durchsetzungskraft der Welt bemächtigt. Kurz gesagt: das kleine Mädchen sagt den Rauhbeinen, wo es langgeht.

Der Film ist selbstverständlich in tolle Bilder gekleidet und mit einem fantastisch zurückhaltenden Score gesegnet (Carter Burwell). Dass der Film auf diese Weise und trotz seiner gelegentlichen Härte dadurch natürlich sehr konsumierbar bleibt, muss man kaum erwähnen. Auch wenn das nicht immer hochglänzt, so ist doch alles stets "erlesen". Herausgefordert wird man durch solche Bildwelten nicht, sie laden zum Schwelgen, zur Kontenplation ein. Ein sehenswerter, spannender und teilweise sehr lustiger, manchmal bißchen bissiger Mainstreamfilm ist das geworden. Kann man sich definitiv anschauen.