Mittwoch, 20. April 2011

O.C. and Stiggs / Black Cats (Robert Altman, USA 1985)


Die beiden Teenager O.C. und Stiggs, dickste Kumpels im Hochofen Phoenix, haben die Langeweile satt und torpedieren ihre Umgebung mit ihren Späßen. Ganz besonders hat es ihnen der Versicherungbonze Schwab angetan, der in luxuriöser Villa mit seiner debilen Familie haust und die vor barockem Kitsch nur so strotzt. Außerdem hat der bourgeoise Spießer dem Opa O.C.s die Rentenversicherung aufgekündigt, sodaß ernsthaft etwas für den Alten getan werden muss. Rache, sowieso.

Altman liefert hier wieder ein Feuerwerk ab: der Dialoge, der verrückten Ideen, des Menschengewusels, und am besten: alles zugleich. Dass der Film weit weniger konsumierbarer ist als Nachbarproduktionen mit ähnlicher Stoßrichtung ist ihm am Box Office nicht gut bekommen. Der Film ist was für Erwachsene mit Sitzfleisch und Liebe fürs Groteske. Also: meilenweit von der herkömmlichen, goutierbaren Pennälerkomödie entfernt, die eben von allen so geliebt wird. Wie in jedem Film Altmans kommen auch die Demontage-Freaks auf ihre Kosten: es gibt viel zu entdecken, eben auch formal. Formulieren kann ich das noch nicht, ich fühle wie einer der Hummer auf dem Grill der Schwabs!

Montag, 18. April 2011

Jane Eyre - Die Waise von Lowood (Robert Stevenson, USA 1943)


Jeder liest ein Buch anders. Und wenn man es zweimal liest, dann ist es wieder ein anderes. Gewisse Menschen lesen Bücher mit einer bestimmten Absicht, etwa Drehbuchschreiber. Und wenn sich dann noch monomanische Schauspieler einmischen, dann kann die Sache sich recht weit vom Original entfernen. Wie das zu bewerten ist, darüber streiten sich Generationen von Filmwissenschaftsstudenten.

JANE EYRE beginnt mit Srategien der Authentifizierung: die Vorspanntitel stehen in einem dicken Buch, einem barocken Schmöker (hier hätte man sich schon denken können, dass etwas nicht stimmt (genauso wie beim melodramatischen Anhängsel im deutschen Filmtitel)). Jede Seite wird einzeln umgeblättert. Dann beginnt die Handlung mit einem Blick auf die erste Seite, ein Abschnitt des Textes im Scheinwerferlicht, ein Erzähler setzt ein und liest vor. Die ersten Worte des Romans...

Im weiteren Verlauf bekommen wir recht viel geboten was einem Märchen gleicht, oder einer Abenteuergeschichte, oder einer grusligen Grute-Nacht-Geschichte. Von Charlotte Bronte bekommen wir fast nichts zu sehen. In diesem Film ist alles bis zur absoluten Unterkomplexität zurückgestutzt, schabloniert, und in enge (Geister-)Bahnen gelenkt worden. Das wichtigste dabei: die Emotion, und auch: die Unterdrückung derselben. Das Team Stevenson/Welles reduziert den Roman auf seine Liebesgeschichte und packt überall den Gothic - Novel - Improver drüber, sodaß man sich bald wie in einem Vampirfilm fühlt. Dass es nicht Welles' Sache ist, zurückhaltend zu spielen, dürfte man wissen. Auch Joan Fontaine, die ihr Spiel wenigstens etwas nuancierter zu gestalten weiß, kann das Debakel nicht mehr retten. Und wenn man denkt, das wäre alles noch zu ertragen, dann hat man noch jemanden vergessen: Bernard Herrmann. Der erfindet wieder eine Walküre zum Film, dass einem die Haare zu Berge stehen.

Der Film wird allenthalben gelobt, dass sich die Balken biegen. Ob es die imdb ist oder der Tomatometer. Nun denn. Der Film ist ziemlich schlecht, da kann man noch so oft "klassisches Hollywood-Kino" sagen. Doch eine Einschränkung gibt es: er ist ein hervorragender Frühstücksfilm für einen Sonntagmorgen, wenn es gilt, einen Kater auszukurieren. Insofern hat das bei mir gepasst. Entschuldigung, Frau Bronte!

Mittwoch, 13. April 2011

René (Tobias Nölle, Schweiz 2007)

René ist ein einsamer Mensch, der in einem Hochhaus wohnt und die Existenz nur mit heruntergelassenen Rolläden erträgt. Zugleich sucht er Anschluss und menschlichen Kontakt, der ihm aber aufgrund seiner mittlerweile durchaus asozialen Aura verwehrt bleibt. Zum Beispiel nimmt er Tonbänder auf, die er dann an allen möglichen öffentlichen Orten platziert, damit sie gefunden werden - zum Beispiel auf öffentlichen Toiletten oder in fremden Briefkästen. Er spricht mittlerweile auch mit sich selbst, Sachen wie "Ich bin ein Schrei ohne Echo“. Dann mancht er sich auf die Suche nach dem weißen Land, das irgendwo im oder hinter dem Wald liegt. Der Film ist eine Reise Renés zu sich selbst.

RENÉ ist ein zweischneidiges Schwert. Durchaus schön photographiert mit stets ordentlich Nebel, nasser Wiese und Borke im Blick bildet er die emotionale Tristesse des Protagonisten im Filmbild ab. Leider hangelt sich der Film an allen möglichen Klischees entlang, die immer wieder allerdings durch durchaus originelle "schräge" Einfälle gebrochen werden. Das hält den Film zwar relativ spannend, provoziert aber auch ein Augenbrauenhochziehen und leichtes Stöhnen bei all denen, die genug haben von "schrägen Typen" im Kino (und die auch mittlerweile keine Lust mehr haben auf "schräges Kino aus Skandinavien" etwa). Nun hat man es hier mit einem Kurzfilm zu tun (29 min) und Nölle weiß seinen Film gut mit Plotpoints zu füllen - denn blasse Gefühligkeit kann man ihm sicher nicht vorwerfen. Macht der Mann mal einen Spielfilm, dann kann das sicher etwas werden - das sieht man. Die Gefahr allerdings dürfte diejenige sein, einen weiteren achso "schrägen", dabei liebenswerten Sonntagnachmittags-Keksknabberfilm zu sehen, der einem mit dicken Strümpfen und Fleecedecke bewaffnet, nicht anders als gefallen kann. Und allen anderen auch, die auf "schrägen" Arthouse stehen.

Der Film gewann auch Preise, nämlich: Gewinner des "Schweizer Wettbewerb" beim Filmfestival Locarno 2007 und Gewinner "Hauptpreis des Internationalen Wettbewerbs" bei den Kurzfilmtagen Winterthur 2007. Momentan kann man ihn online bei Mubi sehen, bei deren Kooperation mit dem LIBERTAS Film Festival in Dubrovnik.

Montag, 11. April 2011

Winter's Bone (Debra Granik, USA 2010)


Auf der 17jährigen Ree lastet ein Berg der Verantwortung: die Mutter mental zerrüttet, der Vater ein krimineller Crystal Meth-Koch, der die Familie im Stich gelassen hat, und dann noch die beiden jungen Geschwister, um die sich Ree kümmern muss. Schauplatz sind die Ozarc-Mountains in Arkansas, ein gottverlassener Landstrich, in dem jeder Tarnkleidung trägt, auf die Jagd geht und mit dem Überleben ringt. Als Rees Vater das Haus der Familie verpfändet um seine Kaution bezahlen zu können, sieht Ree die Existenzgrundlage der Familie gefährdet. So macht sie sich nach ihm auf die Suche, und stößt dabei auf gefährliche Entdeckungen...

Zunächst: Der Sundance-Gewinner ist ein Film jenseits aller geschmäcklerischen und arthousigen Wohlfühl-Problemfilmigkeit - auch wenn das oft behauptet wird. Was aber durchaus kritisiert werden kann ist ein Hang zu einem tendenziösen Realismus, der eben nur so tut, als wäre er "nah dran an der Realität". Denn hier herrscht immer schlechtes Wetter (wie bei Skandinavien-Krimis), es ist saukalt, und Hoffnung gibt es keine. Dann fängt es an zu regnen. Es wird einfach ein bißchen viel auf Ree (Jennifer Lawrence) abgeladen, soviel, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Auch die nähere Verwandschaft ist ruppig, stark tätowiert und stets gewaltbereit. Jedoch mutiert Onkel Teardrop (hervorragend: John Hawkes) vom Wife-Beater zum Unterstützer und Rächer der gerechten Sache. Gut so, sonst wäre das Schicksal kaum auszuhalten. Da findet der Film eine Balance.
Gegen Ende wird es etwas verhuscht und unnötig grausam (Leichenszene), hier geht dem Film, der bislang eher das soziale Gefüge portraitierte, etwas der Krimiplot durch (wie man liest: "Country Noir"). Interessant allerdings, wie sich die Gemeinschaft der Frauen gegen die Männer erhebt. Überhaupt ist WINTER'S BONE ein Film seiner Frauen. Ein sehenswerter Film, dem eine zu hohe Erwartungshaltung schadet - wie eigentlich jedem Film.

Samstag, 9. April 2011

Willkommen bei den Rileys (Jake Scott, USA/Großbritannien 2010)

Ein kleines Versprechen auf Zukunft

Seit vor Jahren die Tochter der Rileys bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, ist auch das Leben der Eltern, von Doug (James Gandolfini) und seiner Frau Loïs (Melissa Leo), völlig aus den Bahnen geraten. Auch wenn nach außen eine perfekte Fassade gewahrt wird, so geht es im Kern nur darum, irgendwie mit dem schrecklichen Verlust zurechtzukommen. Doug, erfolgreicher Kleinunternehmer, stürzt sich in die Arbeit und heult nachts heimlich in der Garage. Loïs allerdings hat alle Kontakte mit der Außenwelt abgebrochen: sie hat seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen und sich nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von ihrem Mann ganz in sich selbst zurückgezogen. Da kommt dem frustrierten Doug ein Kongress in New Orleans gerade recht. Doch auch fremd unter den Kollegen, zieht er nachts alleine los und macht in einer Rotlichtbar die Bekanntschaft der kindlichen Ausreißerin und Stripperin Mallory (Kristen Stewart). Diese erinnert Doug an die eigene Tochter, und so beginnt er nach mehreren Treffen ein väterliches Verhältnis zu ihr aufzubauen. Seiner Frau erklärt er in knappen Worten am Telefon, er könne nun nicht mehr nach Hause zurück kommen und bleibe in New Orleans.

Eine Lebenskrise, die kein Ende nehmen will: Dieser Independent-Film (produziert von Jake Scotts Vater Ridley und dessen Bruder Tony Scott) beginnt reichlich aussichtslos...

...mehr zum Film bei der Filmgazette.

Freitag, 8. April 2011

Icarus (Dolph Lundgren, USA 2010)


Der ehemaliger KGB-Agent Icarus (Dolph Lundgren) nutzt den Zusammenbruch der Sowjetunion um unterzutauchen und in die USA zu emigrieren, wo er unter dem Namen Edward Genn ein neues Leben beginnt: Familie, Haus, Kind. Doch zwingen ihn alte Seilschaften dazu, als Undercover-Killer für die russische Mafia zu arbeiten, wodurch seine Ehe zerbricht. Bei einem der Aufträge gerät er jedoch erneut in den Radar des Geheimdienstes - und nun soll er selbst getötet werden.

In ICARUS schlüpft in eine gänzlich andere Rolle, als die er in COMMAND PERFORMANCE inne hatte. Nun im Anzug, distinguiert. Knallhart, tötet ohne zu zögern, doch mit Herz und Sehnsucht nach einer Familie. Lundgren, der um Souveränität kämpfende Mann. Der Actionheld begeht hier einen unmöglichen Spagat zwischen bürgerlichem Familienleben und seiner "Bestimmung", die prinzipiell asozial ist. Zugleich Familienvater und Killer zu sein ist ein unlösbarer Konflikt, das scheint nicht möglich, auch hier nicht. Die Folge zunächst: der Ruin seiner Ehe.

Der Film mäandert bisweilen etwas unstrukturiert wirkend und verschlungen durch seine eigentlich simple Handlung, die lediglich durch die Aufdeckung der in der Vergangenheit liegenden Ereignisse Zug bekommt. Und diese sind bedeutend für den Film: derjenige, den er damals gegen den Befehl des Vorgesetzten am Leben ließ, kommt nun zurück in sein Leben als der Feind. Schicksal und Bestimmung.

Der Film ist bisweilen wieder sehr hart geraten. Aber die Kämpfe sind nicht immer plausibel, da gibt es Ablaufprobleme und Bluffs mit dem Bildausschnitt. In diesem Film scheinen mir die ruhigen Momente der Selbstfindung, von denen es einige gibt, gelungener, als die Actionszenen. Die Tragödie des Killers ist die, dass er seiner Profession besser nachgehen kann, als den Ansprüchen zu genügen, die an ihn als Familienvater gestellt werden. Wenn zu dieser Prüfung, die den Mann zerreißen wird, auch noch die Vergangenheit zurückkommt, dann geht es um alles.

Mittwoch, 6. April 2011

Die beispiellose Verteidigung der Festung Deutschkreutz (Werner Herzog, D 1967)


Die Festung Deutschkreutz, ein ehemaliges Gutsschloß inmitten von Feldern, rottet seit Jahren verlassen vor sich hin. Der Krieg ist lange vorbei. Doch vier Kameraden steigen eines Tages ein, finden übriggebliebene Waffen, Helme, Uniformen. Man kleidet sich ein und spielt ein bißchen Belagerungszustand: der Feind steht vor den Toren. Das MG wird positioniert, der Ton untereinander rauher; ein Abtrünniger, der keine Lust mehr hat, wird gefesselt und in einer Schubkarre abgeführt. Die Lage ist ernst.


Dialoge gibt es keine, der Erzähler ist ein Voice-over-Narrator, einer der "Soldaten". Der kommentiert das Geschehen und hangelt sich von Redewendung zu Redewendung, keine Platitüde ist zu abgegriffen, um zu einem banalen Spruch zu werden. Allgemeinplätze und Worthülsen reihen sich aneinander. Denn dort, wo es Verteidiger gäbe, müsse es auch Angreifer geben, so der paranoide Umkehrschluss des Erzählers. Und es dauert nicht lange, bis arbeitende Bauern auf dem Feld oder vorbeifahrende Traktoren als der heranrückende Feind samt Kriegsgerät identifiziert werden. Als partout keiner die Festung angreifen will, stürmen die Herren in voller Montur durch das Tor, hinein in ihren Krieg: denn jeder habe "das Recht auf einen eigenen Krieg".

Herzog demontiert exemplarisch die Rollenbilder des chauvinistischen Mannes, des "mythischen Kriegers". Er zeigt, wie schnell aus einer hypothetischen Situation ein virtueller "Stolz" abgeleitet und verinnerlicht wird, der schließlich tatsächlich zu Hierarchien, zur Aneignung von Verhaltensformen führt, die als authentisch begriffen werden. Dass am Ursprung eine Farce stand, interessiert in diesem Rollenspiel, das ja eigentlich nur eine Simulation ist, bald keinen mehr. Und tatsächlich steigt die Spannung, der Druck. Man fühlt, hier ist alles möglich. Ein ganz vorzüglicher Anti-Kriegsfilm, ganz ohne Krieg.

Dienstag, 5. April 2011

Die Atlantikschwimmer (Herbert Achternbusch, D 1975)


Als das Kaufhaus Mix-Wix einen hochdotierten Preis für eine Atlantiküberquerung ausschreibt, sehen zwei lebensmüde und in Geldnot geratene Freunde eine Aufgabe vor sich. Also bringt Herbert (Achternbusch) seinem Freund, dem Briefträger Heinz (Braun) das Schwimmen bei und sie trainieren im Walchensee. Sie treffen sich oft im Gasthof zum Würmbad, eine typisch bairische, zum Abriss freigegebene Bierschenke. Die beiden saufen mit Leidenschaft ("Famile und Beruf - beides führt zum Suff!"). Dort müssen sie sich aber auch mit dem erzkonservativen Stammtischpublikum abmühen, das ihnnen nicht immer wohl gesonnen ist. Anschließend überlegt Heinz, ob er nicht doch in eine Geschäftsidee investieren soll, in der man Gedichte auf Klopapier druckt; derzeit führt Herberts Identifikation mit der eigenen verstorbenen Mutter dazu, dass er überall in Frauenkleidern herumrennt. Motto des Filmes, am Anfang wie am Ende wiederholt: "Du hast keine Chance, also nutze sie!"

Achternbusch verklausuliert einmal mehr bis in die Humoreske und Groteske hinein die Situation des Künstlers in Deutschland in den Siebzigerjahren. Die stilistischen Mittel, vor allem in Form der gestelzten, unnatürlichen Dialoge, lassen sich auch hier durchweg vorfinden. So trifft schlimmstes Theatersprech auf ein urbairisches, kaum zu verstehendes faschistisches Grunzen, und da wird dem Künstler schon auch mal die Flinte ins Gesicht gehalten. In manchen Szenen hat der Film auch starke Momente einer Performance, etwas wenn Heinz eine Theateraufführung improvisiert im mit Taubenkot bedeckten, verrottenden Anbau des Gasthofes, einem alten Ballsaal. Margarethe von Trotta hat einen Gastauftritt als Schwimmlehrerin. Einmal mehr also eine Geschichte vom kunstfeindlichen Deutschland, das mit seiner muffigen Traditionshuberei und ordentlich Biergenuß jedes kritische Bewußtsein kleinzukriegen weiß.

Montag, 4. April 2011

Der siebente Kontinent (Michael Haneke, Österreich 1989)


Hanekes erste Spielfilmarbeit ist ein deutlich an Robert Bressons Bildsprache angelehntes Metakonstrukt. Es geht Haneke nicht darum, was gezeigt wird, sondern wie etwas gezeigt wird. Und vor allem: auf was dieses "wie" verweist.

In DER SIEBENTE KONTINENT begehrt eine Familie aus dem belanglos gewordenen Alltag des immergleichen Rhythmus auszusteigen: das Sehnsuchtsziel Australien wird als Utopia formuliert. Die Jobs werden gekündigt, das Haus zerlegt, dann legt man sich mit der Tochter auf das Bett, nimmt Tabletten und "reist" eben dorthin zu diesem ideellen Ziel.

Haneke greift ein damals aktuelles Ereignis auf (den kollektiven Suizid der Familie) und gibt eine filmische Antwort auf die Beweggründe. Das ist auch alles komplett in Form übersetzt: man sieht die immergleichen Türklinken, die gedrückt werden, das Befüllen der Kaffemaschine jeden Morgen, das Öffnen des Garagentors usw. Immer im extremen Close-Up. Die Gesichter des Filmes, und somit die Figuren, betreten erst später den Film, wenn die funktionalen Wiederholungen der Gesten überdeutlich geworden sind. Das ganze Leben hat sich in dieser Familie, ein pars pro toto unserer Gesellschaft freilich, automatisiert, entsinnlicht, ist schlicht unmenschlich geworden in seiner „Vergletscherung der Gefühle der postindustriellen Konsumgesellschaft“ (Haneke). Weder gibt es emotionalen noch intellektuellen Austausch. Einzig die Tochter begehrt immer wieder auf, wird zum Störenfried. Zumeist wird dann mit Gewalt reagiert.

Der Film lief bei den Filmfestspielen von Cannes und gewann in Locarno den Bronzenen Leoparden (1989). Gutes, völlig entsinnlichtes formales Funktionskino. Alle Menschlichkeit findet in den Augen der Tochter statt.

Freitag, 1. April 2011

Command Performance (Dolph Lundgren, USA 2009)


Nach Sidney J. Furies tollem DIRECT ACTION, in dem Lundgren den altgewordenen Polizisten Frank Gannon spielte, einen Experten der Spezialeinheit der LAPD, schien der Weg frei zu sein für Lundgrens überragende Regiearbeit THE MECHANIK (2005). Gedreht unter anderem in Rumänien, weiß der Film durch den Einsatz der Handkamera, durch eine trockene brutale Härte und eine Inszenierung, die sich am Schmutz, am Matsch, dem gefrorenen Eis eines vergessenen Provinzdorfes orientiert, zu überzeugen - und das, ohne ständig zu superlativieren oder zu überhöhen. Ein Inszenierung, die die Motive des Actionkinos der 80er übernimmt und in neue Kontexte setzt, vor allem auch visuell. Die Explosion ist hier nicht das Augenmerk der Regie. Mit diesem Film hatte er sich das Prädikat "Auteur des Männerfilms" verdient.
Und auch mit THE DEFENDER (2004) wußte er schon zu zeigen, wo es zukünftig weitergehen wird - auch wenn hier noch das große staatspolitische Szenario bemüht werden mußte. Der Rockerfilm MISSIONARY MAN (2007), der zugleich ein Neo-Western ist, hat hingegen voll überzeugt: geradlinig, karg, ein schnörkelloser Männerfilm.

Nun also COMMAND PERFORMANCE, wieder in den Osten hinein: bei einem Solidaritätskonzert gegen die Armut im Lande, wird der russische Staatspräsident samt seinen Töchtern von Terroristen gekidnappt. Dolph Lundgren spielt Joe, den Drummer einer Rockband, die als Vorgruppe für den Mainact "Venus", ein R&B-Sternchen, auftritt. Nachdem die Terroristen ein Massaker im Publikum anrichten um die Glaubwürdigkeit ihrer Position zu unterstreichen, liegt es nun an Joe, der sich zufällig für einen Spliff verabsentiert hatte, die Sache geradezubiegen. Dass der Mann nicht nur an den Drum-Sticks sondern auch im Faustkampf erfahren ist, ist dem Vorhaben äußerst dienlich.

COMMAND PERFORMANCE ist kein großer Film geworden. Vor allem die Lundgrensche Selbstinszenierung nervt gewaltig: ja, er sieht gut, er ist sympathisch, er hat einen tollen Waschbrettbauch. Dennoch lernen wir seinen Körper sehr gut kennen, bevor es überhaupt richtig los geht. Und auch Venus, für die Joe nur ein müdes Lächeln übrig hat, kann kaum mehr an sich halten, als sie ihn oben ohne, nur mit Schweißperlen bedeckt, im Scheinwerfergegenlicht erblickt. Schöne Szene, als sie sich Backstage mit ihrem Manager streitet und diesen anschnauzt (während sie zugleich Lundgren erblickt): "I'm getting screwed by your fucked-up tactics..." und dann genau bei "getting screwed" sekundenkurz auf Lundgren umgeschnitten wird.

In seiner Einer-gegen-Alle-Mentalität erinnert der Film allerdings sehr an STIRB LANGSAM, in dem sich Bruce Willis schon in einem ganz ähnlichen, räumlich sekludierten Szenario befand.
Die Actionaspekte aber überzeugen auf ganzer Linie: schnell ist der Film (aber ohne epileptisches Schnittgewitter), sehr hart bisweilen, und gut rhythmisiert. Die Konzertszenen sind sogar exzellent und wissen mitzureißen. Erst der formelhafte Abspann, nachdem der Held dann doch in die Limousine des knackigen Schmiegehäschens Venus gestiegen ist, mißfällt wieder. COMMAND PERFORMANCE ist ein ordentlicher Knaller für Zwischendurch, wenn es mal weniger aufdringlich als Hollywood sein soll. Die künstlerischen Aspekte aber verschwinden hinter einer Oberfläche des glatten Perfektionismus.