Montag, 18. April 2011

Jane Eyre - Die Waise von Lowood (Robert Stevenson, USA 1943)


Jeder liest ein Buch anders. Und wenn man es zweimal liest, dann ist es wieder ein anderes. Gewisse Menschen lesen Bücher mit einer bestimmten Absicht, etwa Drehbuchschreiber. Und wenn sich dann noch monomanische Schauspieler einmischen, dann kann die Sache sich recht weit vom Original entfernen. Wie das zu bewerten ist, darüber streiten sich Generationen von Filmwissenschaftsstudenten.

JANE EYRE beginnt mit Srategien der Authentifizierung: die Vorspanntitel stehen in einem dicken Buch, einem barocken Schmöker (hier hätte man sich schon denken können, dass etwas nicht stimmt (genauso wie beim melodramatischen Anhängsel im deutschen Filmtitel)). Jede Seite wird einzeln umgeblättert. Dann beginnt die Handlung mit einem Blick auf die erste Seite, ein Abschnitt des Textes im Scheinwerferlicht, ein Erzähler setzt ein und liest vor. Die ersten Worte des Romans...

Im weiteren Verlauf bekommen wir recht viel geboten was einem Märchen gleicht, oder einer Abenteuergeschichte, oder einer grusligen Grute-Nacht-Geschichte. Von Charlotte Bronte bekommen wir fast nichts zu sehen. In diesem Film ist alles bis zur absoluten Unterkomplexität zurückgestutzt, schabloniert, und in enge (Geister-)Bahnen gelenkt worden. Das wichtigste dabei: die Emotion, und auch: die Unterdrückung derselben. Das Team Stevenson/Welles reduziert den Roman auf seine Liebesgeschichte und packt überall den Gothic - Novel - Improver drüber, sodaß man sich bald wie in einem Vampirfilm fühlt. Dass es nicht Welles' Sache ist, zurückhaltend zu spielen, dürfte man wissen. Auch Joan Fontaine, die ihr Spiel wenigstens etwas nuancierter zu gestalten weiß, kann das Debakel nicht mehr retten. Und wenn man denkt, das wäre alles noch zu ertragen, dann hat man noch jemanden vergessen: Bernard Herrmann. Der erfindet wieder eine Walküre zum Film, dass einem die Haare zu Berge stehen.

Der Film wird allenthalben gelobt, dass sich die Balken biegen. Ob es die imdb ist oder der Tomatometer. Nun denn. Der Film ist ziemlich schlecht, da kann man noch so oft "klassisches Hollywood-Kino" sagen. Doch eine Einschränkung gibt es: er ist ein hervorragender Frühstücksfilm für einen Sonntagmorgen, wenn es gilt, einen Kater auszukurieren. Insofern hat das bei mir gepasst. Entschuldigung, Frau Bronte!