Donnerstag, 30. Juni 2011

Schnappschüsse, Pt. 5



DIE FRAU DIE SINGT / INCENDIES (Kanada 2010) von Denis POLYTECHNIQUE Villeneuve ist eine zunächst bildmächtige Reise in ein ungenanntes Land des Nahen Ostens (wohl der Libanon). Vor einem religiös-politisch komplexen Hintergrund entfaltet sich eine verschüttete Familiengeschichte in Form einer Kriminalgeschichte, die sich allerdings zusehends verzettelt und gegen Ende durch mehrere Erklärbäre sogar ärgerlich wird. Sollte man sich entweder im Kino oder mit dem Beamer anschauen, vor allem, wenn man auf Roger Ebert steht: der empfiehlt den Film ausdrücklich.


Dann, Naher Osten Pt.2: SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN (OT: Lakposhtha parvaz mikonand (Irak, Iran, Frankreich 2004; Regisseur: Bahman Ghobadi). Ein kurdisches Flüchtlingscamp an der iranisch-türkischen Grenze: eine Gruppe von Kindern, die meisten bereits verstümmelt, verdienen sich ein paar Dinare mit dem Ausheben von Sprengfallen, die sie dann auf dem Schwarzmarkt verkaufen. In einem parallelen Erzählstrang wird der Überlebenskampf eines etwa 12jährigen Geschwisterpaares dargestellt, deren Eltern von Milizen ermordet wurden, bevor sie das Mädchen vergewaltigten. Ihr daraus hervorgegangener Sohn wird von der Mutter abgelehnt und mehrfach versucht sie ihn loszuwerden.

Weltkino mit Auftrag, Antikriegsfilm. Dennoch sehr faszinierend, da der Film sehr humorvoll beginnt, und erst in seinem weiteren Verlauf den Horror des Überlebenskampfs in den Blick nimmt. Dann aber kommt es so dermaßen schrecklich, dass man sich in unserem 1.-Welt-Ghetto nur schämen kann. Bis auf ein paar wenige Szenen, in denen die Aussage zu sehr forciert wird, ist SCHILDKRÖTEN KÖNNEN FLIEGEN ein absolut fantastischer, vollkommen niederschmetternder Film.


Und nochmal: ZEIT DES ZORNS / SHEKARCHI (Iran, 2010) von Rafi Pitts (Regie, Hauptdarsteller) spielt in Iran, genauer: Teheran. Ein ehemals im Gefängnis Inhaftierter versucht wieder Fuss zu fassen, und bekommt lediglich eine Nachtschicht in einer Fabrik. Nun sieht er Frau und Tochter so gut wie überhaupt nicht mehr. Eines Tags verschwinden beide, bis er mitgeteilt bekommt, sie seien bei einer Demonstration erschossen worden...

ZEIT DES ZORNS ist ein hervorragender Großstadtfilm, der sich sehr am amerikanischen Autorenkino orientiert. Teheran wird hier als völlig unpersönlicher Moloch dargestellt, der von mehrspurigen Stadtautobahnen durchpflügt wird. Stets herrscht hier ein enormer Lärmpegel, der alles in Anonymität versinken lässt und an den Nerven zerrt. Besonders schön ist, dass der Film ein sehr offener ist, einer der über seinen tiefgründigen motivischen Verflechtungen Raum für Interpretationen lässt und den Zuschauer niemals bevormundet. Fantastisch gefilmt und beeindruckend gespielt.

Sonntag, 26. Juni 2011

Die Meute / La Meute (Franck Richard, Belgien/Frankreich 2010)


Der harte französische Horrorfilm hat in den letzten Jahren einige beachtliche Werke hervorgebracht. Mit LA MEUTE, der noch beim Fantasy Film Fest lief, hat er allerdings so ziemlich seinen Tiefpunkt erreicht. Für die Filmgazette habe ich mir den Film angesehen - und pflichtbewußt zu Ende geschaut. Aber es wurde immer schlimmer...

Freitag, 17. Juni 2011

Kaboom (Gregg Araki, USA/Frankreich 2010)


Gregg Araki, einer der Urväter des New Queer Cinemas, hat nach seinem vielbeachteten MYSTERIOUS SKIN einen neuen Film gemacht, der ein bißchen wie ein Nachklapp zu seiner Teenage Apocalypse Trilogy aus den 90ern anmutet. Die Kritik findet ihr hier bei der Filmgazette. Der Film lief schon mal beim Fantasy Film Fest und ist nun mit leider sehr wenigen Kopien und etlicher Verspätung in den Kinos regulär angelaufen.

Donnerstag, 16. Juni 2011

9 Leben (Maria Speth, Deutschland 2010)

Nochmal Kino, Dokfilmfest. Maria Speth portraitiert 9 Jugendliche, hauptsächlich Mädchen/Frauen, die sich sehr früh in ihrer Kindheit der häuslichen Gewalt entzogen haben, um auf der Straße zu leben. Die meisten der ProtagonistInnen hat es nach Berlin verschlagen, in die Punker- und Hausbesetzerszene und zum Bahnhof Zoo. Dort folgte dann der Drogen- und Alkoholmissbrauch - aber eben auch eine Gemeinschaft, die sie aufnahm, und in der sie sich, bis zum Zeitpunkt des Films jedenfalls, stärker zu Hause fühlen, als bei den leiblichen Eltern.


Das Besondere an Speths Film ist, dass er ein Interview-Film ist, der sich komplett im Studio abspielt. Sie sitzen perfekt ausgeleuchtet auf einem Stuhl vor einer weißen Leinwand und erzählen sehr freimütig und enorm reflektiert von ihrem Lebensweg, von Verwundungen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Die einzigen Musikeinspielungen kommmen von ihnen selbst: eine spielt wundervoll Cello, zwei Jungs haben eine Straßenband mit der sie Django Reinhard huldigen und Traditionelles aus dem Kosovo spielen. Die Figuren werden also aus ihren Lebensverhältnissen und dem Milieu herausgelöst, wodurch natürlich jede Erwartung auf sensationalistische Bilder der Lebensumstände unterlaufen wird. Dadurch wird der Film zugleich sehr artifiziell und authentisch, da die Kamera teilweise sehr dicht an die Personen heranrückt. Überhaupt findet der Film tolle Bilder: Kameramann ist Reinhold Vorschneider (Rudolf Thome, Angela Schanelec, Thomas Arslan). Auch die Montage kann immer wieder mit überzeugenden Ideen aufwarten. Lediglich gegen Ende gerät er etwas ins Stocken und verliert manchmal den Fokus. Hier hätte man vielleicht 10 Minuten früher Schluss machen können.

9 LEBEN lief ja erst kürzlich im regulär im Kino, wenn auch in wenigen Programmhäusern. Dass trotzdem so wenig los war, liegt sicherlich nicht daran, dass die Massen an Filmkunstliebhabern den Film schon gesehen haben. Wohl eher am Desinteresse der Elterngeneration, die halt lieber in VILLA AMALIA gehen, als sich die eigene fortgelaufene Tochter auf der Leinwand anzukucken. Nun denn, von mir eine klare Empfehlung.

Dienstag, 14. Juni 2011

Schnappschüsse, Pt. 4

Schon wieder im Kino gewesen, diesmal bei einer Veranstaltung der Dokumentarfilmreihe "Blickwinkel", die hier eine Woche lang in Rex und Filmbühne gezeigt wird. Zu sehen gab es ICH KOCH von Bettina Timm (D, 2010):


Der bislang nur auf wenigen, kleineren Festivals gezeigte Film portraitiert die Fährnisse zweier Jungköche, die im ersten Lehrjahr stecken. Das Besondere: der eine arbeitet in einem Münchner Brauhaus, dem Ratskeller, mit bis zu 3000 Gästen am Tag, der andere auf dem Land in einem Sternelokal. Der Reiz besteht im Kontrast der beiden Erfahrungswelten, jedoch ist der Film sehr unstrukturiert, Personen werden eingeführt, die dann nicht weiter berücksichtigt werden, und alles scheint auch etwas ziellos. Dann ist der Film vorbei. Am besten ist die Eröffnungseinstellung, in der auf ekligste Weise Rotkohl zusammengepatscht wird. Später sieht der Film dann leider wie eine Fernsehproduktion aus. Gefördert hat denn auch das bairische Fernsehen.

EIN PROPHET von Jacques Audiard (Fr, 2009) ist ein hartes Gefängnisdrama, das nicht nur durch eine hochspannend erzählte Geschichte, sondern vor allem durch seinen großartigen Hauptdarsteller (Tahar Rahim) überzeugt. Ein Kleinkrimineller kommt in den Knast, kämpft sich durch und macht Karriere. Unprätentiös, ohne Machoallüren, ein sehr schöner Film.


Auch auf Blu-ray gesehen und hier vor allem im restaurierten Bildern geschwelgt habe ich in Michael Powell und Emeric Pressburgers britischem Drama


Der Plot um die Nonnen, die in einem Bergdorf im Himalaya eine Schule samt Hospital einzurichten versuchen, dürfte hinlänglich bekannt sein; ebenso der Status des Films in der Filmgeschichte. Wenn das Lexikon der Internationalen Films über DIE SCHWARZE NARZISSE von einem packenden Drama mit beeindruckender Farbdramaturgie schreibt, dann will ich da nicht widersprechen.


Diesen Film von Robert Altman habe ich mir in den letzten Wochen zwei Mal angeschaut, um ihn einigermaßen zu fassen zu kriegen. Toll, wie im GINGERBREAD MAN (USA 1998) alles miteinander verwoben ist und auch die Natur noch so passend mitspielt mit ihrem Tornado. Branagh spielt den Anwalt in Trouble sehr souverän - ein Mann, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er sich mit einer Kellnerin einlässt. Deren verwirrter Vater (Robert GOTT Duvall) terrorisiert aber das arme Ding und nun rückt auch der Anwalt ins Visir des Psychos. Im Kino floppte der Film gewaltig und Jonathan Rosenbaum hat er auch nicht gefallen. Kein typischer Altman (obwohl man ihn in seinen Erdfarben wieder erkennt, oder in den Szenen in der Anwaltskanzlei), aber als reißerische Abwechslung im Ouevre sehr interessant, dunkel, düster, verregnet.

Sonntag, 12. Juni 2011

The Burning Plain / Auf brennender Erde (Guillermo Arriaga, USA 2008)


Arriaga dürfte den meisten als Drehbuchautor für die sehr populären Filme Alejandro Gonzales Inarritus bekannt sein: AMORES PERROS, 21 GRAMS, BABEL. Oder auch für Tommy Lee Jones' tollen DIE DREI BEGRÄBNISSE DES MELQUIADES ESTRADA. Hier nun führt er erstmals selbst Regie, und wer das nicht gewußt hätte, der hätte es wohl erraten müssen. Denn THE BURNING PLAIN funktioniert wie ein Inarritu-Film. Zwei Erzählstränge werden parallel erzählt, zudem werden jeweils Rückblenden eingefügt. Die Pointe letztlich ist aber, dass einer der Stränge die Ereignisse in der Vergangenheit des Plots abbildet, der andere die Gegenwart. Es sind also nicht wirklich parallel ablaufende Erzählungen, sondern es ist eine einzige, die kunstvoll verdrechselt wurde. Eine künstlich hergestellte Verrätselung dank der Montage.

Zum anderen werden zwei verschiedene Welten dargestellt: einmal Ereignisse in Mexiko, einmal in den USA. Wer nun an TRAFFIC denkt, liegt richtig, denn auch bildgestalterisch wird hier dreist kopiert. Die Mexiko-Episoden sind in honiggelbes Licht getaucht, die amerikanischen in kaltes Stahlblau (zum Thema bitte mal Todd Miros feine Ausführungen zum Farbeinsatz anschauen: HOLLYWOOD PLEASE STOP THE MADNESS). Leider schlagen auch einige Spannungsabbrüche negativ zu Buche, sowie etliche künstliche Dialogzeilen und überforcierte Darstellungen psychischer Wunden. Die schauspielerische Leistung halte ich über weite Strecken für OK, wenn auch für durchschnittlich.

Fulminant ist aber der Eröffnungs-Shot, in dem die Kamera auf Kniehöhe über die goldene Wüste schießt, über Buschwerk hinweg auf einen Trailer, der von zwei imposanten Höhenrücken gerahmt wird. Und dann explodiert das Ding. Das ist edles Arthouse-Kino.

Wenn man also von derart montierten Filmen noch nicht genug hat, dann kann man sich den Film durchaus anschauen. Familientragödie, imposante Bilder, fragile Existenzen. Und ein Plot, der zum MEMENTOspielen einlädt.

Dienstag, 7. Juni 2011

Sehnsucht (Valeska Grisebach, Deutschland 2006)


Ein Ort in Brandenburg, 200 Einwohner, Zühlen. Ein Frau ist verunfallt, ein Ersthelfer vor Ort bringt sie in stabile Seitenlage. Er ist der Protagonist des Films, Markus (Andreas Müller), von Beruf Schlosser und bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er weiß, was er tun muss, doch die Frau stirbt. Später kommt raus, dass es ein Selbstmord war aus Liebeskummer. Eine Ahnung, ein Motiv durchweht den Film, obwohl nichts ausgesprochen wurde...

Später sieht man ihm im Alltag zu: beim Arbeiten, beim Leben mit seiner jungen Frau, sie im Chor, er mit den Kollegen von der Feuerwehr auf einer "Fortbildung". Abends wird geschluckt was das Zeug hält, und da lernt er sie kennen, die nett lächelnde Kellnerin aus dem 200 km-entfernten Ort. Eine Geschichte, die so banal ist, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie man das irgendwie ansprechend erzählen könnte.

Doch Grisebach kann. Sieht man in diesen Bloßstellungsszenen durchaus eine Ulrich Seidlsche Selbstentlarvung durchblitzen (zunächst), so ändert sich das schnurstracks wenn der Mensch in den Fokus kommt. Da genügt schon der einsame, verlorene, sehnsuchtsvolle Trunkentanz des Markus (zu "Feel" von Robbie Williams), um seine momentane Haltlosigkeit zu erfahren - wer ist er, der das Leben einer Frau rettet, die doch sterben wollte?

Dann ein wirklich harter, weitausgreifender Schnitt: ein Erwachen am Morgen nach dem Alkoholkoma, eine Frau sitzt in der Küche, fragt ob er Kaffee will. Es ist die Kellnerin Rose (Anett Dornbusch), und irgendwas ist passiert in der Nacht. Markus Leben wird sich nun ändern, ob er will oder nicht. Roses Leben auch, und das seiner Frau zuhaus. Und immer noch kann er nicht sprechen, stets bleibt er stumm, es fehlen ihm die Worte. Der Mund ist wie zugeklebt. Der Zugang zur Welt, der gewohnt sichere Zugriff ist unmöglich geworden. Markus Leben ist vollständig erschüttert, das Koordinatensystem ist zerbrochen, überall Fugen. Da kann er noch so stoisch sein Metall formen.

Ein phantastischer Film, eine Romeo und Julia-Geschichte auch, und das Ende hält eine ganz wunderbare Idee bereit: eine Art Epilog, in dem der Schluss nacherzählt wird und zugleich offen bleibt. Es rauschen die Bäume über dem Fußballplatz...

Freitag, 3. Juni 2011

CLEAN, SHAVEN bei Bildstörung

Ich möchte euch auf die aktuelle VÖ von Bildstörung hinweisen, nämlich Lodge Kerrigans CLEAN, SHAVEN; ein Film, der bislang nur als Criterion greifbar war und jetzt auch hier endlich erschienen ist. Nicht nur ist das Label jeder Unterstützung wert (es gibt nun auch eine Blu-Ray-Version in normalem DVD-Schuber) und der Film ist - wie ich finde - erstklassig, sondern es ist auch wieder ein Essay von mir dabei.



„Einer der 10 besten Filme der 1990er.“ ARTE

„Eine Meisterleistung… Unvergesslich“ Roger Ebert

„Der mutigste und unvergesslichste Film des Jahres.“ NY DAILY NEWS

[Hier] geht's zur Seite von Bildstörung.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Nicht böse sein! (Wolfgang Reinke, Deutschland 2006)


Ein Dokumentarfilm über eine Altherren-Wohngemeinschaft, die so ihre Besonderheiten hat... ein wirklich toller Film - und nachzulesen ist mein Text hier bei der Filmgazette.