Dienstag, 7. Juni 2011
Sehnsucht (Valeska Grisebach, Deutschland 2006)
Ein Ort in Brandenburg, 200 Einwohner, Zühlen. Ein Frau ist verunfallt, ein Ersthelfer vor Ort bringt sie in stabile Seitenlage. Er ist der Protagonist des Films, Markus (Andreas Müller), von Beruf Schlosser und bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er weiß, was er tun muss, doch die Frau stirbt. Später kommt raus, dass es ein Selbstmord war aus Liebeskummer. Eine Ahnung, ein Motiv durchweht den Film, obwohl nichts ausgesprochen wurde...
Später sieht man ihm im Alltag zu: beim Arbeiten, beim Leben mit seiner jungen Frau, sie im Chor, er mit den Kollegen von der Feuerwehr auf einer "Fortbildung". Abends wird geschluckt was das Zeug hält, und da lernt er sie kennen, die nett lächelnde Kellnerin aus dem 200 km-entfernten Ort. Eine Geschichte, die so banal ist, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie man das irgendwie ansprechend erzählen könnte.
Doch Grisebach kann. Sieht man in diesen Bloßstellungsszenen durchaus eine Ulrich Seidlsche Selbstentlarvung durchblitzen (zunächst), so ändert sich das schnurstracks wenn der Mensch in den Fokus kommt. Da genügt schon der einsame, verlorene, sehnsuchtsvolle Trunkentanz des Markus (zu "Feel" von Robbie Williams), um seine momentane Haltlosigkeit zu erfahren - wer ist er, der das Leben einer Frau rettet, die doch sterben wollte?
Dann ein wirklich harter, weitausgreifender Schnitt: ein Erwachen am Morgen nach dem Alkoholkoma, eine Frau sitzt in der Küche, fragt ob er Kaffee will. Es ist die Kellnerin Rose (Anett Dornbusch), und irgendwas ist passiert in der Nacht. Markus Leben wird sich nun ändern, ob er will oder nicht. Roses Leben auch, und das seiner Frau zuhaus. Und immer noch kann er nicht sprechen, stets bleibt er stumm, es fehlen ihm die Worte. Der Mund ist wie zugeklebt. Der Zugang zur Welt, der gewohnt sichere Zugriff ist unmöglich geworden. Markus Leben ist vollständig erschüttert, das Koordinatensystem ist zerbrochen, überall Fugen. Da kann er noch so stoisch sein Metall formen.
Ein phantastischer Film, eine Romeo und Julia-Geschichte auch, und das Ende hält eine ganz wunderbare Idee bereit: eine Art Epilog, in dem der Schluss nacherzählt wird und zugleich offen bleibt. Es rauschen die Bäume über dem Fußballplatz...
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