Mittwoch, 27. Juli 2011

Arschkalt (André Erkau, Deutschland 2011)


Ich bin schon etwas verwundert: als ich heute am Multiplex vorbeilief, entdeckte ich rein zufällig (da ich ja als Qualitätsgucker prinzipiell nie an Mutiplexen vorbeilaufe), dass dieser Film in eben jenem mit zwei Vorstellungen pro Tag gezeigt wird. Sogar um 20.30h. Das hätte ich mir vor Wochen, als ich den Film gesehen habe, ehrlich gesagt nicht vorstellen können. Aber gut: hier meine Kritik bei der Filmgazette.

Montag, 25. Juli 2011

Alphabet City (Amos Poe, USA 1984)


Zur im Moment auf HARD SENSATIONS stattfindenden Amos Poe - Retrospektive habe ich einen Text zu einem wahrlich nicht besonders gelungenen, dafür aber recht beeindruckenden Film geschrieben, der einem lange im Gedächtnis bleibt. ALPHABET CITY ist eine fiebrige 8oer Jahre-Phantasie, die das East Village zu einem nächtlichen Schauplatz aus Drogenmißbrauch, Gangviolence, Rotlichtviertel und Subkultur verklärt. Es ist also: das Zentrum der Welt. Hier mein Text: [click].

Sonntag, 24. Juli 2011

Jean Gentil (Laura Amelia Guzmán & Israel Cárdenas, Dominikanische Republik / Mexiko 2010)


Der sanftmütige haitianische Gelehrte Jean Remy Genty hat Arbeit und Wohnung verloren. Nun versucht er, seine zerbrochene Existenz zu retten, doch auch seine Gebete, die Gottesbeschwörungen gleichen, bleiben ungehört. Von der Großstadt erfolgt die Flucht in die Natur, die ihn, den Einsiedler, nicht empfängt. Der Lauf der Dinge interessiert sich nicht für den Menschen, der um sein Überleben betteln muss. Dann am Ende, als auch der letzte zwischenmenschliche Kontakt gescheitert ist, ausgerechnet in einem Moment, als sich der Verlorene gefunden zu haben schien, bricht er endgültig zusammen und das Bewußtsein erhebt sich über den Menschen und nimmt die Katastrophe in einem Überflug in Augenschein, die Haiti heimgesucht hatte und immer noch umfängt.


Hier wird eine fremd gewordene Welt dargestellt, mit Anzeichen der Apokalypse am Horizont. Entfremdung, Kommunikationsgestörtheit und Isolation sind die zum persönlichen Gebrechen zugehörigen Eigenschaften des Protagonisten, der den Anschluss an die Gesellschaft verloren hat. Dies wird mit distanzierter Ruhe und Stilwillen erzählt, in Weltkinobildern, die zwischen formalistischem Arthaus und Elegie pendeln und dem Film ein überirdisches Flair vermitteln - ohne in der Prätention verloren zu gehen. Denn die Rettung ist immer wieder möglich, Anschluss wäre greifbar. Doch die persönliche Dysfunktionalität lässt ebendiese nicht zu. Inwieweit das Schicksal überindividualisiert werden kann, ist mir nicht ganz klar - als Kommentar zur Lage des Landes. Doch dahin will der Film ganz eindeutig, wie man am Ende sieht.

Samstag, 23. Juli 2011

Barney's Version (Richard J. Lewis, Kanada/Italien 2010)

Der zunehmend unter Gedächtnisverlust leidende Erotomane und Daily-Soap-Produzent Barney (Paul Giamatti) erzähl seine Lebensgeschichte in Rückblenden, wobei er vor allem die Brüche seines Lebens beleuchtet: seine Frauengeschichten, seine Ehen. Flankiert wird er dabei von seinem Vater (Dustin Hoffman), ein ehemaliger Cop, der es in jeder Gesellschaft schafft, sich unmöglich zu machen und Barney in seinen impulsiven Liebesumtrieben unterstützt.


Giamatti spielt den ernsthaft erotisierten Frauenvernichter mit großer Verve, ohne dabei seine Figur zu verraten. Dass der Plot an vielen Stellen recht vorhersehbar ist, der Film immer bieder genug inszeniert ist, um seinem Publikum in toto zu gefallen, und am End' die Tränendrüsen angeregt werden, mag so manchem aufstoßen. Allein der Darstellungskunst seiner Schaupieler ist es zu verdanken, dass man bei dieser Komödie dranbleibt. Letztlich ist es eine Komödie, die sehr viel Reize aus den Verstößen gegen die Regeln des Anstands zieht, in denen der Film dann tatsächlich bisweilen wie eine erträumte Konstruktion zu wirken vermag. Denn die im Titel suggerierte Konstruktion (wie auch wohl in der Romanvorlage), dass dieser Film eine subjektive Perspektive vertrete, wird innerhalb des Films niemals eingelöst. Die paar Träume werden als unsaubere Anschlüsse verbucht, die offenbarte Ehrlichkeit am Ende als große menschliche Tragödie. Aber nicht als bewußte subjektive Verzerrung, als Barneys Version. Das ist recht schade, denn dieser wrklich teilweise wunderbar lustige Film bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Freitag, 22. Juli 2011

... und das Streben nach Glück (Louis Malle, USA 1986)


Der Mann mit der Kamera... Teil 2

Die Vereinigten Staaten als Land der Einwanderer: In dieser, vom Fernsehsender HBO in Auftrag gegebenen Dokumentation, portraitiert Louis Malle die Lebensumstände der Menschen, die den Verheißungen des American Dream gefolgt sind und sich in der Hoffnung auf ein materiell besser gestelltes Leben in den USA niederließen. Louis Malle, der selbst 1974 in das Land emigrierte, reist kreuz und quer durch die Staaten und führt unzählige Kurzinterviews mit Arbeitslosen, Lehrern, Ärzten, Computerprogrammierern und sogar einem Astronauten, dessen Griff nach den Sternen sich am Sinnbildlichsten erfüllt haben dürfte...

Zur vollständigen Filmkritik geht es hier entlang: Filmgazette.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Gottes eigenes Land (Louis Malle, USA 1986)


Glencoe, Minnesota: ein Fleckchen Erde, auf dem alles in Ordnung zu sein scheint. Weite Felder, Farmwirtschaft, gepflegte Rasenanlagen. Louis Malle, der Franzose mit der Kamera, eigentlich auf Durchreise, hält an, beginnt aus dem Bauch heraus einen Interviewfilm zu drehen. Am Ende wird es ein Abgesang auf den American Dream: ein großartiger Dokumentarfilm des eklektischen Großmeisters, der nun endlich auf DVD bei Pierrot le Fou erschienen ist. Hier geht es zu meiner Kritik bei der Filmgazette.

Sonntag, 17. Juli 2011

Buried – Lebend begraben (Rodrigo Cortés, Spanien 2010)


Ryan Reynolds spielt einen Lastwagenfahrer, der im Irak Hilfsgüter ausfährt. Bei einem Einsatz werden sie überfallen, alle anderen getötet, und er selbst in einem Holzsarg lebendig begraben. Als er aus der Ohnmacht erwacht, muss er nicht nur mit der katastrophalen Situation zurechtkommen, sondern bald klingelt ein Handy, welches sich an seinen Füßen auffindet: am anderen Ende ein mit arabischem Akzent sprechender Mann, der ihn um eine Million Dollar erpresst.


BURIED ist ein hochspannendes Kammerspiel. Zunächst unvorstellbar, so überzeugend gelingt es dem Regisseur und seinem Team, den ganzen Film komplett innerhalb des Sarges spielen zu lassen. Die Kamera ist (bis auf einige wenige visionäre Szenen) stets sehr dicht am Darsteller dran, sodaß man als Zuschauer das Gefühl bekommt, neben diesem Mann im selben Sarg zu liegen. Sehr eindrucksvoll ist die Eröffnungsszene, die minutenlang völlig schwarz bleibt und man nur das Keuchen des erwachenden und geknebelten Mannes hört - bis er das Feuerzug findet. Dass der Plot dann einige Volten schlägt, alle ausgelöst durch das Hereinholen von Fremdorten durch das Mobiltelephon, oder der Darsteller möglicherweise gar nicht so wahnsinnig sympathisch ist, verblasst angesichts der klugen Konstruktion des Filmes. Auch die Musik hält sich stark zurück und wallt glücklicherweise nur selten auf. BURIED ist ein meiner Ansicht nach sehenswerter Genre-Beitrag.

Samstag, 9. Juli 2011

Willkommen in Cedar Rapids (Miguel Arteta, USA 2011)


Tim Lippe (gespielt von Ed Helms, dem unterdrückten Zahnarzt aus „The Hangover“) muss auf Geheiß seines Chefs nach Cedar Rapids: zum großen alljährlichen Treffen der Versicherungsmakler. Und dort soll er mit einem Vortrag, ganz so wie es seinem Vorgänger bereits zweimal gelang, die höchste Auszeichnung der Branche für das eigene Unternehmen nach Hause bringen. Blöd nur, dass es sich bei Tim um ein echtes Muttersöhnchen handelt, das noch nie sein piefiges Kaff in Wisconsin verlassen hat...

Meine Kritik zu diesem aktuellen Kinofilm, der eine durchaus kurzweilige Komödie ist, könnt ihr hier bei der Filmgazette nachlesen. Bottoms up!
.

Freitag, 8. Juli 2011

Volker Bradke (Gerhard Richter, Deutschland 1966)


Das Prinzip der Unschärfe bestimmt - wie Richters ganzes Schaffen - auch seinen einzigen Film, der im Zusammenhang einer Ausstellung in Düsseldorf als Teil dieses Konzepts entstand. Portraitiert (und damit auf die Tradition der Portraitmalerei anspielend) wird ein Mensch namens Volker Bradke, eine Szenegestalt / (Kunst-)Figur, die durch die Ausstellung eine Heroisierung erfährt und ihren Status erhält, aufgeladen wird. Zugleich wird diese mediale Praxis gesellschaftskritisch hinterfragt, indem die Figur eben beinah die ganze Spielzeit über unscharf und verschwommen bleibt. Das Bild, das man von Bradke bekommt, ist also ein lediglich behauptetes, vorgegebenes. Richter stellt somit die Frage, ob das (Film-)Bild überhaupt etwas Inhaltliches abbildet, oder lediglich eine ästhetische Oberfläche ist. Und verweist so auf die Rezeption, die stets einen Sinnzusammenhang herzustellen sucht. Ein Mythos wird generiert, ein Held, ein Star wird von oben (aus dem Kunstetrieb mitsamt seiner Autorität) diktiert. Eine völlig unbekannte Person wird dank der medialen Macht zum Zentrum des Interesses erklärt (vor dem Museum die Flaggen mit den großen Buchstaben von Bradkes Namen darauf, etwa). Vergleiche zum heutigen Starsystem, sei es im Film oder im Superstar-TV dürfen gezogen werden. Richters Film, so kurz er ist, ist übrigens recht lustig. Abgesehen davon, dass man sich selbst dabei ertappt, immerzu herausfinden zu möchten, was man da sieht, und vor allem: wen, macht Spaß. Denn Bradke macht vor allem eines: Faxen.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Un Barrage contre le Pacifique (Rithy Panh, Frankreich/Belgien 2008)



Anfang der 1930er Jahre kämpft eine Witwe, Madame Dufresne (Isabelle Huppert), im kolonialen Indochina um ihre Reisfelder, die von den Taifunen des chinesischen Meeres überspült werden und so die Ernte vernichten. Da die Familie mittlerweile hoch verschuldet ist, scheint ihr bald jedes Mittel Recht, die Existenzgrundlage zu sichern. Krankheit und Verfall machen sich zudem allerorten bemerkbar. Da erscheint ein reicher Chinese, dem es die Tochter äußerst angetan hat. Dass auch er ein knallharter Geschäftsmann ist, dem es um neues Land für seine Pfefferbäume geht, ist allerdings schnell herausgefunden.



Der Film ist bereits die zweite Verfilmung eines Romans von Marguerite Duras, und auch hier wurde wieder viel Augenmerk darauf verwendet, eine möglichst schwüle Atmosphäre zu kreieren, die dann schnell ins Schwülstig-Erotische kippen kann. Stets sind die Dekolletées verschwitzt, die Männer oberkörperfrei (vor allem die der leinenhosentragenden Herrenrasse), und die Mädchen springen leicht bekleidet in den Fluss. Dazu gesellen sich panoramatische Bildkompositionen mit brennenden Hütten zu wehklagendem Geschrei der Einheimischen.



Hier ist also viel Kolonial-Kitsch zu bewundern, und letztlich ist es ausnahmslos der darstellerisch feinsinnigen Leistung Madame Hupperts anzurechnen, die diesen Film vor dem Absturz rettet. Ihr fein nuanciertes, stets zurückhaltendes Spiel birgt eine größere Dramatik in sich, als die Regie der großen Gesten. Insgesamt ist der Film zu delektabel geraten.

Diskussion und so...

Eine, wie ich finde, unterhaltsame und interessante Tischrunde wurde hier [click bei Berliner Filmfestivals] zusammengeführt, die sich bei einem lockeren, auch kulinarisch interessanten Gespräch über Festivalbesuche, Filmförderung und Filmfinanzierung verständigt. Lesenswert.

[via Revolver]

Montag, 4. Juli 2011

Die Ahnfrau (Jacob & Luise Fleck, Österreich 1919)



So langsam beginnt meine alljährliche Einstimmungsphase auf das Bonner Stummfilmfestival, das auch in diesem Jahr, trotz der bedrohlichen Finanzlage, erneut stattfinden wird. DIE AHNFRAU schien mir ein interessanter erster Warm-Up zu sein, und diese Vermutung ist auch voll aufgegangen. Zum Plot: Das noble Geschlecht der Von Borotins in Südböhmen droht auszusterben, und so ist der bereits greise Graf hoch erfreut, dass seine Tochter Berta (Liane Haid) endlich einen heiratsfähigen Edelmann gefunden hat: Jaromir Von Eschen (Max Neufeld). Dieser konnte den die Gegend um das Schloss unsicher machenden Räubern gerade noch entgehen, und kein Wunder wird da die Dame beinahe ohnmächtig.

Kurze Zeit später aber tauchen mehrere Edelleute aus der Gegend auf dem Schloss auf, um den Räubern das Handwerk zu legen. Der alte Graf ist sofort dabei, lediglich Jaromir hält sich zurück. Da erwacht ein Verdacht, zumal die Urahnin der Borotins, ein Geist in weißem Gewand, aus fernen Jahrhunderten plötzlich auftaucht, und die Lebenden daran gemahnt, Vorsicht walten zu lassen. Über dem Schloss schwebt ein Unglück...


Diese Tragödie nach Franz Grillparzers erstem Bühnenstück (1817) [hier der Text] ist in sechs Akte unterteilt, die den Film also auch inhaltlich strukturieren. Die Gespenstergeschichte ist hier mit einer aktionsgeladenen Räuberpistole geladen, sodaß man durchaus einiges an Schauwerten und Spannung geboten bekommt; also: Verfolgungsjagden, Schwertkämpfe, Blut und Tod. Dass der Plot noch ein, zwei schicksalsträchtige Volten schlägt, tut der Unterhaltung keinen Abbruch. Der Film hat insgesamt leider ziemlich gelitten, einige kurze Sequenzen fehlen und schwere Beschädigungen sind permanent im Bild. Dennoch muss man sich freuen, dieses Kleinod überhaupt zu Gesicht bekommen zu können - dank des Österreichischen Filmmuseums, das den Film anscheinend in Brasilien aufgetan hat.