Mittwoch, 31. August 2011

A Lonely Place to Die (Julian Gilbey, Großbritannien 2011)


Fünf Bergsteiger mieten sich in den schottischen Highlands in einer Unterkunft ein, um eine Woche lang verschiedene Touren zu begehen. Als das Wetter schlecht wird, einigt man sich auf eine Wanderung die durch die Wälder führt, wo man überraschenderweise ein Mädchen in einem Verließ im Boden findet. Dieses wird natürlich gerettet - nur hatte man nicht bedacht, dass die Überltäter nicht weit sein können, und so werden sie selbst zu Gejagten. Als der erste der Gruppe beim Abseilen abstürzt und man das zerschnittene Seil findet, ist klar, was auf dem Spiel steht.

Viele Kletterpartien bekommt man bei diesem Independenturlaub hier nicht geboten, dafür tatsächlich tolle Landschaftsaufnahmen. Die Anlage des Plots erinnert natürlich etwas an BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE, eine Assoziation, die man aber nicht zu ernst nehmen sollte. A LONELY PLACE TO DIE beschränkt sich vor allem rein auf die Menschenjagd, bevor er im letzten Drittel dann etwas aufbricht und auch thematisch komplexer wird. Die Actionszenen sind hauptsächlich in den Verfolgungen spannend, aber auch hier krankt es wieder, sobald es in die Wand geht. Ein Bum-shot vom Abseilen ist einfach per se langweilig. Wenn am Ende, und auch das tut dem Film nicht unbedingt gut, dann noch das Entführungsszenario vor Backwoodhintergrund mit der russischen Mafia enggeführt wird, hat man schließlich den Genremix satt - aber da ist der Film glücklicherweise auch schon vorbei. So kann man immerhin noch sagen, er sei leidlich mittelmäßig. Empfehlenswert für Schottlandreisende mit starken Nerven.

Dienstag, 30. August 2011

Dreileben - Etwas Besseres als der Tod (Christian Petzold, Deutschland 2011)


Ein spannendes Experiment: drei der namhaftesten deutschen Regisseure in ein thüringisches Kaff zu schicken, und sie dort mit einer groben Themenvorgabe drei ganz individuelle Filme drehen zu lassen. Und es ist beinah ein Ereignis, wenn diese alle nacheinander zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden - nachdem Grafs IM ANGESICHT DES VERBRECHENS noch ins Spätprogramm abgedrängt worden war. Was ist denn hier plötzlich passiert? Das Ziel des Projekts ist offensichtlich: drei Filme, mit dem selben thematischen Kern, sollen korrespondieren, sich gegenseitig befruchten, ein Vexierspiel der Perspektiven abliefern, die auch durch das Setting und die unterschiedliche Handschrift der Regisseure in einen Dialog tritt. Hochhäusler nennt sie auch "Geschwisterfilme".

In Christian Petzolds Spielfilm ETWAS BESSERES ALS DER TOD dreht sich alles um eine Liebesgeschichte zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen - einem deutschen Krankenpflegerpraktikanten und einer Bosnierin, die in einem Hotel als Zimmermädchen jobbt. Hinter dieser Haupthandlung spielt sich das Drama um einen entflohenen Sexualstraftäter und Mörder ab, der sich in den Wäldern um Dreileben (so der Ortsname) versteckt halten soll. Petzold liefert einen dezidiert auf Autorenkino getrimmten Film ab, der nach seinen politischen Filmen ähnlich wie in JERICHOW oder in YELLA besonders auch davon erzählt, wie Menschen nicht zueinanderfinden. Denn schon nach kurzer Zeit zeigt sich bereits, dass die beiden Protagonisten nicht recht zueinander passen - am offensichtlichsten durch ihre Herkunft geprägt, denn der Zivi Johannes ist eigentlich ein junger Mann aus sehr wohlhabendem Hause, der zudem ein Stipendium in Los Angeles in Aussicht hat. Anas Lebensnahziele sehen da als ehemaliger Kriegsflüchtling erstmal ganz anders aus. Und das, obwohl hier alles so sehnsuchtsvoll und zärtlich begann. Lange Einstellungen, Stille, ruhige Kamerafahrten und eine Montage, die sich Zeit lässt, bestimmen den Film. Da muten die Szenen mit dem Straftäter an, der dann Ana beginnt zu verfolgen, wie überfallartige, unwirkliche Psychologisierungen ihrer Ängste, den Geliebten zu verlieren. Die Gefahr lauert nicht nur jenseits des Bildrahmens - sondern vor allem in einem selbst.

Sonntag, 28. August 2011

On the Ice (Andrew Okpeaha MacLean, USA 2011)


Im Norden Alaskas geschieht ein Mord, der das Leben zweier Jungen für immer verändert. Zum tollen ON THE ICE, der in einer Inuit-Siedlung spielt, habe ich hier etwas bei Hard Sensations geschrieben.

Freitag, 26. August 2011

Red State (Kevin Smith, USA 2011)


Drei Teenager wollen endlich mal ordentlich poppen, und einer ist so schlau, es mit einem online-Dating-Service auszuprobieren. Da man am Arsch der Welt wohnt, reduziert sich die Auswahl auf genau eine Anzeige - aber egal, das reicht ja auch. Als man schließlich nach einer Irrfahrt am Trailer der Dame anlangt, ist die Enttäuschung zunächst groß. Keineswegs werden sie von einer blonden Bumsnudel erwartet, sondern von einer reifen Frau, die offenkundig keinen Bock auf ihren Job hat, und alles recht nüchtern angeht. Als sie nach einem Bier gefesselt und geknebelt in einem Käfig im Keller einer Kirche voller Bibelfundamentalisten erwachen, ist verständlicherweise die Panik groß.

RED STATE ist ein Independent-Terror-Film des CLERKS-Regisseur, der mit recht großem Cast punkten kann: Michael Parks, John Goodman, Melissa Leo. Sonst allerdings mit ziemlich wenig: denn der Plot ist infantil einfach, eine beinah pubertäre Phantasie möchte man sagen. Wirklich ärgerlich ist aber der ungehobelte Zynismus, den der Film mit breiter Brust ausstellt. Man nehme ein heikles, gerne auch: gesellschaftskritisches Thema, drehe ordentlich an der Satire/Zynismus-Schraube, und heraus kommt ein Film, der sich unter seinem behaupteten formalen Trick anscheinend alles erlauben kann. Vorf allem bedeutet dies: die ungehemmte Ausstellung krasser Gewalt. Dass im Film keine Liebe steckt, sieht man schon daran, mit welcher Rücksichtslosigkeit er seine Figuren opfert. Insbesondere das Ausreisserrpärchen wird kurzerhand exekutiert - aber auch hier kann der Chefinterpret klug daheranalysieren: so ist das in diesem korrupten System, seht her, welch Schweine die Autoritäten!

Die USA wird in RED STATE als ein Land jenseits der Zivilgesellschaft gezeigt, und für eineinhalb Stunden darf sich jeder Kinogänger nicht nur gut unterhalten, sondern moralisch sehr im Recht fühlen. Aus der Erhabenheit heraus lässt sich gut lachen! - nun darf auf den Kommentar gewartet werden, der da sagt: ach komm, der Film will doch nur unterhalten...

Donnerstag, 25. August 2011

Don't be afraid of the Dark (Troy Nixey, USA/Australia/Mexiko, 2010)


Ein kleines Mädchen wird zu ihrem Vater geschickt, um dort in seinem neuen Haus mit ihm und der neuen Freundin zusammen zu leben. Das alte, herrschaftliche Anwesen aber hat eine dunkle Geschichte und das Mädchen Sally ist sensibel genug, diese zu erspüren. Da sie sich überall fremd fühlt und von den Eltern ungeliebt, versucht sie sich mit den neuen Kameraden im Keller anzufreunden - die Erwachsenen denken freilich, sie würde dies erträumen - und merkt zu spät, dass die Biester von Grund auf böse sind und auch vor Gewalt keineswegs zurückschrecken.

Der Film glänzt vor allem durch seinen Schauplatz. Im besten viktorianischen Stil mit Haupt- und Nebentrakten, dunklen Fluren, Treppenaufgängen, hohen Wänden und einer Bibliothek, mit einer Gartenanlage samt Labyrinth und heimlichen Türen zu versteckten Räumen, weiß das Setting, gleichwohl wohlbekannt, zu überzeugen. Weniger überzeugend ist zunächst der Plot, der sich an althergebrachten Standards abarbeitet, um dann glücklicherweise in der zweiten Filmhälfte ins Humorvolle, ja!, umzuschlagen. Die kleinen Bösewichter werden als fiese Flüsterer eingeführt, kleine Kletterer, die sich überall heranpirschen um an ihr Ziel zu gelangen. Nixey gewährt uns sogar mehrfach eine subjektive Kamera, in der der Zuschauer zum Komplizen der Bösewichter wird.

Am Ende bekommt man genau das, was man von einem Haunted-House-Thriller unter der Produktionsägide Guillermo del Toros erwartet. Ein bißchen von all dem nämlich, was der Mann bislang gemacht hat. Das Drehbuch etwa stammt auch von ihm. Ob man das zum xten Male sehen muss, darf jeder selbst entscheiden. Viel mehr als gehobener Standard aber ist DON'T BE AFRAID OF THE DARK sicherlich nicht.

Mittwoch, 24. August 2011

Stake Land / Vampire Nation (Jim Mickle, USA 2010)


Nachdem das Land von einem ökonomischen wie politischen Kollaps erschüttert wurde, breitet sich eine verheerende Vampirepidemie aus. Die Landstriche und Städte sind verwüstet. Einzig einige wenige, kleine und isolierte Enklaven kämpfen noch gegen die gewalttätigen Blutsauger ums Überleben - und müssen sich ebenso gegen marodierende Kannibalenbanden und eine ultrabrutale Bruderschaft zur Wehr setzen. Ein namenloser Vampirjäger ("Mister") nimmt den noch jungen Martin mit auf seine Odyssee durch das verwüstete Land nach Norden hin: in Kanada soll sich wieder eine bürgerliche Gesellschaft etabliert haben, das "New Eden".


Die Postapokalypse lädt zum Horrorfilm und verknüpft einen deutlich an THE ROAD erinnernden Plot mit einem leider etwas stark auf Schocks setzenden Untoten-Film. Und dies ist auch einer der Schwachpunkte des Films, bietet er doch vor allem durch seine immer wieder toll inszenierten Bilder, die melancholische Musik und den desillusionierten Kommentar Martins, der hier als Erzähler fungiert, genug Ansatzpunkte für einen stimmungsvollen Volltreffer. Hätte man sich in den Gewaltszenen nur stärker an einem LET THE RIGHT ONE IN orientiert, anstatt an den standardisierten Monster-Reissern! Denn diese "Vampire" in STAKE LAND sehen zunächst einmal aus wie unzählige Zottelzombies der Filmgeschichte vor ihnen - und sie verhalten sich auch so. Von der subtilen Bedrohung eines edlen Vampirdaseins ist hier nichts zu spüren - es sind wilde Bestien, gegen die man kämpft. Und also wechselt auch permanent die Stimmungslage zwischen melancholischer Apokalypsenstimmung und Invasionsszenario.


Größere moralische Probleme wirft der Film ebensowenig auf - hier gibt es die Guten und die Bösen, und das kurze Zögern beim Töten eines obligatorischen Kindervampirs vermag mit ziemlicher Sicherheit in den Schaltzentralen der Splatterafficionados keine gesteigerte Synapsenregung auszulösen. STAKE LAND ist ein Film, der sein Potential leider nicht ausschöpft, aber dennoch in befriedigendem Maß zu unterhalten weiß. Eine filmhistorische Relevanz für's Genre würde ich ihm aber sicher nicht zusprechen.

Sonntag, 21. August 2011

Drive Angry (Patrick Lussier, USA 2011)


Ein Film voller heißer Reifen, schneller Waffen, der lauten Mädels und herumfliegender Körperteile: DRIVE ANGRY ist ein ungehobelter Spass, der kräftig auf Exploitation macht und dabei doch bloß Mainstreamaction potenziert. Nicolas Cage allerdings brilliert mit schütterem Haar und zusammengekniffenen Augen. Meine Filmkritik findet ihr bei den wunderbaren HARD SENSATIONS!

Donnerstag, 18. August 2011

The Illusionist (Neil Burger, USA 2006)


Die Tagline dieses Filmes, in dem es um die Liebe eines Magiers zu seiner Jugendliebe geht, lautet: "Nichts ist wie es scheint". Ich hoffe, sie trifft nicht auf meine Freundschaft mit dem gesegneten Whoknows zu, der mir diesen Film zugespielt hat. Froh bin ich, dass er nicht Christopher Nolans THE PRESTIGE auswählte, denn zum Battle of the Blogs hätte ich gar keine Lust.
THE ILLUSIONIST ist ein sogenanntes Period Piece und spielt im Wien der Jahrhundertwende: Kronprinz Leopold hat ein Auge auf die Herzogin von Teschen geworfen (Jessica Biel, die hier wie Scarlett Johannson aussieht), die jedoch die Jugendliebe eines Bauernsohnes ist, eben jenes berühmt werdenden Eisenheim, der gerade das Publikum mit seinen Illusionistentricks zu verzaubern vermag. Als sie sich wiedersehen, ist dies auch ein Wiedererkennen - und da echte Liebe niemals stirbt, erwägt man die Flucht. Doch der rabiate, cholerische Kronprinz bekommt immer das, was er will.

Burger inszeniert nicht geradlinig. Die Jugendsequenzen sind in einem eingefärbten Rückblick erzählt, mit vielen Unschärfen und Blendentechniken. Hier muss ich Whoknows dann auch, der einen tollen Text geschrieben hat, widersprechen: die Assoziation zum Märchen lässt sich durchaus herstellen, denn diese Szenen sind allesamt verfremdet (wie aus einem Märchenland), sie sind nicht spezifisch an einen Ort gebunden (wir wissen nicht, woher die Figuren eigentlich stammen - jedenfalls nicht aus Österreich, sonst würde der Kronprinz die Heirat nicht auch aus politischen Gründen erwägen), und vor allem: ein Off-Erzähler taucht urplötzlich auf, der in bester Märchenonkel-Tradition diesen Rückblick mit einer gütigen, sonoren Stimme kommentiert.

Im weiteren Verlauf weiß Burger mit einer straighten Inszenierung, die schwer nach Handwerk ausschaut, zu überzeugen. Die Kälte, die einem bei THE PRESTIGE durch sie Inszenierung entgegenschlägt, die findet man allerdings auch im Illusionisten. Nur sind es hier die Darsteller, die einem nicht nahe kommen. Die Frauenrolle ist zu wenig ausgearbeitet, Paul Giamatti als Polizeikommissar grimassiert hinter seinem Bart, der Kronprinz ist eine Karikatur der aristokratischen Arroganz. Und der Protagonist Eisenheim, Edward Norton, verzieht den Film über keine Mine. Einmal schwitzt er ein bißchen. Die Darstellung eines souverän sich geben müssenden Mannes, des "Magiers", zwingt ihn natürlich dazu, doch ist er auch in allen andern Szenen schrecklich steif und zurückhaltend. Für einen Liebesfilm ist das zuwenig.

So bleibt am Ende wenig mehr als ein durchaus spannender Bühnenkünstlerfilm mit Lovestory, der zur Abendunterhaltung lädt. Der gut unterhält, aber auch unübersehbare Schwächen hat - trotz der von Philip Glass komponierten Musik, die ihren Schöpfer nicht verleugnet und zugleich, ausstattungskinogemäß, ordentlich in die Saiten greifen lässt. Nun bleibt mir noch zu hoffen, dass Whoknows mir die Freundschaft nicht aufkündigt...

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Mittwoch, 10. August 2011

Blue Valentine (Derek Cianfrance, USA 2010)


Dean (Ryan Gosling) und Cindy (Michelle Williams) haben sich irgendwie auseinandergelebt. Das kleine Glück hat es für sie, so scheint's, nicht gegeben: das Haus ist eine Bruchbude, die Tochter wird langsam älter, das Auto ist eine Klapperkiste. Cindy arbeitet und unterhält die Familie, Dean, der sich immer irgendwie über Wasser hielt, jobbt gelegentlich als Anstreicher. Er hat trashige Tattoos und mag seine Schwiegereltern nicht. Dabei hatte alles so toll und romatisch angefangen, das erste Kennenlernen, das Verlieben, die Euphorie. Davon ist 5 Jahre später nichts mehr übrig.

Cianfrance wechselt die Erzählebenen, schneidet von heute auf damals, kontrastiert stark. Dazu atmosphärischer Gitarren-Noise-Pop und Nahaufnahmen mit der Handkamera bis zum Exzess. So weit, so Independent. Schade nur, dass hier sonst nichts mehr passiert, dass eigentlich gar nichts erklärt wird. Obwohl die beiden Darsteller großartig sind, überträgt sich doch kaum Emotionales auf den Zuschauer - auch wenn man aus eigener Erfahrung versteht, was da geschieht. Den Horror kennt (eine Erklärung für das "warum" bleibt der Film schuldig). Dieser kulminiert hier in der schrecklichen Szene im Science-Fiction-Zimmer des Themen-Hotels, in dem Dean nochmal einen neuen Anfang mit seiner Frau sucht. Dass er dabei permanent übergriffig ist, bemerkt er nicht einmal, wohl nicht einmal in der bösen Sex-Szene. Ein wunderbarer Abspann schließt dann ein Drama, das zwar irgendwie Independent-Film ist, in dem aber keine Auflehnung gleichwelcher Art stattfindet, und das formal schon gar nichts Neues zu bieten hat.

Montag, 8. August 2011

Santa Sangre (Alejandro Jodorowsky, Italien/Mexiko 1989)


Eine Zikusnovela: Nachdem der kleine Magier Fenix mitansehen muss, wie sein sexgeiler, adipöser Vater seiner Mutter mit den Wurfmessern beide Arme vom Rumpf trennt, da sie gegen seine Eskapaden mit der tätowierten Frau vorgehen wollte (und sich der Vater anschließend selbst das Leben nimmt), verbringt er seine Tage in einer Nervenheilanstalt. Aus dieser flieht er, als die wieder genesene Mutter ihn zur Hilfe ruft: Er soll von nun an ihre Arme und Hände sein (er stellt sich hinter sie und führt die Arme durch ihre Bekleidung), was letztlich zu einer inzestuösen Beziehung führt. Die Mutter hat aber vor allem Rache an der tätowierten Frau im Sinn.

Jodorowskys Zirkusfilm ist ein farbenprächtiges Leinwandspektakel, das vor etlichen Gewaltdarstellungen nicht zurückschreckt. Wunderbar schon am Beginn der Flug des Adlers über die Stadt aufs Zirkuszelt zu, aus der subjektiven Sicht des Tiers gefilmt. Hier werden also Sensationen ausgestellt und Psychologisierungen direkt ins Bild übertragen: laute Musik, Kapellen, Clowns und Marionetten, religiöse Fanatiker und Tänzer auf den Straßen, dunkle Gassen voller Huren, Blut am Boden, Blut im Becken der Kirche, Abzeichen und Embleme. Staatsgewalt und offen ausgelebte Sexualität, Artaud und Bunuel, politischer Kommentar. Interessant ist die starke Verknüpfung der Motive über den gesamten Film hinweg, was ihn - trotz seiner Turbulenzen - sehr konsistent erscheinen lässt. Die Nähe zum Theater und der allgegenwärtige Happening-Charakter des Films lässt unweigerlich an Jodorowskys Anfänge in den 60ern denken, als er mit Fernando Arrabal und Roland Topor das sogenannte Panic-Movement (mouvement panique) erschuf ("Panic" auch wie in "Pan", dem Hirtengott). Ein echter Mitternachtskino-Film, der grotesk und bizarr, zu begeistern weiß. Hier hat einer Mut zum Irrsinn, der in eine beinah apokalyptische Vision abdriftet, und das ist eine großartige Sache.

Zu Fernando Arrabals und Roland Topors großartigem Film VIVA LA MUERTE habe ich bereits hier etwas geschrieben.

Samstag, 6. August 2011

Der Besuch / La Visita (Bernhard Wicki, It/D/USA/Fr 1963)


Wickis Adaption ist ein in mehrerer Hinsicht modifizierter Spielfilm des bis ins Bizarre reichenden Bühnenstücks von Friedrich Dürrenmatt (Der Besuch der alten Dame), der wie kaum ein anderer Eidgenosse es verstand, klug konstruierte, dabei bissige Gesellschaftskritik mit enormem Unterhaltungs- und Überraschungsfaktor zu kombinieren. Sein Hang zu einer düsteren Weltsicht lässt seinem Werk eine erschütternde Aktualität und eine universelle Allgemeingültigkeit zukommen, die nicht selten apokalyptische Züge annimmt - und wenn es nur die Verdorbenheit der Figuren ist.

Humor hatte er allerdings immer besessen, der sich aus einem gesunden Fatalismus speist - etwa wenn er sich zu einer vierstündigen Dokumentation morgens auf dem Trimm-Dich-Fahrrad interviewen lässt. Eine Sache, die auch seinen Texten zugute kommt. Im BESUCH allerdings merkt man davon wenig. Wickis edel gefilmtes Drama mit den beiden Stars Anthony Quinn und Ingrid Bergman ist einem ästhetischen Perfektionismus verpflichtet, der auf seiner realistischen Schiene die schrägen Kuriositäten der Vorlage glattbügelt. Als Beispiel seien die beiden Zeugen der Gräfin genannt, die im Text von der Gräfin kastriert und geblendet wurden und einen deutlichen Schlag Richtung Samuel Becketts Figurenpersonal haben. Im Film ist das selbstredend nicht der Fall. Oder am Gravierendsten: das von der Twentieth Century Fox aufgezwungene Ende, das den bitteren Schluss des Originals, wenn nicht mit einem Happy End, so doch mit größerer Milde und einem deutlich moralischen Zeigefinger ausstattet. Hier werden die Bösewichter bestraft und das Gute behält am Ende die Oberhand. Für die diskussionswürdigen Dürrenmattschen Diskrepanzen ist in so einer Großproduktion kein Platz. Dass der Film dennoch sehenswert ist, liegt an der Könnerschaft aller Beteiligten. Erschienen ist der Film in einer schönen Edition mit interessantem Booklet bei WINKLERFILM.

Freitag, 5. August 2011

Die Vaterlosen (Marie Kreutzer, Österreich 2011)


Aktuell im Kino: als sich die Geschwister am Totenbett ihres Vaters nach Jahren zum ersten Mal wiedersehen, werden die ehemaligen Kinder einer Kommune mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ein Familiendrama und Debut-Langfilm einer engagierten Regisseurin mit starkem Beginn und schwachem Schluss. Meine Kritik hier in der Filmgazette.
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Mittwoch, 3. August 2011

Straw Dogs / Wer Gewalt sät (Sam Peckinpah, UK/USA 1971)


Es gibt Filme, über die getraue ich mich kaum zu schreiben - entweder, weil sie mich so umhauen, dass mir jeder strukturierte Gedanke flöten geht, oder weil sie so komplex sind, dass ich ihnen sowieso nicht gerecht werden kann. Oder etwa weil sie filmgeschichtlich überdimensional große Fixsterne sind. STRAW DOGS ist solch ein Film, bei dem alle drei Kategorien zugleich zutreffen. Die Lösung kann nur darin bestehen, sich einzelne Aspekte herauszusuchen, und auf diese einzugehen. Also bleibe ich subjektiv, die großen Ehrung, auch werksgeschichtlich, überlasse ich andern pedantischen Erbsenzählern. Warum mich STRAW DOGS so begeistert:

1. der Film verweigert mir eine Sympathiefigur. Besser: die Sympathien wechseln zwischen den Protagonisten. Und David (Dustin Hoffman) stellt sich dann doch letztlich als großes emotionales Arschloch heraus, dem es völlig an Empathie für seine Gattin fehlt - er lässt sie am Ende allein im Haus zurück. Ein Bild von ihr, wie aus TANZ DER TEUFEL. Folglich liegen die Sympathien eher bei Amy, deren naives Wesen aber auch nur bedingt anziehend oder bemitleidenswert wirkt. So richtig ist da keiner für den Zuschauer zuständig, auch wenn viele Szenen aus der subjektiven Sicht Amys erzählt zu werden scheinen: der Film bleibt in der Distanz.

2. der Schnitt, die Montage: die Rhythmisierung, die Dynamik, die in den intensiven Szenen einen unfassbaren Sog auslösen. Dazu gehören auch: die enorm häufig wechselnden Perspektiven, hier wird viel Aufwand betrieben, und ständig überraschen neue Kamerawinkel. Auch die vertikale Achse ist interessant, etwa wenn David meist von oben als Winzling gezeigt wird. Hier werden Machtverhältnisse durch die Perspektive ausgedrückt.

3. der Soundtrack.

4. das Motiv der Bedrängung: die enorm konsistente Durchhaltung dieses Motivs, das eigentlich jede Szene bestimmt. Der Film variiert das Thema auf allen Ebenen, was einen komplett ausweglosen Kosmos suggeriert, aus dem ein Entkommen unmöglich scheint. In praktisch jeder Szene werden Grenzen überschritten oder Menschen zu nahe getreten. Kulminiert natürlich in den fürchterlichen Vergewaltigungen, die hier nicht näher beschrieben werden müssen. Aber auch in allen kleinen Details werden permanent Bedrängungsszenarios evoziert.

5. die hervorragenden Schauspieler. Nicht nur Hoffman, besonders Amy (Susan George), aber auch alle Nebenrollen sind toll besetzt und leisten Glanzstücke. Hinter den Kulissen, nun ja....

Nun ja, ...der Film stammt aus dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Auch gut.

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