Montag, 8. August 2011
Santa Sangre (Alejandro Jodorowsky, Italien/Mexiko 1989)
Eine Zikusnovela: Nachdem der kleine Magier Fenix mitansehen muss, wie sein sexgeiler, adipöser Vater seiner Mutter mit den Wurfmessern beide Arme vom Rumpf trennt, da sie gegen seine Eskapaden mit der tätowierten Frau vorgehen wollte (und sich der Vater anschließend selbst das Leben nimmt), verbringt er seine Tage in einer Nervenheilanstalt. Aus dieser flieht er, als die wieder genesene Mutter ihn zur Hilfe ruft: Er soll von nun an ihre Arme und Hände sein (er stellt sich hinter sie und führt die Arme durch ihre Bekleidung), was letztlich zu einer inzestuösen Beziehung führt. Die Mutter hat aber vor allem Rache an der tätowierten Frau im Sinn.
Jodorowskys Zirkusfilm ist ein farbenprächtiges Leinwandspektakel, das vor etlichen Gewaltdarstellungen nicht zurückschreckt. Wunderbar schon am Beginn der Flug des Adlers über die Stadt aufs Zirkuszelt zu, aus der subjektiven Sicht des Tiers gefilmt. Hier werden also Sensationen ausgestellt und Psychologisierungen direkt ins Bild übertragen: laute Musik, Kapellen, Clowns und Marionetten, religiöse Fanatiker und Tänzer auf den Straßen, dunkle Gassen voller Huren, Blut am Boden, Blut im Becken der Kirche, Abzeichen und Embleme. Staatsgewalt und offen ausgelebte Sexualität, Artaud und Bunuel, politischer Kommentar. Interessant ist die starke Verknüpfung der Motive über den gesamten Film hinweg, was ihn - trotz seiner Turbulenzen - sehr konsistent erscheinen lässt. Die Nähe zum Theater und der allgegenwärtige Happening-Charakter des Films lässt unweigerlich an Jodorowskys Anfänge in den 60ern denken, als er mit Fernando Arrabal und Roland Topor das sogenannte Panic-Movement (mouvement panique) erschuf ("Panic" auch wie in "Pan", dem Hirtengott). Ein echter Mitternachtskino-Film, der grotesk und bizarr, zu begeistern weiß. Hier hat einer Mut zum Irrsinn, der in eine beinah apokalyptische Vision abdriftet, und das ist eine großartige Sache.
Zu Fernando Arrabals und Roland Topors großartigem Film VIVA LA MUERTE habe ich bereits hier etwas geschrieben.
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