Sonntag, 18. September 2011
Long Riders (Walter Hill, USA 1980)
Der Film erzählt die Geschichte um die berüchtigte Gang um Jesse James und die Younger-Brüder, die in der Zeit nach dem Sezzesionskrieg durch Bankraub und Raubüberfälle zu zweifelhaftem Ruf gekommen waren. Besonders hervorzuheben ist, obwohl unmittelbar in einen solchen Bankraub eingestiegen wird, dass zunächst nicht die Überfälle der Bande im Vordergrund stehen, sondern die persönlichen und privaten Verhältnisse geschildert werden. Liebschaften, Familiengründung, Herkunft. Spätestens dann aber wenn die "Pinkertons" hinter den Jungs sind, ist es vorbei mit der Gemächlichkeit. Als diese versehentlich mit einer Rauchbombe den behinderten Bruder Jesses mitsamt dem Wohnhaus in die Luft sprengen, werden keine Kompromisse gemacht. Schwer haben es die Detektive der Eisenbahngesellschaft auch deswegen, da die Landbevölkerung, sprich: die Gemeinde, hinter der Bande steht, da sie sozial vollkommen integriert sind. Wir haben es hier also nicht mit mythisch überhöhten Outlaws zu tun, sondern mit "rechtschaffenen" Gesellschaftsmitgliedern, mit Durchschnittstypen, die im allgemeinen dem Staat die Schuld an ihrem Treiben zuschieben - der Krieg habe dies aus ihnen gemacht. Wenn das kein Indiz für einen Spätwestern ist! Somit hat man es in Hills Film nicht mit einer weiteren verklärenden Mythosbekräftigung zu tun, sondern vielmehr mit dem Versuch einer historisch akuraten Bestandsaufnahme. Zu erwähnen ist freilich Walter Hills Besetzungscoup, die Hauptrollen auch im Film mit Brüderpaaren zu besetzen (den Keaches, Quaids, Guests und Carradines). Zudem verbeugt er sich ästhetisch ganz offensichtlich vor Sam Peckinpah: hier wird exzessiv mit Zeitlupen in den Shootouts gearbeitet, die recht actionreich ausfallen, und ebenso werden die Härten gezeigt, die sonst im Western allzu gerne ausgespart werden: langsames, dabei undramatisches Sterben, Einschusslöcher, Blutfontänen. Absolut sensationell ist der letzte Banküberfall, bei dem die Flüchtigen durch die Fensterscheiben eines Wohnhauses reiten. Das Lexikon des Internationalen Films bescheinigt dem Film zwar eine herausragende Photographie, findet allerdings diese Szenen selbstzweckhaft. Nun denn. Ry Cooders phantastischer Score sei noch erwähnt, der nicht nur aber vor allem aus der Tanzszene in Filmmitte ein wahrhaftes Erlebnis macht. Unbedingt sehenswert ist dieser Film in der neuen Blu-ray-Fassung mit einer hervorragenden Bildqualität. Toll!
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Ich sach mal: Auf "Schneeland" das, hier ein knallharter Walter Hill. mono.micha, du machst mir Sorgen! Brutale Vergewaltigungen, Bankraub-Spiele und Massenmorde im Sinn? Möglicherweise sogar in Zeitlupe?
AntwortenLöschenJa, es ist doch Sonntag heut'!
AntwortenLöschenEs ist (oder vielmehr war) nicht nur Sonntag, der Papst hat sich auch noch demnächst angesagt!
AntwortenLöschenAber nicht nur als Kontrastprogramm zum Oberhirten ist LONG RIDERS ein schöner Film, dessen hervorstechende Qualitäten Du schön zusammengefasst hast. Allerdings finde ich, dass die Banditen durch die ästhetisierende Inszenierung hier auch wieder mythisch überhöht werden. Durch die Darstellung der Protagonisten als sozial integrierte Rebellen sehe ich LONG RIDERS in einer Reihe mit Filmen wie BOXCAR BERTHA und THIEVES LIKE US, die zwar im frühen 20. Jh. spielen, was aber in dieser Beziehung keinen großen Unterschied macht. Eine echte Entmythifizierung bietet übrigens beispielsweise Robert Bentons ebenfalls grandioser BAD COMPANY (1972), der seine (Anti-)Helden als ziemlich jämmerliche Figuren präsentiert.
Die perfekte Ergänzung zu LONG RIDERS ist aber Philip Kaufmans DER GROSSE MINNESOTA-ÜBERFALL (1972), der teilweise die selben Ereignisse erzählt, mit Robert Duvall als Jesse James und dem neulich verstorbenen Cliff Robertson als Cole Younger. Kaufman und Hill hatten schon mit THE WANDERERS und THE WARRIORS ein Paar von thematisch ähnlichen Filmen hingelegt, in diesem Fall auch noch im selben Jahr.
Danke für's Lob. Zur Mythisierung: da stimme ich dir zu. Im Sinne meines Hauptgedankens, meines Arguments habe ich das verkürzt und vereinfacht. Da geht's dem Walter Hill dann doch wieder durch. Dennoch scheint mir der Grundgedanke eben der zu sein, die Helden jenseits ihres Heldentums zu zeigen, zuhaus auf der Farm, mit einer Mutter, einem behinderten Bruder (der geliebt wird), und dem Problemgespräch mit der Geliebten, die den Helden erstmal abblitzen lässt wegen eines anderen. Und dies nicht überhöht ironisch gezeichnet wird, sodass Distanz möglich wäre, sondern ernsthaft, dramatisch.
AntwortenLöschenDanke auch für die weiterführenden Empfehlungen - bis auf die WARRIORS, die ich liebe, und die WANDERERs kenne ich die Sachen nicht. Der Verweis auf die THIEVES LIKE US, den ich auch wirklich sehr gerne mag, finde ich sehr plausibel. Diese beiden Filme stehen motivisch wirklich sehr eng beieinander. Vermutlich sogar in der Stimmung und in der Abfolge von ruhigen Szenen auf die der kurzen Ausbrüche.