Freitag, 30. Dezember 2011

The Last Drop of Water (D.W. Griffith, USA 1911)


Früher Stummfilm-Western, der eine unglückliche Liebesgeschichte (sie sucht sich den Säufer, das Rauhbein aus - nicht den, der sie liebt) mit dem (Siedlungs-)Treck nach Westen verbindet. Frauennahme, Landnahme.



Jim, der Held, ist freilich auch mit dabei und bewahrt die Angebetete vor den Zudringlichkeiten des Wüstlings. Hier hält er ihn davon ab, sie zu verdreschen. Jedoch greifen bald die Indianer an - und da hat Griffith optisch schon einiges an Rasanz zu bieten; vor allem was die Actionszenen während des Überfalls betrifft, die Vielzahl der Darsteller und Komparsen betreffend.


Jim wird ausgesandt, um die Kavallerie zu alarmieren. Jedoch: in der belagerten Wagenburg geht alsbald das Wasser aus, sodass der Anti-Held fortgeschickt wird, Wasser zu finden. Freilich auch für ihn eine riskante Angelegenheit, die Rothäute machen kurzen Prozess.


Jim ist kurz darauf am Verdursten, da rettet ihn der Bösewicht mit einem Last Drop of Water aus seiner Flasche. Jim findet darauf ein Wasserloch und rettet somit den Treck. Den Toten begraben sie, der für sie alle gestorben ist, und Jim wird der neue Begleiter der Angebeteten. Die Reise kann weitergehen, die Moral hat den Tapferen das Leben gerettet. "Bei Griffith ist wichtig, wer und wie er durchkommt..." (Georg Seeßlen)

Viel Stoff für 13 Minuten Film! Doch immer wieder wird deutlich, wie wenig Gesten und standardisierte Abläufe lediglich angedeutet und aufgerufen werden müssen, um Handlungsabkürzungen nehmen, oder Handlungsverläufe auch ganz weglassen zu können. Wir wissen ja, was gesagt werden soll und wer wie handelt. Am Ende gibt es also ein Happy End, zumindest ein temporäres. Solange man auf dem rechten Weg bleibt.

Freitag, 23. Dezember 2011

Vigilante / Streetfighters (William Lustig, USA 1982)


Als die Frau des an Recht und Ordnung glaubenden Fabrikarbeiters Eddie Marino (Robert Forster) mit viel Zivilcourage einer Bande Wüstlinge entgegentritt, hat die Sache ein Nachspiel: bald kommt es zu einer Home Invasion, bei der einer der Übeltäter, ein Schwarzer mit Pumpgun, die Gattin angreift und den Sohn ermordet. Als der Verbrecher bei der anschließenden Gerichtsverhandlung aber von dem korrupten Richter unter Bewährung frei gesprochen wird, dreht Eddie durch und attackiert denselben. Dafür wandert er in den Knast. In der Zwischenzeit formieren seine ehemaligen Kollegen unter ihrem Anführer Nick (Fred Williamson) eine bewaffnete "Bürgerwehr", die ihren Neighbourhood vom "Gesindel" mit Waffengewalt befreien will. Als Eddie aus dem Knast kommt gibt es nur noch eines für ihn: Rache.


William MANIAC / MANIAC COP Lustig brilliert hier mit einem knallharten Selbstjustizstreifen, der trotz seines nicht gerade originellen Plots nicht nur äußerst unterhaltsam und spannend ist, sondern auch exzellente Bilder vorzuweisen hat. Besonders auffällig ist auch die Regie in den Actionszenen, die oftmals die Woo'schen oder Peckinpahschen Zeitlupenästhetik bemüht, um an Intensivität zu gewinnen. Bemerkenswert ist hier eine grimmige Konsequenz, die vor keinen moralischen Schranken halt macht. Seien es die Blutfontänen, die sich aus den angeschossenen Körperteilen blutrot ergießen, oder die Tatsache, dass hier mehrfach Frauen misshandelt und wie bereits erwähnt, ein Kind aus purer Lust am Töten ermordet wird. Und das vor einem geblümten Duschvorhang mit einem Gewehr, das in seiner Durchschlagskraft sogar noch das Fenster (Perspektive der Mutter draußen) zerbersten lässt.



Überhaupt überzeugt der ständig wie zur Explosion neigende Film mit den tollen Stadtansichten New Yorks, insbesondere des heruntergekommenen Stadtteil Queens. Dazu ein pumpender 80er- Jahre-Soundtrack, coole Autos, die in bester BULLITT-Manier zur Verfolgungsjagd einladen, und eine Trostlosigkeit, die keine Aussicht auf Besserung bietet. Hier hat sich in den menschenleeren Straßen, die den Straßenbanden überlassen wurden, ein feiger Egoismus etabliert. Die Polizei weiß sich nicht zu helfen, die Gewalt regiert. Die einzige wirklich positive Figur des Films, eine engagierte Staatsanwältin, ist völlig desillusioniert und hat keine Cahnce, gegen das korrupte System anzukommen. So endet der Film mit einer Explosion der Gewalt, nach vollzogener Rache. Und nun? Wird so eine bessere Welt geschaffen? Nein. Über allem, der Nihilismus.

Freitag, 16. Dezember 2011

Mountain of the Cannibal God / Die weiße Göttin der Kannibalen (Sergio Martino, Italien 1978)


Martino hat in seiner filmischen Karriere alles vorzuweisen, mit was man Geld verdienen kann: Western, Gialli, Kannibalenfilme. Und wie so oft, sind seine Filme denen seiner Kollegen voraus. Auch MOUNTAIN OF THE CANNIBAL GOD überzeugt zunächst durch sein interessantes Drehbuch, seinen durchweg spannenden Plot.
Das ehemalige Bondgirl Ursula Andress reist als Susan Stevenson mitsamt ihrem Bruder nach Neu Guinea, um dem Verbleib ihres verschollen gegangenen Mannes nachzuspüren. Zu Hilfe kommt der Dschungelspezialist Foster (Stacy Keach) und später noch ein gewisser Manolo (Claudio Cassinelli), dem Susan schöne Augen macht, und der dem westlichen Lebensstil entsagt hat. Ein Abenteurer, den nichts schreckt, und der moralisch gefestigt ist. Auf ihrem Weg durch den Dschungel Neu Guineas jedoch machen sie recht bald Bekanntschaft mit dem Tod: eine gefährliche Spinne, Schlangen, und Alligatoren verspeisen sich gegenseitig oder beißen Paddlern die Arme ab. Jedoch: dies ist alles bitterer ernst, grausam gezeigt, und mit der Kamera en détail abgebildet.


Erst nach 2/3 des Films gelangt die Truppe, nun bereits dezimiert, zum besagten Berg, und es enthüllt sich, dass das Geschwisterpaar doch ganz andere Absichten hat, als den Vermissten zu finden. Es geht um Bodenschätze, genauer: Uran. Doch hier werden sie recht bald von den Puka gefangengenommen, einem Kannibalenstamm, der grausamen Riten folgt, und mit äußersten Brutalitäten seine Gesellschaft organisiert. Klar ist, hier kommt keiner mehr raus.


MOUNTAIN ist zunächst ein veritabler Abenteuerfilm, der spannend ist und interessante Figuren zu bieten hat. Sowie des öfteren tolle Naturkulissen (den Dschungel freilich, den Fluss, die Stromschnellen, die Landschaft, den Wasserfall). Allein die Kamera ist manchmal etwas uninspiriert - und die erwähnten Tiersnuff - Szenen haben dem Film als "Video Nastie" zu zweifelhaftem Ruhm verholfen. Dass Martino diese Grausamkeiten sogar noch forciert hat, ist dabei das i-Tüpfelchen auf der ganzen, seit Jahren immer wieder hochkochenden Diskussion.

Nun, eine bigotte Gesellschaft wie die unsere braucht sich nicht wundern, wenn Grenzen überschritten werden. Was immer gut und notwendig ist - das Skandalpotenzial dieser ekligen (und echten) Szenen ist sicherlich oftmals aus den falschen Gründen herbeigeredet worden, genauso sicher aber nicht immer nur aus diesen. Gewalt, Tod, Pornographie, Schlachtungen sind nun beileibe keine Seltenheit in heutiger künstlerischer Praxis. In MOUNTAIN allerdings geht es um die Sensation, die Ausstellung derselben, das Delektieren am "Schrecklichen" (also vor allem am "Fremden" und "Anderen"), nicht um Aufrüttlung. Um einen kleinen Jokus mir zu erlauben: das ist keineswegs "affig" (sagt die Python). In unserer Gesellschaft allerdings regiert der Zynismus (spätestens an der Fleischertheke im Supermarkt). Genauso dürfte man sich also über die Masturbationsszene erregt haben, oder die Schweine-Fick-Szene, den geöffneten Schädel oder den abgeschnittenen Penis, obwohl das völlig andere Darstellungshorizonte sind, die eigenständig betrachtet werden müssten. Szenen allerdings, die nicht weniger echt aussehen, als die realen. MOUNTAIN OF THE CANNIBAL GOD ist ein Exploitationfilm. Das sollte man nicht vergessen. Hier wollte auch jemand Geld verdienen. Ein Film, den ich (mit Einschränkungen) sehr gut finde.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Jungfrau unter Kannibalen / Sexo Caníbal (Jess Franco, Spanien/D/Fr 1980)


Die Schauspielerin Laura Crawford (Ursula Buchfellner) wird das Opfer einer Entführung: ihre eigene Managerin ist nämlich die Urheberin, um vom Produzenten des Films, in dem die Crawford reüssieren soll, eine größere Geldsumme zu erpressen. Mit Hilfe einiger Ganoven (einer hat einen Schlapphut) wird die Blondine auf eine tropische Insel verfrachtet, nur um dann festzustellen, dass man sich ausgerechnet eine solche ausgesucht hat, auf der ein Eingeborenenstamm einem Kannibalengott gut aussehende Frauen opfert. Dieser erscheint immer wieder für kurze Momente am Dschungelhorizont, rollt mit seinen blutunterlaufenden Basedow-Augen und schwingt seinen mächtigen Penis, wenn wieder eine Dame an einen Baum gekettet wird. Zur Rettung Lauras allerdings kommen ein Hubschrauberpilot angeflogen, sowie eine Pornokante mit blondem Schäuzer (Vietnamveteran Peter Weston (Al Cliver)). Es gibt dann Action.


Ich hätte ja gerne einen erlesenen und außergewöhnlichen Filmgeschmack, aber hier muss ich mich dann doch der Masse beugen. SEXO CANIBAL gehört zum Schlechtesten, was ich bisher in meinem nicht mehr ganz jungen Leben sehen durfte. Obwohl der Plot alle Möglichkeiten für einen reisserischen Exploitation- und Abenteuerfilm böte, ist er so dermaßen uninspiriert heruntergekurbelt und vor allem: zusammenmontiert worden, dass man den Glauben verliert. Auch die schon hilflos zu nennende Kamerarbeit, die sich in ihrem Stumpfsinn vor allem in ihrem prinzipiell voyeuristischen Blick und bei den Sexszenen offenbart, ist der eigentliche Skandal. Jede Form der Bildgestaltung geht diesem Machwerk ab.

Besonders eindrucksvoll ist die Montage der parallelen Erzählstränge zu Beginn: hier wird einfach minutenlang zwischen Dschungel und Croisette hin und hergeschnitten, obwohl in beiden Sequenzen eigentlich überhaupt nichts passiert. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen. Würde der Film seinen überschäumenden Plot in 60 Minuten zu bändigen wissen, wäre das alles vielleicht auch noch halbwegs zu verzeihen - bei einer Laufzeit von 100 min ist aber selbst der gutwilligste Gutfindenwoller an seine Grenzen geführt. Was ja durchaus auch eine gewisse Rekordleistung darstellt.

Samstag, 10. Dezember 2011

Ausgestoßen / Odd Man Out (Carol Reed, Großbritannien 1947)


Ein mit tollen Bildern randvoller Film ist dieses Noirgewächs von Carol DER DRITTE MANN Reed, der im Belfast der Nachkriegsjahre spielt: es gibt zuhauf hartkontrastiges Schwarzweiß, Verfolgungen im Gegenlicht durch die engen Gassen bei Nacht, Großaufnahmen auf die Gesichter der Verlorenen, Halunken und Gauner. Und eine Liebesgeschichte im Schnee. Meine Filmkritik hier in der Filmgazette.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Mondo Cannibale / Il Paese del sesso Selvaggio / Deep River Savages (Umberto Lenzi, Italien 1972)


Der blonde Photograph Lee Bradley macht sich flußaufwärts auf, immer Richtung Herz der Finsternis, tief in den thailändisch-burmesischen Urwald hinein. Dort am Fluss entlang findet er die gesuchten exotischen Landschaftsmotive, doch die Expedition gerät immer gefährlicher, je weiter man sich von der "Zivilisation" entfernt. Schon bald wird sein Führer getötet und er selbst wird von einem Stamm Wilder gefangengenommen. Darauf folgende Fluchtversuche werden nicht gerade gern gesehen. Erst der Einfluß Marias, der Tochter des Stammesfürsten, und eine wagemutige Luftröhrenoperation an einem einheimischen verunglückten Jungen lassen ihn in der Gunst des Eingeborenenstamms steigen. So also entdeckt Bradley die Wonnen des urwüchsigen Lebens, fernab jeder zivilisatorischen Ersatzbefriedigung. Hier hüpft man noch nackt in den Fluß und vögelt auf der Wiese, während einem die Sonne auf den Pelz brennt. Dazu läuft dann Softpornomucke.

Daß aber hinter all dem Scherz bitterer Ernst steckt, dürfte klar sein; hinter dem Mythos der Ursrünglichkeit droht das Unzivilisierte mit seinen archaischen Gesetzen. Der exotistische Eskapismus, bei dem das erotische Moment stets direkt bis in die Hose dringt - da man sich endlich den prüden puritanischen Fesseln des Christentums entledigen kann - ist ein gewaltiger Motor der Befreiung; auch für den Filmemacher, der wunderbar breitbeing im Sumpf des Exploitationkinos steht. Hier werden also en détail Tiere geschlachtet und Menschen gefoltert. Und der Kannibalenstamm von noch weiter weg (demnach noch ursprünglicher, wilder und aus den Bergen kommend) überfällt denn auch auf grausame Weise das Dorf, vergewaltigt und verspeist darauf das Opfer (sogar ohne es vorher zu braten!). An herben Szenen mangelt es nicht.

Eine ganz besonders interessante Perspektive ist auf die Frauenfiguren im Film zu werfen: zentral wären hier die o.g. Maria, die sich in den Fremden aus der Stadt, aus dem anderen Land, verliebt; sowie die Greisin, welche sich später bei einer heimlichen Hilfsaktion als verschleppte Amerikanerin ausgibt, die als Kleinkind im Dschungel ausgesetzt wurde. Während Maria die Verlockungen der Exotik verkörpert und auch mit zunehmender Spielfilmlänge immer öfter barbusig und dann gänzlich nackt gezeigt wird (wie auch Lee, dessen Gemächt allerdings nie zu sehen ist), wirkt ihre Autorität immerhin soweit, dass Lee nicht getötet wird, trotz seiner anfänglichen Fluchtversuche. Die Greisin allerdings ist eine Figur wie in einem US-amerikanischen Western, einer assimilierten Indianerin gleich, die nie ganz zur Indianerin wird, und immer ihrem in Bedrängnis geratenen Landsmann helfen wird. Ob sie dies auch bis zur Hinnahme eines eigenen Nachteils tun würde (wie häufig in der verbrämenden Darstellung eines klassischen Western), wird im Film nicht ausgeführt. Lee entscheidet sich für die Heirat mit Maria und kehrt der westlichen Welt den Rücken. Als Vater eines Sohnes mit einer Eingeborenen ist ihre Sache, nun nach dem Überfall durch die Kannibalen, auch seine eigene. Der Blick zum Hubschrauber durch das Blattwerk aus dem Versteck heraus ist eine überraschende und wunderbare letzte Einstellung dieses Filmes, die in ihrer Konsequenz bemerkenswert ist. Und eine Drehbuchentscheidung, die aus MONDO CANNIBALE einen herausragenden Film macht.