Freitag, 16. Dezember 2011

Mountain of the Cannibal God / Die weiße Göttin der Kannibalen (Sergio Martino, Italien 1978)


Martino hat in seiner filmischen Karriere alles vorzuweisen, mit was man Geld verdienen kann: Western, Gialli, Kannibalenfilme. Und wie so oft, sind seine Filme denen seiner Kollegen voraus. Auch MOUNTAIN OF THE CANNIBAL GOD überzeugt zunächst durch sein interessantes Drehbuch, seinen durchweg spannenden Plot.
Das ehemalige Bondgirl Ursula Andress reist als Susan Stevenson mitsamt ihrem Bruder nach Neu Guinea, um dem Verbleib ihres verschollen gegangenen Mannes nachzuspüren. Zu Hilfe kommt der Dschungelspezialist Foster (Stacy Keach) und später noch ein gewisser Manolo (Claudio Cassinelli), dem Susan schöne Augen macht, und der dem westlichen Lebensstil entsagt hat. Ein Abenteurer, den nichts schreckt, und der moralisch gefestigt ist. Auf ihrem Weg durch den Dschungel Neu Guineas jedoch machen sie recht bald Bekanntschaft mit dem Tod: eine gefährliche Spinne, Schlangen, und Alligatoren verspeisen sich gegenseitig oder beißen Paddlern die Arme ab. Jedoch: dies ist alles bitterer ernst, grausam gezeigt, und mit der Kamera en détail abgebildet.


Erst nach 2/3 des Films gelangt die Truppe, nun bereits dezimiert, zum besagten Berg, und es enthüllt sich, dass das Geschwisterpaar doch ganz andere Absichten hat, als den Vermissten zu finden. Es geht um Bodenschätze, genauer: Uran. Doch hier werden sie recht bald von den Puka gefangengenommen, einem Kannibalenstamm, der grausamen Riten folgt, und mit äußersten Brutalitäten seine Gesellschaft organisiert. Klar ist, hier kommt keiner mehr raus.


MOUNTAIN ist zunächst ein veritabler Abenteuerfilm, der spannend ist und interessante Figuren zu bieten hat. Sowie des öfteren tolle Naturkulissen (den Dschungel freilich, den Fluss, die Stromschnellen, die Landschaft, den Wasserfall). Allein die Kamera ist manchmal etwas uninspiriert - und die erwähnten Tiersnuff - Szenen haben dem Film als "Video Nastie" zu zweifelhaftem Ruhm verholfen. Dass Martino diese Grausamkeiten sogar noch forciert hat, ist dabei das i-Tüpfelchen auf der ganzen, seit Jahren immer wieder hochkochenden Diskussion.

Nun, eine bigotte Gesellschaft wie die unsere braucht sich nicht wundern, wenn Grenzen überschritten werden. Was immer gut und notwendig ist - das Skandalpotenzial dieser ekligen (und echten) Szenen ist sicherlich oftmals aus den falschen Gründen herbeigeredet worden, genauso sicher aber nicht immer nur aus diesen. Gewalt, Tod, Pornographie, Schlachtungen sind nun beileibe keine Seltenheit in heutiger künstlerischer Praxis. In MOUNTAIN allerdings geht es um die Sensation, die Ausstellung derselben, das Delektieren am "Schrecklichen" (also vor allem am "Fremden" und "Anderen"), nicht um Aufrüttlung. Um einen kleinen Jokus mir zu erlauben: das ist keineswegs "affig" (sagt die Python). In unserer Gesellschaft allerdings regiert der Zynismus (spätestens an der Fleischertheke im Supermarkt). Genauso dürfte man sich also über die Masturbationsszene erregt haben, oder die Schweine-Fick-Szene, den geöffneten Schädel oder den abgeschnittenen Penis, obwohl das völlig andere Darstellungshorizonte sind, die eigenständig betrachtet werden müssten. Szenen allerdings, die nicht weniger echt aussehen, als die realen. MOUNTAIN OF THE CANNIBAL GOD ist ein Exploitationfilm. Das sollte man nicht vergessen. Hier wollte auch jemand Geld verdienen. Ein Film, den ich (mit Einschränkungen) sehr gut finde.