Freitag, 28. Dezember 2012

Who Killed Marilyn? (Gérald Hustache-Mathieu, Frankreich 2011)


Der psychisch angeschlagene Krimiautor Rousseau (Jean-Paul Rove als zerknitterter Schriftsteller mit Schreibblockade und vehementer Ideenlosigkeit) fährt mit seinem klapprigen Wagen in die Provinz um das Erbe seines verstorbenen Onkels abzugreifen. Allein, der Weinberg und der Besitz geht an die Stadt, er selbst bekommt nur einen ausgestopften Hund. Wieder nichts. Die Nacht im tristen Gasthof wird kalt; es hat ordentlich geschneit, und die Heizung ist defekt. Wie es das Schicksal will, wurde eben die Leiche einer jungen Frau, der schönen Candice (Sophie Quinton) gefunden, erfroren im Schnee. Die Zeichen deuten auf Selbstmord. Ein Faktum, das der Dorfbüttel allzu schnell und gerne als Todesursache zu akzeptieren bereit ist. Rousseau allerdings wittert ein Geheimnis und macht sich auf die Spur. Da zeigt sich, dass die Käsekönigin der Franche-Comté ein verwickeltes Leben geführt hat – und die Ermittlungen führen zu obskuren Parallelen im Leben von Marilyn Monroe…

Die häufig aus dem Kontext gerissene Sentenz Adornos , „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, ist ein geflügeltes Wort geworden. Hier wäre die Umkehrung passender: für Candice gibt es kein Leben im richtigen. Denn der normale Alltag kann ihr nichts bieten in diesem tiefverschneiten hinterletzten Kaff. Also erfindet sie sich selbst neu, erschafft eine Kunstfigur, die an Marilyn Monroe erinnert. Ein Star, den sie verehrt, und dem sie verblüffend ähnlich sieht, als sie sich auf Anraten eines Photographen hin die Haare blondiert. Sie immitiert deren Posen, das Lachen, ihr Aussehen. Sie gibt sich einen Künstlernamen, gewinnt das Casting bei einem käseherstellenden Molkereibetrieb, wird schließlich regional bekannt und beliebt, das öffentliche Interesse an ihrer Person nimmt zu. Ihr Leben wird augenscheinlich erst lebenswert in einem falschen, in ihrer Kunstpersona.

So auch der Film selbst, der für sich genommen ebenso eine Kopie ist. Der als Mashup beliebter Genrestandards selbst eine Dopplung ist. Der stark mit Motiven aus David Lynchs TWIN PEAKS spielt, und immer wieder Anleihen bei den Filmen der Coen-Brüdern findet...

Weiterlesen bei HARD SENSATIONS ...

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Samstag, 22. Dezember 2012

End of Watch (David Ayer, USA 2012)


... Und so bedrohlich der Film auf seinen Wegen durch das feindlich anmutende Stadtgebiet die ganze Zeit über wirkte, so trist endet es nun hier in einer stinkenden, schlecht ausgeleuchteten Hinterhofgasse. Dass der Film dann ganz am Ende noch einmal einen versöhnlichen Erinnerungshaken schlägt, dürfte jedoch nicht so gut ankommen. Und verweist auch noch einmal in aller Deutlichkeit auf eines der Probleme vieler dieser aus "Original-Material" montierten Filme. Da die subjektive Perspektive nicht konsequent durchgehalten, sondern immer wieder mit Bildern einer klassischen Kameraführung angereichert wird, verschwimmt die klare Kontur der Autorschaft. Am Ende bleibt das Gefühl zurück, manipuliert worden zu sein, und so bringt sich der Film aufgrund formaler Unschärfen selbst um einen großen Teil seiner Wirkmächtigkeit. Nichtsdestotrotz ist "End of Watch" ein testosteron- und adrenalingesättigter Powertrip am Rande der amerikanischen Nacht und ein Blick in das taghell schmerzhaft gleißende Labyrinth des Verbrechens eines unentrinnbaren Molochs ...

Weiter in der Filmgazette.

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Freitag, 14. Dezember 2012

Die Ratte (Klaus Lemke, Deutschland 1993)


Ein Kiezfilm, Hamburger Rotlichtviertel. Der versoffene Hänger Sven (Thomas Kretschmann), immer die Kippe im Maul, der Atem stinkt nach Schnaps, die Haare fettig nach hinten, versucht verzweifelt eine goldene Rolex zu verschachern. Da kommt ihm sein kleiner Bruder in die Quere, der irgendwie von zu Hause weg ist, und es ihm jetzt nachmachen will. Sven will ihn loshaben, doch Ricki lässt sich nicht abschütteln. Da nimmt er ihn halt mit und schickt ihn vor bei einem Drogendeal, der in einer Villa stattfindet und zufällig auch ein Bordell mit Minderjährigen beherbergt. Marco Heinz als Ricki lernt dort Myriam Zschage kennen, plötzlich steht er vor ihr, sie die Ausbilderin der jungen Nutten. Und zwischen ihnen ist dann plötzlich eine Magie da, alleine in den Blicken, wo direkt klar ist, dass es diese Frau sein wird, mit der Ricki sein "erstes Mal" erleben wird.

DIE RATTE ist ein merkwürdiger Film. Seltsam zerrissen wirkt er, obwohl der Plot in gerader Linie verläuft. Wie aus einzelnen Sequenzen scheint er zusammengebaut, zusammengehalten vom Regen, der Tristesse des Milieus, und einen krude treibenden Technobeat, der immer wieder hineinknallt in den Film, als wollte er ihn ersticken. Dazu  dann auch wiederholt Hubschrauberflüge über die graue Stadt, die eigentlich keine wirkliche Funktion übernehmen, eher die Geschichte auseinandertreiben, verstörend wirken. Man denkt, man überfliegt ein Katastrophengebiet - in dem laufend irgendwelche Verbrechen verübt werden.

Etwas bemüht wirkt mit zunehmender Spielzeit der nach Hollywood abgewanderte Thomas Kretschmann, der mit einer furiosen, sehr eindrücklichen Sexszene den Film eröffnet hatte. Später allerdings sieht das alles gespielt und forciert aus, die Worte liegen ihm steif im Mund herum. Wie auch Marco Heinz, ein eigentlich grundsympathischer Schauspieler, manchen Brocken wie fremdes Treibgut loswird. Plötzlich wird man aus dem Guerillafilm (das scheint einfach so on location gedreht worden zu sein, manche Passanten bleiben auch stehen, schauen rüber - hm, was machen die da, drehen die einen Film?), dem echten, direkten, unkünstlerischen in eine brechtsche Situation geworfen, die wie hölzernes Autorenkino daherkommt. Beinah wirkt das auch, als sei Lemke es egal, wenn mal was danebengeht. So ist das halt, wir bleiben echt. Auch werden Bilder angeschnitten, ein Bein ragt hinein, ein Telephonhörer liegt so rum - dann kommt er eben kurz auf die Gabel, usw. Was ja schon wieder total sympathisch ist. Von erlesener Komposition kann man da dann halt nicht sprechen, was freilich auch Fehl am Platze wäre. Trotz der (milden) Kritik: DIE RATTE hat mir ziemlich gefallen, das Milieu ist schon herrlich trist dargestellt, da wird nix arrangiert, die Topfpflanzen stehen halt so, wie sie das immer tun. Lilo Wanders taucht auf und will Marco knutschen, der hält sich aber vor Angst die Hand vor den Mund, und in wenigen kurzen Momenten ist Rocko Schamoni im Bild. Ein deutscher Genrefilm, wie man ihn sich wünschen kann.

Mit einer weitergehenden Einordnung ins Werk kann ich leider nicht dienen, da ich von Lemke nur noch den später gedrehten DAS FLITTCHEN UND DER TOTENGRÄBER kenne, ein Las Vegas-Film, der mir nicht besonders zusagte und der nach einem staubigen Urlaub aussieht. Selbst ROCKER, SYLVIE und so weiter, muss ich noch nachholen. Ich freue mich drauf.

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Donnerstag, 13. Dezember 2012

Apparition - Dunkle Erscheinung (Todd Lincoln, USA 2012)


"Und fatalerweise gelingen nicht einmal die billigsten jump-scares. Da man beim Schnitt auf eine jugendfreie Fassung geschielt zu haben scheint, und dabei alles, was irgendwie an Grenzen stößt, bewusst vermieden hat, ist "Apparition" ein furchtbar zahmer Film geworden, der sich trotz der kurzen Laufzeit von gerade mal 80 Minuten ellenlang anfühlt. Aber auch die psychologischen Aspekte des Horrors, die sich gegenständlich durch die Schimmelflecken im Haus manifestieren, werden lediglich angerissen, nie wirklich schlüssig ausformuliert oder gewinnbringend eingesetzt. So mäandert auch der Film - wie das Haus in ihm - in seinem unausgegorenen Plotverlauf durch verschiedene Stadien der Verwahrlosung. Die Synapsen des Zuschauers jedenfalls werden von "Apparition - Dunkle Erscheinung" alles andere als elektrisiert."

Weiteres in der Filmgazette. Prost Mahlzeit!

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Sonntag, 9. Dezember 2012

Abraham Lincoln: Vampire Hunter (Timur Bekmambetov, USA 2012)


Den Roman Abraham Lincoln:Vampire Hunter von Seth Grahame-Smith hatte ich letzten Sommer erst gelesen - mit gemischten Gefühlen übrigens, wirklich gelungen fand und finde ich auch heute noch, ist er nicht. Spannender Zeitvertreib aber allemal. Auf die Umsetzung ins Medium Film war ich dennoch sehr gespannt, da der kurze, knappe Schreibstil schon sehr filmische Bilder im Kopf hervorrufen konnte, und der Text sich teilweise wie ein Drehbuch liest. Ich bin leider vom Film noch mehr enttäuscht, als vom Buch. Und das, obwohl Herr Grahame-Smith auch für das Drehbuch verantwortlich war. Wie auch als einer der Produzenten.


Nun bin ich keiner der Literaturpuristen, die immerzu davon ausgehen, die filmische Adaption habe sich am literarischen Werk anzupassen. Die somit das Buch als das "Original" ansieht und es auf einen sakrosankten, hochwertigeren Platz hebt, an den sich gefälligst das Unterhaltungsmedium anzupassen habe. Ich vertrete vielmehr die Meinung, dass sich der Film emanzipieren muß, ein in seiner Kunst eigenständiges Werk hervorbringen muß, in den Formen und mit den Möglichkeiten die eben genau diese Form der Kunst bietet. Ein dubioses Korsett an Vorgaben von seiten des Originals ist für einen neuen Kreativprozeß wenig hilfreich. Dennoch glaube ich, sollte eine Verfilmung die Eigenheiten eines literarischen Werkes in den Film zu integrieren versuchen; Stimmungen, Plotverläufe, Sprache, Zeiterfahrungen und derlei mehr. Das Buch darf eben nicht nur als Plotlieferant für die Filmhandlung dienen.

Und dies ist in der auf den Bombast angelegten Verfilmung Timur Bekmambetovs weniger gut gelungen. An den beiden Screenshots erkennt man schon, worauf der Film hinaus will: auf die Überrumpelung des Zuschauers mittels übermächtiger BIlder. Dass das Buch zunächst einmal ein sehr innerliches, privates ist (denn man liest ja großteils die "autobiographischen Aufzeichnungen" Lincolns), spielt scheinbar keine Rolle. Das Tagebuch ist lediglich ein Artefakt im Film, das bedeutungsschwanger herumgereicht wird. Das Design der Vampire ist auch wenig gelungen. Der klassische Vampir reicht heutzutage wohl nicht mehr aus, dabei handelt es sich um genau diesen im Roman. Im Film haben wir es mit plötzlich sich verwandelnden reißenden Bestien zu tun, die mit einem ganzen Maul voll Fangzähnen attackieren - wie die Zombies in 28 DAYS LATER. Entsprechend geraten die Zweikämpfe zu regelrechten Martial Arts-Kämpfen, die dann Dank der Wahl der Waffe Lincolns, eine Axt, zum puren splattrigen Gorevergnügen ausarten. Hier spritzt das Blut in Fontänen, da können sich die Japaner noch ein paar Scheiben von abschneiden. Es mangelt also an Stil und gutem Geschmack. Was mich aber am meisten gestört hat neben der extrem penetranten color-gegradeten Bildgestaltung in teal & orange: dass durch die Handlung gehetzt wird wie in einem Actionfilm. Das Buch ist trotz seiner Schwächen gerade wegen seines variierenden Tempos, den immer wieder einestreuten ruhigen Passagen, die von kurzen Actionshocks unterbrochen werden, lesenswert. Dies, wie auch das Portrait eines sich gesellschaftlich entwickelnden Landes in tumultartigen Zeiten, in den Beschreibungen der Landschaften wie Seelenlandschaften, in den Beschreibungen des Häuslichen, des Farmerlebens, der Sehnsucht nach Einsamkeit und Zurückgezogenheit, dies alles kommt im Film niemals vor - es sei denn als verbrämter Seitblick in eine schäbig honiggelb ausgeleuchtete Idylle hinein. Grauemhaft ist das. Auch die Darstellungen der für Lincoln so wichtigen Freundschaften, die ihm Halt und Kraft geben (neben seiner Ehe), in den Weiten eines instabilen Landes, also auch in den Weiten der feindlichen Umgebung, findet keinen Platz im Film. Lediglich die Freundschaft zu Henry, die allerdings auch eine Pointe aufzuweisen hat, bekommt einigen Raum. An die Intensität, die sie im Buch einnimmt, kommt sie aber nicht annähernd heran.


Der Film kostete 69 Millionen $, eingespielt hat er im Kino 37,500 000 $. Ein ordentliches Verlustgeschäft, das wohl selbst durch die weihnachtliche DVD-Auswertung nicht wett gemacht werden kann. So richtig verwundern kann einen das nicht, allerdings läßt sich der Film schon zur derzeit beliebten Sparte der eskapistischen Fantasyfilme hinzurechnen, die momentan die Blockbusterleinwände belegen. Nächste Woche läuft DER HOBBIT an. Positiv anzumerken bleibt allerdings auch etwas: der Film übernimmt die hanebüchene Prämisse des Buches mit einer Ernsthaftigkeit, die absolut notwendig ist, um diesen Film zu machen. Sonst wäre es ein albernes Gekasper geworden. Das ist er freilich nicht. Das hier ist die wahre Geschichte der Entwicklung der nordamerikanischen Staaten.

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Sonntag, 2. Dezember 2012

The Walking Dead - Season 2 (Frank Darabont, USA 2011)

 
Der schmutzige Look der Serie, der sich schon durch das verwendete 16mm-Format einstellt, und der im Netz viel Kritik vor allem unter den Hochglanzfetischisten hervorgerufen hat, führt die Serie auf einer ästhetischen Ebene zu ihrem inhaltlichen Zentrum zurück: zur zerstörten Welt. Die Eigenschaft des Ausgangsmaterials mit seinen Rauschwerten, den immer wieder deutlich sichtbaren Texturen und dem geliebten wie gefürchteten Filmkorn, lässt sich als Allegorie zur postapokalyptischen Welt und zum zerstörten Gesellschaftsgefüge lesen, in welcher der Überlebenskampf der Protagonisten permanent durch die Sinnhaftigkeit ihres Tuns hinterfragt wird.

Im Interview auf studiodaily berichtet Kameramann David Boyd davon, wie mit verschiedenen Filmformaten experimentiert worden sei, 35mm, 16mm, RedOne, usw., und dass man sich schließlich für die etwas härteren und kälteren Bilder des Super 16-Formats entschieden hätte. "The Walking Dead" wurde mit drei gleichzeitig laufenden Arriflex 416 gedreht, ohne zugewiesene Hierarchien, und dann sei erst später entschieden worden, welche Sequenz aus welcher Einstellung und Position zu verwenden sei.  

Und diese Welt, in der sich die Überlebenden aus Staffel 1 (2010) befinden, hat sich als ein worst case scenario bestätigt: die Zombifizierung ist überall... weiter in der geschätzten Filmgazette.

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Mittwoch, 28. November 2012

Bombay Beach (Alma Har'el, USA 2011)


Irgendwann einmal, so in den Fünfzigern etwa, war Bombay Beach in Südkalifornien ein beliebtes Ausflugsziel am Salton Sea für die Großstädter und all diejenigen, die aus der Wüste östlich von Los Angeles mal Urlaub am Wasser machen wollten. Heute ist Bombay Beach eine der ärmsten Communities der USA - verfallen, verwahrlost, für die Übriggebliebenen ohne Perspektive. Alma Har'els Debut BOMBAY BEACH ist ein Dokumentarfilm über diese Leute, einer, der schmerzhaft genau hinschaut und trotzdem einen liebevollen Blick bewahrt.





In BOMBAY BEACH werden drei unterschiedliche Charaktere portraitiert, die immer wieder genauer in den Fokus genommen werden: der Junge Benny Parrish, bei dem eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, und dessen Tagesablauf von der Einnahme der Tabeletten geregelt wird. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer Großfamilie auf, seine Eltern waren beide schon im Gefängnis und der Vater sitzt den ganzen Tag auf der Couch und trinkt Bier. Ansonsten wird mit den Geschwistern herumgetollt. Eine weitere Figur ist Ceejay Thompson, eine schwarzer Jugendlicher, der Los Angeles verlassen musste, als sein Cousin in einem Bandkrieg erschossen wurde. Er möchte Footballspieler werden, hat aber schlechte Zensuren und verliebt sich in eine Fünfzehnjährige, die von ihrem Ex-Freund bedroht wird. Der Dritte ist ein älterer Herr namens Red, ein ehemaliger Arbeiter auf den Ölfeldern, der in einem Trailer lebt und sein karges Dasein mit dem illegalen Verkauf von Zigaretten finanziert. Er ist charmant, wortgewandt und ein Redneck, der in jedem Trailerpark seine "Freundinnen" hat. Alle drei Leben sind (männliche) Schicksale, sie gehen an die Nieren, weil sie vom Überleben im Verfall zeugen. Das aber nicht auf eine auf die Tragödie oder den Skandal hin inszenierte Weise, sondern mit kleinen Geschichten, Erzählerstimmen aus dem Off, durch das stille Begleiten der Protagonisten in ihrem Alltag. Besonders bedrückend ist freilich das Los des liebenswerten Jungen Benny, tablettengestopft im Vertrauen auf die Ärzte und fürsorglich betreut von seiner Mutter, soweit sie das auf die Reihe kriegt; und dessen noch junges und zugleich fragiles Leben vor allem in der Abbildung seines dürren Kinderkörpers augenfällig wird.




Neben diesen Schicksalen ist aber vor allem die Machart des Films interessant, die im dokumentarischen Modus immer wieder mit inszenierten, choreographierten Szenen spielt (in einem Film, der in seinen Bildern manchmal leider etwas zum Manierismus tendiert). Das sind zumeist Musiknummern und sie sind den musikalischen Unterbrechungen eines Bollywoodfilms nicht unähnlich - zur Musik von Beirut oder Bob Dylan, melancholisch eingesetzt, tanzen die Kinder nachts zum Feuerschein, oder tags über die Müllhalden entlang des Salzsees. Inmitten der verendeten Fische. Dadurch gelingt es auf schmerzhafte Weise, die Lebensfreude darzustellen, die in all den Menschen wohnt, trotz ihrer prekären Situation, trotz des Strands, der wie zum Hohn an so etwas wie Vergnügen oder einen Urlaub erinnert, und trotz des sorgenvollen Alltags. Und natürlich erzählt der Film auch eine Geschichte über diese unglaubliche Landschaft, über die Weite, über das Licht in der Wüste, den warmen Wind über den staubigen Straßen, der das Feuer auf dem Hof anfacht, um das sich ein paar Nachbarn inmitten des Gerümpels niedergelassen haben. In einer Szene am Ende des Films fährt Benny im Abendlicht mit dem roten Helm der Feuerwehrleute und einem aufgeklebten Schnurrbart auf dem Löschwagen durchs Dorf - plötzlich hat er eine Zukunft vor sich, und er strahlt vor Glück. Und der Zuschauer ist dankbar für diese Bilder der Hoffnung, mit denen er aus dem Film entlassen wird, die einem wieder, und wenn es nur ein wenig ist, Vertrauen zurückgeben in diese Welt.


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Sonntag, 25. November 2012

Felicia / Les mille et une perversions de Felicia (Max Pécas, Frankreich 1975)


Während Paul und Gabrille ein angenehmes Leben nach Art der provinziellen Bohème im französischen Deauville führen (er ist Lehrer, sie eine Photographin kurz vor dem Durchbruch), wird ihr libertin gleichförmiges Leben durch die 15jährige Felicia erschüttert, die sie für drei Wochen bei sich aufnehmen, da deren Mutter in ein schweizer Sanatorium muss. Felicia ist ein aufgewecktes, dabei rotzfreches Gör, das gerade ihren Körper und die Erotik zu entdecken beginnt, und so ist nach anfänglichen Widerständen der Erwachsenen es bald üblich, draußen am Pool die Hüllen fallen zu lassen. Außerdem beginnt sie für Gaby Modell zu stehen, schwül-zarte Bilder einer jugendlichen Sexualität entstehen, die vor allem bei den männlichen Kunstexperten der Region gut ankommen. Felicia becirct Gabrielle zunehmend, und Gaby legt bald alle Hemmungen ab, verknallt sich sogar in das Mädchen. Diesem reicht die eine Eroberung freilich nicht, und so ist auch Paul bald seinen Frieden los. Zumal er sowieso schlecht darauf zu sprechen ist, dass sich seine Frau emotional von ihm entfernt hat.

Paul und Gabrielle erwarten Felicia am Flughafen ...

Paul vermutet richtig ...

FELICIA ist schwüler Euro-Softporn deluxe. Weichzeichner, Rosenbeete, Frauenhüften im Kerzenlicht, verruchte Mädchen in halboffenen Bademänteln, Grenzgänge allenthalben. Die Protagonisten bewegen sich auf einem emotionalen Minenfeld, denn die ach so offene Beziehung des sexuell enorm aktiven Ehepaares wird in Frage gestellt. Der Plot besteht mit einer doch ziemlich unterhaltsamen und glaubhaften Handlung. Es ist keinesfalls so, dass man entnervt vorspulen wollte, auch wenn hier natürlich überhaupt nichts Neues erfunden wird. Gleichwohl wird das alles recht ansprechend dargeboten. Und Pauls Verärgerung über Felicia fügt eine überraschende Reibungsfläche hinzu, sein Umkippen wird sehr lange hinausgezögert. Natürlich auch, um den lesbischen Neigungen Raum zu geben, aber dennoch...

Nächtliche Badefreuden.

Der Film wandelt mehrfach hart an der Grenze zum Hardcore, überschreitet diese jedoch nie. Er ist suggestiv, erotisch, schwül, lüstern, verklemmt, müde und exzessiv. Er ist pures Kopfkino. Mir ist das ja ehrlich gesagt bedeutend lieber, als das Abbilden stumpfer, mechanischer Offensichtlichkeiten. Und wenn das alles mit einer solch liebenswürdigen Schlüpfrigkeit und Unverfrorenheit präsentiert wird, dann kann man diesen Film eigentlich nur empfehlen.

Diese Rosen!

Felicia als Modell.

Gabrielle, abends vor dem Schminkspiegel.

Gabrielle geht gleich zu Bett.

Freitag, 23. November 2012

Sinister (Scott Derrickson, USA 2012)


Ein Autor von true crime-Romanen zieht mit seiner Familie in eine neues Haus, welches, das stellt sich später heraus, Schauplatz eines grausamen Mordes wurde: die Familie des Vorbesitzers wurde erhängt, und die Tat wurde auf einem Super 8 - Film festgehalten. Ellison Oswalt (Ethan Hawke) findet auf dem Dachboden, nachdem er von mehreren Reptilien angegriffen wurde, eine Kiste mit verschiedenen Filmspulen, auf denen, so zeigt sich in seinem exzessiven Hineinstürzen in die selbstgeführten Ermittlungen, mehrere Tötungen verschiedener Familien dokumentiert sind. Found footage im konkreten erzählerischen Sinne also. Die Story verbindet authentische Serienkillerthematiken mit wahnhaften Visionen und schließlich mit einer übernatürlichen Bedrohung. Lukas hat das in seinem, wie ich finde, sehr produktiven Text im Perlentaucher erhellend dargestellt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kritikern im Netz. Meinen Beitrag kann man in der filmgazette nachlesen.

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Mittwoch, 21. November 2012

Live-Audiokommentar #27 am 24.11. in Aachen


am Samstag findet der letzte Live-Audiokommentar in diesem Jahr statt, wie immer um 21 Uhr in der Raststätte zu Aachen. Unter dem Motto "Bärendienst nach Vorschrift" begrüßt Alex HYPNOSEMASCHINE Klotz diesmal als Gast Klaudiusz Gieroń, Kulturerforscher und Liebhaber bizarrer Phänomene. Auch diese Veranstaltung dürfte wie schon so oft, einer der Höhepunkte der cienastischen Woche werden. Ich wünsche viel Vergnügen!

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Freitag, 16. November 2012

Universal Soldier: Day of Reckoning (John Hyams, USA 2012)


Aus dem Koma erwacht, kehren die Bilder zurück: die brutale Ermordung des Sohnes, der Frau. John (Scott Adkins) hat die Home Invasion nur knapp überlebt, doch jetzt sinnt er auf Rache. Für die Tat scheint Luc Deveraux (Jean-Claude Van Damme) mit seinen maskierten Handlangern verantwortlich zu sein. Doch je mehr er sich an die Mörder heranarbeitet, desto deutlicher wird, dass er es hier mit einer Verschwörung, einer Geheimarmee an abtrünnigen Elitekämpfern der Regierung zu tun hat, die über implantierte Mikrochip-Kapseln manipuliert werden. Möglicherweise. Die verlässlichen Koordinaten lösen sich auf.

Mit diesen Worten ist der Film nur unzureichend beschrieben. Denn DAY OF RECKONING ist - nach seinem tollen Vorgänger UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION - vor allem ein filmischer Rausch. Hoffnungslos düster, basslastig, die Tonspur eine ambiente Fahrt durch die Nacht ans Ende aller Tage. Ein dunkler Bastard, der einen durch seine subjektive Kamera in die Erlebniswelten seiner Protagonisten hineinzieht, diese nachfühlbar macht, und dann nach einer menschenfeindlichen, cineastischen tour de force am Ende des Films wieder ausspuckt. Wann hat man eigentlich zum letzten Mal Atem geholt?

DAY OF RECKONING ist ein Männerfilm, ein Actionfilm, ein Genrefilm im Gewand eines Kunstfilms. Ein Monolith aus schwarzer Masse. An der Vermittlung von Plot ist er nur sekundär interessiert, auch wenn durchaus eine geradlinige, übergeordnete Narration existiert. Es ist aber doch das eigentliche Kriterium des Films, dass sich die Bilder von der Knute der handelsüblichen, stringenten Erzählvorgaben immer wieder weitestgehend befreien. Dies wird in unzähligen Momenten deutlich: etwa beim Überfall ist es markant, dann bei den Erinnerungsflashbacks, die tatsächlich als weiße Halluzinationsblitze inszeniert sind, an dem schließlich im Tunnelsystem sich befindenden Kämpfer, wo er auf den Finalgegener trifft, Andrew Scott, gespielt von Dolph Lundgren. Hier wächst dann der Film völlig über sich hinaus in einer rasant sich verändernden filmischen Darstellung hin zum Computerspiel, dem Ego-Shooter, wie man es aus Klassikern wie etwa Half-Life kennt. Am Ende werden sogar Holzboxen auf dem Boden zertrümmert, etwa durch Schulterwürfe, in denen schließlich gar nichts darinnen ist. Der realistische Modus, so wenig er hier sowieso Gültigkeit besitzt aufgrund der immer wieder experimentierfreudigen Kamera sowie des Gesamtdesigns, wird also völlig ad acta gelegt und zugleich übersteigert zu einer potentiell erfahrbaren künstlichen Gamerwelt, die unsere irdische transzendiert bis in den Mikrochip selbst hinein. Wie aus dem Menschlichen die Maschine erwächst und der Zuschauer das Maschinelle als Realität akzeptiert, das ist eine der Dystopien, die UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING erzählt.

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Donnerstag, 15. November 2012

Hands on Fassbinder #6 MY FASSBINDER

 
LIVE IN BERLIN, 17. und 18. November 2012 im Collegium Hungaricum Berlin:
 
Die letzte Veranstaltung in der Reihe HANDS ON FASSBINDER thematisiert Rainer Werner Fassbinders Einfluss auf das Filmschaffen der verschiedensten Nationen und Kulturen. Seine Filme werden verehrt, zitiert und dienen als Inspiration. Doch worin genau liegt seine Kraft? Deutsch – europäisch – international: bei HANDS ON FASSBINDER #6 sprechen u.a. Filmemacher aus Argentinien, New York und Portugal über Fassbinder und sein Werk.

Agustìn Mendilaharzu und Mariano Llinàs / Argentinien 
 HISTORIAS EXTRAORDINARIAS

Lodge Kerrigan / USA
CLEAN, SHAVEN (zu dem ich einen längeren Text geschrieben habe, der der DVD von Bildstörung beiliegt)

João Pedro Rodrigues und João Rui Guerra da Mata / Portugal
THE LAST TIME I SAW MACAU

und

PARALLELAKTION / LOU CASTEL

Das Filmprogramm im Zeughauskino umfasst Fassbinders LILI MARLEEN, DESPAIR, DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, ANGST ESSEN SEELE AUF und QUERELLE.
+ Abschlußparty! 



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Mittwoch, 17. Oktober 2012

Dictado / Childish Games (Antonio Chavarrías, Spanien 2012)


Ob es mit einem Tabu zu tun hat oder der landläufigen Vorstellung vom "unschuldigen Kind" - Kinder in Horrorfilmen sind immer eine besonders gruselige Angelegenheit, und die Dekonstruktion des Symbols eben jener "Unschuld" wird als moralisch heikle Sache empfunden. In gar nicht wenigen Filmen der letzten Jahre wurde dieses Motiv nun durchgehechelt, zumeist ohne das Intensivitätsniveau der älteren Klassiker wie DAS DORF DER VERDAMMTEN von Wolf Rilla (1960) oder etwa QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO / WHO CAN KILL A CHILD? von Narciso Ibánez Serrador (1976) zu erreichen.

Auch in DICTADO ist ein Kind die Ursache für den Horror: die sich intensivierenden Probleme eines jungen Paares, beide Erzieher / Lehrer in einer spanischen Grundschule nahe Barcelonas, werden scheinbar zu einem unüberbrückbaren Graben. Denn ein junges Mädchen, Julia, Tochter eines ehemaligen Bekannten des Protagonisten (Juan Diego Botto als Daniel), der sich das Leben nimmt, wird von dem Paar, das (vielleicht) keine Kinder bekommen kann, vorübergehend zur Pflege aufgenommen. Nur temporär und eine gewisse Zeit, doch der Freundin Daniels wächst das Mädchen immer mehr ans Herz. Daniel hingegen fühlt sich auf unbestimmte Weise von Julia bedroht, als ob ein dunkles Geheimnis im Hintergrund lauere. Und tatsächlich hatte er als junger Bub mit seinem Freund den Tod eines Mädchens verschuldet - dieses lebendig begraben. Scheinbar, oder sind es die Einflüsterungen einer irr gewordenen Großmutter, ist Julia die reinkarnierte Tote, oder ein Geist, oder etwas Derartiges. Daniels verdrängte Erinnerungen an das Verbrechen kehren zurück, sein schlechtes Gewissen läßt ihn aggressiv werden, seine Distanz zu Julia treibt einen Keil in die Beziehung zu seiner Freundin, die als sensibles Wesen natürlich seine Vorbehalte spürt.

Das wirklich interessante Thema an DICTADO ist, und ich befürchte, es ist auch das einzige was an diesem Film interessant ist, das ist die Frage, wie sich das Gefüge einer Liebesbeziehung ändert, wenn ein Kind die Balance zum Kippen bringt. Der Mann wird zunehmend eifersüchtig, für die Frau steht scheinbar das Kind an erster Stelle. Wie würde man wählen, wenn sich die Fronten verhärten? Nicht dass der Film eine psychologische Studie dieser Frage wäre - dafür ist er zu sehr Genrefilm. In einem kurzen Moment wird das Thema abgehakt. Ein Problem ist weiterhin, dass der Film permanent auf der Schwelle zwischen Phantastik und Psychothriller schwankt, und diesen Schwebezustand  nicht gewinnbringend umsetzen kann. Vielmehr nervt es ungemein, wenn es auf der Tonspur bedrohlich aufbaust, während die Bilder in einem Realismus verhaftet bleiben, dem jede Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit fremd ist. Wie auch jede reizvolle Ästhetik übrigens - DICTADO ist ernüchternd platt photographiert, man wähnt sich beinahe in einem Fernsehfilm. Der Gipfel des zweifelhaften Genusses ist sicherlich die "hochdramatische" Schlußszene, die sogar mit einem Ablauffehler daherkommt.

Für seine Uninspiriertheit und die sich stetig ausbreitende Langeweile darf man dem Film durchaus böse sein - dagegen ist LOS OJOS DE JULIA subtile Cinekunst. Wie der Film im Wettbewerb der Berlinale 2012 laufen konnte ist mir, ehrlich gesagt, schleierhaft.


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Samstag, 29. September 2012

Der Mann mit der Stahlkralle / Rolling Thunder (John Flynn, USA 1977)

(c) Koch Media

Charles Rane ist ein Vietnamveteran, der den Anschluss an sein altes Leben nicht mehr findet. Sein Sohn erinnert sich nicht mehr an ihn, die Frau ist weg. Mit dem neuen Freund, der ins Haus kommt, muss er ein Bier trinken, Verständnis zeigen. Da soll er ein weiteres Ritual über sich ergehen lassen: für seine Tapferkeit und sein Durchhaltevermögen bekommt er in einem festlichen Akt einen Koffer Silberdollar überreicht. Wegen dieses Koffers wird er später von einer Bande Mexikaner überfallen, sein Sohn und seine Frau werden getötet. Sein Arm wird verstümmelt und er verliert seine Hand. ROLLING THUNDER ist keiner der kontroversen Vigilanten-Reisser. Hier geht der Krieg weiter im Kopf.  Und dann beginnt das große Töten. In einem Hurenhaus in Mexiko... Meine Rezension zur gerade erschienenen DVD und Bluray hier bei Hard Sensations.

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Sonntag, 23. September 2012

Wandlungen - Richard Wilhelm und das I GING (Bettina Wilhelm, Schweiz 2011)

 
Bettina Wilhelm, die Enkelin des kulturellen Vermittlers, der auch als Übersetzer nach 1905 in China tätig war, begibt sich in ihrem Dokumentarfilm nun auf die Spuren ihres Großvaters, reist ins chinesische Qingdao, besucht ihr Geburtshaus (heute eine hochmoderne Augenklinik), spricht mit dem Enkel des Schulleiters, der ein enger Verbündeter des Deutschen wurde, und mit vielen anderen Zeitzeugen oder deren Nachfahren. In liebevoll persönlicher Weise skizziert sie ihre Reisen durch das moderne China und verdeutlicht den großen Einfluss des philosophisch-religiösen Denkens auf den chinesischen Alltag. Zugleich werden immer wieder kurze Exkurse mit westlichen Experten diverser Fachgebiete dazwischen montiert, die verschiedene Aspekte der chinesischen Lehren erläutern. Richard Wilhelm übersetzte zentrale chinesische Texte des Daoismus, von Laotse, das I Ging. Hier meine Rezension in der Filmgazette.


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Dienstag, 18. September 2012

Cat Skin / Couro de Gato (Joaquim Pedro de Andrade, Brasilien 1962)

 
Das brasilianische Cinema Novo ist mir noch ein unbekannter Kontinent - ich habe, glaube ich, noch keinen Film dieser cineastisch engagierten Erneuerungsbewegung gesehen, die in Brasilien in den 50ern einsetzte, und mit neuen, realistischen, gesellschaftskritischen Filmen die Wirklichkeit abzubilden trachtete und mit dieser in einen Dialog treten wollte. Abkehr von Hollywood und Selbstbewußtsein durch die ökonomische Aufbruchstimmung zu Beginn der 60er sollen maßgeblich gewesen sein, bevor der Militärputsch 1964 ein repressives System installierte, das später etliche Regisseure ins Exil trieb. JP de Andrades Stil (*1934 in Rio de Janeiro) soll eruptiv, ausschweifend und vielgestaltig sein (ich kenne noch keines seiner Hauptwerke, keinen Langfilm) - ganz im Gegensatz zu seinen frühen Kurzfilmen: Yet, from an æsthetic and formal standpoint, de Andrade’s filmography seems so defiantly eclectic that identifying any consistent and unifying style approaches the impossible. (Senses of Cinema).


In CAT SKIN rauben durchtriebene Kids aus den Favelas die Katzen von Rio, um sie an einen Trommelmacher zu verkaufen, der mit ihrem Fell, der Tierhaut, seine Trommeln bespannt. Ein grausamer Akt, der selbst den Kindern manchmal Leid tut und sie zu Tränen rührt. Der Film beginnt mit einer Tanzsequenz zum Karneval in Rio - die Hochzeit für den Trommelmacher, und also rauben die Kinder jede Katze, die sie kriegen können. Sie dringen selbst in bewachte Anwesen ein und klauen die Schmusekatzen der Reichen. Andrade lockert das alles auf mit Musik und Slapstick, wenn Kellner über die Beine der Gäste purzeln und auf die Tische fallen, nur weil eines der Kinder wieder eine Katze entführt hat. Einmal gibt es auch eine rasante Verfolgungsjagd durch die Favelas, durch die engen Gassen zwischen den Hütten hindurch. Und ganz am Ende müssen die Verfolger, darunter ein tapsiger Polizist, einfach aufgeben - in die Favelas hinein können sie nicht mehr folgen. Schließlich beim Trommelmacher im Armenviertel angekommen, ist es mit dem Slapstick freilich vorbei, da wird es ernst und auch der Film ändert seine Tonart. Kann ein Kind eine eben geraubte Katze bereits ins Herz geschlossen haben? Ja, so schnell kann das gehen.

COURO DE GATO ist ein toller Schwarzweiß-Kurzfilm von knapp 13 Minuten, dem es tatsächlich gelingt, in dieser kurzen Zeit eine ganze Welt in Kinobildern aufgehen zu lassen. Ein Film, der auf amüsante Weise einen tragischen Ausschnitt aus einer fremden Welt erzählt, der sich aus fiktiven wie dokumentarischen Bildern zusammensetzt. CAT SKIN lief beim Kurzfilmfestival in Oberhausen, sowie 2010 bei einer Retrospektive in Berliner Arsenal im Rahmen einer Andrade-Werkschau.



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Sonntag, 16. September 2012

Little Foxes / Listicky (Mira Fornayová, Slowakei/Tschechien/Irland 2009)


Zwei Schwestern aus der Slowakei in Irland: die eine, Tina, ist verlobt, führt ein geregeltes Leben mit ihrem Mann, der für einen Antiquar tätig ist, und besorgt den Haushalt. Die andere, Betka, ist auf der Suche. Sie kann und will sich nicht ein- und unterordnen. Auf jede Art Kritik, auf jede Bedrängung reagiert sie wild, schlägt um sich, und versucht, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen. Dies führt so weit, dass sie irgendwann alle in ihrer Nähe vergrätzt hat - und landet schließlich auf der Straße. Ihre Schwester bietet ihr Hilfe an, doch kann sie diese nur bedingt annehmen. Das häusliche Glück der "Vorzeigeschwester" ist ihr zuwider, auf den Verlobten reagiert sie allergisch. Schließlich landet sie in einem heruntergekommenen Kommunenhaus am Rand von Dublin, das einem Restaurantbesitzer gehört, der aus der Schar obdachloser Jugendlicher seine Kellner rekrutiert, und nachts die Mädels für den Matratzensport. Auf Betka hat er es natürlich besonders abgesehen - vor allem deswegen, weil sie sich ihm verweigert.

Fornayovás Debutfilm lief auf großen Filmfestivals - in Venedig, Karlovy Vary, Edinburgh und Rotterdam. Zurecht, meines Erachtens. LITTLE FOXES ist ein verstörender, ständig unter Spannung stehender Film, der immer kurz vor der Explosion zu stehen scheint. Die Darsteller sind durch die Bank großartig, sehr glaubhaft und spielen ihre Rollen mit feinsten Nuancen. Sowieso erfolgt hier viel Kommunikation über Blicke, Körpersprache, Haltungen. Insbesondere die immer weiter sich zurückziehende Protagonistin verstummt irgendwann beinahe völlig. Bis hin zum versuchten Selbstmord, jedoch scheitert das Tablettenschlucken daran, dass wieder einmal das Wasser in der Bruchbude abgestellt wurde.

Lange Zeit läßt Fornayová den Zuschauer im Unklaren über die Verhältnisse, vor allem über die Vergangenheit der beiden Frauen. Die durchaus aus wirtschaftlichen Gründen nach Irland ausgewanderten Schwestern sind freilich keine Prostituierten, gleichwohl ist es bezeichnend, dass alle Exilanten ihres Umkreises sich irische Männer angeln, um durch eine Heirat dauerhaft in Nordeuropa bleiben zu können. Die Ausbeutung, auch die sexuelle, wird mehrfach thematisiert im Film. Einmal heißt es bezeichnend: "For the Irish, we are only tits and ass!" Der Film bleibt jedoch stets souverän und überraschend. Eine gerade noch abgewendete Vergewaltigung geschieht durch einen Landsmann der Frauen, nicht durch einen Iren. Überhaupt eine große Szene, in  der die Schwester Betka aus der Situation rettet, nur um dann selbst von dem Mann angegriffen zu werden. Doch Betka, anstatt Hilfe zu holen, setzt sich auf die Treppenstufen und tut nichts. Erst ein Pakistani, mit dem Tina eine Affäre hat, eilt alarmiert herbei und klärt die Situation. Weshalb Betka ihrer Schwester nicht geholfen hat, ist eines der Rätsel dieses dunklen, brutalen und spannenden Films - etwas, das in die Vergangenheit zurückreicht, und spät im Film erst durch einen Flashback aufgeklärt wird. Lange jedoch wird man als Zuschauer im Unklaren gelassen. Und das ist nur eine der Qualitäten dieses immer wieder über sich selbst hinausweisenden Films.


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Freitag, 14. September 2012

Oca / Vater (Vlado Skafar, Slowenien 2010)


OCA ist ein recht kurzer, 71minütiger Spielfilm über das Aufeinandertreffen eines Sohnes mit dem von ihm und der Mutter getrennt lebenden, leicht zerlumpt aussehenden Vater. Sie verbringen einen Tag zusammen an einem See mit Angeln, Herumalbern und Geschichtenerzählen. Der Film ist in langsamem Rhythmus erzählt, es werden ruhige, beinah statische Bilder aneinandergereiht, oft in Groß- und Detailaufnahme. Dazwischen langsames Ab- und Aufblenden mit melancholisch anmutenden, gemächlichen Schwarzblenden, die sich mehrere Sekunden Zeit lassen. Stilistisch dominant wird hier also erzählt, und bald schon verschieben sich die Verhältnisse in der für die Figuren problematischen Welt. Bild und Tonscheren ergeben sich, bald wird ohne die Lippen zu bewegen durch Gedanken kommuniziert, Erinnerungen werden ausgetauscht. Es macht sich also ein experimenteller Gestus bemerkbar, der den Film vom gewohnten, narrativen Spielfilm fortrückt. Auch die Familienverhältnisse sind lange Zeit nicht klar, sie erklären sich erst mit zunehmender Laufzeit - wie auch die allgemeinen Lebensverhältnisse der beiden.

Nach 40 Minuten etwa kommt es zu einem Bruch im Film, genauer: nach der Szene, in der der Vater den Sohn zuhause abgibt, ungesehen draußen in der Dunkelheit stehenbleibt und ihm noch durch das Dielenfenster beim Ausziehen der Jacke zuschaut, und dann schließlich davonfährt. Anschließend folgt ein isoliert dastehendes Interview mit einem beinahe zahnlosen Mann, der vom Schicksal der Arbeitslosigkeit erzählt, und der mit dem Film erst einmal nichts zu tun hat. Freilich projiziert man dies nun auf den Vater, der, stets dreckig im Gesicht gewesen und zu Beginn ordentliche Züge aus dem Flachmann tätigte, wohl zum Heer der Arbeitslosen in wirtschaftlich heruntergekommenen Zeiten zu zählen ist. So wird es wohl zur Trennung gekommen sein und zum sozialen Abstieg. Der Film läßt dies freilich offen, suggeriert nur, und endet mit einer statischen Einstellung auf mehrere mutlos herumsitzende Männer, die offensichtlich nichts zu tun haben. Am Ende also Gesellschaftskritik in der Form des Dokumentarischen.

Wie sich das zum traumhaft angelegten, narrativen Spielfilm der ersten Hälfte fügt, ein solch deutlicher  und sozialpolitischer Kommentar, leuchtet mir nicht vollkommen ein. Hier hat der Film sein eigenes Konzept verabschiedet und ist in neues Territorium vorgedrungen, in dem sich über die Spannung des Formalen möglicherweise ein Unbehagen an der Welt ausdrückt. Allerdings mit einem vielleicht unnötigen Maß an nachgeschobener Erklärung und Ausformulierung, die der ersten Hälfte entgegensteht. Der Film von Vlado Skafar (*1969) war 2011 beim Crossing Europe Festival in Linz und beim Filmfest München zu sehen und ist momentan bei mubi in der 10 Jahre Film Critics Week Venedig kostenlos online anschaubar.


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Montag, 10. September 2012

Replicas (Jeremy P. Regimbal, Kanada 2012)


Um nach dem schrecklichen Unfalltod ihrer Tochter wieder etwas zu sich zu finden, fährt die junge und gut situierte Familie Hughes zum Landhaus der Familie; hinauf in die Berge, wo es einsame Wälder gibt. Er (Josh Close) ist Anwalt, sie (Selma Blair) Grundstücksmaklerin. Der etwas bleiche Sohn sitzt in seinem Zimmer und spielt Ballergames von morgens bis abends. Im extrem luxuriös ausgestatteten Cottage bekommen sie jedoch bald Besuch. Die neuen Nachbarn, Familie Sikowsky, eindeutig weniger gut abgesichert, steht vor der Tür und zwingt den Hughes, die nicht nein sagen können, ein gemeinsames Abendessen auf. Nach einer langen Reihe von kleinsten und kleineren Grenzübertretungen wächst das Gefühl des Unbehagens, und da platzt den Hughes schließlich irgendwann der Kragen – sie beenden den gemeinsamen Abend. Doch Bobby, der physiognomisch wie ein zweiter Anthony Perkins aussieht, lässt sich nicht alles gefallen. Man kehrt zurück, bewaffnet, und es beginnt eine Nacht des Schreckens für unsere Wohlstandsfamilie.

Home-Invasion, die Tausendste. REPLICAS ist ein Genre-Film, der sich seine Anleihen von weit über den Globus verstreuten Vorgängern zusammensucht: Hanekes FUNNY GAMES fällt einem ein, der Wahnsinn Norman Bates’ in PSYCHO, Anspielungen an Argento-Miniaturen fallen auf, die Fahrt entlang der einsam sich windenden Straße durch die Wälder erinnert an Stanley Kubricks SHINING. Und die Eröffnungsszene ist auch vielversprechend gestaltet, wenn beim Stop an der Tankstelle Sohn Brendon (Quinn Lord) mit dem Hund hinter dem Gebäude zum Ballspielen verschwindet, und die Mutter mit viel Mascara unter den Augen, was auf große Trauer und exzessives Weinen hindeutet, sich auf die Suche nach dem Sohn macht. Der Wald fängt dort hinten an, es tropft von den Bäumen, Kind und Hund sind verschwunden. Gleichwohl tauchen sie bald wieder auf, doch genregesetzlich mit Schreckmoment versehen, findet man sich urplötzlich in einer POV-Beobachtersituation wieder, in der man aus dem Unterholz heraus die Mutter bei ihrer immer panischer werdenden Suche beobachtet.

Leider hält sich REPLICAS allzu sehr an die Gesetze seines Genres und begnügt sich mit dem Aufkochen von Altbekanntem, und kann deswegen im weiteren kaum mehr überraschen. Auch wird einmal eine merkwürdig enthobene Atmosphäre in einem eigentlich grausigen Moment beschworen, in der der Invader Bobby das Ehepaar zum Beischlaf zwingt. James D’Arcy entpuppt sich im Folgenden auch als mimische Schwachstelle des Films, dessen limlitiertes Spiel als Bösewicht nicht ausreicht, die bedrohliche Spannung zu tragen. Die sexuelle Bedrohung gegenüber Ehefrau Mary ist genauso wenig überzeugend und wirkt wie vom Zufall geleitet (die Figurendarstellung ist überhaupt etwas sehr eindimensional geraten und kann dem sich intensivierenden Terror nichts an Intensität hinzufügen). Wie eigentlich die ganze Handlung recht erratisch wirkt, denn die Sikowskys scheinen einfach eine an der Klatsche zu haben.

Ehe man sich versieht, ist der Film vorüber. Und das Drehbuch entblödet sich nicht, in einem doofen Happy End, bei dem tatsächlich zum ersten Mal im Film die Sonne aufgeht, die Eheleute während einer posttraumatischen Therapiesitzung sich bedeutungsschwanger die Hände geben zu lassen, um sich dabei zu versichern, man liebe sich noch sehr und alles sei in Butter. Zumindest tendenziell.


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Samstag, 8. September 2012

V/H/S (Adam Wingard, Ti West, Joe Swanberg, Radio Silence,..., USA 2012)


Ein Bande Kleinkrimineller wird zum Raub eines mysteriösen VHS-Tapes angesetzt - doch überraschenderweise ist das Haus beinahe leer. Im Obergeschoss jedoch finden sie einen toten Mann im Fernsehsessel, der vor einer riesigen Wand aus Fernsehern sitzt. Einer der Einbrecher bleibt dort zurück und macht sich daran, die dort herumliegenden Tapes durchzuschauen, während seine Kompagnons den Keller inspizieren. Dort finden sie eine ganze Menge alter Cassetten, und packen einfach alles ein. Oben jedoch macht man eine überraschende Entdeckung. Die Cassetten zeigen alle Horrormaterial feinster Güte: found footage - Zeug, das enorm fesselnd ist.

Das Besondere an der Konstruktion von V/H/S ist, dass nun obige Zusammenfassung die Rahmenhandlung zu den eigentlichen Episoden darstellt, welche eben jene dokumentarischen found footage - Filme sind. Man versinkt also als Zuschauer in Geschichten, die sich in einer anderen, diese rahmenden Geschichte befinden. Quasi auf einer zweiten Ebene der Fiktion. Die immer wieder für kurze Momente unterbrochen wird, wenn eine Episode zuende ist, und der Eindringling ein neues Tape einschiebt. Einmal gibt es auch da einen Schreckensmoment, wenn dann urplötzlich der Sessel im Hintergrund leer ist, wo eben noch der tote Mann saß - und er ebendort nach der nächsten Eprisode wieder sitzt. Dass ganz am Ende noch ein weiterer Twist auf den Zuschauer wartet, darf zurecht vermutet werden.

Die Handlungen der einzelnen Episoden möchte ich hier nicht verraten, das nähme dem Film etwas sein Überraschungspotential. Soviel sei aber gesagt: es werden ganz unterschiedliche Geschichten erzählt. Die meisten allerdings sind sexuell aufgeladen und mit Handkamera gefilmt. Und da sei gewarnt: wer ein Problem mit Wackelkmeras hat, wird wenig Freude am Film haben. Hier ist das teilweise extrem exzessiv und anstrengend. Mir war es, ehrlich gesagt, teilweise zuviel - obwohl ich normalerweise keine Probleme mit diesem filmischen Stil habe. V/H/S ist sehr ordentlich geworden, nicht immer ganz plausibel (warum nimmt jemand einen Videochat mit einer Kamera auf und überspielt ihn dann auf VHS?), aber das sind kleiner Kritikpunkte. Die Laufzeit von zwei Stunden gilt es ebenfalls durchzustehen. Ansonsten: sehr ordentlich. Gesehen beim Fantasy Filmfest in Köln.

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Mittwoch, 5. September 2012

To Rome With Love (Woody Allen, USA/Italien/Spanien, 2012)


Woody Allens neuster Eintrag in den sich zum Zyklus weitenden filmischen Städtereigen ist ein achtbarer Versuch, ewas Magie aus der Ewigen Stadt Rom auf die Leinwand zu schöpfen. Es fänden sich hier, so sagt der Schutzmann ganz am Anfang, unzählige Geschichten, die sich zu erzählen lohnten. Als Rahmen nimmt das dann ein dickbäuchiger Spätaufsteher am Ende des Films wieder auf, der gegenüber der Spanischen Treppe wohnend die Flügeltüren zum Balkon aufstößt, und das Verdikt wiederholt. Rechthaberisch, nur er könne das wirklich, hier am Pulse Roms sich befindend!

Und so erzählt Woody Allen nach bewährtem Konzept: verschiedene Handlungsepisoden ereignen sich gleichzeitig und finden als Fäden irgendwo im Verlaufe des Filmes zusammen, überschneiden sich, verlieren sich im Getümmel der Menschen, der quirligen Metropole. Diese Geschichten sind mal banal (ein amerikanisches Pärchen nimmt die Jugendfreundin Marion (Ellen Page) auf, eine hübsche exaltierte aber erfolglose Schauspielerin, wohl wissend, dass ihr alle Männer erliegen. Jack (Jesse Eisenberg) meint, er käme damit zurecht - obwohl ihn ein guter Geist (Alec Baldwin, ein erfolgreicher Architekt) vor der Gefahr warnt. Freilich verliebt er sich dann in sie.), oder auch etwas bemüht zeitkritisch (Roberto Benigni spielt den Familienvater Leopoldo, der über Nacht und ohne Grund urplötzlich berühmt wird - dies zunächst lästig findet aber sich allzu schnell daran gewöhnt, endlich mal so richtig von Interesse zu sein), oder einfach skurril übertrieben (Woody Allen, ein pensionierter Agent und Manager, entdeckt im zukünftigen Schwiegervater seines Sohnes einen neuen Caruso, der sein stimmliches Talent aber nur unter der Dusche entfalten kann - woraufhin ihm Allen bei einer Operninzenierung eine Dusche auf die Bühne stellt) und dann auf die Reize und den Charm seiner Muse setztend (und deren Oberweite freilich: Penélope Cruz als die Prostituierte Anna, die in einem Verwechslungsspiel einem verklemmten Frischvermählten die moralische Bundfaltenhose lockert, während sich seine Gattin mit einem Schauspieler verlustiert).

Nun, das ist alles recht unterhaltsam inszeniert, "federleicht" wie so gerne gesagt wird, und wem schon MIDNIGHT IN PARIS gefallen hat, dem dürfte dieser Film, der zwar etwas schwächer ausfällt, immer noch den Sommerabend versüßen. Engagiertes Kino ist das nicht, aber Zeugnis eines unermüdlichen Filmemachers, dessen Routinehirngespinste immer noch meilenweit besser sind, als die Masse der seelenlosen Filme vieler seiner Kollegen. Und Woody Allen nimmt sich dabei natürlich ständig selbst auf den Arm.

Donnerstag, 23. August 2012

Juan de los Muertos / Juan of the Dead (Alejandro Brugués, Spanien/Kuba 2011)


Alarm auf Kuba! Die Karibik-Insel wird plötzlich von einer Zombieapokalypse heimgesucht - und die kommunistische Regierung behauptet, die Amerikaner steckten dahinter. Dem Tagedieb Juan (Alexis Díaz de Villegas) sowie seinem besten Freund Lazaro (Jorge Molina) ist das scheißegal. Sie halten sich mit Gaunereien über Wasser und arbeiten an ihrer Wand aus ausgetrunkenen Rumflaschen, die sie auf dem Hausdach errichten, hinter den Liegestühlen - von denen aus sie auf die Stadt hinabschauen und versuchen, nicht zu sehr ins Schwitzen zu kommen.
Hier läßt sich gut leben!

Hier weniger.
Doch Juan und seine Gang bringen ein paar taumelnde Zombies auf der Hauptstraße nicht unbedingt aus der Ruhe, den kubanische Lebensstil, das karibische Pendant zum Laissez-Faire, haben die Helden verinnerlicht. Juan, nicht auf den Kopf gefallen, hat dann die zündende Idee, einen Zombie-Entsorgungsservice anzubieten, der geliebte und nahestehende, allerdings zombiefizierte Menschen sanft ins Jenseits hinüberführt. Keine Frage, die Einsätze entwickeln sich oft zu Himmelfahrtskommandos und nicht selten muß bei der Ausführung des Auftrags der Auftraggeber selbst dran glauben. Doch irgendwann geht nichts mehr in der Stadt, und die Herrschaften versuchen auf ein Schiff zu kommen, das Havanna verläßt...


Dass JUAN OF THE DEAD eine Komödie ist, dürfte schon angesichts des Titels, der überdeutlich an den britischen Erfolgsfilm SHAUN OF THE DEAD erinnert, klar sein. Nun gibt es generell wenig Nervtötenderes, als Zombiekomödien. Mit eben besagten Ausnahmen. Wie mir REC 3 neulich schon gut gefallen hatte, so kann ich nur sagen: JUAN DE LOS MUERTOS ist ebenfalls ein ziemlicher Knaller. Vielleicht nicht ganz so subtil wie Nacho Vigalondos Apokalysen-Farce EXTRATERRESTRE (2011) - aber abgesehen von ein paar übetriebenen Klischees ist er doch stets sehr stilsicher, humorvoll, und vor allem: selbstironisch. Dass den Kubanern nichts heilig ist, mag mitunter bekannt sein. Aber sie selbst sind sich das ganz sicher auch nicht - was sie zu umso liebenswerteren Charakteren macht. Der politische Subtext, der Fatalismus dem eigenen Land gegenüber ist unübersehbar. Und selbstentlarvend wird ein Regime präsentiert, das in der tagesaktuellen Trägheit kaum mehr in Erscheinung tritt, als permanent mit seinen Sprüchen und Parolen zu nerven. So kann man JUAN DE LOS MUERTOS durchaus einen ordentlichen Sinn für subversive Kritik an der Staatspolitik attestieren.


Der Film unterhält eine gute Strecke weit enorm, bricht dann aber gegen Ende immer stärker ein. Man bekommt den Eindruck nicht los, als sei das Material ausgegangen. So ist die Flucht irgendwohin sicher notwendig, wirklich vorbereitet wird das aber nicht. Man entscheidet sich halt plötzlich - was von der Mentalität her gesehen allerdings durchaus passen mag. Wie es hier als Plotpoint eingesetzt wird, wirkt es aber etwas unmotiviert. So macht sich leichte Belanglosigkeit breit, kurz bevor mit dem obligatorischen Showdown nochmal ordentlich in die Vollen gegangen wird - und beim Thema Splatter wahrlich keine Gefangenen macht. Am Ende findet dann jeder sein Plätzchen, und Juan hat gelernt, wo er hingehört. Da kommt schlußendlich noch ein wenig Abschiedsmoral hinzu, sodaß die Wehmut nicht ganz so sehr schmerzt - und Sid Vicious brüllt sein "My Way" dazu hinaus!

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Samstag, 11. August 2012

Two Evil Eyes / Due occhi diabolici (George A. Romero & Dario Argento, Italien/USA 1990)



TWO EVIL EYES ist eine Kollaboration der beiden Genregrößen Argento und Romero, die nach zwei Kurzgeschichten Edgar Allan Poes, an denen sie sich hauptsächlich orientieren, einen zweiteiligen Episodenfilm herstellten. Produziert hat unter anderem Argento selbst, Effekte kommen von Tom Savini, der im Argento-piece auch unverkennbar kurz als Irrer auf dem Friedhof auftritt.

Das erste der beiden Segmente ist Romeros THE FACTS IN THE CASE OF M. VALDEMAR (dt. Der Fall Valdemar), in dem ein im Sterben liegender Ernest Valdemar (Bingo O'Malley) von seiner Frau Jessica (Adrienne Barbeau) mit seinem eigenen Arzt betrogen wird. Den beiden geht es freilich um das Vermögen des reichen Mannes, welches an Jessica übertragen werden soll. Dazu hypnotisiert Robert den Kranken und bringt diesen unter seinen Einfluß (zentrales Bildmotiv: ein Metronom). In einem Telephongespräch mit dem Anwalt antwortet er dann mechanisch, aber wie vom Hypnotiseur verlangt und die Gaunerei scheint glatt zu gehen. Doch plötzlich stirbt Ernest Valdemar und dies muß vertuscht werden. Also wird er im Keller in eine Kühltruhe gepackt, um den Verfallsprozeß der Leiche möglichst lange hinauszuzögern. Doch es machen sich Skrupel breit, der von der Dame des Hauses verstärkt genossene Alkohol zeitigt Wirkung, und dann plötzlich geschieht das Unvorstellbare: der Tote scheint wieder erwacht zu sein, seine Stimme dröhnt durchs Haus. Ernest stand wohl unter Hypnose, als er verstarb und hält sich seitdem in einem "Zwischenreich" auf - Jessica versucht ihn nun endgültig zu töten. Nur ist das nicht so einfach...


Richtig gelungen ist Romero das alles nicht. Zu spannungsfrei und nur gemächlich kommt die Erzählung voran, alles wirkt etwas behäbig, und die Masken im Finale haben dann zu allem Überfluß für den einen oder anderen auch sicherlich das Potential, unfreiwillig komisch zu wirken. Der Altmeister des Zombiefilms stakst wie seine Untoten nur wenig dynamisch durch seinen Plot, und kann auch durch die Bilder wenig begeistern. Der bedrohlich-verstörende Score entfaltet aber dennoch seine Wirkung und weiß den Zuschauer zu fesseln; dieser schmiert die Gelenke des etwas trüben Plots, und lässt den Zuschauer auch gnädig über das Overacting Ramy Zadas (in der Rolle des Arztes und Liebhabers) hinwegsehen, dem man die Kompetenz einen Wallenstein und den Gargantua (sic!, i.e.: Gargantua und Pantagruel von Rabelais) ins Polnische zu übersetzen, wie es der Poe'sche Original-Text formuliert, nicht gerade an der Nasenspitze ansieht. Und so ist der Score, obwohl bisweilen etwas kleisterig und süß, die eigentliche Attraktion dieses Beitrags.

Hier wird auch eine große Diskrepanz im Drehbuch zum Originaltext Poes deutlich: Was im Film sozusagen die Pointe ist und erst spät entdeckt wird, nämlich dass die Hypnose unbekannte Einwirkungen auf einen Toten oder eben Verstorbenen haben könnte, ist im Originaltext der Aufmacher und wird direkt zu Beginn bereits im zweiten Abschnitt thematisiert. Hier ein Ausschnitt:

"In den letzten drei Jahren beschäftigte ich mich lebhaft mit dem Studium des Magnetismus. Vor ungefähr neun Monaten kam mir nun plötzlich der Gedanke, daß die bisher gemachten zahlreichen Experimente eine bemerkenswerte und fast unerklärliche Lücke aufwiesen: bis jetzt war nämlich noch niemand in articulo mortis magnetisiert worden. Es war noch nicht festgestellt, ob der Patient in diesem Zustand überhaupt für magnetische Beeinflussung empfänglich sei, und, wenn ja, ob sein Zustand dieselbe verstärkte oder verminderte, fernerhin, inwieweit und auf wie lange die Äußerungen des Todes durch ein solches Vorgehen aufgehalten werden könnten." (Edgar Allan Poe, Der Fall Valdemar)


So hat mich diese Episode in ihrer eigentlich zweifachen liebenswerten Staubigkeit - einmal aufgrund ihrer zugrundeliegenden Hypnose/"Magnetismus"-Thematik, zum anderen durch ihren Look, der offenkundig den Geist der 80er Jahre transportiert und mit stilbefreiten pseudoviktorianischen Settings hausiert, in denen sich das blaue Licht des luxuriös beleuchteten Pools auf der Veranda im dickwandigen Whiskyglas bricht und zugleich mit den verwinkelten Treppenaufgängen, Gemälden der Ahnen und den Trophäen aus Hirschgeweihen eines untergehenden Landadels vereint - an fern vergangene Videoabende der eigenen Jugend erinnert, an denen man sich einen mediokren Horrorfilm nach dem anderen angesehen hat, und am Ende doch ganz duselig vor Glück ins Bett gestiegen ist. So schlecht, wie diese erste Episode vielerorts gemacht wird, ist sie nämlich nicht. Die enttäuschte Erwartungshaltung beim Namen Romero dürfte durchaus im einen oder anderen Falle ausschlaggebend gewesen sein.








In Dario Argentos Beitrag mit dem Titel THE BLACK CAT fürchtet ein eifer- und trunksüchtiger Photograph, der sich gerne an Tatorten herumtreibt, den angestammten Platz bei seiner Freundin zu verlieren, als diese eine streunende schwarze Katze zum Schmusen ins Haus läßt. Das Tier merkt sofort, dass es hier nicht wilkommen ist, und der Hausherr (Harvey Keitel als "Usher") - die beiden wohnen in einem riesigen klotzigen Bau irgendwo in einem Vorort New Yorks - versucht denn auch alles, um den tierischen Konkurrenten wieder los zu werden.


In seinem Photo-Labor arrangiert er die Tötung der Katze derart wie bei einem Photoshooting, dass er sie mit den Händen erwürgen und den Vorgang zugleich "live" ablichten kann. Im Screenshot oben, die Eröffnungssequenz samt Credits, wird durch das Buch geblättert, das dann eigentlich erst kurze Zeit später erscheint, nämlich nach der Tötung der Katze. Doch die Katze scheint "haunted", so häufen sich seine Albträume (einmal phantasiert er sich ins Mittelalter und wird Opfer einer Pfählung, seine Freundin, nun zur Hexe geworden, "sieht" seine Schuld), und auch der Aggressionslevel steigt stetig, da er von allen Seiten immer weiter unter Druck gerät. Bis er schließlich auch Menschen zu töten bereit ist.

Harvey Keitel liefert eine wunderbare Performance ab, er spielt den Rod(erick) Usher als Getriebenen an der Grenze zur Psychose. Ein Trinker, der Photograph und Künstler zugleich ist, wie auch seine Freundin, die Violinistin. Möglich, dass eben auf einer subtileren, psychologischen Ebene auch ein künstlerischer Konflikt zwischen den beiden ausgetragen wird - er, der als moderner Photokünstler und Naturalist gegen die bürgerliche Kunst ankämpft, der sie verpflichtet ist. Keitel ist ein Mann der Gewalt und der Minderwertigkeitskomplexe - er trinkt, sie liest, und Baudelaire hängt an der Wand. Eigentlich eine gute Schnittmenge.


Sowohl was die Artistik der  Bildgestaltung als auch die Spannung angeht, gewinnt hier Argento klar gegenüber Romero. THE BLACK CAT ist durchweg spannend, viel interessanter photographiert, herausfordernder montiert sogar, und derart reichhaltig, dass man meint, die Stunde, die Argento zugestanden hat, sei sogar ein wenig kurz bemessen - was man vom romeroschen Beitrag nicht behaupten kann. THE BLACK CAT wirkt bisweilen sogar etwas gehetzt, beschleunigt durch einen elliptischen Schnitt, der Film ist manchmal sogar etwas fahrig in der Zeitorganisation - die Verortung auf dem Zeitstrahl verliert des öfteren ihre Eindeutigkeit. Diese tendenzielle Atemlosigkeit kommt ihm aber letztlich zugute, wie auch die Entscheidung, im gesamten Oeuvre Edgar Allan Poes zu wildern und verschiedene Aspekte seiner Erzählungen einzubinden. Am Markantesten sicherlich das Pendel des Todes (im Original The Pit and the Pendulum) ganz zu Beginn - der erste Mord, den Usher im Film photographiert, und bei dem die Kamera kurz auch auf dem herabschwingenden Schneideblatt selbst montiert ist und mit einem gewaltig sausenden Geräusch durch den Raum pendelt. Weitere POVs finden sich den ganzen Film über, etwas später sehen wir etwa mehrere Szenen aus der Perspektive der Katze (einmal sogar beim Sprung). Aber es gibt auch eine ganze Reihe weiterer kleiner Hinweise und Verbeugungen, etwa in so einem Detail:


John Fords THE SEARCHERS ist zwei-, dreimal im Bild, auch wenn die Kamera aus der rückwärtigen Wand des Buchregals herausfilmt, als POV-Schuß der Katze. Usher hatte eigentlich seine getötete Frau dort eingemauert und die neu eingezogene Wand mit einem Buchregal verdeckt - wobei eben auch eine ganze Reihe Filme im Regal Platz fanden. Jedenfalls ertönt plötzlich ein Kratzen hinter der Wand, und es ist nicht die verwesende Gattin, die dort zum Leben erwacht wäre, sondern die sie ins Reich der Toten begleitende Katze, die nun nicht Ruhe gibt und den Mörder in den Wahnsinn treiben will. Sie kratzt ein Loch mit der Pfote in die Wand, um das Unrecht ans Tageslicht zu bringen. Später wird das Reagal komplett eingerissen, dann liegen die Cassetten alle auf dem Boden und mit einem Standbild lässt sich sicher noch das eine oder andere Cover identifizieren.

Auch der ermittelnde Polizist findet sich bald ein und endet mit einer Axt im Genick. Ein Auftakt zum blutigen Finale, welches dann noch eine schöne weitere übersinnliche Komponente dem Film hinzu fügt. Dies soll nun aber genügen, TWO EVIL EYES lohnt sich jedenfalls unbedingt, schon allein wegen der tollen Argento-Episode. Hier noch ein paar abschließende Screenshots:






Zum Schluß noch ein Photo meines Poe-Bandes der Gesammelten Erzählungen (gebundene Ausgabe in zwei Bänden, Nymphenburger Verlagsbuchhandlung 1965) mit einem Bild von Alfred Kubin, in dem die eingemauerte Ehefrau mitsamt dem Kater zu sehen ist:


Freitag, 27. Juli 2012

Special Forces (Stéphane Rybojad, Frankreich 2011)


Die Journalistin Elsa (Diane Kruger) hält sich im Nahen Osten auf und ist einem brisanten Thema auf der Spur: dem Handel heiratsfähiger Mädchen unter der Knute der Taliban. Die hübsche Maina soll verkauft werden, sie entlarvt in einem geheimen Interview mit Elsa aber noch die Dunkelmänner - wohl wissend, dass sie das ihr Leben kosten könnte. Kurz darauf wird sie entführt, Elsa und ihr Begleiter ebenso. Sie geraten in die Hände eines Clanführers der Taliban, Ahmed Zaief, und dieser stellt der französischen Regierung ein Ultimatum. Da man sich aber aus der Region militärisch weitestgehend zurückgezogen hat, kann man nicht schnell genug reagieren. Einzig eine kleine Truppe Elitesoldaten ist einsatzbereit. In einem spektakulären Fallschirmsprung wird man über der Region abgesetzt, mit dem Ziel, Elsa unter allen Umständen zu befreien.

Konnte der souveräne und lustige FOUR LIONS noch mit einem gewaltigen Maß an Selbstironie und britischer Gesellschaftskritik überzeugen, so fällt dieser französische Film wieder in alte Söldner-/Militärfilmtraditionen zurück. Die markigen Mannsbilder sind allesamt jedoch recht sympathisch gehalten (die Figuren werden sogar mittels eines Grillfestes einigermaßen eingeführt) und anstatt frauenfeindlicher One-Liner findet sich hier eher fatalistisches Schulterzucken. "Es ist halt der Job, schaun wir mal, ob wir wieder lebend rauskommen." Nach also gut einer halben Stunde Auftakt geht dann die Action los, dafür aber so richtig. Häuserkampf, Befreiung Elsa. Die Regie zeigt in diesen Szenen auch, wozu sie fähig ist. Die Darstellung des Wechselspiels und die Kommunikation mit dem Sniper auf der Anhöhe, der den Einsatz unterstützt, ist absolut großartig in Szene gesetzt, die Spannung wird extrem hochgeschraubt. Die meiste Zeit befindet man sich in POV-Einstellungen der Franzosen, dennoch wird genau das richtige Maß an Unübersichtlichkeit und Zielgerichtetheit der Aktionen und Feuergefechte vermittelt.

Im weiteren entwickelt sich der Plot in Richtung Odyssee und Himmelfahrtskommando. An die Stelle, wo die Helden von den Hubschraubern aufgepickt werden sollen, gelangen sie nicht rechtzeitig. Dann wird der Kontakt schwierig und bricht ab. Mithilfe eines magischen GPS-Geräts, dessen Batterien mehrere Tage lang halten und unter großer Kälte noch funktionieren, führt sie der Anführer in Richtung Hindukusch. Die Berge scheinen der einzige Ausweg aus diesem Katz-und-Maus-Spiel. Jedoch hat man bereits einige Verluste zu vermelden, ist weder für die Höhe noch für die Temperaturen ausreichend ausgerüstet. Die Übermacht des Feindes ist aber riesig, es bleibt also kein anderer Weg. Hier findet der Film zu seinen wirklichen Höhepunkten: die Landschaftsphotographie ist atemberaubend. Wie man liest, in Tadschikistan gedreht, gibt es hier umwerfende Bilder von Tälern, kargen Hochebenen, und schließlich tiefverschneiten Gebirgszügen. Der Film gerät beinah zum Abenteuerfilm.

Dass man immer wieder Szenen des Heldentums durchzustehen hat, eine angedeutete Liebesgeschichte ertragen muss, von den Taliban nur das Schlimmste, den Dorfbewohnern nur das Beste dargestellt bekommt, muss man irgendwie hinnehmen, wie auch so manche Unwahrscheinlichkeit. Etwa wenn fünf Mann breitbeinig einer anstürmenden Horde von Feinden entgegensteht und aus der Hüfte die Gewehre rattern lässt. Hier wird der versucht realistisch gehaltene Film mythisch überhöht und genrespezifisch ausgeschlachtet, was auf einer Metaebene funktionieren würde, nicht aber bei diesem bierernst gehaltenen Film.

Ein recht spannender Film also ist SPECIAL FORCES, mit einigen enormen Schwächen und einer umwerfend zweckdienlichen Kameraarbeit, die zumeist der Überrumpelung des Betrachters dient. Das Erstaunen ist stets die erste Reaktion beim Zuschauer, ganz gleich bei welcher Szene. Das Bild der Blu-ray allerdings ist ein Traum, brilliant, Wahnsinn. Der Tonabmischung fehlt etwas der Bass, allerdings wird der Film dadurch nicht zu wummsig und erhält sich eine gewisse Leichtigkeit.

Sonntag, 22. Juli 2012

The Raid (Gareth Evans, Indonesien/USA 2011)


Es geschieht nicht alle Tage, dass ein solcher Genrefilm in deutschen Kinos läuft. Denn Genre ist dieser Action- / Kampfsportfilm durch und durch. Der walisische MERANTAU-Regisseur Evans knüpft mit einem neuen Kampfwunder, einer Handkantenmaschine sondersgleichen namens Iko Uwais an seine Vorläufer im Geiste an, als da wären der thailändische CHOCOLATE mit Yanin Vismistananda von Prachya Pinkaew oder die ONG-BAK Filme von ihm und Panna Rittikrai mit Tony Jaa in der Hauptrolle, der den Hype um den härtesten Kampfsportfilm im Muay Thai neu belebte. In THE RAID geht es allerdings deutlich militärischer und weniger esoterisch zu: eine Sondereinheit der Polizei stürmt einen riesigen Gebäudekomplex, teils Wohnhaus, teils Unterschlupf eines Supergangsters. Hier hat man es nun, anders als sonst gewohnt in asiatischen Martial-Arts-Filmen, nicht mit feinziseliert präsentierten Kampfkünsten vor touristisch erlesenen Hintergründen zu tun, sondern mit einem isolierten Gebäude zwischen Abrisshaus und Crackzuflucht, sowie Sozialbau anno Weltuntergang zu tun. Der Film ist also zunächst: so richtig häßlich. Die Mannschaft geht rein, kämpft sich Stock für Stock nach oben, wird dann aber schnell abgefangen, denn ihr schlägt rüdeste Gegenwehr entgegen. Dass hier etwas nicht stimmt, wird schnell klar, und man vermutet zurecht, dass dieser Einsatz nicht mit rechten Dingen zugeht.

Der auf der Plotebene sehr schlank gehaltene Film gewinnt seine Power vor allem aus den atemlosen Kämpfen, sei es mit Waffen oder im direkten Zweikampf - das ist schnell und beinhart, teilweise superexplizit brutal - in einem reduzierten Setting. Die Actionszenen in den Fluren, Wohnräumen und den Treppenhäusern sind kongenial umgesetzt, und erst gegen Ende setzen erste Ermüdungserscheinungen beim Zuschauer durch sich ständig sukkzesiv aufaddierende Kampfszenen ein. Dass das zuwenig ist für einen ganzen Spielfilm, war wohl auch den Drehbuchschreibern klar, und so gerät ein Bruderzwist, der unglaubwürdig und künstlich bemüht in den Film hineingestopft wurde, im letzten Drittel zum Ärgernis. Dieser bläht den Film unnötig auf - und beschert dem Publikum, ob sich Iko Uwais darüber freut, ist sicher fraglich, einen interessanten Bösewicht, der mehr Charakter und Charisma besitzt, als der allzu glatte und gesichtslos agierende Protagonist. Dieser vermag seiner Figur kaum eine Tiefe zu geben. Aber auch Bösewicht Mad Dog (Yayan Ruhian), der Finalkampfgegner, ist ein Charakterkopf, der im Gedächtnis bleibt, und der eine einprägsamere Physiognomie aufweist als Uwais. Nun denn, THE RAID ist ein in kalten blau-grauen Tönen gehaltener, sehenswerter Martial-Arts-Film, den man sich im Kino nicht entgehen lassen sollte.

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