Dienstag, 28. Februar 2012

Glaube, Liebe, Tod (Peter Kern, Österreich 2012)


Ein ob seiner Schwergewichtigkeit stets enorm schnaufender Mensch (Kern selbst) verbringt mit seiner bösartigen Mutter (Traute Furthner) einen Sommerurlaub in Mecklenburg-Vorpommern auf einem Hausboot. Doch ein blinder Passagier, ein marokkanischer Flüchtling mit tief ins Gesicht gezogenem Kapuzenpulli, bringt die Sommerfrische der beiden gehörig durcheinander. Mehrfach werden in den Spielfilm abrupte Dokumentarbilder des Flüchtlingsdramas vor der sizilianischen Insel Lampedusa eingestreut, wodurch der Film seinen gesellschaftskritischen Horizont erhält. Diesen hätte man gar nicht unbedingt erwartet, schwingt sich doch der Film zunächst in der Privathölle des Sohnes ein... denn mit dieser Mutter gibt es wahrlich nichts zu lachen. Hier wird ausgiebig verachtet, verspottet und mit gehässigen Dialogspitzen werden Messer in die Weichteile des Sohnes getrieben. Welcher sich später, endlich!, auch noch outet, schwul zu sein. Gesprochen wird in GLAUBE, LIEBE, TOD bevorzugt in steifem Theatersprech. Man fühlt sich wie in einem Pastiche aus den Werken Samuel Becketts, Thomas Bernhards und Herbert Achternbuschs. Hinzu kommt noch Kerns völlig unkünstlerische visuelle Herangehensweise, die ohne besonderers ästhetisches Programm eine wahrhaft grauenvolle Alltäglichkeit aufs Schlimmste dokumentiert. Ein niedrig budgetierter Film, sehr reduziert, immer wieder humorvoll in seiner Schrecklichkeit, unkünstlerisch direkt. Das alles steigert sich bis zum grandiosen Bild, wenn der Filmemacher auf dem Dach des steuerungsunfähig gewordenen Hausbootes sitzt und den Mittelfinger in die Kamera streckt. Seinem Leben, unserem Leben, und der ach so sozialen nordeuropäischen Erste-Welt-Sonder-Schutzzone entgegen. Die Grundlehren des Christentums, "Glaube, Liebe", Hoffnung", werden bei Kern in beeindruckender Weise zu Grabe getragen.

Donnerstag, 23. Februar 2012

L'Âge Atomique (Héléna Klotz, Frankreich 2011)


Die beiden Freunde Victor und Rainer fahren mit dem Zug ins nächtliche Paris, und glühen schon mal mit ein paar Vodka-Red Bull vor. Es wird eine Odyssee durch die nächtliche Stadt werden, mit Discobesuch und Schlägerei, einer beinah stattgefunden habenden Liebelei, mit ein wenig homoerotischer Zweisamkeit, mit leerem Magen, Zigaretten, und roten Augen. Bis morgens das Zwielicht beginnt und man wie auf einem anderen Planeten durch die dystopische Landschaft taumelt, die sich in der vorangegangenen Nacht im Inneren angesammelt hat.

L'AGE ATOMIQUE hat eigentlich keine wirkliche Geschichte zu erzählen. Darum geht es der Regisseurin aber offenkundig auch nicht: es ist das Einfangen einer bestimmten Atmosphäre, die hier fühlbar gemacht wird. Ein Zustand der sanften Euphorie, die auf das Ungewisse zuschreitet, zugleich das alles aber schon kennt und das man eigentlich hinter sich lassen kann. Es ist die Momentaufnahme einer Ortlosigkeit, eine Transitzustands, die sich auch in der Herkunft der Figur Rainers offenbart. Dieser ist deutscher (polnischer?) Abstammung und lebt in ungeklärten Verhältnissen (als Schüler/Student?) in der Peripherie von Paris. Eine Figur, die, Gedichte zitierend, mit ihrer intellektuellen Reife an die absinth-trinkenden Bohemiens des vergangenen Jahrhunderts erinnert - nun im Geflacker der Tanzfläche, des Technopulses. Besonders die Kameraarbeit ist sensibel für die Stimmungsschwankungen, die Atmosphäre dieser Nacht: immer wieder finden sich lange Sequenzen der dunkel flirrenden nächtlichen Stadt, die am Abteilfenster vorbeifliegen, Bilder im Schwenk von der Anhöhe mit den Lichtern der Großstadt, den Reklamen, den Unschärfen, den nur punktuell klaren Momenten, die rasch wieder in der Dunkelheit verfliegen, im Diffusen verschwinden. Ein schöner, dunkler, unaufdringlicher weil verhalten ekstatischer Großstadt-Film.

Sonntag, 19. Februar 2012

Berlinale 2012: Death For Sale (Faouzi Bensaïdi, Marokko 2011)


Drei Freunde und Herumtreiber in der marokkanischen Stadt Tétouan verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit kleinen Gaunereien. Bis einer auf die Idee kommt, einen Juwelier auszunehmen. Die Brisanz liegt allerdings darin, dass sich einer der Jungs (Malik) in eine schöne Prostituierte (Dounia) verliebt hat, die er aus ihren Verhältnissen befreien möchte – was seine beiden Kumpels ablehnen und für eine emotionale Verirrung halten, die man nicht weiter ernst nehmen muss. Aufgrund verschiedener Konflikte lässt sich Malik jedoch dazu breitschlagen, als Spitzel für die Polizei zu arbeiten – und verpfeift die Diebesaktion beim Juwelier. Dass er selbst als Bauernopfer dabei in Gefahr gerät, hätte er sich nicht träumen lassen – während die Geliebte am Busbahnhof auf ihn wartet.

DEATH FOR SALE ist kritisches Weltkino gewürzt mit einer Liebesgeschichte, und verfügt somit über ausreichend Anknüpfungspunkte für sozial interessierte Nordeuropäer. Gleichwohl ist er über weite Strecken spannend inszeniert, gut gespielt und hat einiges an Charme und Lokalkolorit zu bieten – und gibt Einblicke in autoritäre Familienstrukturen, emanzipatorische Konflikte und kleinkriminelle Lebensentwürfe. Dass der Film trotz seines Straßendrecks und all der Orientierungslosigkeit einer verwahrlosenden Jugend, die zwischen den religiösen und ideelen Systemen gefangen ist, recht kalkuliert erscheint, wird vor allem dadurch deutlich, da er zu sehr auf seine Konsumierbarkeit ausgerichtet ist und seine nicht wirklich weh tuende Arthousigkeit ausstellt. Sehenswert mit Einschränkung.

Samstag, 18. Februar 2012

Okraina / Die Vorstadt (Boris Barnet, UdSSR 1933)


"OKRAINA ist eine kauzig-bittere Komödie (in der ersten Szene schwimmen tatsächlich ein paar meckernde Enten im Dorfteich) über das ärmliche Leben einer Schustersfamilie und deren Umfeld in einem russischen Provinznest, die eine tiefgehende Erschütterung erfährt, als ein deutscher Kriegsgefangener nach den erbitterten Kämpfen des Ersten Weltkriegs an die Tür klopft und nach Arbeit sucht. Als sich dann auch noch die Schusterstochter mit dem Deutschen einlässt, schlagen ihn die Russen halbtot..."

Weiter im Text im Berlinale-Kanal der Filmgazette: *click*

Mittwoch, 15. Februar 2012

Crazy Dennis Tiger (Jan Soldat, Deutschland 2011)


Jan Soldats neuer Film CRAZY DENNIS TIGER, der im Kurzfilmprogramm der Berlinale läuft, hat mir sehr gut gefallen - hier, bei HARD SENSATIONS, findet ihr die Kritik: *click*

Sonntag, 12. Februar 2012

Schnappschüsse, Pt. 6


BESTIE MENSCH (Jean Renoir, Frankreich 1938) -- In Renoirs Zola-Verfilmung gibt es kaum einen Charakter, der nicht in den Abgund fällt. Lediglich die im See badende Cousine, jung, hübsch und verführerisch scheint ein reines Wesen zu sein; gleichwohl ist sie sich ihrer Verführungskraft bewußt. Wenige Momente später muß sie auch Lantier, der sie eben noch aus der prekären Situation mit den beiden Spannern gerettet hat, abwehren. Lantier dreht durch und erwürgt das Mädchen beinahe. Daß Renoir im Gegensatz zur Romanvorlage, die das "verdorbene Blut" der Vererbung betont, alles Übel in die psychischen Dispositionen der Figuren verlagere kann ich nicht bestätigen. Da müßte man schon den Prolog ausblenden und auch so manche Szene, in der Lantier selbst das Thema voller Gram anspricht. Dennoch: auf seiner Lok, der Lison, weiß sich Lantier auf sicheren Gleisen, da befindet er sich in seinem fest gefügten System. Erschüttert wird das durch die Liebe, bzw. durch "die Frau". Doch Lantier, als er in ihre Fänge geht, kann als depressiver Alkoholiker nur sich selbst zerstören, zu einem Mord ist er nicht fähig. Das kostet ihn die Liebe. Der Drang nach der Darstellung von sozialer Wirklichkeit erscheint so gespiegelt im Schicksal selbstsüchtiger Figuren als Opfer äußerer Umstände (Darstellung des Milieus), welche allesamt aus egoistischen Motiven zugrunde gehen werden. So auch Sévérines Ziehvater in Paris als Vertreter einer verkommenen Bourgeoisie, den die Vergangenheit einholt. Im Gegensatz zu Fritz Langs HUMAN DESIRE fällt eben genau diese Verkommenheit aller Personen auf, die Lang dann melodramatisch in Gut und Böse geschieden hat, reduziert auf einfach zu lesende Charakteranlagen. Überhaupt liegt Langs Version eine Neugestaltung des Figurenpersonals zugrunde - Ford als Lantier ist klar erkennbar moralisch auf der richtigen Seite und hat dem Alkohol abgeschworen. Die Rolle des Übeltäters darf ganz der Gatte Sévérines übernehmen, der auch nicht den emporkömmelnden Bahnhofsvorsteher darstellt, sondern Lantiers Kollegen auf der Maschine - den Zugführer. Jenseits der Aktualisierung des Stoffes, also des Kriegshintergrundes, ist bei Lang eine simplifiziernde melodramatische "Amerikanisierung" des Stoffes zu konstatieren, was sich natürlich auch in der Verwendung der Musik, der Konfliktdramaturgie und der Drastik bemerkbar macht. Und deswegen auch etwas besser unterhält.


WHISKY GALORE! (Alexander Mackendrick, GB 1949) -- Nachdem glücklicherweise ein Frachtschiff mit mehreren tausend Kisten Whisky vor einer schottischen Insel auf Grund gelaufen ist, können sich deren Bewohner endlich wieder mit dem heißgeliebten Gesöff eindecken. Denn man glaubt es nicht: der eigene Vorrat ist restlos weggetrunken und das Leben plötzlich ohne Sinn. Da die Sache aber eigentlich illegal ist, geht der korrekte Basil Radford in seiner Eigenschaft als Home Front-Offizier der Sache nach und macht sogar die Pferde des Festlands scheu. Nach einer wahren Begebenheit und einem ziemlich wahren Roman ist WHISKY GALORE! Mackendricks Regiedebut und steckt voll liebevollstem Witz, hat enorm Charm, wahnsinnige Charakterfressen und augenaufreissende Darsteller. Phantastisch flüssige, leichtfüßig komödiantische Unterhaltung, die in restaurierter Fassung auf Bluray trotz des manchmal sehr grisseligen Korns vollstens überzeugen kann. Toll!

THE WARD (John Carpenter, USA 2010) -- Rotten Tomatoes meint 32%. Das ist nicht viel, dennoch meiner Meinung nach ein wenig zu positiv. Dem Film kann vor allem und allenfalls Handwerkliches zugute gehalten werden. Plot, Inszenierung, Filmmusik und Charaktere sind völlig banal und unspannend ausgeführt. Man wähnt sich in der 80ern (Sujet, Kleidung, Schocks), doch ist THE WARD weder eine Hommage, noch eine Parodie. Es ist ein Film, der aus der Zeit fällt, der heute völlig redundant erscheint. Auch MAD MEN-Topstar Jared Harris kann da nichts mehr retten, wenn der Horror immerzu nervtötend von außerhalb des Bildkaders heranfliegt. Klar, dass man sich dann erschreckt. Es ist aber ein Erschrecken, dass einem gewaltig auf die Nüsse geht. Von Atmosphäre keine Spur. Schade. (Gleichwohl ist Anzuführen, dass es, wie an anderer Stelle von einem Diskussionspartner zu Bedenken eingeworfen, durchaus plausibel erscheint, sich von der "gleichmütigen Ungerührtheit der Inszenierung" entspannen zu lassen, die Unaufgeregtheit wert zu schätzen, dem zeitgenössischen Hororkino so häufig eigenen, "hektisch - anbiedernden Rhythmus" den Finger zu zeigen. Ich räume ein: eine nachvollziehbare und bedenkenswerte Position.)


HUMAN DESIRE / LEBENSGIER (Fritz Lang, USA 1954) -- Ein Jahr nach dem tollen THE BIG HEAT (1953) läßt Lang wieder Glenn Ford auf Gloria Grahame treffen und realisiert eine Verfilmung von Émile Zolas La bête humaine, den, s.o., bekanntlich Jean Renoir bereits 1938 verfilmt hatte. In Langs Version ist es ein Heimkehrer aus dem Koreakrieg, der sich in die verführerische Ehefrau seines Arbeitskollegen verliebt, ihr zunächst -wieder besseren Wissens- verfällt, um sich dann, ins Netz gegangen, aus den trickreichen Verschlingungen und Fallen der Dame wieder befreien muß. Ford spielt den Begehrenden mit moralisch sicherer Distanz, der nach dem Fehltritt schnell wieder weiß, was er zu tun hat. Diese Nüchternheit entbehrt leider etwas der Melodramatik, und so fehlt dem gewalttätigen Säufer und Ehemann ein wenig der Gegenpol. Ford trinkt dann auch mal höchstens, etwas reserviert, ein einziges Bier. Unser Held bringt das Weltbild also nicht gerade durcheinander - dennoch ein toller Film mit unzähligen filmgeschichtlichen Verweisen.

Mittwoch, 8. Februar 2012

WILD FLAG - s/t (Merge/Wichita Recordings 2011)


Hervorgegangen aus mehreren namhaften Bands haben es WILD FLAG in doch recht kurzer Zeit geschafft, sich in der Gitarren- und Frauenpunkrock-Szene ziemlich weit nach vorne zu spielen. Keine Wunder, war doch die Auflösung von SLEATER-KINNEY, dem Aushängeschild für Post-Riot Grrrl-Mucke in den Neunziger- und Nullerjahren, für viele ein schwerer Schlag. Hier ist sie also, die neue Band von Carrie Brownstein und Janet Weiss. Musikalisch hat man es mit einem Querschnitt aus den letzten Jahrzehnten Gitarremusik zu tun, die aber vor allem eines verbindet: gute Melodien im Refrain und treibenden Drumbeats als solide Basis. Hier gibt es einen Eindruck von "Future Crimes" - auch wenn die Orgel etwas schief daherkommt.

Köln, Gebäude 9, kurz vor Beginn

Das vor paar Tagen gesehene Konzert im Kölner Gebäude 9 hat eindrucksvoll bewiesen, wie sagenhaft diese Truppe ist. Die manchmal etwas hackstückartige Rhythmik geht vollends im nach vorne gedreschten Drumbeat auf, die Vocals sind erstklassig und die Gitarren sind fantastisch arrangiert - der Bass kommt vom Keyboard. Das ist komplex, wuchtig, und hat Klasse. Die stylish schlicht gestaltete Vinylplatte kommt 180g schwer daher und verfügt über einen Downloadgutschein.