Sonntag, 27. Mai 2012

Memories within Miss Aggie (Gerard Damiano, USA 1974)


Aggie, die einsam in ihrer Blockhütte haust, gibt sich ihren Tagträumen hin. Sie fantasiert vergangene Erlebnisse herbei, insbesondere solche der sexuellen Art. So erinnert sie sich an ihre Liebesabenteuer mit verschiedenen Männern, wobei sich die Schwelle zwischen tatsächlichem Ereignis und Tagtraum immer mehr aufzulösen scheint. Was tatsächlich passiert ist und was nur die Einbildung vorspielt, ist irgendwann nicht mehr klar voneinander zu trennen. Aber auch Höhepunkte der Selbstbefriedigung werden nicht unterschlagen, wo dann die Puppe aus dem Filmplakat eine beeindruckende Rolle spielt. Am Ende erwartet den Zuschauer eine schockierende Wendung, die sich nicht nur durch eine üppige Gewalteruption auszeichnet, sondern auch durch einen perfiden Hauch der Morbidität.

MEMORIES WITHIN MISS AGGIE wird gern als Klassiker des Pornofilms bezeichnet, vor allem wohl deswegen, weil er eben ungewöhnliche Wege geht. Sind die Sexszenen letztlich doch eher banal und bieder ausgefallen, so ist es der gesamte restliche Film eben nicht. Die Narration ist ungewöhnlich, das Aufbrechen der Realitätsebenen verstörend, die Tonspur eine experimentell-avantgardistische Sensation. Und das Finale ist das Sahnhäubchen auf einer bitteren Torte, die vielen Leuten überhaupt nicht schmecken wird. Der Film sieht auch sehr ungewöhnlich aus, irgendwie rotstichig zwischen dem Blockhüttencharme aus THE SEARCHERS und einem russischen Heimatfilm.

Um AGGIE wirklich einschätzen zu können, müsste ich ihn nochmals sehen. Ein wirklich ungewöhnliches Ding, jedenfalls. Gesehen in Köln im Filmclub 813 auf 35mm bei deren Spätfilmreihe Cine Bizarro, zusammen mit der eigens angereisten Bande von Hard Sensations. War wieder mal ein schöner Abend.

Freitag, 25. Mai 2012

Point Blank / À bout portant (Fred Cavayé, Frankreich 2010)

(© Koch Media)

Heute neu im Handel erschienen ist dieser Knochenbrecher von Action-/Polizeifilm, der zwar nicht immer ganz plausibel ist, aber mich letztlich doch sehr überzeugen konnte. Das Bild der Blu-ray ist übrigens ausgezeichnet. Meine Kritik zum Film findet ihr in der Filmgazette.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Dark Shadows (Tim Burton, USA 2012)


Bereits letzte Woche gesehen und mittlerweile fast vollständig verblasst ist mir DARK SHADOWS, Tim Burtons aktueller Kinofilm, der auf einer US-Serie aus den 50ern basiert, welche wiederum auf dem klassischen Vampirfilm, den Filmen der Hammer-Studios, und freilich dem britischen Viktorianismus basiert (es soll eine DVD-Box mit der kompletten Serie in Sarg-Format herauskommen). Ich bin, wie einige wissen, keine Freund von Tim Burton. Ich lese gerne in seine kleinen Büchlein mit den komischen Zeichnungen hinein und mir mundete CORPSE BRIDE durchaus - auch wenn mir daran vor allem die viktorianischen Elemente gefallen, und klar, irgendwie auch die Machart. An DARK SHADOWS überzeugen mich hauptsächlich die Schauspieler. Egal ob Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Eva Green oder das rothaarige Biest namens Helena: sie sind alle ein Augenschmaus. Jedoch, damit hat es sich bereits. Das aufdringliche Production Design, die Krawumms-Musik, die stets zur Hand ist, die allzu souverän am Gängelband des Regisseurs geführte Story dieses Geschichtenonkels Burton nervt zutiefst. Bzw., um nicht ungerecht zu werden: verhindert eine emotionale Anbindung an den Film. DARK SHADOWS ist ein Ritt durch einen Park der Sensationen, den man so zwar noch nie, aber immer schon sehr ähnlich so dermaßen oft gesehen hat, dass es tatsächlich der Überrumpelung braucht, um dabeizubleiben. Es ist einfach alles an diesem Film allzu bekannt, aufgewärmt, nochmals erzählt, um irgendwie bleibende Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen. Wohl klar: langweilig ist das nie, eindrücklich aber überhaupt nicht. DARK SHADOWS kommt mir hier und heute, nach einer (1) Sichtung vor allem völlig belanglos vor. Und damit auch: überflüssig.

Mittwoch, 9. Mai 2012

La bestia uccide a sangue freddo / Slaughter Hotel / Das Schloss der blauen Vögel (Fernando Di Leo, Italien 1971)


In einer ländlichen Villa hat der Psychiater Dr. Keller (Klaus Kinski) eine Privatklinik für wohlhabende, angeschlagene Frauen eingerichtet. Doch plötzlich geht in dieser Idylle, in der tags alle stets leicht bekleidet durch die Gartenanlagen laufen und abends einen Cocktail schlürfen, ein Killer um. Schwarze Maske, schwarze Handschuhe, schwarzer Umhang. Als Mordinstrumente verwendet er die mittelalterlichen Waffen aus dem Foltersaal - dort gibt es Schwerter, Messer und Dolche, Äxte, eine Armbrust, einen Morgenstern und eine eiserne Jungfrau. Seine Opfer räkeln sich zumeist in durchsichtigen Chiffonleibchen auf ihren Betten, gequält von Alpträumen und sexuellen, verdrängten Obsessionen. Der Killer schnauft schwer, und dann geht die Hackerei los.

Di Leos BESTIA ist zunächst einmal ein Film, der sich ganz dem exploitativen Giallo verschrieben hat, dem (überwiegend) softpornösen noch dazu. Der Plot ist, denkt man zunächst, ziemlich wirr. Doch ist das freilich ein Trugschluss, denn eine klassische Narration existiert hier schlicht einfach nicht; oder eben nur in sehr rudimentärer Form. In loser Folge werden einfach Szenen aneinandergereiht, die erst gegen Ende wieder ordnend gerahmt werden. DER TRIEBMÖRDER, so ein weiterer deutscher Alternativtitel, weiß durch andere Qualitäten zu überzeugen, etwa seine schönen, kraftvollen Bilder. Oder die voluptuösen Darstellerinnen, die sich erst minutenlang massieren lassen und dann auch mal ins Masturbieren geraten. Die feine Musik, die mal beschwingt dem Sexfilm entlehnt, mal dem hypnotisch - halluzinativen Avantgardeexperiment nahestehend ist. Die Dialoge sind alle völlig zu vernachlässigen, mehr als nachsichtig herablassende, männliche Besserwisserei gibt es kaum, oder anzügliche Beschwörungsformeln der Frauen. Kinski spielt mal wieder eine klassische Alibirolle, bei der er nichts tun muss. Ganz am Ende steigert der Film sich noch in einen richtigen Blutrausch, wenn der Killer auf der Flucht mit dem Morgenstern das Gruppenzimmer stürmt und alle anwesenden, schreienden Frauen zusammenhaut. Dafür hat er dann die Kugeln, die seinen Körper zersieben, auch wirklich verdient. Klasse Italo-Sleaze!

Hier noch ein paar Impressionen:

Sonntag, 6. Mai 2012

All the Right Noises (Gerry O'Hara, Großbritannien 1969/1971)


Der erwachsene, verheiratete Familienvater Len Lewin (Tom Bell) und die minderjährige Schauspielerin Val (Olivia Hussey) verlieben sich ineinander. Er ist Beleuchter bei Film und Theater, sie eine noch junge, offene Fünfzehnjährige. Kurze Zeit können sie ihre Liebschaft geheim halten, doch nach und nach werden die Umstehenden aufmerksam, wie auch Lens Frau misstrauisch wird. Auf einer zweiwöchigen Aufführungstournee können sie endlich mehr Zeit miteinander verbringen, doch bald schon wähnt Val sich schwanger und Len drängt zur Abtreibung.

Wurde in den 60ern noch die cineastische Welt Englands von der British New Wave erschüttert, die sich durch ihre realistischen, schwarz-weißen Kitchen Sink-Dramas merklich von den als überholt empfundenen Erzähltraditionen distanzierte, so ist es ganz offensichtlich, dass ALL THE RIGHT NOISES in deren direkten Nachfolge steht. Zwar in Farbe gedreht, jedoch gänzlich "unbunt" präsentiert sich dieser Film, dessen Schauplätze ebenfalls die Kneipen, Bars und Pinten, die tristen Wohnungen und die bevorhangten Küchen sind. Auch die Welt des Theaters wird beinah ausschließlich Backstage dargestellt, kaum Musik, kein Glamour, kein Entertainment. Die Farbe im Film weist eigentlich noch viel stärker auf seine Farblosigkeit, seine Tristesse hin. Jedoch: bemerkenswert an ALL THE RIGHT NOISES ist gerade nicht sein Plot, sondern seine völlig unsensationalistische Herangehensweise an diesen. Wie aus einer Art freidenkerischen Position heraus wird die Beziehung der beiden aufrichtig Liebenden weder beurteilt, noch kritisiert. Die Familienverhältnisse ebenso wenig: Len geht es eigentlich sehr gut mit seiner Frau und den Kindern. Abseits des Aufblühens einer neuen Liebe gibt es für ihn keinen Grund, seine Familie zu betrügen. Die ersten Zusammenkünfte werden also, ganz wie es das obige Filmplakat vermuten lässt, in einer hippiesken Euphorie zelebriert. Dabei ist es sozusagen die Bestätigung der Liebe, die hier gefeiert wird, als etwas Neues und Schönes; die Abkehr vom Alten und Gewohnten, vom Alltäglichen wird nicht in den Fokus gerückt. Jedoch, allzu schnell fügen sich auch hier die Personen in ihre Rollen. Bei einer heimlichen Zusammenkunft etwa in Lens Wohnung, bei der es beinah dann sogar zur Aufdeckung der Affäre kommt, sitzt Len zeitungslesend am Frühstückstisch und Val reicht ihm den Tee, ganz wie die geübte Hausfrau. Was sich noch auf ihre Jugend, den spielerischen Umgang mit ihrer Liebhaberinnenrolle schieben lässt - nicht jedoch bei Len, der sie in diese Rolle drängt. Wohl wissend, und ihr das auch immer wieder sagend, dass er verheiratet sei, seine Frau und Kinder liebe. Und so ist es ganz am Ende auch Val, die erkennt, wann sich der Geliebte emotional zurückzieht - und die auch so reif ist, es auszusprechen. Len hingegen, wohl vom schlechten Gewissen geplagt, bringt kein Wort heraus.

Das BFI hat ALL THE RIGHT NOISES in seiner Flipside-Reihe neu auf Blu-ray herausgebracht, eine Reihe, die sich der verschütteten Geschichte des britischen Filmes jenseits des Mainstreams widmet und dadurch viele vergessene oder wenig gesehene Perlen wieder zugänglich macht. Das ist unbedingt unterstützenswert. Der Film sieht sehr gut aus und die Edition ist gespickt mit Bonusmaterial und einem dicken Booklet. Eine Kaufempfehlung.

Freitag, 4. Mai 2012

Der Teufel kam aus Akasava (Jess Franco, Deutschland/Spanien 1971)


„Spannungsloser, unlogischer Krimi, der sich durch das Sexualleben der Agenten interessant machen will. Zusammen mit der Missachtung menschlichen Lebens bleibt ein negativer Gesamteindruck.“  film-dienst, 5/1971

Wenn sich hier die Herren Qualitätsrezensenten mal nicht irren! DER TEUFEL KAM AUS AKASAVA ist vielmehr eine wunderbare Melange aus Kriminalfilm und Abenteuererzählung, durchpulst von schwüler Exotik, flirrender Hitze, funkigem Soundtrack und Handlungselementen, die auch dem versiertesten Krimikucker Rätsel aufgeben. Unbekannter Kontinent, Afrika!

Der angeschossene Gehilfe des Professors.

Die Entdeckung eines strahlenden Gesteins in einer Höhle ist der Ausgangspunkt für diesen Verschwörungsthriller, in dem nicht nur aus Materie Gold hergestellt werden kann, sondern in dem auch in verborgenen Labors mit dem menschlichen Leben experimentiert wird. Ganz im Hintergrund lauert ein Bösewicht in der Camouflage eines gütigen älteren Adligen, was einem besonders perfiden Drehbuchgedanken entschlüpft ist. Auch dass die Figuren allesamt nicht das sind, was sie zu sein scheinen, fügt dem Film eine mysteriöse Aura der Verunsicherung hinzu.

Mombasa Airport.



Niemandem kann man trauen! (...ihm schonmal gar nicht.)


Ein Kommissar im Bordell.


Vorsicht Spion!

Dieser Film steckt also voller Wendungen und Enthüllungen, wobei die Idee, Soledad Miranda als Nachtclubtänzerin einzusetzen, ein brillanter Einfall Jesus Francos ist. Die Barszenen sind von ausgesuchter Erotik und von allerschönstem Voyeurismus, ohne die Darstellende bloßzustellen. Wer hier das Heft in der Hand hat, bleibt stets klar.

Überzeugende Tarnung einer Agentin.

Dass der Film nicht immer in der Spur liegt, dürfte klar sein. Soll er ja auch nicht, deswegen schaut man Franco. Zu sehen gibt es dafür Bilder zwischen Trash und Chic, überwältigende Einstellungen, die wie aus dem Himmel fallen, und immer wieder abstruse Szenenschnipsel, die nicht recht passen wollen. Hier ist nicht alles zielgerichtet und stromlinienförmig, aber gerade dadurch egeben sich Durchlässe und Offenheiten um Neues zu machen und zu entdecken, zum Experiment, zum Zitat im Genre, zum Schuss aus der Hüfte, zum Taumel in der Unschärfe, also: zur Verführung des Sehenden. Einmal mehr kein Film für die Leute mit dem Rechenschieber. DER TEUFEL scheint mir, nach erstmaligem Sehen, gelungener als JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN, aber nicht ganz so betörend wie ENTFESSELTE BEGIERDE oder SIE TÖTETE IN EKSTASE. Dafür ein wunderbar abschweifender Genrekriminalfilm nach Motiven von Edgar Wallace.

Gute Zusammenarbeit von Scotland Yard und Secret Service.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Roma a mano armata / Die Viper (Umberto Lenzi, Italien 1976)


Der beinharte Bulle Lenny Ferro (so in der dt. Synchro, Maurizio Merli) kämpft gleichzeitig an mehreren Fronten: die Zahl der Bankeinbrüche in Rom nimmt überhand, Frauen werden von Milchbubis vergewaltigt, Handtaschenräuber sind am hellichten Tage aktiv. Ferro kämpft aber auch gegen eine starre Bürokratie aus den eigenen Reihen an, denn diese will strikt nach dem Gesetz handeln. Er aber hält davon nicht viel. Seine eigene Freundin, eine Psychologin in Diensten der Polizei, ist ebenfalls nicht auf seiner Seite: diese versteht die Täter sogar noch (soziales Umfeld, kaputte Familien usw.)! Als die marseiller Mafia die gierigen Hände nach den Glücksspieltischen in der römischen Unterwelt ausstreckt, scheint der Moment gekommen, mit Gewalt auf Gewalt zu antworten. Hauptfiguren der Verbrecherszene sind Der Bucklige, "il gobbo" (Tomas Milian), ein Metzger, der alles mögliche im Schilde führt, sowie Tony Parenzo (Ivan Rassimov), ein fieser Rauschgifthändler.

Lenzis DIE VIPER ist ein äußerst rasanter Vertreter im Genre des Poliziottesco, des italienischen Polizeifilms ab Ende der 60er Jahre. Markant auch hier wieder das Desinteresse der Staatsorgane, die den Helden in seinem Aktionismus eher behindern, als fördern. Kein Wunder, dieser Commissario hier nimmt das Gesetz auch etwas sehr in die eigene Hand. Maurizio Merli kann leider nicht wirklich überzeugen, er wirkt zu reserviert mit seinem schönen Scheitel und dem wohlgestutzen Schnurrbärtchen. Eine Sympathiefigur ist er freilich nicht, auch wie er seine hübsche Freundin Anna behandelt, die eben noch entführt und misshandelt worden ist. Sie ist ihm nur ein weiterer Beweisbaustein für seine rücksichtslose Verbrecherjagd. Milian hingegen ist sehr souverän in seiner beinah kauzigen Art des Buckligen, der aber in Wirklichkeit eine echte Sau vor dem Herrn ist. Ivan Rassimov, der wie Merli auch ein großgewachsener gutaussehender Mann ist, kann als Drogenhändler, der einem unschuldigen Mädchen schließlich sogar noch den goldenen Schuss setzt, völlig überzeugen. Ein schöner Dämon, sozusagen, der sich einmal mit Ferro eine spektakuläre Verfolgungsjagd über die Dächer leistet.

Überhaupt gibt es deren so einige, meistens allerdings mit dem Auto durch Roms vollgestopfte Straßen, atemlos, mit quietschenden Reifen, Blechschäden, toten Orten in Industriebrachen, kaltem Licht am Morgen und hässlichen Wohnsiedlungen. Die Stadt Rom ist ein Moloch, der sich nur noch mit dem schönen Schein der Ewigen Stadt zu camouflieren versucht - unter der Oberfläche ist bereits alles verrottet. Phantastischer Film mit toller Musik!