Samstag, 11. August 2012

Two Evil Eyes / Due occhi diabolici (George A. Romero & Dario Argento, Italien/USA 1990)



TWO EVIL EYES ist eine Kollaboration der beiden Genregrößen Argento und Romero, die nach zwei Kurzgeschichten Edgar Allan Poes, an denen sie sich hauptsächlich orientieren, einen zweiteiligen Episodenfilm herstellten. Produziert hat unter anderem Argento selbst, Effekte kommen von Tom Savini, der im Argento-piece auch unverkennbar kurz als Irrer auf dem Friedhof auftritt.

Das erste der beiden Segmente ist Romeros THE FACTS IN THE CASE OF M. VALDEMAR (dt. Der Fall Valdemar), in dem ein im Sterben liegender Ernest Valdemar (Bingo O'Malley) von seiner Frau Jessica (Adrienne Barbeau) mit seinem eigenen Arzt betrogen wird. Den beiden geht es freilich um das Vermögen des reichen Mannes, welches an Jessica übertragen werden soll. Dazu hypnotisiert Robert den Kranken und bringt diesen unter seinen Einfluß (zentrales Bildmotiv: ein Metronom). In einem Telephongespräch mit dem Anwalt antwortet er dann mechanisch, aber wie vom Hypnotiseur verlangt und die Gaunerei scheint glatt zu gehen. Doch plötzlich stirbt Ernest Valdemar und dies muß vertuscht werden. Also wird er im Keller in eine Kühltruhe gepackt, um den Verfallsprozeß der Leiche möglichst lange hinauszuzögern. Doch es machen sich Skrupel breit, der von der Dame des Hauses verstärkt genossene Alkohol zeitigt Wirkung, und dann plötzlich geschieht das Unvorstellbare: der Tote scheint wieder erwacht zu sein, seine Stimme dröhnt durchs Haus. Ernest stand wohl unter Hypnose, als er verstarb und hält sich seitdem in einem "Zwischenreich" auf - Jessica versucht ihn nun endgültig zu töten. Nur ist das nicht so einfach...


Richtig gelungen ist Romero das alles nicht. Zu spannungsfrei und nur gemächlich kommt die Erzählung voran, alles wirkt etwas behäbig, und die Masken im Finale haben dann zu allem Überfluß für den einen oder anderen auch sicherlich das Potential, unfreiwillig komisch zu wirken. Der Altmeister des Zombiefilms stakst wie seine Untoten nur wenig dynamisch durch seinen Plot, und kann auch durch die Bilder wenig begeistern. Der bedrohlich-verstörende Score entfaltet aber dennoch seine Wirkung und weiß den Zuschauer zu fesseln; dieser schmiert die Gelenke des etwas trüben Plots, und lässt den Zuschauer auch gnädig über das Overacting Ramy Zadas (in der Rolle des Arztes und Liebhabers) hinwegsehen, dem man die Kompetenz einen Wallenstein und den Gargantua (sic!, i.e.: Gargantua und Pantagruel von Rabelais) ins Polnische zu übersetzen, wie es der Poe'sche Original-Text formuliert, nicht gerade an der Nasenspitze ansieht. Und so ist der Score, obwohl bisweilen etwas kleisterig und süß, die eigentliche Attraktion dieses Beitrags.

Hier wird auch eine große Diskrepanz im Drehbuch zum Originaltext Poes deutlich: Was im Film sozusagen die Pointe ist und erst spät entdeckt wird, nämlich dass die Hypnose unbekannte Einwirkungen auf einen Toten oder eben Verstorbenen haben könnte, ist im Originaltext der Aufmacher und wird direkt zu Beginn bereits im zweiten Abschnitt thematisiert. Hier ein Ausschnitt:

"In den letzten drei Jahren beschäftigte ich mich lebhaft mit dem Studium des Magnetismus. Vor ungefähr neun Monaten kam mir nun plötzlich der Gedanke, daß die bisher gemachten zahlreichen Experimente eine bemerkenswerte und fast unerklärliche Lücke aufwiesen: bis jetzt war nämlich noch niemand in articulo mortis magnetisiert worden. Es war noch nicht festgestellt, ob der Patient in diesem Zustand überhaupt für magnetische Beeinflussung empfänglich sei, und, wenn ja, ob sein Zustand dieselbe verstärkte oder verminderte, fernerhin, inwieweit und auf wie lange die Äußerungen des Todes durch ein solches Vorgehen aufgehalten werden könnten." (Edgar Allan Poe, Der Fall Valdemar)


So hat mich diese Episode in ihrer eigentlich zweifachen liebenswerten Staubigkeit - einmal aufgrund ihrer zugrundeliegenden Hypnose/"Magnetismus"-Thematik, zum anderen durch ihren Look, der offenkundig den Geist der 80er Jahre transportiert und mit stilbefreiten pseudoviktorianischen Settings hausiert, in denen sich das blaue Licht des luxuriös beleuchteten Pools auf der Veranda im dickwandigen Whiskyglas bricht und zugleich mit den verwinkelten Treppenaufgängen, Gemälden der Ahnen und den Trophäen aus Hirschgeweihen eines untergehenden Landadels vereint - an fern vergangene Videoabende der eigenen Jugend erinnert, an denen man sich einen mediokren Horrorfilm nach dem anderen angesehen hat, und am Ende doch ganz duselig vor Glück ins Bett gestiegen ist. So schlecht, wie diese erste Episode vielerorts gemacht wird, ist sie nämlich nicht. Die enttäuschte Erwartungshaltung beim Namen Romero dürfte durchaus im einen oder anderen Falle ausschlaggebend gewesen sein.








In Dario Argentos Beitrag mit dem Titel THE BLACK CAT fürchtet ein eifer- und trunksüchtiger Photograph, der sich gerne an Tatorten herumtreibt, den angestammten Platz bei seiner Freundin zu verlieren, als diese eine streunende schwarze Katze zum Schmusen ins Haus läßt. Das Tier merkt sofort, dass es hier nicht wilkommen ist, und der Hausherr (Harvey Keitel als "Usher") - die beiden wohnen in einem riesigen klotzigen Bau irgendwo in einem Vorort New Yorks - versucht denn auch alles, um den tierischen Konkurrenten wieder los zu werden.


In seinem Photo-Labor arrangiert er die Tötung der Katze derart wie bei einem Photoshooting, dass er sie mit den Händen erwürgen und den Vorgang zugleich "live" ablichten kann. Im Screenshot oben, die Eröffnungssequenz samt Credits, wird durch das Buch geblättert, das dann eigentlich erst kurze Zeit später erscheint, nämlich nach der Tötung der Katze. Doch die Katze scheint "haunted", so häufen sich seine Albträume (einmal phantasiert er sich ins Mittelalter und wird Opfer einer Pfählung, seine Freundin, nun zur Hexe geworden, "sieht" seine Schuld), und auch der Aggressionslevel steigt stetig, da er von allen Seiten immer weiter unter Druck gerät. Bis er schließlich auch Menschen zu töten bereit ist.

Harvey Keitel liefert eine wunderbare Performance ab, er spielt den Rod(erick) Usher als Getriebenen an der Grenze zur Psychose. Ein Trinker, der Photograph und Künstler zugleich ist, wie auch seine Freundin, die Violinistin. Möglich, dass eben auf einer subtileren, psychologischen Ebene auch ein künstlerischer Konflikt zwischen den beiden ausgetragen wird - er, der als moderner Photokünstler und Naturalist gegen die bürgerliche Kunst ankämpft, der sie verpflichtet ist. Keitel ist ein Mann der Gewalt und der Minderwertigkeitskomplexe - er trinkt, sie liest, und Baudelaire hängt an der Wand. Eigentlich eine gute Schnittmenge.


Sowohl was die Artistik der  Bildgestaltung als auch die Spannung angeht, gewinnt hier Argento klar gegenüber Romero. THE BLACK CAT ist durchweg spannend, viel interessanter photographiert, herausfordernder montiert sogar, und derart reichhaltig, dass man meint, die Stunde, die Argento zugestanden hat, sei sogar ein wenig kurz bemessen - was man vom romeroschen Beitrag nicht behaupten kann. THE BLACK CAT wirkt bisweilen sogar etwas gehetzt, beschleunigt durch einen elliptischen Schnitt, der Film ist manchmal sogar etwas fahrig in der Zeitorganisation - die Verortung auf dem Zeitstrahl verliert des öfteren ihre Eindeutigkeit. Diese tendenzielle Atemlosigkeit kommt ihm aber letztlich zugute, wie auch die Entscheidung, im gesamten Oeuvre Edgar Allan Poes zu wildern und verschiedene Aspekte seiner Erzählungen einzubinden. Am Markantesten sicherlich das Pendel des Todes (im Original The Pit and the Pendulum) ganz zu Beginn - der erste Mord, den Usher im Film photographiert, und bei dem die Kamera kurz auch auf dem herabschwingenden Schneideblatt selbst montiert ist und mit einem gewaltig sausenden Geräusch durch den Raum pendelt. Weitere POVs finden sich den ganzen Film über, etwas später sehen wir etwa mehrere Szenen aus der Perspektive der Katze (einmal sogar beim Sprung). Aber es gibt auch eine ganze Reihe weiterer kleiner Hinweise und Verbeugungen, etwa in so einem Detail:


John Fords THE SEARCHERS ist zwei-, dreimal im Bild, auch wenn die Kamera aus der rückwärtigen Wand des Buchregals herausfilmt, als POV-Schuß der Katze. Usher hatte eigentlich seine getötete Frau dort eingemauert und die neu eingezogene Wand mit einem Buchregal verdeckt - wobei eben auch eine ganze Reihe Filme im Regal Platz fanden. Jedenfalls ertönt plötzlich ein Kratzen hinter der Wand, und es ist nicht die verwesende Gattin, die dort zum Leben erwacht wäre, sondern die sie ins Reich der Toten begleitende Katze, die nun nicht Ruhe gibt und den Mörder in den Wahnsinn treiben will. Sie kratzt ein Loch mit der Pfote in die Wand, um das Unrecht ans Tageslicht zu bringen. Später wird das Reagal komplett eingerissen, dann liegen die Cassetten alle auf dem Boden und mit einem Standbild lässt sich sicher noch das eine oder andere Cover identifizieren.

Auch der ermittelnde Polizist findet sich bald ein und endet mit einer Axt im Genick. Ein Auftakt zum blutigen Finale, welches dann noch eine schöne weitere übersinnliche Komponente dem Film hinzu fügt. Dies soll nun aber genügen, TWO EVIL EYES lohnt sich jedenfalls unbedingt, schon allein wegen der tollen Argento-Episode. Hier noch ein paar abschließende Screenshots:






Zum Schluß noch ein Photo meines Poe-Bandes der Gesammelten Erzählungen (gebundene Ausgabe in zwei Bänden, Nymphenburger Verlagsbuchhandlung 1965) mit einem Bild von Alfred Kubin, in dem die eingemauerte Ehefrau mitsamt dem Kater zu sehen ist: