Samstag, 29. September 2012

Der Mann mit der Stahlkralle / Rolling Thunder (John Flynn, USA 1977)

(c) Koch Media

Charles Rane ist ein Vietnamveteran, der den Anschluss an sein altes Leben nicht mehr findet. Sein Sohn erinnert sich nicht mehr an ihn, die Frau ist weg. Mit dem neuen Freund, der ins Haus kommt, muss er ein Bier trinken, Verständnis zeigen. Da soll er ein weiteres Ritual über sich ergehen lassen: für seine Tapferkeit und sein Durchhaltevermögen bekommt er in einem festlichen Akt einen Koffer Silberdollar überreicht. Wegen dieses Koffers wird er später von einer Bande Mexikaner überfallen, sein Sohn und seine Frau werden getötet. Sein Arm wird verstümmelt und er verliert seine Hand. ROLLING THUNDER ist keiner der kontroversen Vigilanten-Reisser. Hier geht der Krieg weiter im Kopf.  Und dann beginnt das große Töten. In einem Hurenhaus in Mexiko... Meine Rezension zur gerade erschienenen DVD und Bluray hier bei Hard Sensations.

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Sonntag, 23. September 2012

Wandlungen - Richard Wilhelm und das I GING (Bettina Wilhelm, Schweiz 2011)

 
Bettina Wilhelm, die Enkelin des kulturellen Vermittlers, der auch als Übersetzer nach 1905 in China tätig war, begibt sich in ihrem Dokumentarfilm nun auf die Spuren ihres Großvaters, reist ins chinesische Qingdao, besucht ihr Geburtshaus (heute eine hochmoderne Augenklinik), spricht mit dem Enkel des Schulleiters, der ein enger Verbündeter des Deutschen wurde, und mit vielen anderen Zeitzeugen oder deren Nachfahren. In liebevoll persönlicher Weise skizziert sie ihre Reisen durch das moderne China und verdeutlicht den großen Einfluss des philosophisch-religiösen Denkens auf den chinesischen Alltag. Zugleich werden immer wieder kurze Exkurse mit westlichen Experten diverser Fachgebiete dazwischen montiert, die verschiedene Aspekte der chinesischen Lehren erläutern. Richard Wilhelm übersetzte zentrale chinesische Texte des Daoismus, von Laotse, das I Ging. Hier meine Rezension in der Filmgazette.


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Dienstag, 18. September 2012

Cat Skin / Couro de Gato (Joaquim Pedro de Andrade, Brasilien 1962)

 
Das brasilianische Cinema Novo ist mir noch ein unbekannter Kontinent - ich habe, glaube ich, noch keinen Film dieser cineastisch engagierten Erneuerungsbewegung gesehen, die in Brasilien in den 50ern einsetzte, und mit neuen, realistischen, gesellschaftskritischen Filmen die Wirklichkeit abzubilden trachtete und mit dieser in einen Dialog treten wollte. Abkehr von Hollywood und Selbstbewußtsein durch die ökonomische Aufbruchstimmung zu Beginn der 60er sollen maßgeblich gewesen sein, bevor der Militärputsch 1964 ein repressives System installierte, das später etliche Regisseure ins Exil trieb. JP de Andrades Stil (*1934 in Rio de Janeiro) soll eruptiv, ausschweifend und vielgestaltig sein (ich kenne noch keines seiner Hauptwerke, keinen Langfilm) - ganz im Gegensatz zu seinen frühen Kurzfilmen: Yet, from an æsthetic and formal standpoint, de Andrade’s filmography seems so defiantly eclectic that identifying any consistent and unifying style approaches the impossible. (Senses of Cinema).


In CAT SKIN rauben durchtriebene Kids aus den Favelas die Katzen von Rio, um sie an einen Trommelmacher zu verkaufen, der mit ihrem Fell, der Tierhaut, seine Trommeln bespannt. Ein grausamer Akt, der selbst den Kindern manchmal Leid tut und sie zu Tränen rührt. Der Film beginnt mit einer Tanzsequenz zum Karneval in Rio - die Hochzeit für den Trommelmacher, und also rauben die Kinder jede Katze, die sie kriegen können. Sie dringen selbst in bewachte Anwesen ein und klauen die Schmusekatzen der Reichen. Andrade lockert das alles auf mit Musik und Slapstick, wenn Kellner über die Beine der Gäste purzeln und auf die Tische fallen, nur weil eines der Kinder wieder eine Katze entführt hat. Einmal gibt es auch eine rasante Verfolgungsjagd durch die Favelas, durch die engen Gassen zwischen den Hütten hindurch. Und ganz am Ende müssen die Verfolger, darunter ein tapsiger Polizist, einfach aufgeben - in die Favelas hinein können sie nicht mehr folgen. Schließlich beim Trommelmacher im Armenviertel angekommen, ist es mit dem Slapstick freilich vorbei, da wird es ernst und auch der Film ändert seine Tonart. Kann ein Kind eine eben geraubte Katze bereits ins Herz geschlossen haben? Ja, so schnell kann das gehen.

COURO DE GATO ist ein toller Schwarzweiß-Kurzfilm von knapp 13 Minuten, dem es tatsächlich gelingt, in dieser kurzen Zeit eine ganze Welt in Kinobildern aufgehen zu lassen. Ein Film, der auf amüsante Weise einen tragischen Ausschnitt aus einer fremden Welt erzählt, der sich aus fiktiven wie dokumentarischen Bildern zusammensetzt. CAT SKIN lief beim Kurzfilmfestival in Oberhausen, sowie 2010 bei einer Retrospektive in Berliner Arsenal im Rahmen einer Andrade-Werkschau.



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Sonntag, 16. September 2012

Little Foxes / Listicky (Mira Fornayová, Slowakei/Tschechien/Irland 2009)


Zwei Schwestern aus der Slowakei in Irland: die eine, Tina, ist verlobt, führt ein geregeltes Leben mit ihrem Mann, der für einen Antiquar tätig ist, und besorgt den Haushalt. Die andere, Betka, ist auf der Suche. Sie kann und will sich nicht ein- und unterordnen. Auf jede Art Kritik, auf jede Bedrängung reagiert sie wild, schlägt um sich, und versucht, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen. Dies führt so weit, dass sie irgendwann alle in ihrer Nähe vergrätzt hat - und landet schließlich auf der Straße. Ihre Schwester bietet ihr Hilfe an, doch kann sie diese nur bedingt annehmen. Das häusliche Glück der "Vorzeigeschwester" ist ihr zuwider, auf den Verlobten reagiert sie allergisch. Schließlich landet sie in einem heruntergekommenen Kommunenhaus am Rand von Dublin, das einem Restaurantbesitzer gehört, der aus der Schar obdachloser Jugendlicher seine Kellner rekrutiert, und nachts die Mädels für den Matratzensport. Auf Betka hat er es natürlich besonders abgesehen - vor allem deswegen, weil sie sich ihm verweigert.

Fornayovás Debutfilm lief auf großen Filmfestivals - in Venedig, Karlovy Vary, Edinburgh und Rotterdam. Zurecht, meines Erachtens. LITTLE FOXES ist ein verstörender, ständig unter Spannung stehender Film, der immer kurz vor der Explosion zu stehen scheint. Die Darsteller sind durch die Bank großartig, sehr glaubhaft und spielen ihre Rollen mit feinsten Nuancen. Sowieso erfolgt hier viel Kommunikation über Blicke, Körpersprache, Haltungen. Insbesondere die immer weiter sich zurückziehende Protagonistin verstummt irgendwann beinahe völlig. Bis hin zum versuchten Selbstmord, jedoch scheitert das Tablettenschlucken daran, dass wieder einmal das Wasser in der Bruchbude abgestellt wurde.

Lange Zeit läßt Fornayová den Zuschauer im Unklaren über die Verhältnisse, vor allem über die Vergangenheit der beiden Frauen. Die durchaus aus wirtschaftlichen Gründen nach Irland ausgewanderten Schwestern sind freilich keine Prostituierten, gleichwohl ist es bezeichnend, dass alle Exilanten ihres Umkreises sich irische Männer angeln, um durch eine Heirat dauerhaft in Nordeuropa bleiben zu können. Die Ausbeutung, auch die sexuelle, wird mehrfach thematisiert im Film. Einmal heißt es bezeichnend: "For the Irish, we are only tits and ass!" Der Film bleibt jedoch stets souverän und überraschend. Eine gerade noch abgewendete Vergewaltigung geschieht durch einen Landsmann der Frauen, nicht durch einen Iren. Überhaupt eine große Szene, in  der die Schwester Betka aus der Situation rettet, nur um dann selbst von dem Mann angegriffen zu werden. Doch Betka, anstatt Hilfe zu holen, setzt sich auf die Treppenstufen und tut nichts. Erst ein Pakistani, mit dem Tina eine Affäre hat, eilt alarmiert herbei und klärt die Situation. Weshalb Betka ihrer Schwester nicht geholfen hat, ist eines der Rätsel dieses dunklen, brutalen und spannenden Films - etwas, das in die Vergangenheit zurückreicht, und spät im Film erst durch einen Flashback aufgeklärt wird. Lange jedoch wird man als Zuschauer im Unklaren gelassen. Und das ist nur eine der Qualitäten dieses immer wieder über sich selbst hinausweisenden Films.


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Freitag, 14. September 2012

Oca / Vater (Vlado Skafar, Slowenien 2010)


OCA ist ein recht kurzer, 71minütiger Spielfilm über das Aufeinandertreffen eines Sohnes mit dem von ihm und der Mutter getrennt lebenden, leicht zerlumpt aussehenden Vater. Sie verbringen einen Tag zusammen an einem See mit Angeln, Herumalbern und Geschichtenerzählen. Der Film ist in langsamem Rhythmus erzählt, es werden ruhige, beinah statische Bilder aneinandergereiht, oft in Groß- und Detailaufnahme. Dazwischen langsames Ab- und Aufblenden mit melancholisch anmutenden, gemächlichen Schwarzblenden, die sich mehrere Sekunden Zeit lassen. Stilistisch dominant wird hier also erzählt, und bald schon verschieben sich die Verhältnisse in der für die Figuren problematischen Welt. Bild und Tonscheren ergeben sich, bald wird ohne die Lippen zu bewegen durch Gedanken kommuniziert, Erinnerungen werden ausgetauscht. Es macht sich also ein experimenteller Gestus bemerkbar, der den Film vom gewohnten, narrativen Spielfilm fortrückt. Auch die Familienverhältnisse sind lange Zeit nicht klar, sie erklären sich erst mit zunehmender Laufzeit - wie auch die allgemeinen Lebensverhältnisse der beiden.

Nach 40 Minuten etwa kommt es zu einem Bruch im Film, genauer: nach der Szene, in der der Vater den Sohn zuhause abgibt, ungesehen draußen in der Dunkelheit stehenbleibt und ihm noch durch das Dielenfenster beim Ausziehen der Jacke zuschaut, und dann schließlich davonfährt. Anschließend folgt ein isoliert dastehendes Interview mit einem beinahe zahnlosen Mann, der vom Schicksal der Arbeitslosigkeit erzählt, und der mit dem Film erst einmal nichts zu tun hat. Freilich projiziert man dies nun auf den Vater, der, stets dreckig im Gesicht gewesen und zu Beginn ordentliche Züge aus dem Flachmann tätigte, wohl zum Heer der Arbeitslosen in wirtschaftlich heruntergekommenen Zeiten zu zählen ist. So wird es wohl zur Trennung gekommen sein und zum sozialen Abstieg. Der Film läßt dies freilich offen, suggeriert nur, und endet mit einer statischen Einstellung auf mehrere mutlos herumsitzende Männer, die offensichtlich nichts zu tun haben. Am Ende also Gesellschaftskritik in der Form des Dokumentarischen.

Wie sich das zum traumhaft angelegten, narrativen Spielfilm der ersten Hälfte fügt, ein solch deutlicher  und sozialpolitischer Kommentar, leuchtet mir nicht vollkommen ein. Hier hat der Film sein eigenes Konzept verabschiedet und ist in neues Territorium vorgedrungen, in dem sich über die Spannung des Formalen möglicherweise ein Unbehagen an der Welt ausdrückt. Allerdings mit einem vielleicht unnötigen Maß an nachgeschobener Erklärung und Ausformulierung, die der ersten Hälfte entgegensteht. Der Film von Vlado Skafar (*1969) war 2011 beim Crossing Europe Festival in Linz und beim Filmfest München zu sehen und ist momentan bei mubi in der 10 Jahre Film Critics Week Venedig kostenlos online anschaubar.


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Montag, 10. September 2012

Replicas (Jeremy P. Regimbal, Kanada 2012)


Um nach dem schrecklichen Unfalltod ihrer Tochter wieder etwas zu sich zu finden, fährt die junge und gut situierte Familie Hughes zum Landhaus der Familie; hinauf in die Berge, wo es einsame Wälder gibt. Er (Josh Close) ist Anwalt, sie (Selma Blair) Grundstücksmaklerin. Der etwas bleiche Sohn sitzt in seinem Zimmer und spielt Ballergames von morgens bis abends. Im extrem luxuriös ausgestatteten Cottage bekommen sie jedoch bald Besuch. Die neuen Nachbarn, Familie Sikowsky, eindeutig weniger gut abgesichert, steht vor der Tür und zwingt den Hughes, die nicht nein sagen können, ein gemeinsames Abendessen auf. Nach einer langen Reihe von kleinsten und kleineren Grenzübertretungen wächst das Gefühl des Unbehagens, und da platzt den Hughes schließlich irgendwann der Kragen – sie beenden den gemeinsamen Abend. Doch Bobby, der physiognomisch wie ein zweiter Anthony Perkins aussieht, lässt sich nicht alles gefallen. Man kehrt zurück, bewaffnet, und es beginnt eine Nacht des Schreckens für unsere Wohlstandsfamilie.

Home-Invasion, die Tausendste. REPLICAS ist ein Genre-Film, der sich seine Anleihen von weit über den Globus verstreuten Vorgängern zusammensucht: Hanekes FUNNY GAMES fällt einem ein, der Wahnsinn Norman Bates’ in PSYCHO, Anspielungen an Argento-Miniaturen fallen auf, die Fahrt entlang der einsam sich windenden Straße durch die Wälder erinnert an Stanley Kubricks SHINING. Und die Eröffnungsszene ist auch vielversprechend gestaltet, wenn beim Stop an der Tankstelle Sohn Brendon (Quinn Lord) mit dem Hund hinter dem Gebäude zum Ballspielen verschwindet, und die Mutter mit viel Mascara unter den Augen, was auf große Trauer und exzessives Weinen hindeutet, sich auf die Suche nach dem Sohn macht. Der Wald fängt dort hinten an, es tropft von den Bäumen, Kind und Hund sind verschwunden. Gleichwohl tauchen sie bald wieder auf, doch genregesetzlich mit Schreckmoment versehen, findet man sich urplötzlich in einer POV-Beobachtersituation wieder, in der man aus dem Unterholz heraus die Mutter bei ihrer immer panischer werdenden Suche beobachtet.

Leider hält sich REPLICAS allzu sehr an die Gesetze seines Genres und begnügt sich mit dem Aufkochen von Altbekanntem, und kann deswegen im weiteren kaum mehr überraschen. Auch wird einmal eine merkwürdig enthobene Atmosphäre in einem eigentlich grausigen Moment beschworen, in der der Invader Bobby das Ehepaar zum Beischlaf zwingt. James D’Arcy entpuppt sich im Folgenden auch als mimische Schwachstelle des Films, dessen limlitiertes Spiel als Bösewicht nicht ausreicht, die bedrohliche Spannung zu tragen. Die sexuelle Bedrohung gegenüber Ehefrau Mary ist genauso wenig überzeugend und wirkt wie vom Zufall geleitet (die Figurendarstellung ist überhaupt etwas sehr eindimensional geraten und kann dem sich intensivierenden Terror nichts an Intensität hinzufügen). Wie eigentlich die ganze Handlung recht erratisch wirkt, denn die Sikowskys scheinen einfach eine an der Klatsche zu haben.

Ehe man sich versieht, ist der Film vorüber. Und das Drehbuch entblödet sich nicht, in einem doofen Happy End, bei dem tatsächlich zum ersten Mal im Film die Sonne aufgeht, die Eheleute während einer posttraumatischen Therapiesitzung sich bedeutungsschwanger die Hände geben zu lassen, um sich dabei zu versichern, man liebe sich noch sehr und alles sei in Butter. Zumindest tendenziell.


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Samstag, 8. September 2012

V/H/S (Adam Wingard, Ti West, Joe Swanberg, Radio Silence,..., USA 2012)


Ein Bande Kleinkrimineller wird zum Raub eines mysteriösen VHS-Tapes angesetzt - doch überraschenderweise ist das Haus beinahe leer. Im Obergeschoss jedoch finden sie einen toten Mann im Fernsehsessel, der vor einer riesigen Wand aus Fernsehern sitzt. Einer der Einbrecher bleibt dort zurück und macht sich daran, die dort herumliegenden Tapes durchzuschauen, während seine Kompagnons den Keller inspizieren. Dort finden sie eine ganze Menge alter Cassetten, und packen einfach alles ein. Oben jedoch macht man eine überraschende Entdeckung. Die Cassetten zeigen alle Horrormaterial feinster Güte: found footage - Zeug, das enorm fesselnd ist.

Das Besondere an der Konstruktion von V/H/S ist, dass nun obige Zusammenfassung die Rahmenhandlung zu den eigentlichen Episoden darstellt, welche eben jene dokumentarischen found footage - Filme sind. Man versinkt also als Zuschauer in Geschichten, die sich in einer anderen, diese rahmenden Geschichte befinden. Quasi auf einer zweiten Ebene der Fiktion. Die immer wieder für kurze Momente unterbrochen wird, wenn eine Episode zuende ist, und der Eindringling ein neues Tape einschiebt. Einmal gibt es auch da einen Schreckensmoment, wenn dann urplötzlich der Sessel im Hintergrund leer ist, wo eben noch der tote Mann saß - und er ebendort nach der nächsten Eprisode wieder sitzt. Dass ganz am Ende noch ein weiterer Twist auf den Zuschauer wartet, darf zurecht vermutet werden.

Die Handlungen der einzelnen Episoden möchte ich hier nicht verraten, das nähme dem Film etwas sein Überraschungspotential. Soviel sei aber gesagt: es werden ganz unterschiedliche Geschichten erzählt. Die meisten allerdings sind sexuell aufgeladen und mit Handkamera gefilmt. Und da sei gewarnt: wer ein Problem mit Wackelkmeras hat, wird wenig Freude am Film haben. Hier ist das teilweise extrem exzessiv und anstrengend. Mir war es, ehrlich gesagt, teilweise zuviel - obwohl ich normalerweise keine Probleme mit diesem filmischen Stil habe. V/H/S ist sehr ordentlich geworden, nicht immer ganz plausibel (warum nimmt jemand einen Videochat mit einer Kamera auf und überspielt ihn dann auf VHS?), aber das sind kleiner Kritikpunkte. Die Laufzeit von zwei Stunden gilt es ebenfalls durchzustehen. Ansonsten: sehr ordentlich. Gesehen beim Fantasy Filmfest in Köln.

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Mittwoch, 5. September 2012

To Rome With Love (Woody Allen, USA/Italien/Spanien, 2012)


Woody Allens neuster Eintrag in den sich zum Zyklus weitenden filmischen Städtereigen ist ein achtbarer Versuch, ewas Magie aus der Ewigen Stadt Rom auf die Leinwand zu schöpfen. Es fänden sich hier, so sagt der Schutzmann ganz am Anfang, unzählige Geschichten, die sich zu erzählen lohnten. Als Rahmen nimmt das dann ein dickbäuchiger Spätaufsteher am Ende des Films wieder auf, der gegenüber der Spanischen Treppe wohnend die Flügeltüren zum Balkon aufstößt, und das Verdikt wiederholt. Rechthaberisch, nur er könne das wirklich, hier am Pulse Roms sich befindend!

Und so erzählt Woody Allen nach bewährtem Konzept: verschiedene Handlungsepisoden ereignen sich gleichzeitig und finden als Fäden irgendwo im Verlaufe des Filmes zusammen, überschneiden sich, verlieren sich im Getümmel der Menschen, der quirligen Metropole. Diese Geschichten sind mal banal (ein amerikanisches Pärchen nimmt die Jugendfreundin Marion (Ellen Page) auf, eine hübsche exaltierte aber erfolglose Schauspielerin, wohl wissend, dass ihr alle Männer erliegen. Jack (Jesse Eisenberg) meint, er käme damit zurecht - obwohl ihn ein guter Geist (Alec Baldwin, ein erfolgreicher Architekt) vor der Gefahr warnt. Freilich verliebt er sich dann in sie.), oder auch etwas bemüht zeitkritisch (Roberto Benigni spielt den Familienvater Leopoldo, der über Nacht und ohne Grund urplötzlich berühmt wird - dies zunächst lästig findet aber sich allzu schnell daran gewöhnt, endlich mal so richtig von Interesse zu sein), oder einfach skurril übertrieben (Woody Allen, ein pensionierter Agent und Manager, entdeckt im zukünftigen Schwiegervater seines Sohnes einen neuen Caruso, der sein stimmliches Talent aber nur unter der Dusche entfalten kann - woraufhin ihm Allen bei einer Operninzenierung eine Dusche auf die Bühne stellt) und dann auf die Reize und den Charm seiner Muse setztend (und deren Oberweite freilich: Penélope Cruz als die Prostituierte Anna, die in einem Verwechslungsspiel einem verklemmten Frischvermählten die moralische Bundfaltenhose lockert, während sich seine Gattin mit einem Schauspieler verlustiert).

Nun, das ist alles recht unterhaltsam inszeniert, "federleicht" wie so gerne gesagt wird, und wem schon MIDNIGHT IN PARIS gefallen hat, dem dürfte dieser Film, der zwar etwas schwächer ausfällt, immer noch den Sommerabend versüßen. Engagiertes Kino ist das nicht, aber Zeugnis eines unermüdlichen Filmemachers, dessen Routinehirngespinste immer noch meilenweit besser sind, als die Masse der seelenlosen Filme vieler seiner Kollegen. Und Woody Allen nimmt sich dabei natürlich ständig selbst auf den Arm.