Dienstag, 18. September 2012

Cat Skin / Couro de Gato (Joaquim Pedro de Andrade, Brasilien 1962)

 
Das brasilianische Cinema Novo ist mir noch ein unbekannter Kontinent - ich habe, glaube ich, noch keinen Film dieser cineastisch engagierten Erneuerungsbewegung gesehen, die in Brasilien in den 50ern einsetzte, und mit neuen, realistischen, gesellschaftskritischen Filmen die Wirklichkeit abzubilden trachtete und mit dieser in einen Dialog treten wollte. Abkehr von Hollywood und Selbstbewußtsein durch die ökonomische Aufbruchstimmung zu Beginn der 60er sollen maßgeblich gewesen sein, bevor der Militärputsch 1964 ein repressives System installierte, das später etliche Regisseure ins Exil trieb. JP de Andrades Stil (*1934 in Rio de Janeiro) soll eruptiv, ausschweifend und vielgestaltig sein (ich kenne noch keines seiner Hauptwerke, keinen Langfilm) - ganz im Gegensatz zu seinen frühen Kurzfilmen: Yet, from an æsthetic and formal standpoint, de Andrade’s filmography seems so defiantly eclectic that identifying any consistent and unifying style approaches the impossible. (Senses of Cinema).


In CAT SKIN rauben durchtriebene Kids aus den Favelas die Katzen von Rio, um sie an einen Trommelmacher zu verkaufen, der mit ihrem Fell, der Tierhaut, seine Trommeln bespannt. Ein grausamer Akt, der selbst den Kindern manchmal Leid tut und sie zu Tränen rührt. Der Film beginnt mit einer Tanzsequenz zum Karneval in Rio - die Hochzeit für den Trommelmacher, und also rauben die Kinder jede Katze, die sie kriegen können. Sie dringen selbst in bewachte Anwesen ein und klauen die Schmusekatzen der Reichen. Andrade lockert das alles auf mit Musik und Slapstick, wenn Kellner über die Beine der Gäste purzeln und auf die Tische fallen, nur weil eines der Kinder wieder eine Katze entführt hat. Einmal gibt es auch eine rasante Verfolgungsjagd durch die Favelas, durch die engen Gassen zwischen den Hütten hindurch. Und ganz am Ende müssen die Verfolger, darunter ein tapsiger Polizist, einfach aufgeben - in die Favelas hinein können sie nicht mehr folgen. Schließlich beim Trommelmacher im Armenviertel angekommen, ist es mit dem Slapstick freilich vorbei, da wird es ernst und auch der Film ändert seine Tonart. Kann ein Kind eine eben geraubte Katze bereits ins Herz geschlossen haben? Ja, so schnell kann das gehen.

COURO DE GATO ist ein toller Schwarzweiß-Kurzfilm von knapp 13 Minuten, dem es tatsächlich gelingt, in dieser kurzen Zeit eine ganze Welt in Kinobildern aufgehen zu lassen. Ein Film, der auf amüsante Weise einen tragischen Ausschnitt aus einer fremden Welt erzählt, der sich aus fiktiven wie dokumentarischen Bildern zusammensetzt. CAT SKIN lief beim Kurzfilmfestival in Oberhausen, sowie 2010 bei einer Retrospektive in Berliner Arsenal im Rahmen einer Andrade-Werkschau.



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