Freitag, 14. September 2012

Oca / Vater (Vlado Skafar, Slowenien 2010)


OCA ist ein recht kurzer, 71minütiger Spielfilm über das Aufeinandertreffen eines Sohnes mit dem von ihm und der Mutter getrennt lebenden, leicht zerlumpt aussehenden Vater. Sie verbringen einen Tag zusammen an einem See mit Angeln, Herumalbern und Geschichtenerzählen. Der Film ist in langsamem Rhythmus erzählt, es werden ruhige, beinah statische Bilder aneinandergereiht, oft in Groß- und Detailaufnahme. Dazwischen langsames Ab- und Aufblenden mit melancholisch anmutenden, gemächlichen Schwarzblenden, die sich mehrere Sekunden Zeit lassen. Stilistisch dominant wird hier also erzählt, und bald schon verschieben sich die Verhältnisse in der für die Figuren problematischen Welt. Bild und Tonscheren ergeben sich, bald wird ohne die Lippen zu bewegen durch Gedanken kommuniziert, Erinnerungen werden ausgetauscht. Es macht sich also ein experimenteller Gestus bemerkbar, der den Film vom gewohnten, narrativen Spielfilm fortrückt. Auch die Familienverhältnisse sind lange Zeit nicht klar, sie erklären sich erst mit zunehmender Laufzeit - wie auch die allgemeinen Lebensverhältnisse der beiden.

Nach 40 Minuten etwa kommt es zu einem Bruch im Film, genauer: nach der Szene, in der der Vater den Sohn zuhause abgibt, ungesehen draußen in der Dunkelheit stehenbleibt und ihm noch durch das Dielenfenster beim Ausziehen der Jacke zuschaut, und dann schließlich davonfährt. Anschließend folgt ein isoliert dastehendes Interview mit einem beinahe zahnlosen Mann, der vom Schicksal der Arbeitslosigkeit erzählt, und der mit dem Film erst einmal nichts zu tun hat. Freilich projiziert man dies nun auf den Vater, der, stets dreckig im Gesicht gewesen und zu Beginn ordentliche Züge aus dem Flachmann tätigte, wohl zum Heer der Arbeitslosen in wirtschaftlich heruntergekommenen Zeiten zu zählen ist. So wird es wohl zur Trennung gekommen sein und zum sozialen Abstieg. Der Film läßt dies freilich offen, suggeriert nur, und endet mit einer statischen Einstellung auf mehrere mutlos herumsitzende Männer, die offensichtlich nichts zu tun haben. Am Ende also Gesellschaftskritik in der Form des Dokumentarischen.

Wie sich das zum traumhaft angelegten, narrativen Spielfilm der ersten Hälfte fügt, ein solch deutlicher  und sozialpolitischer Kommentar, leuchtet mir nicht vollkommen ein. Hier hat der Film sein eigenes Konzept verabschiedet und ist in neues Territorium vorgedrungen, in dem sich über die Spannung des Formalen möglicherweise ein Unbehagen an der Welt ausdrückt. Allerdings mit einem vielleicht unnötigen Maß an nachgeschobener Erklärung und Ausformulierung, die der ersten Hälfte entgegensteht. Der Film von Vlado Skafar (*1969) war 2011 beim Crossing Europe Festival in Linz und beim Filmfest München zu sehen und ist momentan bei mubi in der 10 Jahre Film Critics Week Venedig kostenlos online anschaubar.


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