Mittwoch, 28. November 2012

Bombay Beach (Alma Har'el, USA 2011)


Irgendwann einmal, so in den Fünfzigern etwa, war Bombay Beach in Südkalifornien ein beliebtes Ausflugsziel am Salton Sea für die Großstädter und all diejenigen, die aus der Wüste östlich von Los Angeles mal Urlaub am Wasser machen wollten. Heute ist Bombay Beach eine der ärmsten Communities der USA - verfallen, verwahrlost, für die Übriggebliebenen ohne Perspektive. Alma Har'els Debut BOMBAY BEACH ist ein Dokumentarfilm über diese Leute, einer, der schmerzhaft genau hinschaut und trotzdem einen liebevollen Blick bewahrt.





In BOMBAY BEACH werden drei unterschiedliche Charaktere portraitiert, die immer wieder genauer in den Fokus genommen werden: der Junge Benny Parrish, bei dem eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, und dessen Tagesablauf von der Einnahme der Tabeletten geregelt wird. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer Großfamilie auf, seine Eltern waren beide schon im Gefängnis und der Vater sitzt den ganzen Tag auf der Couch und trinkt Bier. Ansonsten wird mit den Geschwistern herumgetollt. Eine weitere Figur ist Ceejay Thompson, eine schwarzer Jugendlicher, der Los Angeles verlassen musste, als sein Cousin in einem Bandkrieg erschossen wurde. Er möchte Footballspieler werden, hat aber schlechte Zensuren und verliebt sich in eine Fünfzehnjährige, die von ihrem Ex-Freund bedroht wird. Der Dritte ist ein älterer Herr namens Red, ein ehemaliger Arbeiter auf den Ölfeldern, der in einem Trailer lebt und sein karges Dasein mit dem illegalen Verkauf von Zigaretten finanziert. Er ist charmant, wortgewandt und ein Redneck, der in jedem Trailerpark seine "Freundinnen" hat. Alle drei Leben sind (männliche) Schicksale, sie gehen an die Nieren, weil sie vom Überleben im Verfall zeugen. Das aber nicht auf eine auf die Tragödie oder den Skandal hin inszenierte Weise, sondern mit kleinen Geschichten, Erzählerstimmen aus dem Off, durch das stille Begleiten der Protagonisten in ihrem Alltag. Besonders bedrückend ist freilich das Los des liebenswerten Jungen Benny, tablettengestopft im Vertrauen auf die Ärzte und fürsorglich betreut von seiner Mutter, soweit sie das auf die Reihe kriegt; und dessen noch junges und zugleich fragiles Leben vor allem in der Abbildung seines dürren Kinderkörpers augenfällig wird.




Neben diesen Schicksalen ist aber vor allem die Machart des Films interessant, die im dokumentarischen Modus immer wieder mit inszenierten, choreographierten Szenen spielt (in einem Film, der in seinen Bildern manchmal leider etwas zum Manierismus tendiert). Das sind zumeist Musiknummern und sie sind den musikalischen Unterbrechungen eines Bollywoodfilms nicht unähnlich - zur Musik von Beirut oder Bob Dylan, melancholisch eingesetzt, tanzen die Kinder nachts zum Feuerschein, oder tags über die Müllhalden entlang des Salzsees. Inmitten der verendeten Fische. Dadurch gelingt es auf schmerzhafte Weise, die Lebensfreude darzustellen, die in all den Menschen wohnt, trotz ihrer prekären Situation, trotz des Strands, der wie zum Hohn an so etwas wie Vergnügen oder einen Urlaub erinnert, und trotz des sorgenvollen Alltags. Und natürlich erzählt der Film auch eine Geschichte über diese unglaubliche Landschaft, über die Weite, über das Licht in der Wüste, den warmen Wind über den staubigen Straßen, der das Feuer auf dem Hof anfacht, um das sich ein paar Nachbarn inmitten des Gerümpels niedergelassen haben. In einer Szene am Ende des Films fährt Benny im Abendlicht mit dem roten Helm der Feuerwehrleute und einem aufgeklebten Schnurrbart auf dem Löschwagen durchs Dorf - plötzlich hat er eine Zukunft vor sich, und er strahlt vor Glück. Und der Zuschauer ist dankbar für diese Bilder der Hoffnung, mit denen er aus dem Film entlassen wird, die einem wieder, und wenn es nur ein wenig ist, Vertrauen zurückgeben in diese Welt.


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Sonntag, 25. November 2012

Felicia / Les mille et une perversions de Felicia (Max Pécas, Frankreich 1975)


Während Paul und Gabrille ein angenehmes Leben nach Art der provinziellen Bohème im französischen Deauville führen (er ist Lehrer, sie eine Photographin kurz vor dem Durchbruch), wird ihr libertin gleichförmiges Leben durch die 15jährige Felicia erschüttert, die sie für drei Wochen bei sich aufnehmen, da deren Mutter in ein schweizer Sanatorium muss. Felicia ist ein aufgewecktes, dabei rotzfreches Gör, das gerade ihren Körper und die Erotik zu entdecken beginnt, und so ist nach anfänglichen Widerständen der Erwachsenen es bald üblich, draußen am Pool die Hüllen fallen zu lassen. Außerdem beginnt sie für Gaby Modell zu stehen, schwül-zarte Bilder einer jugendlichen Sexualität entstehen, die vor allem bei den männlichen Kunstexperten der Region gut ankommen. Felicia becirct Gabrielle zunehmend, und Gaby legt bald alle Hemmungen ab, verknallt sich sogar in das Mädchen. Diesem reicht die eine Eroberung freilich nicht, und so ist auch Paul bald seinen Frieden los. Zumal er sowieso schlecht darauf zu sprechen ist, dass sich seine Frau emotional von ihm entfernt hat.

Paul und Gabrielle erwarten Felicia am Flughafen ...

Paul vermutet richtig ...

FELICIA ist schwüler Euro-Softporn deluxe. Weichzeichner, Rosenbeete, Frauenhüften im Kerzenlicht, verruchte Mädchen in halboffenen Bademänteln, Grenzgänge allenthalben. Die Protagonisten bewegen sich auf einem emotionalen Minenfeld, denn die ach so offene Beziehung des sexuell enorm aktiven Ehepaares wird in Frage gestellt. Der Plot besteht mit einer doch ziemlich unterhaltsamen und glaubhaften Handlung. Es ist keinesfalls so, dass man entnervt vorspulen wollte, auch wenn hier natürlich überhaupt nichts Neues erfunden wird. Gleichwohl wird das alles recht ansprechend dargeboten. Und Pauls Verärgerung über Felicia fügt eine überraschende Reibungsfläche hinzu, sein Umkippen wird sehr lange hinausgezögert. Natürlich auch, um den lesbischen Neigungen Raum zu geben, aber dennoch...

Nächtliche Badefreuden.

Der Film wandelt mehrfach hart an der Grenze zum Hardcore, überschreitet diese jedoch nie. Er ist suggestiv, erotisch, schwül, lüstern, verklemmt, müde und exzessiv. Er ist pures Kopfkino. Mir ist das ja ehrlich gesagt bedeutend lieber, als das Abbilden stumpfer, mechanischer Offensichtlichkeiten. Und wenn das alles mit einer solch liebenswürdigen Schlüpfrigkeit und Unverfrorenheit präsentiert wird, dann kann man diesen Film eigentlich nur empfehlen.

Diese Rosen!

Felicia als Modell.

Gabrielle, abends vor dem Schminkspiegel.

Gabrielle geht gleich zu Bett.

Freitag, 23. November 2012

Sinister (Scott Derrickson, USA 2012)


Ein Autor von true crime-Romanen zieht mit seiner Familie in eine neues Haus, welches, das stellt sich später heraus, Schauplatz eines grausamen Mordes wurde: die Familie des Vorbesitzers wurde erhängt, und die Tat wurde auf einem Super 8 - Film festgehalten. Ellison Oswalt (Ethan Hawke) findet auf dem Dachboden, nachdem er von mehreren Reptilien angegriffen wurde, eine Kiste mit verschiedenen Filmspulen, auf denen, so zeigt sich in seinem exzessiven Hineinstürzen in die selbstgeführten Ermittlungen, mehrere Tötungen verschiedener Familien dokumentiert sind. Found footage im konkreten erzählerischen Sinne also. Die Story verbindet authentische Serienkillerthematiken mit wahnhaften Visionen und schließlich mit einer übernatürlichen Bedrohung. Lukas hat das in seinem, wie ich finde, sehr produktiven Text im Perlentaucher erhellend dargestellt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kritikern im Netz. Meinen Beitrag kann man in der filmgazette nachlesen.

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Mittwoch, 21. November 2012

Live-Audiokommentar #27 am 24.11. in Aachen


am Samstag findet der letzte Live-Audiokommentar in diesem Jahr statt, wie immer um 21 Uhr in der Raststätte zu Aachen. Unter dem Motto "Bärendienst nach Vorschrift" begrüßt Alex HYPNOSEMASCHINE Klotz diesmal als Gast Klaudiusz Gieroń, Kulturerforscher und Liebhaber bizarrer Phänomene. Auch diese Veranstaltung dürfte wie schon so oft, einer der Höhepunkte der cienastischen Woche werden. Ich wünsche viel Vergnügen!

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Freitag, 16. November 2012

Universal Soldier: Day of Reckoning (John Hyams, USA 2012)


Aus dem Koma erwacht, kehren die Bilder zurück: die brutale Ermordung des Sohnes, der Frau. John (Scott Adkins) hat die Home Invasion nur knapp überlebt, doch jetzt sinnt er auf Rache. Für die Tat scheint Luc Deveraux (Jean-Claude Van Damme) mit seinen maskierten Handlangern verantwortlich zu sein. Doch je mehr er sich an die Mörder heranarbeitet, desto deutlicher wird, dass er es hier mit einer Verschwörung, einer Geheimarmee an abtrünnigen Elitekämpfern der Regierung zu tun hat, die über implantierte Mikrochip-Kapseln manipuliert werden. Möglicherweise. Die verlässlichen Koordinaten lösen sich auf.

Mit diesen Worten ist der Film nur unzureichend beschrieben. Denn DAY OF RECKONING ist - nach seinem tollen Vorgänger UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION - vor allem ein filmischer Rausch. Hoffnungslos düster, basslastig, die Tonspur eine ambiente Fahrt durch die Nacht ans Ende aller Tage. Ein dunkler Bastard, der einen durch seine subjektive Kamera in die Erlebniswelten seiner Protagonisten hineinzieht, diese nachfühlbar macht, und dann nach einer menschenfeindlichen, cineastischen tour de force am Ende des Films wieder ausspuckt. Wann hat man eigentlich zum letzten Mal Atem geholt?

DAY OF RECKONING ist ein Männerfilm, ein Actionfilm, ein Genrefilm im Gewand eines Kunstfilms. Ein Monolith aus schwarzer Masse. An der Vermittlung von Plot ist er nur sekundär interessiert, auch wenn durchaus eine geradlinige, übergeordnete Narration existiert. Es ist aber doch das eigentliche Kriterium des Films, dass sich die Bilder von der Knute der handelsüblichen, stringenten Erzählvorgaben immer wieder weitestgehend befreien. Dies wird in unzähligen Momenten deutlich: etwa beim Überfall ist es markant, dann bei den Erinnerungsflashbacks, die tatsächlich als weiße Halluzinationsblitze inszeniert sind, an dem schließlich im Tunnelsystem sich befindenden Kämpfer, wo er auf den Finalgegener trifft, Andrew Scott, gespielt von Dolph Lundgren. Hier wächst dann der Film völlig über sich hinaus in einer rasant sich verändernden filmischen Darstellung hin zum Computerspiel, dem Ego-Shooter, wie man es aus Klassikern wie etwa Half-Life kennt. Am Ende werden sogar Holzboxen auf dem Boden zertrümmert, etwa durch Schulterwürfe, in denen schließlich gar nichts darinnen ist. Der realistische Modus, so wenig er hier sowieso Gültigkeit besitzt aufgrund der immer wieder experimentierfreudigen Kamera sowie des Gesamtdesigns, wird also völlig ad acta gelegt und zugleich übersteigert zu einer potentiell erfahrbaren künstlichen Gamerwelt, die unsere irdische transzendiert bis in den Mikrochip selbst hinein. Wie aus dem Menschlichen die Maschine erwächst und der Zuschauer das Maschinelle als Realität akzeptiert, das ist eine der Dystopien, die UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING erzählt.

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Donnerstag, 15. November 2012

Hands on Fassbinder #6 MY FASSBINDER

 
LIVE IN BERLIN, 17. und 18. November 2012 im Collegium Hungaricum Berlin:
 
Die letzte Veranstaltung in der Reihe HANDS ON FASSBINDER thematisiert Rainer Werner Fassbinders Einfluss auf das Filmschaffen der verschiedensten Nationen und Kulturen. Seine Filme werden verehrt, zitiert und dienen als Inspiration. Doch worin genau liegt seine Kraft? Deutsch – europäisch – international: bei HANDS ON FASSBINDER #6 sprechen u.a. Filmemacher aus Argentinien, New York und Portugal über Fassbinder und sein Werk.

Agustìn Mendilaharzu und Mariano Llinàs / Argentinien 
 HISTORIAS EXTRAORDINARIAS

Lodge Kerrigan / USA
CLEAN, SHAVEN (zu dem ich einen längeren Text geschrieben habe, der der DVD von Bildstörung beiliegt)

João Pedro Rodrigues und João Rui Guerra da Mata / Portugal
THE LAST TIME I SAW MACAU

und

PARALLELAKTION / LOU CASTEL

Das Filmprogramm im Zeughauskino umfasst Fassbinders LILI MARLEEN, DESPAIR, DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT, ANGST ESSEN SEELE AUF und QUERELLE.
+ Abschlußparty! 



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