Sonntag, 29. Dezember 2013

Derrick #2: Johanna (Leopold Lindtberg, 1974)

"Du bist ja ganz dreckig!"
"Ja, ich weiß..."

Ein insgesamt recht wenig erquicklicher Mordfall um einen Halunken, der sich mit einer deutlich älteren Frau verheiratet, um an deren üppiges Erbe zu kommen. Der moralisch schwache Mensch klappt dann irgendwann zusammen, da plötzlich die Schwester der Toten auftaucht - überraschend angereist aus Amerika  (und die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht). Derrick jedoch hat keine Chance, diesen Fall aufzuklären, da der Mörder ein (erlogenes) Alibi besitzt: er habe sich zur Tatzeit mit seiner kleinen bumsfidelen, neuen Freundin verlustiert. Groteskes und pikantes Detail am Rande: deren Eltern billigen das Verhältnis, da der Galan eine Flasche Schnaps mitzubringen beliebt. Nun also: Derrick hofft auf ein Geständnis und setzt auf die Zusammenarbeit mit der Schwester. Diese, wie auch das Opfer, hervorragend gespielt in einer Doppelrolle von: Lili Palmer. Sie dominiert souverän diese ganze, leider recht wenig ambitionierte Episode. 












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Sonntag, 15. Dezember 2013

Derrick #1: Waldweg (Dietrich Haugk, 1974)

Bilder einer Ermordung.









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Montag, 25. November 2013

Live-Audiokommentar - Veranstaltung: IM GHOUL LÖST SICH DAS GEHIRN AUF


Kommenden Samstag wird in der Raststätte Aachen wie gewohnt ab 21 Uhr wieder ein Überraschungsfilm live kommentiert. Unter dem Motto "Im Ghoul löst sich das Gehirn auf" sind diesmal Jochen Greitsch und Alexander Barth zu Gast, bekannt als DJs von dufter Gitarrenmusik oder auch vom Live-Audiokommentar XVIII, das war der mit den Ninjas. Ninjas gibt's diesmal keine, aber zahlreiche andere illustre Gestalten. Prädikat der Bundesprüfstelle: Besonders wertvoll.

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Freitag, 22. November 2013

Haftbefehl aka Présumé Coupable (Frankreich/Belgien 2011; Regie: Vincent Garenq)


Mit einiger Verzögerung hat es nun dieses Drama um einen haltlosen Missbrauchsvorwurf auf DVD und Blu-ray geschafft.  Es ist ein Justizskandal sondergleichen, der sich im Nachbarland Frankreich über Jahre hinweg hingezogen hatte und bei dem allzu viele Rädchen einer großen bürokratischen Maschinerie wie von selbst ineinander griffen, die Kontrollinstanzen versagten und so, wie scheinbar unaufhaltsam, das Unglück über die insgesamt 18 Beschuldigten hereinbrach. Anschuldigungen, die das Leben vieler Menschen vollständig zerstört haben. Möglicherweise hat der Erfolg des skandinavischen Films JAGTEN mit Mads Mikkelsen, der thematisch ganz ähnlich gelagert ist, die Veröffentlichung des Films nun plausibel erscheinen lassen. Gleichwie: PRÉSUMÉ COUPABLE ist ein intensives und sprachlos machendes Drama, das vor allem das Schicksal von Alain Marécaux (Philippe Torreton) und seiner Frau Edith (Noémie Lvovsky) ins Zentrum stellt.

Es ist das Schicksal dieser Familie, der beiden Eltern und ihrer drei Kinder, auf die sich der Film konzentriert. Die (Hand-) Kamera ist immer sehr dicht dran an den Figuren, man bekommt so ein sehr nahes, fast schon intimes Verhältnis zu ihnen. Die Erzeugung dieser quasi-authentischen Bilder korrespondiert zur Welthaltigkeit des Films, der auf der wahren, sogenannten “Outreau-Affäre” beruht, einem nicht nur in Frankreich schlagzeilenmachenden Pädophilen-Prozeß, sowie auf den Aufzeichnungen aus dem Gefängnis des Protagonisten, der seine Erlebnisse schriftstellerisch verarbeitete. Es ist der Film des Schauspielers Phillipe Torreton,...


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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Zéro de Conduite / Betragen ungenügend (Jean Vigo, Frankreich 1933)



Jean Bonaventure de Vigo Almereydas dritter - und erster längerer - Film handelt von der Rückkehr von Schulkindern nach den Ferien in das Internat, wo ihnen eine öde Zeit bevorsteht, gemaßregelt von einem Katalog von Verhaltensvorschriften, welcher von allzu gestrengen Lehrern durchgesetzt wird. Das wollen sie nicht mehr ertragen und proben den Aufstand.

Jean Vigos Film unterlag über eine Dekade lang der französischen Zensur. Zu sehr wohl schien den Sittenwächtern das freigeistige und antiautoritäre Streben der Zöglinge den wohl wahren Nerv überkommener und bevormundender anachronistischer Erziehung zu treffen und gutbürgerlichen Interessen zu widersprechen. Interessant, dass Vigo seinen Film dann wie eine leichtfüßige Etüde inszeniert, als Komödie, die dem Stummfilm nahe und dem Slapstick noch näher steht. Und wie auch die Kinder lässt sich der Film nicht sagen, wie er zu sein hat: nämlich Erzählkino. Er bricht aus den vorgefertigten Bahnen aus, wirkt stark szenisch organisiert (wo er wieder ans frühe Filmemachen anknüpft), und schert sich erstmal nicht groß um irgendeine plausible Ereigniskette. Man hat Spaß an der Anarchie, an der Freiheit, und auch zwei Lehrer machen mit bei Kopfstand statt Geometrie und Charlie Chaplin statt Pausenaufsicht. Das geht nicht lange gut, und bald schon versucht die bourgeoise Ordnung ihre Allmacht wieder durchzusetzen. Aber es sind Lausbuben, allesamt, wie auch der Film ein Lausbube ist. Gezeichnete Strichmännchen beginnen sich zu bewegen oder distinguierte Herren auf Ölgemälden schwenken den Arm. Schnelle Schnitte werden durch statische Einstellungen entschleunigt, plötzliche Schwenks sabotieren eine installierte Bild- und Blickachse. Zeitlupe und Beschleunigung und vielerlei technische Spirenzchen mehr rücken den Film in den Bereich Avantgarde- und Experimentalfilm, wenngleich dann doch das alles noch viel zugänglicher und in der Spur bleibt als so ein Hammer der assoziativen Grenzüberschreitungen wie Cocteaus drei Jahre zuvor entstandener LE SANG D'UN POÈTE (1930). Jedenfalls, Vigo starb mit 29 bedauerlicherweise an Tuberkulose und hinterließ ein vielversprechendes, wenn auch sehr übersichtliches Werk, aus dem L'ATALANTE am bekanntesten sein dürfte - und Dank dessen er als einer der wichtigsten Vorbereiter der nouvelle vague gilt.

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Sonntag, 13. Oktober 2013

Die Schlangenpriesterin / Cobra Woman (Robert Siodmak, USA 1944)


Robert Siodmaks zweiter Film für die Universal ist die leider etwas in Vergessenheit geratene Abenteuerromanze "Cobra Woman" bzw. "Die Schlangenpriesterin". Siodmak selbst soll gesagt haben, der Film sei ein unterhaltsames Späßchen, und, nun, das ist er auch. Er wartet mit einem wunderbar hanebüchenen Plot auf und nimmt sich dabei zugleich völlig ernst. Und dann schlappt immer wieder ein quäkender Schimpanse durch das Bild, der Sidekick von Lon Chaney übrigens. Sensation auf Sensation wird aufgefahren, Exotik en masse.

Tiefdekolletierte Damen mit langen Beinen in prunkvollen Gemächern, die mit hauchdünnen Gewändern kaum ihre Reize zu verhüllen imstande sind, treffen auf Männer in kurzen Röcken mit viel Muskeln und breiten Brustkörben. Ihre Lanzen sind schön und handbemalt, eine Mischung aus tödlicher Waffe und den Hirten-Wanderstäben der Heiligen Drei Könige.

Die Kulissen sind offenkundig aus Pappmaschee, doch das stört keineswegs bei den atemberaubenden Tiefblicken,...


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COBRA WOMAN ist bei Ostalgica erschienen und hier bei amazon erhältlich. [Blu-ray]

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Montag, 7. Oktober 2013

A Field In England (Ben Wheatley, GB 2013)



Mysterium und Farce: ein Film, der sich zwischen diesen Koordinaten aufhält, entzieht sich erst einmal einer konkreten Beschreibung. Und deshalb, genau deshalb ist er auch spannend. A Field in England ist Ben Wheatleys dritter Langfilm, und obwohl er doch ganz anders ist als Kill List oder Sightseers, ist er doch ein typischer Wheatley. Britischer schwarzer Humor, alltägliche aber groteske Charaktere, die unerhörte Sensation als Konstrukt. Das Drehbuch ist wichtiger als die Production Values, aber das Skript ist eben auch kein Crowdpleaser. Beziehungsweise ist es das schon, aber eben nur derart, dass man angefixt wird, bevor es einen wiederum auf Abwege führt und gründlich verstört. A Field in England ist dabei sein radikalster (und am schönsten photographierter) Film, ein streckenweise halluzinogener Trip inmitten des englischen Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert...

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Samstag, 31. August 2013

Singapore Sling (Griechenland 1990; Regie: Nikos Nikolaidis)


Frisch erschienen bei Bildstörung ist dieses Meisterwerk der bizarren Obsessionen und schwülen Leidenschaften. Film Noir, Horror, und Slapstick-Komödie werden hier von fantastisch arrangierten Bildern zu einer erotischen Sachertorte zusammengemengt,die jeden ernsthaften Filmfreund in Verzückung setzen dürfte. Leidenschaftliches Kino für eine bessere Welt! Und mein Review könnt ihr hier in der filmgazette goutieren. Rülps!




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Mittwoch, 21. August 2013

Den Muso / The Young Girl (Souleymane Cissé, Mali 1975)


Als die junge, stumme Ténin von einem stadtbekannten Lumberjack am Fluß vergewaltigt wird, kann es nur noch schlimmer kommen: sie ist schwanger, ihr Vater fühlt sich und die Familie entehrt und wirft sie hinaus. Alle Beschwichtigungsversuche des Umfelds schlagen fehl, und die enorm unter Druck stehende Ténin greift zu einem radikalen und brutalen Mittel um die Verhältnisse wieder herzustellen.


Erschütternd ist dieser nüchtern gefilmte Alptraum dieser wunderschönen stummen Frau, die sich nicht artikulieren kann. Aber es würde ihr sowieso keiner zuhören, da die Urteile der Angehörigen immer schon bereits gefällt sind. Abrupte Entgleißungen der Gewalt und der patriarchalen Herrschaft lassen jede Hoffnung auf Erlösung absurd erscheinen, ein Ausweg ist nicht sichtbar. Auch die musikalische Begleitung bietet - zumindest für den Rezipienten - keine Erlösung aus diesem Drama, denn sie ist kaum vorhanden. Nur in wenigen Momenten gönnt uns der Regisseur eine Untermalung des Gezeigten, sodaß der Film insgesamt in seiner Wirkung sehr direkt, unkünstlich und beinah ruppig inszeniert scheint; wären da nicht die langen Einstellungen und Sequenzen, in denen sich der Film bewegt: Bilder der Ruhe inmitten des Chaos, eine Verweigerung der Erzählkonventionen unserer westlichen Sehweisen. Erstaunlich, wie emotional dicht man an Ténin dennoch herankommt. Ein faszinierender Film.


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Harakiri (Fritz Lang, 1919)

Ein heute eher unbekannterer Film vom großen Fritz Lang, der meines Wissens leider auch nicht in guter Qualität zur Verfügung steht. Auf youtube oder archive.org findet sich die "offizielle" Version mit niederländischen Untertiteln. Im Netz soll es auch noch irgendwo englische Subs geben. Nun ja, gut die Hälfte aller Untertitel lassen sich auch auf niederländisch gut verstehen, wenn man ab und an mal Pause drückt. Der Film basiert auf der Geschichte der "Madame Butterfly", in der sich, hier bei Lang, die Tochter eines japanischen Daimyo in Nagasaki nach dessen Tod in einen holländischen Handelsoffizier verliebt. Sie bekommt ein Kind von ihm, doch da muss er für vier Wochen zurück in die Heimat. Aus vier Wochen werden jedoch vier Jahre - und auch ein Gattin wartet zuhause. Bei seiner Rückkehr nach Japan nimmt er diese sogar mit. Otake, die auf ihn gewartet hatte, ist am Boden zerstört. Ihr blondes Kind von knapp vier Jahren gemahnt sie an den betrügerischen Vater, der in seinem Kultursnobismus keine wirkliche Verfehlung seinerseits erkennen kann. Da nimmt sich Otake schließlich das Leben. Der Film überzeugt in toto nicht, scheint doch die Geschichte recht zerrissen erzählt, und wird mit der Kamera auf Distanz gehalten. Einzig die Protagonistin Otake (Lil Dagover) gefällt in ihrer Rolle und kann schauspielerisch überzeugen. Der Film wurde in Produktion der Decla überwiegend in Hamburg gedreht, in Hagenbecks Zoologischem Garten und beeindruckt in seiner Darstellung des japanisch anmutenden Exotismus. Der Newcomer Lang übernahm das zum Scheitern verurteilte Projekt als nun bereits dritter Regisseur. Eine Kopie wurde in Amsterdam gefunden, nachdem der Film lange Jahre als verschollen galt.



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Im Westen nichts Neues (Lewis Milestone, USA 1930)


Mega-Klassiker des Anti-Kriegsfilms, der die Fährnisse eines deutschen Gymnasiasten darstellt, der von seinem Lehrer in die Begeisterung von Volk und Vaterland, der Ehre für dieses zu kämpfen und zu sterben getrieben wird. Und dann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs landet, wo es nur ums Überleben geht und von Pathos und Ehre nichts mehr zu spüren ist. Besonders markant wird dies bei einem Heimaturlaub des Jünglings, der sich bei den stolzen Eltern verloren und unverstanden fühlt, im Wirtshaus den Stammtischstrategen mit ihrer Bescheidwisserei nicht mehr zuhören kann und beim Besuch in der Klasse der ehemaligen Schule, Kritik äußernd, bald als Vaterlandsverräter beschimpft wird. Er sehnt sich zurück an die Front, er findet keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Womöglich ist ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT, der sich mit seinem Titel schließlich auf den Tod des Soldaten bezieht, was eben völlig normal ist und keine Meldung wert, vielleicht der thematisch umfassendste amerikanische Anti-Kriegsfilm aller Zeiten. Die große Anzahl verschiedener Kriegstopoi - von der Ausbildung zur Desillusionierung zum Trauma - kennt man aus den vielen Kriegsfilmen, die ihm folgen sollten, aber so gebündelt und die Probleme durchdeklinierend scheint dieser mutige Film durchaus herauszustechen, der auch in anderer Weise an Schnittstellen steht: vom Stummfilm zum Tonfilm (der Film wurde auch stumm vorgeführt), zwischen den beiden Weltkriegen, zwischen dem Jubel auf einen Ausflug nach Paris zu fahren und dem, den man bald einem Männchen mit Bärtchen zurufen würde. Heute mag der Film durchaus ein wenig schematisch vorkommen, etwa in seinen Dialogen, die etwas allzu erpicht darauf sind, kein Problem außen vor zu lassen. Eine gewisse hölzerne Mechanik kommt nicht nur in ihnen, sondern manchesmal auch in den Bildabfolgen durch, die den Film wie am Reißbrett entworfen wirken lassen. Eine besonders schöne, themenbündelnde Szenenabfolge muss aber noch kurz erwähnt werden, nämlich die, in der ein Paar Stiefel immer wieder den Besitzer wechselt bis zu dessen Tod, vom nächsten Soldaten bedürftig entwendet werden um ihn wieder (nur) in den Tod zu tragen. Akira Kurosawa muss das gesehen haben, denn in SANSHIRO SUGATA (wenn ich mich recht erinnere) gibt es eine ganz ähnliche Szene mit einem Paar Getas, entlang derer für einen kurzen Moment sich die filmische Narration bewegt.

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Sonntag, 18. August 2013

Gangster Squad (Ruben Fleischer, 2013) - a movie in Tweets


Just after 5 minutes into the film, I already got so bored and unnerved with it that I started tweeting about it... just random stuff that crossed my mind. Not really noteworthy, but probably adequate to that crappy movie. Here's what I posted last night:


GANGSTER SQUAD

Erzählerstimme aus dem = purer Hass @

Ryan Gosling trying to play a character? Yeah, why not... even though it's only an imitation of one...

Sean Penn's looking like Freddy Kruger

I lost a follower (thanks to ?)

Showgirls-zitat

Dieser comichafte Film hat keine Zeit. Für nichts.

As is getting funnier, it's getting better.

Bollywood-Tunes in ! !!

Setzkasten Kino

Ryan Gosling, smiling.

Arschklemmiger Perfektionismus

Immerzu grässlich bemüht um Anschlüsse, da gerne auch schenkelklopfend...

Oh no, jetzt auch noch slow-motion...

Is this movie dumber than Timothy Green?

Geld wird verbrannt, da zieht selbst der cop den Hut

Can u tell me the difference between us and them?, the cop asks. How dumb do you think we are, that you pronounce it, stupid

The dead + bleeding body floating in the pool shot from down below in the water is the first original idea of the camera in

...after 80 minutes!

Tomorrow they'll take my badge, tonight I'm still a cop.... bluargh @

 Zimmer - Tunes @

Bad guys wearing black, worst wears white. Uh, how can i hold them apart?  
 
Jetzt auch noch ein dämlicher fist fight zwischen zwei echten Männern... stupid

Protect and Serve glorification

Am End': reaktionärer Bullshit .


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Samstag, 20. Juli 2013

PARKFILME - online Filmfestival für die heiße Zeit


Warum schwitzen, wenn man auch in der kühlen Wohnung den wichtigen Dingen des Lebens nachgehen kann? Also zum Beispiel Filme gucken, und dann am besten noch so welche, die normalerweise unter dem Radar durchgehen?! Georg Pelzer hat ein kleines Sommerfestival zusammengestellt: Kurzfilme für die heiße Jahreszeit. Georg schreibt:

Liebesfilme, Actionfilme,... Parkfilme. Wir zeigen euch 7 Kurzfilme, bei denen sich (fast) alles um Parks dreht. Ähnlich einer DVD (aber ganz internetmäßig) gibt's dazu hochexklusive Bilder, Outtakes, Anekdoten und Infos.

Umsonst und drinnen, sozusagen. Viel Spaß damit!

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Mittwoch, 10. Juli 2013

"Bäume dienen hier nur als Galgen, um Gesetzlose dran aufzuhängen." - Schnappschüsse, Pt. 8

Ride in the Whirlwind (Monte Hellman, USA 1965) - In den Weiten Utahs, zwischen den roten Sandsteintürmen, stoßen drei Cowboys auf der Heimkehr zufällig auf eine Bande Gesetzlose, verbringen bei diesen eine Nacht und werden am nächsten Morgen irrtümlich von einer Vigilantengruppe, die hinter den Verbrechern her ist, ebenfalls  für Galgenvögel gehalten. Fortan befindet man sich auf der Flucht durch staubtrockene Täler, steile Schluchten hinauf und auf ausgesetzten Steinbändern entlang, über dürre Hochebenen hinweg, ohne Proviant und Wasser: dem Tode geweiht. Hellman drehte diesen Film back-to-back mit THE SHOOTING, und teilt also mit diesem das großartige Setting, diese Natur, und auch die in Grundzügen ähnliche Story. Ganz anders wird allerdings in WHIRLWIND viel geredet, stellenweise kam er mir sogar richtig verlabert vor. Überhaupt habe ich ihn eher als Anti-Western gesehen, denn dieser Film stellt Szenen aus, die man sonst so nie in einem Western zu sehen bekommt: der Angriff auf die Postkutsche wird z. B. nicht auf die Sensation hin erzählt; der Überraschungseffekt wird drangegeben, da man die Räuber schon bei den Vorbereitungen begleitet. Der Überfall selbst ist ernüchternd unspektakulär, eine kurze Alibi-Schießerei muß genügen. Ein weiteres Beispiel: am Lagerfeuer bekommt man ein resignatives Gespräch zu hören, während nebenbei einer der drei Helden das Geschirr abwäscht: er läßt sich die Teller reichen, reibt diese mit Sand ab und spült kurz mit der Feldflasche drüber. So läuft das nämlich im Wilden Westen. Überhaupt ist der Film mehr an der Verlorenheit der Figuren interessiert, denn an Schauwerten oder Action, auch an der Gewalt, die der weiße Mann dem weißen Mann antut; am Altwerden, am Davonlaufen. Utah gerät wie beiläufig ins Bild, immer trocken, immer staubig, immer ausgedörrt. Schön, aber tödlich. Bäume dienen hier nur als Galgen, um Gesetzlose dran aufzuhängen.

Denk ich an Deutschland – Herr Wichmann von der CDU (Andreas Dresen, D 2003) - Mal wieder diesen Fremdschamknaller geschaut, der jetzt bei dritter Sichtung noch viel deutlicher als beim vorherigen Sehen Dresens Feingefühl für Nebenschauplätze erkennbar macht. Denn auch in den vielen Details am Bildrand, die man gerne aufgrund der offenkundigeren Skandale "in Bildmitte" übersieht, beweist sich die Güte dieses Films (Bildzeitungsleser, Tirolerhütchenträger, ein schüchterner Kamerablick des Buben bei der Nationalhymne, die Frau des Faschos). Ein so wunderbar komponierter Film, daß man das Dokumentarische anzweifelt. "Füße heben!"

Frozen River (Courtney Hunt, USA 2008) - Als sie die Miete für ihren Trailer nicht mehr bezahlen kann und ihr zeitgleich der Gatte davonläuft, muß eine im Supermarkt angestellte Mitvierzigerin mit emblematischen White-Trash-Tattoos eine schnelle Lösung finden, an Geld zu kommen. Da kommt die Gelegenheit, illegale Einwanderer über den zugefrorenen Fluß aus Kanada in die USA einzuschleusen gerade recht; zumal das zu durchquerende Indianerterritorium in seinem rechtlichen Sonderstatus genug Raum lässt, die moralische Frage nach dem Unrechtsbewußtsein beiseite zu schieben. Daß das nicht lange gut geht, ist klar bei einem sogenannten "Independentfilm" mit Problemcontent. Der mitfühlende Zuschauer, der naturgemäß sofort erkennt, daß es die Verhältnisse sind, die die Heldin zum Gesetzesbruch treiben, ist gewillt seine Sympathie lenken zu lassen; zumal der Gesetzesbruch im Dienste einer guten Sache steht: daß so nämlich wirtschaftlich noch stärker benachteiligten Menschen geholfen wird. Daß es eigentlich ums Geld geht, wird mit fortlaufender Spielzeit ebenfalls aufgeweicht, unterstützen sich doch die Schlepper mit zunehmender Annäherung irgendwann gegenseitig auch mit Knete, um in dieser ungerechten Welt zurecht zu kommen. Das Spotten ist leicht - und nicht ganz gerechtfertigt. Denn tatsächlich ist die Menschlichkeit ja ein herzergreifender Charakterzug, und zu guten Taten ist ein jeder fähig - ganz gleich, in welch übler Situation er steckt. Es ist also dem Film einerseits anzurechnen, nicht alles in einen großen Kunstfilm-Weltuntergang hineinsteigern zu lassen, andrerseits ist aber auch sehr deutlich, wie hier Sympathien gelenkt, bzw. Gefühle manipuliert werden. Formal hat der Film auch recht wenig zu bieten, ist sehr konventionell geraten. Lediglich die Helligkeit der Schneefläche vermag nach langer Nacht sehr zu blenden. Letztlich stellt sich also die Frage: wem wird dieser Film wohl nicht gefallen? Niemandem, der sich als Kulturmensch begreift und der etwas auf sich hält. Also: jedem, der Film "mit Anspruch" goutiert, wird eben diesen gut finden. Wie man selbst. Und das ist dann allerdings weniger gut.

Der Sprung ins Glück / Totte et sa chance / La storia di una piccola Parigina (Augusto Genina, Fr/D/It, 1927) [35mm, Länge: 2208 Meter, 97 min, 20 B/s, frz. Zwischentitel mit dt. Übersetzung, Musik: Joachim Bärenz (Piano)] - {gesehen letztes Jahr beim Stummfilmfestival in Bonn} - Eine Maniküre findet auf der Suche nach der großen Liebe in einem Aristokraten ihren Traummann, welcher sie zunächst nur deswegen heiraten will, um sich endlich  dem Zugriff seines Vaters entziehen zu können. Doch dann geht auch sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Die enorm temporeiche Komödie verschärft ihren Humor in der zweiten Hälfte noch dadurch, dass sie auf die Bahnen einer Verwechslungskomödie im Stile des 19. Jahrhunderts einschwenkt. Sehr pointiert inszeniert, schnell geschnitten und immer im richtigen Maß auf die Gefühle geachtet, konnte dieser enorm lustige Film das Publikum begeistern und erntete am Ende großen Applaus. DER SPRUNG INS GLÜCK scheint mir dabei nichts wirklich Herausragendes zu sein, doch ist er innerhalb seiner Grenzen eine sehr feine Komödie. Die tollen Darsteller und die Großstadtbilder, sowie die mondänen Salons und männerdominierten Raucherclubs müssen hier auch noch unbedingt erwähnt werden.

Der lebende Leichnam (Fedor Ozep, Deutschland/Sowjetunion 1929) - [35mm, 3011 Meter, 120 min bei 22 B/s, schwarzweiß, Musik: Joachim Bärenz (Piano)] - {gesehen letztes Jahr beim Stummfilmfestival in Bonn} - Fedja Protassow (Vsevolod Pudovkin) möchte sich von seiner Frau scheiden lassen, da ihre Liebe erkaltet ist und sie mittlerweile einen anderen liebt. Er möchte dem jungen Glück nicht im Wege stehen. In der zaristischen Gesellschaft des vorrevolutionären Russland ist eine Scheidung aber ein heikles Unterfangen und schnell gerät Fedja an die Grenzen dessen, was die Würde eines Edelmannes zulässt. Was ihm bleibt ist ein simulierter Selbstmord - er wird zu einem Mann ohne Namen, dem lebenden Leichnam. Nun mittellos und ohne Unnterkunft schlägt er sich durch die Nächte, zieht durch die Kneipen und Bars, und landet immer wieder im Armenhaus. Ein Entkommen aus dieser Situation scheint unmöglich, bis ein Erpresser seine wahre Identität herausbekommt und Fedja konfrontiert. Da muß er plötzlich nochmal Stellung beziehen. Nach Tolstoj. Tolle Schauspieler, beängstigende Milieuschilderungen, schöne Nachtphotographie. Der Film ist ein Augenschmaus, leider aber auch etwas lang (vor allem in einzelnen Szenen; woran man gut das damalige noch andere Zeitempfinden für Szenen- und Einstellungslängen nachvollziehen kann) und gegen Ende ein Plädoyer für die Menschlichkeit. Schön.

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Montag, 1. Juli 2013

Herbstromanze (Jürgen Enz, BRD 1980)


Dieser seltsam neben der Spur liegende Film des ehemaligen Sexfilmers Jürgen Enz ruft Tage nach der Sichtung ebenso seltsame Erinnerungen an ihn hervor: ich denke zum Beispiel häufig an „staubige Wiesen“ oder an „Plastikblumen im Nebel“; an „saftige Pferdeflanken“. Dann aber drängen sich einige offensichtliche Obskuritäten in den Vordergrund: die steifen Sätze, die wie im Theatersprech immer so überdeutlich ausformuliert werden und wie lautgemalte Holzklötze im Film herumstehen. Das allgemein steife Agieren der Schauspieler in ihren unbeweglichen Rollen. Die absolut unspektakuläre Landschaft, die zur Erholung einladen soll und dabei doch nur traurig macht. Oder die Hinterhoferotik, die alt gewordene Männer mit Oberlippenbart und Dialekt ausdunsten, und die – man glaubt es nicht – die Mädchen aus der Stadt verführen soll. Ein Unding, so verführerisch wie die oben genannten „Plastikblumen im Nebel“. Denn eines ist allen Anwesenden (im Film und vor dem Bildschirm zugleich) irgendwie klar: nachher, wenn man sich hirnrissig auf ein Abenteuer eingelassen haben sollte, dann wäre das ein äußerst schales Erlebnis, das sich nicht so schnell vergessen lässt...


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Freitag, 28. Juni 2013

Schnappschüsse, Pt. 7

GOD BLESS AMERICA (Bobcat Goldthwait, 2012) - eine ins Ironische gewendete Bonnie&Clyde-Nummer, eine schwarze Komödie, in der das nicht mehr-Aushaltenkönnen der Gesellschaft einen derart hohen Leidensdruck beim Protagonisten auslöst, dass dieser zur Flinte greift. Dass der Anti-Held an einem Tumor im Gehirn erkrankt ist, hilft natürlich bei radikalen Entscheidungsfindungen. Der dem Film inhärente Zynismus wendet sich nun freilich gegen die verkommene Gesellschaft, die hier einmal mehr "das bekommt, was sie verdient"; Ereignisse, die der Film wiederum völlig unironisch und in hyperrealistischer Detailverliebtheit präsentiert (und damit genau das abbildet, was er eigentlich kritisiert). Daraus speist sich die angebliche "Radikalität" des Films (die keine ist), und das Überzeichnen der Ereignisse ins Comic-hafte, in die Überhöhung macht aus GOD BLESS AMERICA einen weiteren Vertreter der Marke Schenkelklopferkino. Nachteil außerdem, ganz klar: man ist so furchtbar distanziert von den Figuren und vom Geschehen, dass einen eigentlich nur das Spektakel interessieren kann. Und das schmeckt schnell fad, nur etwas pädophil aufgehübscht durch das Kleinmädchensujet. Ein ziemlich unnützer, bisweilen ärgerlicher Film.

ONLY GOD FORGIVES (Nicolas Winding Refn, 2013) - wabernde Szenen vor nachtdunklem Pornoplüsch, die Drogendealer in der bangkoker Unterwelt. Ein abermals unbeweglicher Ryan Gosling mäandert durch eine undeutlich wahrnehmbare Handlung, die bald zur Nebensache gerät und die mit einigen herben Gewaltspitzen aufgemotzt ist. Das schaut bisweilen genial aus, hypnotisch und faszinierend, ist manchmal aber auch zum Fremdschämen peinlich in den Überstilisierungen und den Szenen mit der Mutter. Aber so sind eben (manche) Mütter. Insgesamt ein visuelles Erlebnis; wenn man sich nicht drauf einlassen mag, vermutlich die Film gewordene Hölle auf Leinwand.

MAN OF STEEL (Zack Snyder, 2013) - ein Film, wie ich mir einen Superheldenfilm immer gewünscht habe. So muss das sein: der totale Exzess, ein visuelles Spektakel in jeder Hinsicht. Das beginnt schon beim langen, ausufernden Prolog, der sich wie ein Fantasyfilm anfühlt, bevor die eigentliche Storyline erst richtig beginnt. Snyder springt dann immer hin und her, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, gerne mit Wackelkamera (auch die kommt nie zur Ruhe); dann auch immer wieder ins Poetische gewendete rural-realistisch Bilder aus dem Independentkino eingestreut, ordentlich lense flares, wie man sie gar nicht in diesem Film erwarten würde. Gegen Ende wird dieses Chicago zerlegt, dass es seinesgleichen sucht. Der Begriff Blockbuster findet zu seiner wahren Wortbedeutung zurück. Ein großartiger, megalomanischer Film - und neben WATCHMEN mein Favorit vom bislang eher als Nulpe wahrgenommenen Snyder.

ENGLISH VINGLISH (Gauri Shinde, 2012) - Bollywood in New York. Eine "einfache Hausfrau" bricht aus der ihr zugewiesenen Rolle (= Käfig)  aus, macht einen Sprachkurs und freundet sich sogar mit einem französischen Mitstudenten an, der ein Auge auf sie geworfen hat. Vieles an dem Film ist Klischee, spielt auch mit diesen, und ist dabei doch stets liebenswert, vergreift sich nicht im Ton. Die Protagonistin Shashi Godbole (gespielt von Sridevi) gewinnt am Ende ihren Selbstrespekt zurück, und weiß sich fortan - auf ihre zurückhaltende Art - zu wehren und zu widersetzen, so wird sie schließlich nur noch ein einziges Mal von Gatte und Tochter in aller Öffentlichkeit brüskiert. Dann aber zeigt sie, was in ihr steckt. Es ist nicht so sehr die USA, die die verborgenen Stärken und Talente in ihr wieder erwecken, sondern eher die Harmonie eines multinationalen Melting Pots, als der die kleine Gruppe Sprachstudenten gesehen werden kann. Das hört sich nun nach nervigem Gutmenschen-Kino an, ist aber in der Tat eine sehr launige und emotionale Komödie mit Auftrag. Und auch wenn das System Ehe zuletzt Bestätigung findet, so sind es die nun zu Gunsten der Frau verschobenen Verhältnisse im Machtgefüge, die als Errungenschaft wieder mit nach Indien genommen werden können. Tolle Musik durchweg, sehr unterhaltsam und mit einem großartigen Gastauftritt von Amitabh Bachchan.

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Mittwoch, 26. Juni 2013

Live-Audiokommentar XXX - Achtung, es gibt Schmuddel!


Es gibt gleich zwei Gründe kommenden Samstag zu feiern: Der Live-Audiokommentar in der Raststätte zu Aachen begeht nicht nur seine 30. Ausgabe, sondern gleich auch sein 5-jähriges Jubiläum! Glückwunsch hierzu meinerseits! Das passt gut zu einer Veranstaltung, die nur alle zwei Monate stattfindet, meint auch Adam Riese. Zu den drei Kreuzen gibt es dann auch drei KommentatorInnen, und alle sind Hardheads: Neben Gastgeber Alex Klotz werden diesmal auch Silvia Szymanski und Frau Suk über den Überraschungsfilm quatschen.

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Freitag, 14. Juni 2013

Mickey Mouse in Vietnam, 1968

In 1968, an underground, anti-war short film was produced by Lee Savage and Milton Glaser called Mickey Mouse in Vietnam. The short (unofficially) starred Mickey Mouse in a one minute animation that depicted the Disney icon travelling to Vietnam in a boat, entering the country, and being immediately shot in the head. The film was shown to associates of the creators in 1970 and onward. It is rumoured (though unconfirmed) that Disney tried to destroy every copy that they could get in their possession. (Sandip Mahal)




[via]

Mittwoch, 12. Juni 2013

Das wundersame Leben von Timothy Green (Peter Hedges, USA 2012)


Wenn nach zwanzig Minuten die Einführung des Films vorüber ist, fragt man sich nicht zum ersten Mal, wie man um Gottes willen nur den Rest auch noch überstehen soll. Es geht dann aber doch, die ermüdend stromlinienförmige Mittelmäßigkeit des Disney-Films, die einen in eine nebulöse Lethargie versetzt, ist dafür verantwortlich.

Wir haben es hier mit einem Pärchen des amerikanischen Landlust-Mittelstands zu tun, Mitte dreißig, "angekommen" im Erwachsenensein. Die frischen Abende verbringt man im Karohemd auf der Veranda des Holzhauses und während irgendein Indie-Folk-Singer-Songwriter sein Lied anstimmt, wird die einzige Sorge, die man hat, beträchtlich. Denn: eine "richtige Familie" ist man noch nicht. Es fehlt zum Glück: das Kind...


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Sonntag, 9. Juni 2013

The Lords of Salem (Rob Zombie, USA/UK/Kanada, 2013)


Ganz im Gegensatz zu ONLY GOD FORGIVES (Nicolas Winding Refn, 2013), der ein Film ist wie ein Rausch, der seinen narrativen Bogen nur im großen Ganzen beibehält um im Detail die Strukturen und die Kontinuitäten aufzulösen, dessen narrative Impulse aus den Bildern selbst stammen um den Film vorwärts zu schieben, so erzählt Rob Zombie seinen exzessiven Alptraum konsequent entlang des Zeitstrahls. Aber auch hier entfernt sich der Realismus immer weiter in eine subjektive Erfahrungswelt hinein, löst sich auf in Träumen, die in kollektiven Wahnvorstellungen aufgehen, von denen man als Zuschauer irgendwann nicht mehr sagen kann, ob sie sich nicht bereits als neue Realitätsebene etabliert haben. Drei Aspekte dominieren THE LORDS OF SALEM: einmal die Präsenz der Hauptdarstellerin Sheri Moon Zombie mit ihren Tattoos und den Dreadlocks, die als Radiomoderatorin und ehemalige Drogenabhängige ihr Dasein in Szene-Nischen verbringt; dann der hammerhart fiese...


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Samstag, 1. Juni 2013

To The Wonder (Terrence Malick, USA 2012)


Ein Film der Blicke der Liebe. Durch die Gräser schweift die Kamera, der Frau hinterher, die vorausgeeilt ist, sie erhebt sich hoch in die Lüfte, eine subjektive elevatio, dann ist sie wieder ganz bei ihr, bei ihm, in Groß- und Detailaufnahme, im Gegenlicht, bei Regen und Sturm. Die Zeit als Gezeiten des Körpers zwischen Nähe und Begehren. Eine Handlung, die sich dem Gefühl unterordnet: ein Frau verlässt mit dem Kind aus erster Ehe ihre Heimat und geht mit dem neuen Mann nach Amerika. Doch dort fehlt etwas, das merkt auch das Kind. Nach einer gewissen Zeit schweifen die Blicke des Mannes ab, das Begehren verändert sich. Eine Krise. Als das Visum abläuft muss sie zurück, der Mann hindert sie nicht daran, zu gehen. Da lernt er eine andere Frau kennen (oder war sie seine erste Liebe?), wieder die Liebe als Naturerfahrung, eine fragile diesmal, und der die Schalkhaftigkeit der ersten fehlt. Bei der Rückkehr der Braut muss er sich entscheiden, und nimmt sie wieder auf in sein Haus. Die Innenräume sind hier nicht weniger im Fokus als die Außenräume. Und dort geht dann die Freiheit verloren, im offenen Oklahoma, wo um jedes Haus ein Zaun steht, und die Zivilisation tatsächlich als Bedrohung der Natur erfahrbar wird. Einer Natur, die auch als Entfaltungsraum der Liebe gelesen werden kann. Die nicht als konzentrierte Einheit, gebündelt durch die Filmfigur, vor einem liegt, sondern auch als Erfahrungsraum einer möglichen Selbsterfahrung des Zuschauers. Doch dann gibt es Streit, ein Seitensprung, das Wiederfinden der Liebe, dann ist der Film irgendwann vorbei.

Als Zuschauer, dem in TO THE WONDER elegische und überhöhte Innenweltbilder sowohl als Bewußtseinsstrom als auch in fragmentierten Fetzen gezeigt werden, die sich vor allem und immer wieder in nicht-kontinuierlich montierten Naturabbildungen manifestieren und die von klassischer bis deutlich sakraler Musik unterlegt sind, hat man keine Wahl. Man ist ganz nah dran an den Figuren, und wenn man das nicht mag, dann kann man nur gehen. Also wirklich real den Innenraum des Kinos verlassen, der selbst zu einem Körper geworden ist (was er sowieso immer ist). "I want to take you inside me" sagt Olga Kurylenko einmal, und so wie sie Ben Affleck aufnimmt, und dieser sie, so wird der Zuschauer vom Kino aufgenommen, und dann vom Film. Das ist nicht esoterisch, das ist ein Phänomen der Wahrnehmung. Die Blicke stehen im Zentrum, nicht das Gefühl, das bleibt, merkwürdigerweise, außen vor. Wenn dann eine der wenigen Schwarzblenden kommt, dann ist das ein Hammer, wie wenn die Welt untergeht oder man tatsächlich erblindet.

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Mittwoch, 22. Mai 2013

Partie de Campagne / Eine Landpartie (Jean Renoir, Frankreich 1936)

Hier die tatsächlich spektakuläre deep focus-Szene in Bildern, von der Manfred in seinem lesenswerten Text (insbesondere zur Entstehungsgeschichte) zu diesem kurzen, 40minütigen Film Renoirs spricht. Das aufgestoßene Fenster funktioniert zudem als Bilderrahmen, der dann wenige Momente später tatsächlich ein Bild Renoirs (La Balançoire von Pierre-Auguste Renoir) zitiert, in dem die Protagonistin Henriette, stehend schaukelt. Das gemeinte Gemälde ist ebenfalls auf Whoknows presents zu sehen... Hier also die kurze, aber eindrückliche Szene:




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Montag, 20. Mai 2013

Oslo, 31. August (Joachim Trier, Dänemark 2011)

Bildkompositionstechnisch hübsch anzusehender Problemfilm aus Skandinavien, dem der Fehler von JAGTEN nicht unterläuft: die Hauptfigur ist ein Anti-Held, und obwohl bisweilen sympathisch, ist er doch nicht automatisch und klar erkennbar die Sympathiefigur des Films (in dem diese Instanz sowieso komplett fehlt) - auch wenn dessen Schicksal erzählt wird. Beziehungsweise seine Vorbereitung auf einen wie unausweichlichen Selbstmord, was an Louis Malles DAS IRRLICHT erinnern soll (ein, wie ich finde, ganz anderer und besserer Film). So wird durch die Spiegelungen der anderen Figuren immer wieder sehr deutlich, was für ein egoistischer Mensch dieser jungen Mann und Heroinabhängige gewesen sein muss. Und es auch heute noch ist, wie man an den Anrufen bei der Exfreundin oder am durchaus terriblen Finale sehen kann. Allerdings: schockierend für die abwesenden Eltern. Da hat die Therapie nun offenbar völlig versagt. Der traurige inwändige Blick des Protagonisten ist auch der melancholische Blick der Kamera auf eine instabile Welt, ein Blick, der allenthalben bürgerliche, dafür hinter der Fassade kaputte Beziehungen konstatiert. Auf Beziehungen zwischen Menschen, die lediglich von gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien zusammen gehalten werden. Auch wenn die Freunde von damals heute „in der Gesellschaft angekommen“ sind – und er eben mit nichts dasteht -, diese scheinen dennoch irgendwie zu funktionieren. Der Zuschauer ist verunsichert... wer überhaupt in diesem Film verdient dessen Sympathie?

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Samstag, 18. Mai 2013

Jagten / Die Jagd (Thomas Vinterberg, Dänemark 2012)

 
Für seine etwas längere Laufzeit durchweg spannendes Psychodrama um einen ehemaligen Lehrer jetzt Kindergärtner, dem sexueller Missbrauchs zunächst an einem, dann an mehreren seiner schutzbefohlenen Kindern nachgesagt wird. Die polizeilichen Ermittlungen enttarnen bald die Haltlosigkeit der Anschuldigungen, dennoch weicht der Druck vom Angeklagten, gespielt von Mads Mikkelsen, zunächst nicht. Der Film interessiert sich weniger für die Opferrolle als für die des unberechtigt angeklagten Täters, der in der Dorfgemeinschaft bald völlig ausgegrenzt ist. Es ist der - einmal losgetretene - Mechanismus des Verdachts und die Macht des Zweifels, hinter denen Vinterberg nachspürt; die dann bald in Aggression umschlagen und die aufzeigen, dies wohl das größte Verdienst des Filmes, wie der einmal eingeschlagene Weg trotz besseren Wissens nicht verlassen und rückgängig gemacht werden kann. Der Makel haftet am Menschen, vielleicht für immer. Und das Kollektiv ist ein unbeweglicher Koloss. Kritik an der Anlage des Filmes könnte man insofern formulieren, als er sich sehr klar (oder auch: unterkomplex), wie in überdeutlichen schwarz-weiß-Oppositionen, in der Sympathieverteilung auf seine Figuren organisiert. So ist und weiß sich auch der Zuschauer immer auf der richtigen Seite und wird niemals in eine Verunsicherung hineingetrieben. Alle Zweifel ausgeschlossen. Da hätte der Film deutlich herausfordernder und moralisch problematischer ausfallen dürfen.

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Dienstag, 30. April 2013

Der Mörder des Klans / Prega il morto e ammazza il vivo (Giuseppe Vari, Italien 1970)

(c) Koch Media

Die Männer in diesem Italo-Western schwitzen zwar die ganze Zeit über, also so wie sich das gehört, aber dennoch werden ständig neue Scheite auf’s Feuer gelegt. Zur Überhitzung trägt aber nicht nur das aus einer Bank geraubte Gold bei, das die Hogan-Bande mit Anführer Klaus Kinski nach Mexiko schaffen will, sondern auch die Verruchtheit der Frauen des Films. Die drei Damen erfüllen zwar die üblichen Klischeerollen der Prostituierten, der verheirateten und nun bürgerlichen Prostituierten, und der jugendlichen Ausreißerin, die es in die Stadt zieht, wo sie sich mit einem Job durchzuschlagen gedenkt, der, so weiß der erfahrene Westerngucker, sowieso im Hurenhaus enden wird...


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Freitag, 5. April 2013

Macao (Josef von Sternberg, USA 1952)


Man liest wenig Gutes über Macao, der zumeist als misslungenes Vehikel angesehen wird, um mit den beiden Stars Robert Mitchum und Jane Russell ein einträgliches Geschäft an der Kinokasse machen zu können. Die Produktion gestaltete sich jedoch schwierig, Nicholas Ray löste den gefeuerten von Sternberg ab, Mitchum schrieb neue Szenen hinzu. Der Vorwurf war, von Sternberg würde sich (wieder einmal) zu sehr auf seine Bilder konzentrieren und dabei den Plot aus dem Fokus verlieren. Dieser Film gilt als eines der vielen Beispiele, wie ein großer, visionärer Regisseur von Studios und mächtigen Produzenten entmachtet und gegängelt wurde. MACAO kam dann auch erst zwei Jahre nach mühsamer Fertigstellung ins Kino, was für sich selbst spricht.

Bis auf wenige originale und zweitverwertete Szenen, sogenanntes stock footage, wurde MACAO im Studio gedreht, und jede Hoffnung auf eine größere Einbindung der Handlung an historisch authentischen Orten muss ad acta gelegt werden. Gleichwohl wirbt der Film natürlich bereits im Titel mit seiner Exotik, und auch ein voice over aus dem off zu Beginn des Films führt an diesen "gefährlichen" Ort ein, fern der westlichen Zivilisation, an dem sich Glücksritter, Halunken, Unterweltbosse, Spielsüchtige, Flüchtige und Halbweltdamen zusammenfinden um zwielichtige oder ausschweifende Dinge zu treiben. Und jeder hier hat etwas zu verbergen, niemand ist der, der er zu sein vorgibt. Der hell leuchtende Glanz der Casinos blendet dabei eher, als dass er Klarheit schaffen würde.

Dort also treffen die zynische Nachtclubsängerin Julie Benson (Jane Russell) und der ehemalige Soldat und Weltenbummler Nick Cochran (Robert Mitchum) aufeinander, und kein Wunder entsteht da so etwas wie Zuneigung. Auch der listige Lawrence Trumble (William Bendix), ein Geschäftsmann, stößt zu ihnen und plant windige Geschäfte - denn neben Damennylons handelt er auch mit Schmuggelware. Im weiteren Verlauf ergeben sich mehrere Verwicklungen, der Plot vollführt Kehrtwendungen und schlägt Haken, führt den kriminellen und untergetauchten Casinobesitzer Halloran ein (und dessen Freundin Margie (Gloria Grahame)), mit den Identitäten wird gespielt und hinter den Masken kommen ganz andere Menschen zum Vorschein. Jane Russell und ihr Augenaufschlag. Femme Fatale. Schwarz-weiß-Photographie und Film Noir. Höhepunkt ist wohl eine Verfolgungsjagd im Hafen über mehrere schwankende Boote hinweg und durch Fischernetze hindurch, was auch ansprechend und durchaus spannend umgesetzt ist. Letztlich ist MACAO aber doch ein recht schales Erlebnis. Zu sehr läuft hier alles nach Schablone ab, der überraschende Plot ist keineswegs besonders überraschend, der Schauplatz bis auf seine Straßenszenen austauschbar; der Film kann lediglich mit seinen Darstellern Boden wieder gutmachen, die mit gelassener, souveräner Routine zu überzeugen wissen. Eine atmosphärische Dichte durch Bildkompositionen will sich jedoch nicht einstellen, dafür erscheint das alles zu sehr runtergekurbelt und für einen Film, der in die unbekannte Ferne führen will, in seinen eigenen engen Horizonten gefangen.

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Freitag, 22. März 2013

Lacombe Lucien (Louis Malle, Frankreich/BRD/Italien, 1974)


LACOMBE LUCIEN erzählt die Geschichte eines Bauernjungen aus der südfranzösischen Provinz gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (gespielt von Laiendarsteller Pierre Blaise), der, da er von der Résistance abgewiesen wird, zu den Kollaborateuren überläuft. Mehr durch aufschneidende Dummheit allerdings und volltrunken verrät er den Dorflehrer, der bei den Widerständlern aktiv ist. Unter einem gewaltigen Mangel an Bestätigung leidend (der Vater ist in Kriegsgefangenschaft und die Mutter hat eine Affäre), ist er schnell zu gewinnen, wenn ihm etwas Macht in die Hand gegeben wird (und eine Pistole): im nahegelegenen Provinzstädtchen verliebt er sich in eine hübsche Jüdin (Aurore Clément) und dringt in ihr Leben ein. Er bedrängt die Familie, die sich nicht zu helfen weiß; Lucien nistet sich ein wie ein Parasit, den man nicht mehr los wird.

Dies ist dann auch der größte erzählerische Kniff in Louis Malles "Kriegsfilm", der sich auf eine Detailbegenbenheit reduziert, diese dafür mit großer Genauigkeit und Hinwendung (also auch sehr ausführlich) erzählt. Hinter der Maske des jungen Mannes, der den ganzen Film über ein unbewegtes Gesicht zur Schau trägt, mögen sich Gefühle und Unsicherheiten verbergen - allein, man sieht davon nichts. So unbeholfen und egoistisch er ist, mit seinen Dreistigkeiten und Grenzverletzungen terrorisiert er die jüdische Familie und schafft es zugleich, eine interessante Figur zu werden. Wie könnte ein junges Mädchen nicht dabei erröten, so offenkundig umworben zu werden? Dass der Mensch gefährlich und eine Bedrohung für das eigene Leben und die Jungfräulichkeit zugleich ist, steht dabei ausser Frage. Diese Ambivalenzen, denen hier immer wieder Raum gegeben werden, machen den Film in seinen kleinen Momenten spannend.

Weniger spannend allerdings ist des Regisseurs Erzählweise, der hier auf recht konservative Art und frei von Brüchen und jeder Experimentierlust seine Geschichte vermittelt. Erst gegen Ende wird das etwas aufgebrochen, etwa wenn die Großmutter den Grashüpfer bestaunt, und die Erzählung aus der Zeit zu fallen scheint und eine subjektive wird. Den restlichen Film über aber ist die Außenwelt präsent. Nicht so sehr, als dass hier ein Panorama entworfen werden würde - das gerade nicht - aber etwa durch die in den Film hereinbrechenden Figuren (die Nazichargen), durch die Tanzmusik, oder die immer wieder eingestreuten Radioübertragungen zur Kriegslage. Der Film ist das, was man einen "Ensemblefilm" nennt, wobei man nun noch unbedingt Therese Giehse als Großmutter und Holger Löwenadler als Albert Horn, den pater familias, erwähnen muss. Ebenfalls prominente Beteiligte an dieser Produktion sind der Schriftsteller Patrick Modiano, der mit Malle am Drehbuch geschrieben hat, und die schöne, abstrakte Musik von Django Reinhardt kleidet den Film sehr zurückhaltend auf der Tonspur in allzu sanfte Verstörungsszenarien. Leider hat der Film zu Beginn etwas Anlaufschwierigkeiten, ist insgesamt recht lang geraten, und mir persönlich ist er schlußendlich etwas zu zahm ausgefallen. Und obwohl er Plattitüden zu umschiffen versucht, gelingt ihm das nicht zur Gänze, etwa in der primitiven Charakterzeichnung Luciens (der freilich auch gerne Tiere tötet und mit des Vaters Gewehr herumballert). LACOMBE LUCIEN ist sicherlich sehenswert, zu Louis Malles großen Filmen gehört er aber sicherlich nicht.

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Freitag, 8. März 2013

Sightseers (Ben Wheatley, UK 2012)


Der touristische Aspekt in SIGHTSEERS hält sich in Grenzen, bzw. deutet er auf etwas hin, was zum Zentrum von Wheatleys durchaus erfolgreichem Film führt: auf seinen schwarzen Humor. Wie man das aus Englandurlauben kennt, regnet es meist ständig - eine meteorologische Tatsache, die den Besuch des Bleistiftmuseums in Nirgendwo und die Tropfsteinhöhlen von Soundso nicht gerade angenehmer macht. Aber so ist das. Regenjacke angezogen und durch. Der Wohnwagen steht ja auf dem Campingplatz, dessen üppiges Grün des Grases durch die Nässe noch intensiver wirkt. Ein jeder Sonnenstrahl scheint direkt von göttlicher Hand höchstselbst gesandt.

Nun denn, die beiden Lovebirds, die da unterwegs sind, sind frischverliebt. Chris (Steve Oram) zeigt Tina (Alice Lowe), seiner neuen Freundin, "seine Plätze" im geliebten England. Was Tina in dreimonatiger Beziehung noch nicht weiß: Chris hat recht wenig Toleranz gegenüber Leuten, die ihm auf den Nerv gehen. Und bringt diese dann auch mal kurzerhand um die Ecke. Nach der Hälfte des Films wird Tina dann klar, "Chris, you are a serial killer!" Damit aber nicht genug: die zunächst geschockte Tina zieht gleich und treibt Chris dann wiederum zur Verzweiflung, weil sie einfach mal so, nach Lust und Laune anfängt, Leute umzufahren. Mit dem Caravan.

SIGHTSEERS lief schon beim letzjährigen Fantasy Filmfestival, und war dort nach meiner Erinnerung recht gut angekommen. Da ich damals aus verschiedenen Gründen nur den Schluß gesehen hatte, kam nun eine nochmalige Sichtung in Frage, zumal dieser "kleine" Film, der immerhin in Cannes lief, nun einen regulären Kinostart bekam. Und so hat sich mein Eindruck  eigentlich bestätigt: etwas mehr Bissigkeit hätte dem Film gut getan. Allzu gemächlich verinnen die Minuten im Mittelteil, von Langeweile möchte ich nun nicht gerade sprechen, vor allem da dieses gemächliche Erzählen zur Kauzigkeit des Filmes beiträgt, doch kommt der Film da schon sehr zur Ruhe. Auch gestört hat mich, und das könnte wirklich ein Problem bei Mehrfachsichtungen werden, dass der sehr einfach gestrickte und simpel erzählte Film recht episodisch geraten ist. Kennt man mal die Szenen, das Ende, die Funktionsweise des Films, gibt es nicht mehr viel zu entdecken. SIGHTSEERS ist ein gemächlicher, zurückgenommener Film, dem dies zum Schönheit gereicht - zu einer Schönheit innerhalb seiner eigenen ästhetischen Grenzen.

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Mittwoch, 13. Februar 2013

Berlinale: Metamorphosen (Sebastian Mez, Deutschland 2013)


Mitte der 50er kam es zu mehreren "Störungen" im russischen Kernkraftwerk Mayak bei Osjorsk im Verwaltungsgebiet Tscheljabinsk östlich des Urals und an der Grenze zu Kasachstan. Die Störungen konnten weitestgehend geheim gehalten werden, da die radioaktive Wolke nicht gen Westen trieb. Durch das Gebiet fließt allerdings der Fluß Tetscha, der durch den Unfall und durch die anschließende Entsorgung radioaktiven Materials extrem verseucht wurde, sodaß selbst heute noch der Geigerzähler im Dokumentarfilm von Sebastian Mez nicht nur zu knacken, sondern zu rauschen beginnt. Eine sehr eindrückliche Szene ist das, wie das Gerät Zentimeter für Zentimeter zum Fluß hin bewegt wird, und die Werte auf der Skala exponentiell nach oben explodieren. Die Bewohner eines nahe gelegenen Dorfes allerdings sind erst sehr spät evakuiert worden, und das auch nur teilweise. Sie haben sich im Fluß gebadet, Fische gefangen. Kurze Zeit später begannen die  Symptome der Strahlenkrankheit.

In grobkörnigen Schwarzweißbildern erzählt der Film seine Geschichte, in statischen Aufnahmen, die nur manchmal sich einen Schwenk erlauben. Es sind winterliche Gemälde einer Einöde, ein dystopisches Szenario mit einer Bedrohung, die unsichtbar ist. Gleichwohl meint man sie fühlen zu können, im Wind, im Wasser, im Schneefall. Dann die Großaufnahmen der Gesichter. Die Menschen, die nun nur zwei Kilometer weiter neu angesiedelt wurden, weil angeblich "kein Platz war". Menschen die krank wurden und blieben, weil sie dort zuhause sind, und weil sie die Strahlung bereits abbekommen hatten. Haare fallen aus, Kinder werden tot geboren. Felder werden bestellt und Schafe geschlachtet. Es ist ein Leben in Armut und in Krankheit, irgendwo am frostigen Ende der Welt. Die Kinder singen trotzdem im Kindergarten. Der Film endet mit dem Portrait eines Fischers. Der mit seinem Schlauchboot auf die (oder den?) Tetscha hinausfährt und seine Netze einholt. Dort haben sich sogar ein paar Fische verfangen. Vor Jahren hieß es noch, wer sich länger als eine Stunde in Nähe des Flußes aufhalte, wäre ein paar Stunden später tot. Zu zweit schleppen sie das Boot zum Haus, das nur ein paar Meter neben dem kontaminierten Gewässer liegt.

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Montag, 11. Februar 2013

Berlinale: Promised Land (Gus Van Sant, USA 2012)


In Zeiten der knapper werdenden Ressourcen und auf der Suche nach alternativen Energien abseits von Kohle und Öl, scheint das Bohren nach Gas, umgangssprachlich Fracking genannt, eine mögliche Alternative. Matt Damon spielt den Manager Steve Butler, der, im Dienste des Energiekonzerns "Global Crosspower" stehend, Landbesitzer möglichst günstig um die Schürfrechte auf ihrem Grundstück bringen soll. Verheimlicht wird allerdings, dass der Einsatz möglicherweise schwer gefährlicher Chemikalien im Abbauprozeß das Grundwasser verseuchen und den Farmern die Grundlage für ihre Bewirtschaftung zunichte machen könnte. Unterstütz wird Butler von seiner Kollegin Sue Thomason (Frances McDormand), der ebenfalls jedes Mittel Recht ist, um die Sympathien der Farmer zu erlangen - freilich um sie möglichst gewinnbringend über den Tisch zu ziehen. Denn die gezahlten Honorare sind natürlich nur ein Bruchteil dessen, was der Konzern aus dem Land herauszuholen plant, mit schwerstem Gerät und unabsehbaren Folgeschäden.

Da trifft es sich gut, dass Amerika in einer Wirtschaftskrise steckt und den Leuten auf dem Land die Schulden über den Kopf wachsen. Allzuschnell sind sie bereit, auf die Angebote von Global einzugehen, auch wenn schon bis zu ihnen durchgedrungen ist, dass an anderen Orten die Farmer anschließend ruiniert waren. Außerdem sind Butler und Thomason ja so sympathisch. Überhaupt ist die Perspektive das Besondere an diesem sozial engagierten Film. Waren in MILK die Sympathien schon dadurch klar verteilt, mit den Protagonisten "auf der guten Seite" zu stehen, so ist in PROMISED LAND genau das die Reibungsfläche: die Protagonisten bringen das Unheil. Der Konflikt verschärft sich noch dadurch, dass die Bewohner der Kleinstadt durch einen angereisten Umweltaktivisten aufgewiegelt werden, der vor den Folgen der Exploitation der Bodenschätze warnt. Mit Plakaten und Schildern mit toten Kühen am Straßenrand.

Natürlich darf auch eine Liebesgeschichte nicht fehlen: die Lehrerin an der Grundschule ist bald schon das Objekt von Steve Butlers Begierde. Eine selbstbewußte Frau, die ganz heimatverbunden und nach dem Tode ihrer Eltern wieder zum Elternhaus zurückgekehrt ist und der Großstadt den Rücken zugekehrt hat. Sie ist auch die einzige, die Butler rhetorisch gewachsen ist, und ihre Frustration über die ländliche Abgeschiedenheit, die ansonsten natürlich geschätzt wird, macht sich vor allem in sexuellen Dingen bemerkbar. Das Drehbuch ist sich dann freilich nicht zu blöd dafür, die Frau zur Trophäe zu machen - denn auch der Umweltaktivist umgarnt die schwarzgelockte Schöne. Und wer am Abend in der Bar besonders charmant war, hat möglicherweise sogar die Chance auf ein kleines Landabenteuer.

Am Ende wartet der unvermeidliche Twist auf den Zuschauer, den man selbstverständlich schon lange herankriechen sah. Und ein Rückzug ins moralisch Aufrechte, ins Private. Nun ja, das Böse wurde abgewendet. Gegen ein engagiertes und gesellschaftskritisches Kino ist freilich nichts einzuwenden, es dürfte dann aber gerne etwas wenig glatt und aufdringlich gutgemeint daherkommen. Auch in puncto Bildgestaltung kann PROMISED LAND mit dem bisherigen Oeuvre Van Sants (der die Regie übrigens von Damon übernahm), auch mit den kommerzielleren Exponaten, nicht mithalten. Da kann noch soviel durch dreckige Scheiben gefilmt werden. Von der fragilen Brüchigkeit Van Santschen Filmemachens ist in PROMISED LAND wenig geblieben, in diesem Film der Warner Brothers.

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Sonntag, 10. Februar 2013

Live-Audiokommentar #28 oder so!


Am Freitag, den 15.2. findet wieder ein Live-Audiokommentar statt mit einem Überraschungsfilm, der auch diesmal nicht zur Jahreszeit passt. Host Hypnosemaschine (der Joko Anwar-Experte des Landschaftsverbands Rheinland) begrüßt diesmal als Gastkommentator den stadtbekannten Bartträger Eckhard Heck, der ja unter anderem auch Filmkritiken für hardsensations.com verfasst. Beginn wie immer 21 Uhr, Ort wie immer die "Raststätte" im radioaktiv verseuchten Aachen. Eintritt ist wie üblich frei. Keiner geht da lebend raus, das ist sicher.

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Freitag, 8. Februar 2013

"Western Unchained" - Italowestern, erste Ladung

(c) Koch Media

Mehrere Filme aus dem Genre des Italowesterns planen wir bei Hard Sensations zu besprechen - ich habe schonmal damit angefangen und die jüngst bei Koch Media erschienenen DVDs zu DIE ZEIT DER GEIER, MERCENARIO und NAVAJO JOE vorgestellt. Hier geht es zum Text. Viel Vergnügen!

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Mittwoch, 6. Februar 2013

Brat / Der Bruder (Aleksei Balabanov, Russland 1997)

Nachdem Danila Bagrow (Sergei Sergejewitsch Bodrov) aus der Armee entlassen wurde, geht er nach Sankt Petersburg, um dort ein neues Leben anzufangen. Dort angekommen besucht seinen Bruder Viktor, empfangen wird er allerdings mit einer Waffe an der Schläfe. Viktor ist inzwischen Gangster geworden. Kurze Zeit später hat Danila seinen ersten Auftrag als Killer: er soll "den Tschetschenen" ermorden, der momentan den Markt für Rauschgift kontrolliert. Ein kriminelles Kartell im Hintergrund versucht diesen wieder in russische Hand zu bekommen. Der Anschlag glückt, aber auf der Flucht wird er von den Handlangern des Tschetschenen angeschossen und kann nur Dank der Straßenbahnlenkerin Svetka entkommen, die sich dabei in ihn verknallt und mit ihm eine Affäre beginnt. "Der Deutsche", ein obdachloser deutschstämmiger Russe, der auf einem Friedhof haust, kümmert sich um Danilas Verletzung. Doch bereits beim nächsten Auftrag scheint Danila hintergangen worden zu sein: die Killer der Mafia sind hinter ihm her.

Balabanov zeigt uns ein hässliches Russland. Ein kaputtes Land nach dem Kollaps der Sowjetunion, orientierungslos, instabil, ein kriminelles Russland, ein armes Russland, mit einer unzufriedenen Jugend, die die alten Werte ablehnt und sich am Westen orientiert. Besonders die Musik der Alternativkultur fällt auf: Punk, Rock, und Techno. Dabei ständiger Regen, graue Straßenzüge, der Schwarzmarkt, Menschen in Lumpen, zerfallene Häuser, überall Kriminalität. Auch wer ein Zuhause hat, ist nicht sicher. Ständig werden Türen aufgebrochen, wird in private Räume eingedrungen, werden die Rückzugsorte des Individuums zerstört. Danila etwa hat gar keinen festen Wohnsitz, selbst als er bereits mehrere Wochen in Petersburg ist - einmal gibt es eine kurze Szene, in der er sich in ein möbliertes Zimmer einmietet (und die Vermieterin, die direkt kassiert, den Geldschein gegen das Licht hält um ihn auf seine Echtheit zu prüfen). Wie lange er aber dort "wohnt", ist völlig unklar, in der Wohnung wird er nie gezeigt. Sitzt er einmal ruhig an einem Tisch, dann bastelt er sich eine Waffe, einen Schalldämpfer, oder sägt die Schrotflinte ab. Svetka wird in ihrer Wohnung von ihrem Mann verprügelt und später vergewaltigt. Als sie die Wahl hat, neu anzufangen, wählt sie das, was sie schon kennt. Sie bleibt bei dem Schläger und schaut mit aufgeplatzter Oberlippe und ohne Hoffnung ins Nichts an der Kamera vorbei. Der Bruder Danilas, Viktor, wird in seiner Wohnung von den Killern gestellt, gefoltert, und als Geisel genommen. Die Verhältnisse sind also alle extrem instabil, eine Sicherheit gibt es für die Figuren nicht.

In BRAT werden die Personen häufig nicht durch ihre individuellen Namen erkennbar, sondern durch ihr Verhältnis und ihre Funktion zueinander: am Offensichtlichsten der "Brat". Wer "Brat" ist, ist über allen Zweifel erhaben; das kann der echte, leibliche Bruder sein, oder aber ein Gangster, dem vollkommen vertraut wird: ein Blutsbruder. Wie oben bereits angesprochen, gibt es noch "den Tschetschenen", "den Deutschen" (obwohl er Danila einmal seinen Namen sagt), usw. Den Nebenfiguren wird sogar häufig nicht einmal der Namen gegönnt, deren Funktion erschließt sich manchmal erst durch den Kontext. Es sind herumirrende Satelliten, die keine Bestimmung und Individualität zu haben scheinen.

Interessant ist vor allem der Charakter Danilas, der sich in kurzer Zeit zum kaltblütigen Killer entwickelt - und der zugleich immer sanfter auszusehen scheint, der immer sympathischer wird. Ein Mörder, der supernett die Verkäuferin im Plattenladen nach den neusten CDs fragt und sich auf ihre Empfehlung verlässt. Ein Mann, der zugleich äußerst kaltblütig ist, der keine Sekunde zögert in einer brenzligen Situation. Dabei, und das ist wohl ausschlaggebend für die Sympthie, die ihm entgegengebracht wurde und die Sergei Bodrov zu einer Kultfigur werden ließ: er ist dennoch "gerecht". Er hat noch nicht alle Moral über Bord geworfen, läßt etwa einen Unbeteiligten am Leben, obwohl dieser ihn problemlos identifizieren könnte. Danila ist rücksichtslos gegen sich selbst, und sich selbst zugleich etwas wert: immer wieder kommt er zurück in den Plattenladen, um sich neue CDs zu holen, die er auf seinen Wanderungen durch die Stadt auf dem Discman anhört. Die Musik - ein entscheidendes Element des Zeitgeistes - als Musik der Jugend, des Aufbegehrens, wird mehrfach ins Zentrum des Films gerückt. Durch lange Szenen eines Live-Auftritts der Band Nautilus Pompilius etwa (die alternative Band im Russland der 90er, und deren Sänger auch eine kleine Rolle im Film hat - der versehentlich an der Tür klopft auf der Suche nach der Party im oberen Stockwerk, auf die sich Danila dann einschleust, vorgeblich auf der Suche nach einer Kopfschmerztablette, dabei hatte er den Sänger erkannt), oder durch den Besuch einer illegalen Techno-Party, wo Danila mit der Drogenschlampe Kat abhängt, die kein Problem damit hat, total nett und zugleich ausbeuterisch zu sein. In diesen Film sind die Verhältnisse eben generell sehr instabil. BRAT ist ein düsterer Film, in grau, braun, und in dreckiges Orange gefiltert, enorm spannend, und hat Bilder zu bieten, die einen so schnell nicht loslassen. Und der zugleich doch nicht ohne alle Hoffnung ist - Dank seines Protagonisten.













(Beim Bildformat bin ich mir unsicher - es scheint in  jeder Einstellung nicht 100%ig zu stimmen...)


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