Sonntag, 27. Januar 2013

Trash Humpers (Harmony Korine, USA 2009)

You're a fuckin' asshole and you better go home!

Kleinstadt USA, Nashville Tennessee. Eine Gruppe derangierter Retards mit entstellten Gesichtern bumsen alles, was sie finden können: Mülltonnen, Briefkästen, Baumstämme, Laternenpfähle, usw. Manchmal holen sie sich ein paar Nutten, die dann gespankt werden und die den Männern den Schritt reiben dürfen. Vor allem nachts hat man Spaß: mit Feuerwerkskörpern, die man von der Brücke wirft, und Fernsehern, die auf dem verlassenen Parkplatz einer Einkaufs-Mall einen wahnsinns Krach machen, wenn man sie aufs Pflaster donnert. Dazu wird ausgiebig gequietscht, genölt und gestöhnt.

Dieser Film ist glorreichster Videotrash, in dem nach einem nicht erkennbaren System scheinbar wahllos Szenen aneinander gereiht werden, die vom Untergang der Vereinigten Staaten künden. TRASH HUMPERS erzählt keine Geschichte, hat keinen herkömmlichen narrativen Plot oder ein Ziel (was nicht bedeutet, dass er nicht auf etwas hin kulminiert), ein Film also, völlig befreit vom Korsett des Erzählkinos, der dennoch etwas über die zerrüttete amerikanische Psyche mitteilt. Vom Ende des zivilisierten Menschen, ohne allen Aufhebens, ohne Budget, ohne all den Krawall, den das Kino auch und vor allem im (Arthouse-) Mainstream auszeichnet. Ein Affront gegen den "guten Geschmack".

Zur Ästhetik eines durchgenudelten Videobandes werden eben ganz alltägliche Dinge durchgebumst, festgehalten von einer Handkamera (in VHS-Aufnahme), der es egal ist, ob der Zoom verunglückt ist, der Bildausschnitt korrigiert werden muss, oder der Ton gerade durch ein vorbeifahrendes Auto gestört wurde. Das alles kann man sicher ganz schön überflüssig und brutal scheiße finden. Ich aber finde es vollkommen großartig. Denn der Film hat eine eigene Ästhetik des Zufälligen, des Düsteren, des Rauhen und Kaputten. Das Filmkorn grisselt bisweilen dermaßen, dass es ganz offensichtlich ist, dass ihm eine eigenständige filmische Qualität zukommt. Ein sympathischer Film, weil er die Augen öffnet, wie man heutzutage auch Filme machen kann. Mit einem Stinkefinger, gutgelaunt, anarchisch, und ja, glücklich, weil sowieso schon alles zu spät ist. Dass es einfach wunderschön ist, wenn eine Mülltonne in einer warmen Nacht von einer schwächelnden Straßenlaterne beleuchtet wird. Und natürlich: TRASH HUMPERS ist eine Absage an den grassierenden HD-Wahn, mit einer strange beauty in the analog. Ganz wunderbar.

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Donnerstag, 10. Januar 2013

Love Is a Many-Splendored Thing / Alle Herrlichkeit auf Erden (Henry King, USA 1955)


Die verwitwete, "eurasisch"-stämmige Ärztin Han Suyin (Jennifer Jones), Tochter eines chinesischen Soldaten und einer Engländerin, verliebt sich auf einiges Drängen hin in den zwar noch verheirateten, aber getrennt von seiner Frau lebenden amerikanischen Fernost-Korrespondenten Mark Elliott (William Holden), der sie nach einem Kennenlernen auf einer Party wiederholt auf Hongkong Island in ihrer Klinik besucht. Der magische Ort ihrer Zusammenkunft ist ein Hügel mit grandioser Aussicht und einem einsamen Baum, ein Ort, an dem immer die Sonne scheint. Suyins ist jedoch zunächst sehr zurückhaltend; ihre Vorbehalte sind einmal emotionaler Art, zum anderen aber der Einhaltung der recht rigiden gesellschaftlichen Regeln geschuldet, die einerseits eine gemischtrassige Ehe nur ungern dulden, zum anderen es missbilligen, wenn einer der Partner sogar noch verheiratet ist. Eine Affäre ruiniert den Ruf einer Frau schneller als gedacht, und als sich Suyin dann tatsächlich für Mark entscheidet, ist sie nur kurzzeitig voller Euphorie. Das Paar stößt recht bald auf Widerstände. Die Freude und Unbeschwertheit des Verliebtseins verfliegt sowieso dann ziemlich schnell, da Mark aufgrund seines Jobs mehr unterwegs als vor Ort in Hongkong ist, und an einer Stelle sagt sie dann prägnant, es käme ihr so vor, als wäre Mark in seinen Briefen mehr bei ihr, als wenn er tatsächlich anwesend ist. Was natürlich darauf anspielt, dass er sich stets auf dem Sprung befindet.

LOVE IS A MANY SPLENDORED-THING ist eine wunderschön in Cinemascope gefilmte, melodramatische Liebesromanze vor exotischem Hintergrund. Dass der Film deutlich mehr Spielzeit auf die Überwindung der Hürden verwendet, die die Protagonisten auf dem Weg zum Glück nehmen müssen, als auf die eigentliche Liebeserfüllung, ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings ist das dann doch ziemlich unbefriedigend. Denn das Liebesleid, das direkt im Anschluß an die sehr züchtig erzählte Kollision der beiden Lebenswelten einsetzt, wird so nicht wirklich plausibel. Holden spielt seine Rolle sogar so zurückhaltend, dass man am Anfang an der Ehrbarkeit seines Verlangens zweifeln und in ihm einen Schürzenjäger vermuten könnte. Suyins Verzweiflung über dessen Abwesenheit ist ebenfalls wenig nachvollziehbar, ist sie doch mit Mark kaum mal mehr als einen ganzen Tag zusammen gewesen, bevor es ihn schon wieder an einen neuen Krisenherd zieht - es ist der Koreakrieg, von dem er berichten soll. Außerdem sabotiert sich der Film gewissermaßen selbst: die Zurückhaltung, die Suyin an den Tag legt, wird vom Zuschauer als "asiatische Distanziertheit" wahrgenommen, die in der unbekannten Kultur ihren Ursprung hat. Weder weiß man genau, was Mark nun noch tun könnte, um Suyin von der Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu überzeugen, noch, ob die Verbindung überhaupt eine Zukunft haben könnte. Mehrfach wird auch darauf angespielt, dass Suyins Aufenthaltsgenehmigung für Hongkong abläuft, was sie zu einer Rückkehr ins noch traditionellere China zwingen würde. Eine Rückkehr, bei der die Ehe mit einem Westler sicherlich noch größere Probleme verursachen würde. Es gibt aber auch kleinere Details, die merkwürdig anmuten: auch die romantischen Briefe, die Mark dann aus Südkorea schreibt, sind eines Mannes des Wortes nicht unbedingt würdig. Er faselt gerne etwas über einen Mond, der am Abendhimmel aufgehe, und der auch Suyins Mond sei. Von diesem Kaliber. Aber vielleicht wird auch ein Kriegskorrespondent von der Liebe schnell sehr, sehr dumm.

Besonders erwähnenswert ist jedenfalls neben der eleganten Kameraführung und den beiden tollen Match-cuts, die mir aufgefallen sind, die Location: das Hongkong der 50er Jahre, das immer wieder wie nebenbei eingefangen wird, sei es in kurzen Straßenszenen als auch durch die Ausblicke von Suyins Klinik aus. Diese befindet sich auf Hongkong Island, man überschaut also die gesamte Bucht von der Halbhöhenlage des Victoria Peak aus. Das alte viktorianisch anmutende Gemäuer existiert heute leider freilich nicht mehr, dort befindet sich nun eine Wohnanlage - es ist das Ende der berühmten Mid-Level Escalators, und somit Premium-Wohnfläche für Hongkongs reiche Oberschicht. Und auch der Hügel, auf den Suyin mehrfach  hinaufeilt um den Geliebten zu treffen, kann unmöglich der Victoria Peak sein; viel eher schaut das aus wie einer der Hügel in Kowloon. Tatsächlich aber ist es California, USA. Dort wachsen anscheinend die Bäume in Wirklichkeit, unter denen die Sehnsucht ihre Erfüllung findet.













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Sonntag, 6. Januar 2013

Winterdieb / L'Enfant d'en haut (Ursula Meier, Schweiz 2012)


Der etwa zwölfjährige Junge Simon (Kacey Mottet Klein) streift tagsüber über die Pisten des Skigebiets und durch die Gänge und Fluren der Berggasthöfe. Er klaut alles, was er in seinen Rucksack bekommen kann. Handschuhe, Brillen, Kleingeld, draußen dann auch Ski - soagr auf Bestellung. In einer Szene sieht man ihn belegte Brote mitgehen lassen, da weiß man dann gleich, dass das hier existenzieller ist.

Ursula Meiers zweiter Film ist das ziemlich stille Portrait einer dysfunktionalen Familie, die nie wirklich eine war. Simon haust mit seiner Schwester (Léa Seydoux) in einem häßlichen Wohnblock im Tal, man sieht ihn über Äcker streifen, einen Schlitten über den Asphalt ziehen, überall Matsch, graue Wolken, Krähen. Die Eltern sind absent, als habe es sie nie gegeben. Geld ist keines da, die ältere Schwester ist völlig unfähig, sich um den jüngeren Bruder zu kümmern. Sie ist ständig unterwegs, hüpft zu Kerlen ins Auto, die dann die Reifen durchdrehen lassen, und kommt, wenn überhaupt, völlig übernächtig und schwer angeschlagen nach Hause. Auch mal mit blauem Auge. Simon ist derjenige, der die Kohle ranschafft, der seine Schwester schließlich dafür bezahlt, dass er einmal nachts neben ihr schlafen darf. Eine prostitutive Aura weht sowieso die ganze Zeit um die junge Dame, aber hier ist es dann wirklich schockierend.

Simon ist auf der Suche nach Anerkennung und vor allem aber auch: nach Eltern. Einer Engländerin, Mutter zweier Kinder, drängt er sich förmlich auf beim Mittagssnack. Er macht professionell Smalltalk wie ein Erwachsener, und erst weiß man nicht, ob er sie bloß abziehen will - lieber wäre ihm aber eine Umarmung. Wie er sie dann dazu zwingt, sich den Handschuh auszuziehen, um ihm die Hand geben zu können, das sind so die kleinen Details, die auf Größeres hinweisen, das im Hintergrund lauert.

Dass es freilich noch zu weiteren Konflikten kommt und sich die Lage immerzu brisanter gestaltet, sowohl was die Diebeskarriere angeht als auch die häuslichen Entwicklungen, ist das Gesetz der filmischen Erzählung. Am Ende hätte man gerne etwas Hoffnung vermittelt bekommen, Ursula Meier verweigert dies aber. Erst dann, in der letzten Fahrt mit der Gondel, kommt etwas Nächstenliebe in den Film zurück - man kann sich zwar sehen, ist aber durch Scheiben voneinander getrennt - bevor alles schwarz wird und die Credits rollen. Sehr sehenswert mit durchweg tollen Schauspielern, und nun ist der Film, hat man ihn auf der Berlinale und während des kurzen Kinostarts verpasst, hier auf DVD zu bekommen.

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