Donnerstag, 10. Januar 2013

Love Is a Many-Splendored Thing / Alle Herrlichkeit auf Erden (Henry King, USA 1955)


Die verwitwete, "eurasisch"-stämmige Ärztin Han Suyin (Jennifer Jones), Tochter eines chinesischen Soldaten und einer Engländerin, verliebt sich auf einiges Drängen hin in den zwar noch verheirateten, aber getrennt von seiner Frau lebenden amerikanischen Fernost-Korrespondenten Mark Elliott (William Holden), der sie nach einem Kennenlernen auf einer Party wiederholt auf Hongkong Island in ihrer Klinik besucht. Der magische Ort ihrer Zusammenkunft ist ein Hügel mit grandioser Aussicht und einem einsamen Baum, ein Ort, an dem immer die Sonne scheint. Suyins ist jedoch zunächst sehr zurückhaltend; ihre Vorbehalte sind einmal emotionaler Art, zum anderen aber der Einhaltung der recht rigiden gesellschaftlichen Regeln geschuldet, die einerseits eine gemischtrassige Ehe nur ungern dulden, zum anderen es missbilligen, wenn einer der Partner sogar noch verheiratet ist. Eine Affäre ruiniert den Ruf einer Frau schneller als gedacht, und als sich Suyin dann tatsächlich für Mark entscheidet, ist sie nur kurzzeitig voller Euphorie. Das Paar stößt recht bald auf Widerstände. Die Freude und Unbeschwertheit des Verliebtseins verfliegt sowieso dann ziemlich schnell, da Mark aufgrund seines Jobs mehr unterwegs als vor Ort in Hongkong ist, und an einer Stelle sagt sie dann prägnant, es käme ihr so vor, als wäre Mark in seinen Briefen mehr bei ihr, als wenn er tatsächlich anwesend ist. Was natürlich darauf anspielt, dass er sich stets auf dem Sprung befindet.

LOVE IS A MANY SPLENDORED-THING ist eine wunderschön in Cinemascope gefilmte, melodramatische Liebesromanze vor exotischem Hintergrund. Dass der Film deutlich mehr Spielzeit auf die Überwindung der Hürden verwendet, die die Protagonisten auf dem Weg zum Glück nehmen müssen, als auf die eigentliche Liebeserfüllung, ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings ist das dann doch ziemlich unbefriedigend. Denn das Liebesleid, das direkt im Anschluß an die sehr züchtig erzählte Kollision der beiden Lebenswelten einsetzt, wird so nicht wirklich plausibel. Holden spielt seine Rolle sogar so zurückhaltend, dass man am Anfang an der Ehrbarkeit seines Verlangens zweifeln und in ihm einen Schürzenjäger vermuten könnte. Suyins Verzweiflung über dessen Abwesenheit ist ebenfalls wenig nachvollziehbar, ist sie doch mit Mark kaum mal mehr als einen ganzen Tag zusammen gewesen, bevor es ihn schon wieder an einen neuen Krisenherd zieht - es ist der Koreakrieg, von dem er berichten soll. Außerdem sabotiert sich der Film gewissermaßen selbst: die Zurückhaltung, die Suyin an den Tag legt, wird vom Zuschauer als "asiatische Distanziertheit" wahrgenommen, die in der unbekannten Kultur ihren Ursprung hat. Weder weiß man genau, was Mark nun noch tun könnte, um Suyin von der Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu überzeugen, noch, ob die Verbindung überhaupt eine Zukunft haben könnte. Mehrfach wird auch darauf angespielt, dass Suyins Aufenthaltsgenehmigung für Hongkong abläuft, was sie zu einer Rückkehr ins noch traditionellere China zwingen würde. Eine Rückkehr, bei der die Ehe mit einem Westler sicherlich noch größere Probleme verursachen würde. Es gibt aber auch kleinere Details, die merkwürdig anmuten: auch die romantischen Briefe, die Mark dann aus Südkorea schreibt, sind eines Mannes des Wortes nicht unbedingt würdig. Er faselt gerne etwas über einen Mond, der am Abendhimmel aufgehe, und der auch Suyins Mond sei. Von diesem Kaliber. Aber vielleicht wird auch ein Kriegskorrespondent von der Liebe schnell sehr, sehr dumm.

Besonders erwähnenswert ist jedenfalls neben der eleganten Kameraführung und den beiden tollen Match-cuts, die mir aufgefallen sind, die Location: das Hongkong der 50er Jahre, das immer wieder wie nebenbei eingefangen wird, sei es in kurzen Straßenszenen als auch durch die Ausblicke von Suyins Klinik aus. Diese befindet sich auf Hongkong Island, man überschaut also die gesamte Bucht von der Halbhöhenlage des Victoria Peak aus. Das alte viktorianisch anmutende Gemäuer existiert heute leider freilich nicht mehr, dort befindet sich nun eine Wohnanlage - es ist das Ende der berühmten Mid-Level Escalators, und somit Premium-Wohnfläche für Hongkongs reiche Oberschicht. Und auch der Hügel, auf den Suyin mehrfach  hinaufeilt um den Geliebten zu treffen, kann unmöglich der Victoria Peak sein; viel eher schaut das aus wie einer der Hügel in Kowloon. Tatsächlich aber ist es California, USA. Dort wachsen anscheinend die Bäume in Wirklichkeit, unter denen die Sehnsucht ihre Erfüllung findet.













***