Freitag, 22. März 2013

Lacombe Lucien (Louis Malle, Frankreich/BRD/Italien, 1974)


LACOMBE LUCIEN erzählt die Geschichte eines Bauernjungen aus der südfranzösischen Provinz gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (gespielt von Laiendarsteller Pierre Blaise), der, da er von der Résistance abgewiesen wird, zu den Kollaborateuren überläuft. Mehr durch aufschneidende Dummheit allerdings und volltrunken verrät er den Dorflehrer, der bei den Widerständlern aktiv ist. Unter einem gewaltigen Mangel an Bestätigung leidend (der Vater ist in Kriegsgefangenschaft und die Mutter hat eine Affäre), ist er schnell zu gewinnen, wenn ihm etwas Macht in die Hand gegeben wird (und eine Pistole): im nahegelegenen Provinzstädtchen verliebt er sich in eine hübsche Jüdin (Aurore Clément) und dringt in ihr Leben ein. Er bedrängt die Familie, die sich nicht zu helfen weiß; Lucien nistet sich ein wie ein Parasit, den man nicht mehr los wird.

Dies ist dann auch der größte erzählerische Kniff in Louis Malles "Kriegsfilm", der sich auf eine Detailbegenbenheit reduziert, diese dafür mit großer Genauigkeit und Hinwendung (also auch sehr ausführlich) erzählt. Hinter der Maske des jungen Mannes, der den ganzen Film über ein unbewegtes Gesicht zur Schau trägt, mögen sich Gefühle und Unsicherheiten verbergen - allein, man sieht davon nichts. So unbeholfen und egoistisch er ist, mit seinen Dreistigkeiten und Grenzverletzungen terrorisiert er die jüdische Familie und schafft es zugleich, eine interessante Figur zu werden. Wie könnte ein junges Mädchen nicht dabei erröten, so offenkundig umworben zu werden? Dass der Mensch gefährlich und eine Bedrohung für das eigene Leben und die Jungfräulichkeit zugleich ist, steht dabei ausser Frage. Diese Ambivalenzen, denen hier immer wieder Raum gegeben werden, machen den Film in seinen kleinen Momenten spannend.

Weniger spannend allerdings ist des Regisseurs Erzählweise, der hier auf recht konservative Art und frei von Brüchen und jeder Experimentierlust seine Geschichte vermittelt. Erst gegen Ende wird das etwas aufgebrochen, etwa wenn die Großmutter den Grashüpfer bestaunt, und die Erzählung aus der Zeit zu fallen scheint und eine subjektive wird. Den restlichen Film über aber ist die Außenwelt präsent. Nicht so sehr, als dass hier ein Panorama entworfen werden würde - das gerade nicht - aber etwa durch die in den Film hereinbrechenden Figuren (die Nazichargen), durch die Tanzmusik, oder die immer wieder eingestreuten Radioübertragungen zur Kriegslage. Der Film ist das, was man einen "Ensemblefilm" nennt, wobei man nun noch unbedingt Therese Giehse als Großmutter und Holger Löwenadler als Albert Horn, den pater familias, erwähnen muss. Ebenfalls prominente Beteiligte an dieser Produktion sind der Schriftsteller Patrick Modiano, der mit Malle am Drehbuch geschrieben hat, und die schöne, abstrakte Musik von Django Reinhardt kleidet den Film sehr zurückhaltend auf der Tonspur in allzu sanfte Verstörungsszenarien. Leider hat der Film zu Beginn etwas Anlaufschwierigkeiten, ist insgesamt recht lang geraten, und mir persönlich ist er schlußendlich etwas zu zahm ausgefallen. Und obwohl er Plattitüden zu umschiffen versucht, gelingt ihm das nicht zur Gänze, etwa in der primitiven Charakterzeichnung Luciens (der freilich auch gerne Tiere tötet und mit des Vaters Gewehr herumballert). LACOMBE LUCIEN ist sicherlich sehenswert, zu Louis Malles großen Filmen gehört er aber sicherlich nicht.

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