Freitag, 28. Juni 2013

Schnappschüsse, Pt. 7

GOD BLESS AMERICA (Bobcat Goldthwait, 2012) - eine ins Ironische gewendete Bonnie&Clyde-Nummer, eine schwarze Komödie, in der das nicht mehr-Aushaltenkönnen der Gesellschaft einen derart hohen Leidensdruck beim Protagonisten auslöst, dass dieser zur Flinte greift. Dass der Anti-Held an einem Tumor im Gehirn erkrankt ist, hilft natürlich bei radikalen Entscheidungsfindungen. Der dem Film inhärente Zynismus wendet sich nun freilich gegen die verkommene Gesellschaft, die hier einmal mehr "das bekommt, was sie verdient"; Ereignisse, die der Film wiederum völlig unironisch und in hyperrealistischer Detailverliebtheit präsentiert (und damit genau das abbildet, was er eigentlich kritisiert). Daraus speist sich die angebliche "Radikalität" des Films (die keine ist), und das Überzeichnen der Ereignisse ins Comic-hafte, in die Überhöhung macht aus GOD BLESS AMERICA einen weiteren Vertreter der Marke Schenkelklopferkino. Nachteil außerdem, ganz klar: man ist so furchtbar distanziert von den Figuren und vom Geschehen, dass einen eigentlich nur das Spektakel interessieren kann. Und das schmeckt schnell fad, nur etwas pädophil aufgehübscht durch das Kleinmädchensujet. Ein ziemlich unnützer, bisweilen ärgerlicher Film.

ONLY GOD FORGIVES (Nicolas Winding Refn, 2013) - wabernde Szenen vor nachtdunklem Pornoplüsch, die Drogendealer in der bangkoker Unterwelt. Ein abermals unbeweglicher Ryan Gosling mäandert durch eine undeutlich wahrnehmbare Handlung, die bald zur Nebensache gerät und die mit einigen herben Gewaltspitzen aufgemotzt ist. Das schaut bisweilen genial aus, hypnotisch und faszinierend, ist manchmal aber auch zum Fremdschämen peinlich in den Überstilisierungen und den Szenen mit der Mutter. Aber so sind eben (manche) Mütter. Insgesamt ein visuelles Erlebnis; wenn man sich nicht drauf einlassen mag, vermutlich die Film gewordene Hölle auf Leinwand.

MAN OF STEEL (Zack Snyder, 2013) - ein Film, wie ich mir einen Superheldenfilm immer gewünscht habe. So muss das sein: der totale Exzess, ein visuelles Spektakel in jeder Hinsicht. Das beginnt schon beim langen, ausufernden Prolog, der sich wie ein Fantasyfilm anfühlt, bevor die eigentliche Storyline erst richtig beginnt. Snyder springt dann immer hin und her, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, gerne mit Wackelkamera (auch die kommt nie zur Ruhe); dann auch immer wieder ins Poetische gewendete rural-realistisch Bilder aus dem Independentkino eingestreut, ordentlich lense flares, wie man sie gar nicht in diesem Film erwarten würde. Gegen Ende wird dieses Chicago zerlegt, dass es seinesgleichen sucht. Der Begriff Blockbuster findet zu seiner wahren Wortbedeutung zurück. Ein großartiger, megalomanischer Film - und neben WATCHMEN mein Favorit vom bislang eher als Nulpe wahrgenommenen Snyder.

ENGLISH VINGLISH (Gauri Shinde, 2012) - Bollywood in New York. Eine "einfache Hausfrau" bricht aus der ihr zugewiesenen Rolle (= Käfig)  aus, macht einen Sprachkurs und freundet sich sogar mit einem französischen Mitstudenten an, der ein Auge auf sie geworfen hat. Vieles an dem Film ist Klischee, spielt auch mit diesen, und ist dabei doch stets liebenswert, vergreift sich nicht im Ton. Die Protagonistin Shashi Godbole (gespielt von Sridevi) gewinnt am Ende ihren Selbstrespekt zurück, und weiß sich fortan - auf ihre zurückhaltende Art - zu wehren und zu widersetzen, so wird sie schließlich nur noch ein einziges Mal von Gatte und Tochter in aller Öffentlichkeit brüskiert. Dann aber zeigt sie, was in ihr steckt. Es ist nicht so sehr die USA, die die verborgenen Stärken und Talente in ihr wieder erwecken, sondern eher die Harmonie eines multinationalen Melting Pots, als der die kleine Gruppe Sprachstudenten gesehen werden kann. Das hört sich nun nach nervigem Gutmenschen-Kino an, ist aber in der Tat eine sehr launige und emotionale Komödie mit Auftrag. Und auch wenn das System Ehe zuletzt Bestätigung findet, so sind es die nun zu Gunsten der Frau verschobenen Verhältnisse im Machtgefüge, die als Errungenschaft wieder mit nach Indien genommen werden können. Tolle Musik durchweg, sehr unterhaltsam und mit einem großartigen Gastauftritt von Amitabh Bachchan.

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Mittwoch, 26. Juni 2013

Live-Audiokommentar XXX - Achtung, es gibt Schmuddel!


Es gibt gleich zwei Gründe kommenden Samstag zu feiern: Der Live-Audiokommentar in der Raststätte zu Aachen begeht nicht nur seine 30. Ausgabe, sondern gleich auch sein 5-jähriges Jubiläum! Glückwunsch hierzu meinerseits! Das passt gut zu einer Veranstaltung, die nur alle zwei Monate stattfindet, meint auch Adam Riese. Zu den drei Kreuzen gibt es dann auch drei KommentatorInnen, und alle sind Hardheads: Neben Gastgeber Alex Klotz werden diesmal auch Silvia Szymanski und Frau Suk über den Überraschungsfilm quatschen.

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Freitag, 14. Juni 2013

Mickey Mouse in Vietnam, 1968

In 1968, an underground, anti-war short film was produced by Lee Savage and Milton Glaser called Mickey Mouse in Vietnam. The short (unofficially) starred Mickey Mouse in a one minute animation that depicted the Disney icon travelling to Vietnam in a boat, entering the country, and being immediately shot in the head. The film was shown to associates of the creators in 1970 and onward. It is rumoured (though unconfirmed) that Disney tried to destroy every copy that they could get in their possession. (Sandip Mahal)




[via]

Mittwoch, 12. Juni 2013

Das wundersame Leben von Timothy Green (Peter Hedges, USA 2012)


Wenn nach zwanzig Minuten die Einführung des Films vorüber ist, fragt man sich nicht zum ersten Mal, wie man um Gottes willen nur den Rest auch noch überstehen soll. Es geht dann aber doch, die ermüdend stromlinienförmige Mittelmäßigkeit des Disney-Films, die einen in eine nebulöse Lethargie versetzt, ist dafür verantwortlich.

Wir haben es hier mit einem Pärchen des amerikanischen Landlust-Mittelstands zu tun, Mitte dreißig, "angekommen" im Erwachsenensein. Die frischen Abende verbringt man im Karohemd auf der Veranda des Holzhauses und während irgendein Indie-Folk-Singer-Songwriter sein Lied anstimmt, wird die einzige Sorge, die man hat, beträchtlich. Denn: eine "richtige Familie" ist man noch nicht. Es fehlt zum Glück: das Kind...


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Sonntag, 9. Juni 2013

The Lords of Salem (Rob Zombie, USA/UK/Kanada, 2013)


Ganz im Gegensatz zu ONLY GOD FORGIVES (Nicolas Winding Refn, 2013), der ein Film ist wie ein Rausch, der seinen narrativen Bogen nur im großen Ganzen beibehält um im Detail die Strukturen und die Kontinuitäten aufzulösen, dessen narrative Impulse aus den Bildern selbst stammen um den Film vorwärts zu schieben, so erzählt Rob Zombie seinen exzessiven Alptraum konsequent entlang des Zeitstrahls. Aber auch hier entfernt sich der Realismus immer weiter in eine subjektive Erfahrungswelt hinein, löst sich auf in Träumen, die in kollektiven Wahnvorstellungen aufgehen, von denen man als Zuschauer irgendwann nicht mehr sagen kann, ob sie sich nicht bereits als neue Realitätsebene etabliert haben. Drei Aspekte dominieren THE LORDS OF SALEM: einmal die Präsenz der Hauptdarstellerin Sheri Moon Zombie mit ihren Tattoos und den Dreadlocks, die als Radiomoderatorin und ehemalige Drogenabhängige ihr Dasein in Szene-Nischen verbringt; dann der hammerhart fiese...


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Samstag, 1. Juni 2013

To The Wonder (Terrence Malick, USA 2012)


Ein Film der Blicke der Liebe. Durch die Gräser schweift die Kamera, der Frau hinterher, die vorausgeeilt ist, sie erhebt sich hoch in die Lüfte, eine subjektive elevatio, dann ist sie wieder ganz bei ihr, bei ihm, in Groß- und Detailaufnahme, im Gegenlicht, bei Regen und Sturm. Die Zeit als Gezeiten des Körpers zwischen Nähe und Begehren. Eine Handlung, die sich dem Gefühl unterordnet: ein Frau verlässt mit dem Kind aus erster Ehe ihre Heimat und geht mit dem neuen Mann nach Amerika. Doch dort fehlt etwas, das merkt auch das Kind. Nach einer gewissen Zeit schweifen die Blicke des Mannes ab, das Begehren verändert sich. Eine Krise. Als das Visum abläuft muss sie zurück, der Mann hindert sie nicht daran, zu gehen. Da lernt er eine andere Frau kennen (oder war sie seine erste Liebe?), wieder die Liebe als Naturerfahrung, eine fragile diesmal, und der die Schalkhaftigkeit der ersten fehlt. Bei der Rückkehr der Braut muss er sich entscheiden, und nimmt sie wieder auf in sein Haus. Die Innenräume sind hier nicht weniger im Fokus als die Außenräume. Und dort geht dann die Freiheit verloren, im offenen Oklahoma, wo um jedes Haus ein Zaun steht, und die Zivilisation tatsächlich als Bedrohung der Natur erfahrbar wird. Einer Natur, die auch als Entfaltungsraum der Liebe gelesen werden kann. Die nicht als konzentrierte Einheit, gebündelt durch die Filmfigur, vor einem liegt, sondern auch als Erfahrungsraum einer möglichen Selbsterfahrung des Zuschauers. Doch dann gibt es Streit, ein Seitensprung, das Wiederfinden der Liebe, dann ist der Film irgendwann vorbei.

Als Zuschauer, dem in TO THE WONDER elegische und überhöhte Innenweltbilder sowohl als Bewußtseinsstrom als auch in fragmentierten Fetzen gezeigt werden, die sich vor allem und immer wieder in nicht-kontinuierlich montierten Naturabbildungen manifestieren und die von klassischer bis deutlich sakraler Musik unterlegt sind, hat man keine Wahl. Man ist ganz nah dran an den Figuren, und wenn man das nicht mag, dann kann man nur gehen. Also wirklich real den Innenraum des Kinos verlassen, der selbst zu einem Körper geworden ist (was er sowieso immer ist). "I want to take you inside me" sagt Olga Kurylenko einmal, und so wie sie Ben Affleck aufnimmt, und dieser sie, so wird der Zuschauer vom Kino aufgenommen, und dann vom Film. Das ist nicht esoterisch, das ist ein Phänomen der Wahrnehmung. Die Blicke stehen im Zentrum, nicht das Gefühl, das bleibt, merkwürdigerweise, außen vor. Wenn dann eine der wenigen Schwarzblenden kommt, dann ist das ein Hammer, wie wenn die Welt untergeht oder man tatsächlich erblindet.

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