Mittwoch, 16. Oktober 2013

Zéro de Conduite / Betragen ungenügend (Jean Vigo, Frankreich 1933)



Jean Bonaventure de Vigo Almereydas dritter - und erster längerer - Film handelt von der Rückkehr von Schulkindern nach den Ferien in das Internat, wo ihnen eine öde Zeit bevorsteht, gemaßregelt von einem Katalog von Verhaltensvorschriften, welcher von allzu gestrengen Lehrern durchgesetzt wird. Das wollen sie nicht mehr ertragen und proben den Aufstand.

Jean Vigos Film unterlag über eine Dekade lang der französischen Zensur. Zu sehr wohl schien den Sittenwächtern das freigeistige und antiautoritäre Streben der Zöglinge den wohl wahren Nerv überkommener und bevormundender anachronistischer Erziehung zu treffen und gutbürgerlichen Interessen zu widersprechen. Interessant, dass Vigo seinen Film dann wie eine leichtfüßige Etüde inszeniert, als Komödie, die dem Stummfilm nahe und dem Slapstick noch näher steht. Und wie auch die Kinder lässt sich der Film nicht sagen, wie er zu sein hat: nämlich Erzählkino. Er bricht aus den vorgefertigten Bahnen aus, wirkt stark szenisch organisiert (wo er wieder ans frühe Filmemachen anknüpft), und schert sich erstmal nicht groß um irgendeine plausible Ereigniskette. Man hat Spaß an der Anarchie, an der Freiheit, und auch zwei Lehrer machen mit bei Kopfstand statt Geometrie und Charlie Chaplin statt Pausenaufsicht. Das geht nicht lange gut, und bald schon versucht die bourgeoise Ordnung ihre Allmacht wieder durchzusetzen. Aber es sind Lausbuben, allesamt, wie auch der Film ein Lausbube ist. Gezeichnete Strichmännchen beginnen sich zu bewegen oder distinguierte Herren auf Ölgemälden schwenken den Arm. Schnelle Schnitte werden durch statische Einstellungen entschleunigt, plötzliche Schwenks sabotieren eine installierte Bild- und Blickachse. Zeitlupe und Beschleunigung und vielerlei technische Spirenzchen mehr rücken den Film in den Bereich Avantgarde- und Experimentalfilm, wenngleich dann doch das alles noch viel zugänglicher und in der Spur bleibt als so ein Hammer der assoziativen Grenzüberschreitungen wie Cocteaus drei Jahre zuvor entstandener LE SANG D'UN POÈTE (1930). Jedenfalls, Vigo starb mit 29 bedauerlicherweise an Tuberkulose und hinterließ ein vielversprechendes, wenn auch sehr übersichtliches Werk, aus dem L'ATALANTE am bekanntesten sein dürfte - und Dank dessen er als einer der wichtigsten Vorbereiter der nouvelle vague gilt.

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Sonntag, 13. Oktober 2013

Die Schlangenpriesterin / Cobra Woman (Robert Siodmak, USA 1944)


Robert Siodmaks zweiter Film für die Universal ist die leider etwas in Vergessenheit geratene Abenteuerromanze "Cobra Woman" bzw. "Die Schlangenpriesterin". Siodmak selbst soll gesagt haben, der Film sei ein unterhaltsames Späßchen, und, nun, das ist er auch. Er wartet mit einem wunderbar hanebüchenen Plot auf und nimmt sich dabei zugleich völlig ernst. Und dann schlappt immer wieder ein quäkender Schimpanse durch das Bild, der Sidekick von Lon Chaney übrigens. Sensation auf Sensation wird aufgefahren, Exotik en masse.

Tiefdekolletierte Damen mit langen Beinen in prunkvollen Gemächern, die mit hauchdünnen Gewändern kaum ihre Reize zu verhüllen imstande sind, treffen auf Männer in kurzen Röcken mit viel Muskeln und breiten Brustkörben. Ihre Lanzen sind schön und handbemalt, eine Mischung aus tödlicher Waffe und den Hirten-Wanderstäben der Heiligen Drei Könige.

Die Kulissen sind offenkundig aus Pappmaschee, doch das stört keineswegs bei den atemberaubenden Tiefblicken,...


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COBRA WOMAN ist bei Ostalgica erschienen und hier bei amazon erhältlich. [Blu-ray]

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Montag, 7. Oktober 2013

A Field In England (Ben Wheatley, GB 2013)



Mysterium und Farce: ein Film, der sich zwischen diesen Koordinaten aufhält, entzieht sich erst einmal einer konkreten Beschreibung. Und deshalb, genau deshalb ist er auch spannend. A Field in England ist Ben Wheatleys dritter Langfilm, und obwohl er doch ganz anders ist als Kill List oder Sightseers, ist er doch ein typischer Wheatley. Britischer schwarzer Humor, alltägliche aber groteske Charaktere, die unerhörte Sensation als Konstrukt. Das Drehbuch ist wichtiger als die Production Values, aber das Skript ist eben auch kein Crowdpleaser. Beziehungsweise ist es das schon, aber eben nur derart, dass man angefixt wird, bevor es einen wiederum auf Abwege führt und gründlich verstört. A Field in England ist dabei sein radikalster (und am schönsten photographierter) Film, ein streckenweise halluzinogener Trip inmitten des englischen Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert...

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