Sonntag, 30. März 2014

Hong Kong International Film Festival 2014: KOGUASHVILI, KUSTURICA, PORUMBOIU

In BLIND DATES von Levan Koguashvili (Georgien, 2013) werden mit sehr stillem, manchmal bitterem Humor die Erlebnisse eines etwa vierzigjährigen Lehrers portraitiert, der immer noch solo ist und sich von seinen Eltern und seinen Freunden gerade deswegen so einiges anhören muss. Ständig wird er ermahnt, sich endlich eine Frau zuzulegen. Natürlich kann er es dabei aber niemandem recht machen (am wenigsten sich selbst, er will eigentlich keine so recht). Running Gag - falls man das in diesem Fall überhaupt sagen darf - sind die Einwürfe des Vaters, der ihm dazu rät, es bloß nicht mit einer Frau vom Lande zu versuchen, der müsse man noch alles beibringen. Dass seine eigene Frau ebenfalls aus der Provinz kommt, hatte er verdrängt. Später wird das wieder aufgenommen, wo es dann heißt, gerade die Frauen vom Lande seien besonder begehrenswert usw. Aber eigentlich liebt Sandro, so der alternde Held mit Platte, der zum Zeichen seiner Jugendlichkeit ein paar Adidas-Turnschuhe trägt, die schöne Manana. Dumm nur, dass diese ausgerechnet verheiratet ist - und das mit einem ziemlich rüpelhaften Kleingangster, der just an diesem Wochenende aus dem Knast kommt. Kennengelernt hatte er sie bei enem Blind Date, das er immer wieder mit seinem Freund Ivo veranstaltet, um Frauen kennen zu lernen. Und, natürlich, und Sex zu haben. Der Film wird auch dann ziemlich spannend, als er von dem Mann seiner Geliebten dazu genötigt wird, ihn bei gewissen "Geschäftsdingen" zu begleiten, ihn als Fahrer dorthin zu bringen (Sandro kann sich ein Auto leisten). Unerwartet kommt dann, dass er sich plötzlich loyal zu ihm verhält, obwohl dieser eigentlich in Liebesdingen sein Rivale ist. Er spürt wohl, dass Manana sich nicht dazu durchringen können wird, ihn zu verlassen und etwas Neues anzufangen. Dies die Tragik des Films, dass Leute einfach nicht das tun, was ihnen gut tun würde. Sondern das, was sie kennen. Manana ändert ihr Leben also genauso wenig, wie ihr krimineller Mann, von dem sie das eine ganze Ehe lang gefordert hatte. Ein sehr schöner Film, der sich hier nun vielleicht lustiger anhört, als er ist. Denn eigentlich sind hier alle immer von einer Sache bedroht: nicht genug Geld zu haben.

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Emir Kusturicas Debutfilm DO YOU REMEMBER DOLLY BELL? (Jugoslawien 1981) läuft in der Sektion Master Class, in der, wie mir scheint, alles zusammengewürfelt wird, was einen große Namen hat und sonst nirgends so richtig reinpasst. Da finden sich unter anderem Jean-Luc Godard, Agnès Varda, Fredrick Wiseman, Yoji Yamada, Errol Morris, Wang Bind oder Tsai Ming-liang und viele mehr, die entweder einen neuen Film vorzuweisen haben, oder, wie hier, man einen geeigneten Anlass finden konnte: bei Kusturica ist das das Début Restored (wie auch bei Vardas LA POINTE COURTE (1955)). Und in der Tat sieht der Film fantastisch aus, da sieht man überhaupt keine Abnutzungserscheinungen mehr oder sonstige Mängel. In seinen Myriaden von Brauntönen erzählt der Film von einer Familie in den outskirts von Sarajevo, die sich durch ihr alltägliches Leben schlagen. Da passiert einiges Skurriles, es wird viel getanzt, getrunken und gelacht. Und einer der Söhne der vielköpfigen Familie ist begnadeter Sänger und Gitarrenspieler, gründet eine Band und sie haben erste Auftritte bei einem Dorffest. Die Filme von Kusturica sind eigentlich meine Sache nicht, hier aber bin ich doch froh, ihn gesehen zu haben. Der Festival-Katalog verspricht uns "pleasures of a world now lost", und da kann ich nur zustimmen.

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Der beste Film dieses Tages aber war Corneliu Porumboius WHEN EVENING FALLS ON BUCHAREST OR METABOLISM (Rumänien/Frankreich, 2013). Porumboius kluge, einsichtige Filme, die immer auch Analysen einer sozialistischen Gesellschaft im Umbruch sind, ist ein enorm unterhaltender Film der Sprechakte. In meisterlich arrangierten one-shot Dialogsequenzen, mit denen er auch meta-formal das erfüllt, was in der Binnenerzählung thematisiert wurde, bildet er einen Ausschnitt aus dem Produktionsprozess eines Filmes ab. Die Hauptfigur ist Regisseur, und dieser geht mit der Hauptdarstellerin fremd. Es darf natürlich keiner was merken. Pikant ist der nächste Drehtag, da will er eine Nacktszene von ihr drehen, von der sie behauptet, es sei nicht nötig, diese nackt zu spielen. Er wolle sie ausbeuten. Dann wird also argumentiert und geprobt, und dann hüpfen sie wieder ins Bett. Und obwohl dies ein schrecklicher Autorenfilm hätte werden können (nicht dass die  per se schrecklichen wären), ist das alles doch höchst amüsant erzählt, wie man über 35 mm versus Digitales Filmen spricht, über Monica Vitti und Antonioni, warum die Chinesen Essstäbchen verwenden, warum das ihre Art zu Kochen beeinflusst habe, und ob diese Küche der europäischen überlegen sei. Mehrfach werden dann Kleinigkeiten, die eben im mündlichen Gespräch Thema waren, wie etwa das Belauschen eines Gesprächs durch eine offene Tür, im Film selbst durch eine Kameraposition zum Beispiel nachgeahmt. METABOLISM ist aber auch ein Film über Beziehungen, Krankheit und Verantwortung. Wer wann welche wofür oder für wen übernehmen möchte. Und in gewisser Weise ist dieser herausragende Film ein unerfüllter Liebesfilm, weil er so sehr fürs Neue plädiert, dann ins Freie, Offene weist, dass das Hier und Jetzt nur als Transitstadium wahrgenommen werden kann.

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Mittwoch, 26. März 2014

Blutgletscher (Marvin Kren, Österreich 2013)

(c) Koch Media

Ein Szenarium der modernen Industrialisierungs-Apokalypse: aufgrund der Erderwärmung ziehen sich  die Gletscher zurück, die Polkappen schmelzen, die Katastrophen mehren sich. Die Erde steht vor dem Kollaps. Eine Klimaforscherstation hoch oben in den Tiroler Alpen ringt um Erkenntnisse. Zwei Wissenschaftler, eine Biologin, ein ruppiger Bergführer halten die Stellung weltabgeschieden in der Einsamkeit. Eines Nachts färbt sich der Gletscher blutrot, ein Fuchs verendet qualvoll unterm Eis in einer Moräne. Schatten huschen durchs Bild. Die Biologin nimmt eine Probe aus dem Eis und entdeckt auf mikrobakterieller Ebene eine parasitäre Lebensform, die sich mit den Genen des Wirts zu vermischen vermag. Und Mutationen treibt. In rasender Geschwindigkeit. Bis am folgenden Tag die Umweltministerin, die sich für einen Besuch angekündigt hat, die Station erreicht, ist dort oben schon sprichwörtlich der Teufel los. Das Team kämpft ums Überleben – und bekämpft dabei auch immer sich selbst.

Unzweifelhaft sich am Klassiker DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT orientierend, sowie recht unverfroren beim Facehugger ALIEN stibitzend, verbindet Marvin Kren, der schon mit seinem Berlin-Zombiefilm RAMMBOCK (2010) völlig überzeugen konnte, in BLUTGLETSCHER den Öko-Horrorfilm mit der brisanten Thematik des Klimawandels – um so einen Tierhorrorfilm zu erschaffen, der die Nerven des Zuschauers enorm zu terrorisieren weiß. Es ist wunderbar mit anzusehen, wie Kren überhaupt keine Gefangenen macht und, abgesehen vor ein paar derb platzierten Schockmomenten, die eben mit ihrem Überraschungseffekt ohne Umwege (naja!) und per Stromstoß auf direktem Wege zum Herzkollaps führen, mit seinen wunderbar designten Creaturemonstern oldschoolig zu überzeugen weiß und für ordentlich nervliche Zerrütung sorgt. Aber auch mit verschiedenen instantamente durchgeführten Notoperationen, die freilich nicht fehlen dürfen, auch wenn die betreffende  Person im Gesicht schon gelb angelaufen ist (hier wird der Oberschenkel mit der Schere aufgeschnitten um die Wirtshaxe vom Parasiten zu befreien) macht er seinen Standpunkt klar. Das ist schon sehr ausgezeichnet explizit, was einem hier vorgesetzt wird, und definitiv nichts für schwache Nerven...


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Freitag, 21. März 2014

Wenn er in die Hölle will, lass ihn gehen aka. The Challenge (John Frankenheimer, USA/Japan 1982)

Der zweitklassige amerikanische Boxer Rick Murphy (Scott Glenn), der sein Dasein wenig glorreich als Sparringspartner in Trainingskämpfen fristen muss, erhält von einem japanischen Geschäftsmann den Auftrag, ein seltenes Samuraischwert zurück nach Japan zu schmuggeln. Dieses sei nun wieder in Familienbesitz und die ganze Angelegenheit völlig risikofrei. Kaum aber am Flughafen in Kyoto angekommen, wird er allerdings gekidnappt und gerät zwischen die Fronten in einem erbitterten Familienkrieg zweier Brüder, die beide Anspruch auf das Schwert anmelden. Da ist einmal der reiche und freilich skrupellose Geschäftsmann Hideo mitsamt Privatarmee, und dann sein weiser, den Traditionen seines Landes verpflichteter Bruder Yoshida (Toshiro Mifune mit weißen, wehenden Haaren), der sich in Schwertkunst und Spiritualität übt. Auf welche Seite sich der rüpelhafte Rick schlagen wird, ist zunächst unklar. Doch hat der Mifune eine Tochter, die es ihm angetan hat. Und sie hat große Augen und eine Sehnsucht im Leib.

Typischer Culture-Clash-Film der Achtziger mit reichlich Action auf allen Gebieten, der den unbedarften und arroganten Westler in den exotischen Osten befördert, um ihn dort, geläutert, die Erleuchtung erfahren und ein besserer Mensch werden zu lassen. Anbei wird reichlich Martial Arts serviert, zusammengerührt aus allen asiatischen Himmelsrichtungen. Ob das nun ein Samurai, ein Aikido-Kämpfer, ein Ninja, oder schlicht ein bewehrter Yakuza ist, das ist dem Film ziemlich egal. Was möglicherweise aber auch daran liegen könnte, dass der Film zunächst in China hätte spielen sollen. Spektakulär ist generell das Setting (Shokuji-Tempel versus hypermodernes Kongresszentrum), das ebenso auf Gegensätzen beruht, wie der gesamte auf (über-) deutliche Oppositionen hin konstruierte Film. Weshalb sich allerdings die Tochter ausgerechnet in diesen bleichen, schwitzenden und arroganten Stümper verliebt, ist ein Rätsel, das der Film immer für sich behalten wird.


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Mittwoch, 12. März 2014

Shoah durch Erschießen: Einsatz in der Ukraine (Romain Icard, Frankreich 2008)


1941 - nachdem Hitler die Vernichtung des Bolschewismus zum Hauptziel des Nationalsozialismus erklärt hatte und die Wehrmacht im so genannten "Unternehmen Barbarossa" 1941 die Sowjetunion überfallen und in nur zwei Wochen die Ukraine eingenommen hatte, nahmen die gefürchteten "Einsatzgruppen", mobile Sondereinheiten der SS, ihre Arbeit auf. Ihr Ziel: die schnellstmögliche und systematische Ausrottung der ukrainisch-jüdischen Bevölkerung; und damit die Ermordung von Hunderttausenden zusammengetriebener Frauen, Männer und Kinder. Gaskammern wurden dafür eigens gar nicht erst gebaut. Vor den Städten und Ortschaften, gerade so außer Sichtweite, wurden die zusammengetriebenen Juden dazu gezwungen, ihre eigenen Gräber auszuheben um anschließend direkt exekutiert zu werden. Da nicht alle Opfer sofort tot waren, begannen die Gräber sich zu bewegen, wie ein Augenzeuge im Film berichtet. Blut floss in Strömen aus ihnen heraus, bis hinein in den nächsten Fluss.

Der französische Pater Patrick Desbois, der in diesem Film von Filmemacher Romain Icard begleitet wird, spricht mit den noch lebenden Zeugen des Genozids, die zumeist, so grotesk das anmutet, noch nie zu diesen Ereignissen befragt worden waren, die sie als Kinder erlebt und aus nächster Nähe mitverfolgt hatten. Meist war es die kindliche Neugier gewesen, die sie zu den Orten des Schreckens geführt hatte, oftmals wurden sie auch von der SS dazu gezwungen, die Gräber voller Leichen zuzuschütten. Es ist ein verdrängtes und nie gelüftetes Kapitel des Holocaust, das Desbois in jahrelanger Kleinstarbeit aufdeckte, und der Film von Romain Icard dokumentiert die Suche nach der Wahrheit, den Tatorten, den Gräbern.

Die Dokumentation ist eine Montage mehrerer Reisen Desbois' in die Ukraine, führt anhand von Archivmaterial in den zeithistorischen Horizont ein und montiert immer wieder die oftmals erschütternden, oftmals verblüffend nüchtern ablaufenden Interviews mit den Zeitzeugen. Da gibt es lange Autofahrten durch Landschaften, die mit ihrer ruralen und dörflichen Idylle in starkem Kontrast zu den Ereignissen stehen, die sie verbergen...


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