Dienstag, 15. November 2016

Berliner Depressionen: Die Geschwister (Jan Krüger, 2016)

Der Immobilienverwalter Thies (Vladimir Burlakov) verhilft einem jungen Pärchen aus Osteuropa entgeldlos zu einer sanierungsbedürftigen Wohnung in Berlin, Neukölln - obwohl ihnen die nötigen Papiere fehlen. Eine Grenzüberschreitung, das ist ihm bewusst, vielleicht könnte ihn das sogar seinen Job kosten. Ein Schritt Richtung Ungewissheit und Gefahr für Thies, aber irgendetwas muss ihn aus seinem statischen Leben, seiner grüblerischen Zurückgezogenheit herauslocken, das spürt er wohl selbst. Der mitmenschliche Akt ist dabei nicht ganz ohne Selbstzweck, hat ihn doch der gutaussehende Bruno (Julius Nitschkoff) angeflirtet und teilt auch schon bald das Bett mit ihm. Sonja (gespielt von Irina Potapenko (Die Lügen der Sieger, Revanche)) gibt er zwar als seine Schwester aus, was aber ganz offensichtlich nicht stimmt. Die Beziehung der beiden zueinander scheint mysteriös. Thies' Alltag droht aus den Fugen zu geraten, da kann er noch so viele straff gebügelte Hemden anziehen und aus Frust zum Joggen gehen. 

"Es gibt nichts umsonst," sagt Sonja einmal bedeutungsschwanger, und das ist dann auch so etwas wie das Motto, das dem Film voransteht. Schade, dass man das so offensichtlich thematisiert - aber vielleicht hätte es sonst der eine oder andere Zuschauer nicht mitbekommen. Überhaupt eines der größten Probleme des Films: es wird zu viel mit Worten erklärt und zugleich zu viel geraunt, bedeutungsschwer, durch die deepe Musik, die Nachtbilder, die Einsamkeitsstilisierungen.

Der Film ist bei Salzgeber im Vertrieb (und wurde u.a. von einem deutschen Fernsehsender co-produziert) und lässt sich somit auch irgendwie als Beitrag zum Queer-Filmsegment rechnen (bzw. LGBT, wie es heute korrekter heißt), eine Tatsache, die ihm wohl etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen dürfte. Etwas mehr, als wenn sich der Anti-Held einfach in den weiblichen Part der Geschwister verknallt hätte. Da gibt es dann auch die eine oder andere elegisch-zahme Sexszene zu bestaunen, in der zwei unbedeckte Männerpopos zu sehen sind. Toll ist aber, wie selbstverständlich das hier gezeigt wird: das Schwulsein gehört nicht zum Problemkreis des Films. Dazu dann immer wieder: tendenziell ausgedachte, gestelzte, verkrampfte Dialoge vor elektronischem post-Berlin-Mitte Elektro-Ambientsound. Dialoge, die Plot-Elemente verbalisieren, somit Handlungsauslassungen ermöglichen und dadurch per Wort das Bild obsolet machen. Was wieder einmal zeigt, woran das deutsche Gefälligkeitskino allzuhäufig krankt: man sieht eben gerade nicht, was behauptet wird (wie anders etwa jüngst bei Nicolette Krebitz, oder  bei den Stilisten Dominik Graf, Christoph Hochhäusler oder Thomas Arslan!). Hier jedoch muss man die Dinge als gegeben hinnehmen, weil es jemand ausspricht. Impotente Abkürzungen, die von künstlerischer Einfallslosigkeit  zeugen, oder von dominanten Drehbuchautoren - oder von beidem.

... und Techno war gestern, übrigens, bzw. vielleicht dann doch mal kurz, als Bruno in der neuen Bude ganz für sich und in die Musik abgetaucht am Fenster steht und zu tanzen beginnt... Thies nebenan, spiegelnd gebrochen, schaut herüber, mit gefurchter Stirn und stellt sich Fragen über die Existenz. Oder irgendwas Tiefgründiges, worüber man so nachdenkt in einer Nacht, in der alles an einem vorbei flottiert in unseren fragilen Konstruktionen von einem Leben. Sicher ist nichts, alles vergeht. Was ist mit dieser Beziehung ...

Dann: der beste Freund von Thies, ein türkischstämmiger Trödelhändler, der ebenfalls Probleme hat und der Thies immerzu ein Ohr abkaut (und uns). Einer also, der das Vergehen der Existenz, ihre Temporalität, zu seinem Beruf gemacht hat. Er handelt mit Zeugs, was keiner mehr braucht und auf eine Zukunft harrt. Es ist ein transitorisches Zwischenstadium, dessen Hauptmerkmal der Übergang ist. So ist es nun auch bei den Figuren, die irgendwie aus Osteuropa kommend ohne Papiere in Berlin leben wollen - aber morgen vielleicht auch woanders, in einer anderen Stadt, immer unterwegs. Klar lässt sich da keine feste Beziehung aufbauen, nur eine temporäre Bettgenossenschaft. Passt wunderbar zum Charakterprofil des Melancholikers Thies, bestätigt sie ihn doch in seinen Anlagen. Ernsthafteres Commitment müsste er zum Beispiel für eine Sache mit seiner Kollegin (Franziska Wulf) aufbringen, die ihn immer wieder mal stichelt und anflirtet. Aber das blockt er ab, schon weil er schwul ist oder eben gerne allein und unglücklich. Aber wer weiß, vielleicht überlegt er sich das auch noch einmal anders.

Die Geschwister ist ein unbefriedigender Film, da er anstatt einer stets angestrebten, sozial relevanten Authentizität nur konfektionierte, romantisch-melancholische Großstadttrübnis findet. Und eine Liebesgeschichte, die sich vor alles Echte drängt. Der Film ist so wenig liebenswert, wie es seine Figuren sind, die man nie zu greifen bekommt. Er weht über die Leinwand wie eine Ahnung vom Leben, ohne zu berühren oder zu ergreifen. Obwohl so viel Emotionen abgebildet werden, ist er doch kaum in der Lage, beim Zuschauer Emotionen zu erzeugen. Wenn der Film vorbei ist, dann ist es eben wie bei einem angenehmen Ambient-Track, den man nachts auf der Bordsteinkante sitzend aufgeschnappt hat, während drinnen noch alle tanzen. Man ist entrückt, ganz bei sich, aber den Track selbst, die Musik, die hat man schnell wieder vergessen.

Michael Schleeh

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