Sonntag, 28. November 2010

Charles, mort ou vif / Charles - tot oder lebendig (Alain Tanner, Schweiz 1969)


Zum 100sten Jahrestag der Gründung der Uhrmacherfabrik gibt der Firmeninhaber Charles Dé dem Reporter ein selbstkritisches Interview, bei dem er gesteht, über sich selbst nichts zu wissen: sein Vater sei Handwerker gewesen, ein Anarchist aus dem Jura, sein Sohn ein Geschäftsmann (welcher die Firma nach rein ökonomisch-kapitalistischen Prinzipien leiten möchte). Er selbst aber wisse nicht, wer und was er sei. Daraufhin macht er sich davon, logiert in einem einfachen Hotel unter falschem Namen und lernt schließlich einen Maler und dessen Freundin kennen, die auf dem Land in einem alten Bauernhof leben. Sie laden ihn ein zu bleiben und Charles nimmt dankend an. Fortan ändert sich sein Leben. Er hat Zeit: nachzudenken, zu lesen, zu philosophieren, zu kochen und die Gemeinschaft zu genießen. Seine Tochter, eine Anarchistin, schließt sich bisweilen an.
Das kann aber nicht lange gut gehen, denn sein Sohn, der ihn mittlerweile als vermißt gemeldet hat, läßt ihn landesweit suchen. Tot oder lebendig eben, denn er möchte Charles die Zurechnungsfähigkeit entziehen lassen und in eine Anstalt einweisen...

Tanner arbeitet hier wieder mit schwarz/weiß, mit ungeschminkten Bildern, mit close-ups, die die Irritation Charles' deutlich zu vermitteln wissen. Einmal erlaubt er sich einen metapoetischen Gag, als er ständig die Kameraleute des Interviews ins Filmbild tapern läßt, die Charles beim Morgenspaziergang filmen. Kurz darauf sitzt Charles in der Brasserie und sieht sich selbst im Fernseher beim Interview, plötzlich füllt das Bild im Bild den ganzen Bildschirm aus. Auch sonst erzählt Tanner mit Sprüngen, erklärt erstmal nicht - er bleibt aber chronologisch, wodurch sich die Anschlüsse von selbst ergeben. Die Musik besteht aus einem dissonanten Flötenspiel, das häufig in die Gehörgänge beißt. Beinahe japanisch mutet das in seiner Reduziertheit an.

CHARLES - TOT ODER LEBENDIG ist ein kraftvoller Film, der einen nicht mehr losläßt, wenn man sich einmal "eingeschaut" hat. Und die Tragödie berührt, man entwickelt unweigerlich Sympathien zum Protagonisten, der seinem alten Leben den Rücken kehrt. Er findet dabei keineswegs ein Idyll - das Leben auf dem Hof wird ganz ohne bukolischen Kitsch dargestellt, eher rauh, befremdlich zunächst; ein Ort des Denkens, der Kunst, des Zweifels. Beinahe wie ein Kloster, also einer der Gemeinschaft. Auch wenn das Ende etwas überdeutlich ruppig der Message des Films gehorcht, weiß er doch mehr als zu überzeugen und stellt für mich, als utopischer Film, eine echte Entdeckung dar.