Sonntag, 5. Dezember 2010

Aus dem Pfirsich die Nektarine schaut: Judd Apatows KNOCKED UP (2007)


Eigentlich wollte ich die Sichtung dieses Films unterschlagen, da ich die Befürchtung hatte, das Schreiben in der Verärgerung über diesen biederen, sexistischen Film trage mich hinfort. Und was daraus folgt ist bekannt: man macht sich lächerlich.

Apatow und sein „neues Komödienkino“ wurde einem nun mehrfach als das neue große Ding empfohlen, man liest überwältigende Kritiken allerorten. Von Haus aus kein Komödienkucker wärmte ich mich mit dem etwas schenkelklopfenden Brachialhumoristen PINEAPPLE EXPRESS (Apatow Productions 2008) auf, in welchem Seth Rogen ebenfalls einen der zentralen Charaktere spielt: ein pummeliges, kiffendes Dummchen, das versucht, den Kopf über Wasser zu halten.

In BEIM ERSTEN MAL, so der geniale deutsche Verleihtitel, geht es um etwas ganz neues im Kino, etwas das man noch nie gesehen hat: um das Zueinanderfinden zweier ungleicher Charaktere. Den Bauernsohn und die Prinzessin, oder genauer, den Loser, den Hänger, das Couch-Potato und die upper-classy Fernsehmoderatorenblondine. Das Partyanimal Ben, der aus seinem Zuhause eine WG der sexbesessenen Langzeitarbeitslosen gemacht hat, kifft von morgens bis abends, unterhält sich ausschließlich über Schwanzprobleme und hat die geniale Idee, eine Webseite aufzuziehen, auf der man die Busenscreentime der Schauspielcelebrity erfahren kann.
Die Jungs schauen also die ganze Zeit Filme und reden über Sex. Da treffen Ben und seine Kumpels in einem Club auf Alison samt Schwester, baggern sie an, und Ben und Alison verbringen schwer alkoholisiert eine Nacht miteinander. Am nächsten Morgen geht man befremdet auseinander: wie konnte man sich mit so einer Person nur einlassen? Acht Wochen später ist aber daran nichts mehr zu ändern: Alison ist schwanger, und sie und Ben, die sich nicht leiden können, bereiten sich auf eine gemeinsame Zukunft mit Kind vor...

Diese Ausgangskonstellation hätte eigentlich genug Potential gehabt, um ein Potpurri des kreativen Witzes zu werden. Doch Apatow macht daraus, wie im Vorspann angedeutet, eine hysterische Achterbahnfahrt der Extreme, die in ihrer bildlichen Darstellung letztendlich leider doch sehr handzahm ist und sich in verbalem Fäkalwitz erschöpft.

Ben ist, obwohl er sich so bemüht, in seinem Kiffer- und Sexuniversum gefangen. Der Zuschauer wird also permanent mit einem mongoloiden, total durchsexualisierten Sprachgestus gequält. Aber dies auf beiden Seiten: wenn die Frauen zeigen wollen, wie hart sie sind, greift man dort auch sehr gern ins ordinäre Schubfach. Alison wirkt mäßigend auf den Mann ihrer Tochter, doch ist auch sie nicht mit einem komplexen Charakter gesegnet: sie sieht gut aus, hat einen Job, und sehr genaue Vorstellungen davon, wie diese Schwangerschaft zu funktionieren hat: Alsion ist vor allem erstmal eine Zicke. Da das zeitgenössische amerikanische Mainstream-Kino gerne derbe ist ohne weh zu tun und konsequent zu sein, sieht man hier also Kifferei und Speierei, aber keinen Sex und auch nie die Brüste Alisons, die von Apatow stundenlang verführerisch in Szene gesetzt werden. Außer Seth Rogens haarigem Hintern sieht man eigentlich überhaupt keinen Körper in diesem Film. Der Film ist zahmer als das Reh im Kölner Zoo.

Dann aber die Geburt: Alison ist entsetzt darüber, dass ihre ******* nach der Geburt nie wieder so aussehen werde, wie zuvor. Doch Ben hält tapfer Händchen. Und dann kommt die Pfirsichszene: während Alison hysterisch schreit und presst, GEHT DIE KAMERA ZWISCHEN DIE BEINE DER PROTAGONISTIN! Unfassbar! Doch was bekommt man zu sehen: das wohl makelloseste Geschlecht seit Anbeginn der Zeiten: eine sepiafarbene Pfirsichspalte öffnet sich und heraus kommt ein sauberes Nektarinenköpfchen. Dass eine Geburt ganz anders aussieht (und auch eine weibliche Vagina), mit Schweiß, Schleim und Blut, muß nicht extra ewähnt werden. Aber nun verstehen wir Alisons Begehr natürlich: so eine mutierte Vorzeige***** muß natürlich erhalten bleiben, sie ist ja die einzige ihrer Art! - und das „Idealbild“ der amerikanischen weiblichen Scham nach all den Geschlechts-OPs! Ein sauber rasierter, sanfter Hügel, eine makellose Oberfläche, die sich wie bei einem Augenzwinkern öffnet und neues Leben schenkt.

Ach und falls sich einer fragt, wie der Film wohl ausgehen werde: nach all den aufgewärmten Klischees (etwa die Las Vegas-Szene) wohl kaum originell. Der große Komödienerneuerer Apatow läßt seinen Film ins Happy-End rutschen, in die glückliche Familie hinein, und bringt dann dort auf der Rückfahrt den wirklich einzigen netten Gag des ganzen Films.

Wenn jetzt einer sagt, der Film wolle nur unterhalten, dann fange ich an zu schreien. Und esse nur noch Sauerkraut, furze in dessen Wohnung bis ans Ende aller Tage. Nur um im Bild (und auf dem Apatowschen Humorlevel) zu bleiben. In THE 40YEAR OLD VIRGIN (Apatow 2005) habe ich kurz reingeschaut. Da geht ein Mann mit einer Morgenlatte auf's Klo und muß sich sehr vorbeugen, um zu treffen. Kein Witz, der Film beginnt wirklich so! Da habe ich dann wieder ausgemacht.