Montag, 13. Dezember 2010

Das Andechser Gefühl (Herbert Achternbusch, D 1974)


Ein Mann, von Beruf Lehrer, sitzt im Biergarten, gravitätisch gefilmt aus leichter Untersicht. "Morgen geht es dahin mit mir..." spricht er vor sich hin, zu sich selbst. Dann trinkt er noch eine Maß, dann noch eine Maß. Und immer so weiter, sein Leben liegt so ziemlich in Trümmern: der Schulrat soll am kommenden Tag endgültig über seine weitere Laufbahn entscheiden, seine Frau ist mit den Nerven am Ende, da er immerzu nur raucht, säuft, und Zeitung liest. Die Kellnerin mit den Waden, die er liebt, mit der hat er eine Affäre. Doch seit Jahren träumt er von der Schauspielerin, die zu ihm kommt, ihn da herausholt aus seiner selbstgeschaffenen bayrischen Idylle, aus der Hölle mit Aussicht auf Feld und Flur.

Es ist eine große Freude, dabei zusehen zu dürfen, wie Achternbusch das Bayerntum auseinandernimmt und zerlegt. Kein Wunder gilt der Mann als Nestbeschmutzer. Das Grundrecht des Menschen auf eine ordentliche Bierversorgung ist dabei nur die Ausgangsbasis seiner weitgreifenden Gesellschaftskritik, die sich exemplarisch am Lehrer (von Achternbusch selbst gespielt) zeigt, aber auch in den Nebenfiguren offenbart und denjenigen, die er nur streift: Rassismus und Fremdenhass, Scheinheiligkeit, Borniertheit, abgestumpfte Dumpfness, Lethargie, Sprachlosigkeit, Kleingeisterei, Sexualtrieb. Und immer wieder die Unterjochung der Frau, der mutwilligen Zerstörung eines anderen Lebens. Gekleidet ist das in ein Kino der Abstraktion, in der die Sätze wie Pfeiler im Raum stehen. Manchmal wirkt das, vor allem bei schwächeren Darstellern, wie Theatersprech, doch immer ist es eine Deklamation. Häufig eine des Schmerzes. Die Sätze stehen im Raum, man könnte auch um sie herumgehen, sie angucken in ihrer schrecklichen Pracht, so wie man auch die zerstörten Figuren dieses Films voller Faszination begafft. Mit Margarethe von Trotta und Walter Sedlmayr. Sehr Sehenswert.