Samstag, 11. Dezember 2010

Harry Brown (Daniel Barber, UK 2009)


Der Ex-Soldat und Witwer Harry Brown lebt in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, die wohl nicht umsonst an die Towers in THE WIRE erinnert. Als sein einzig verbliebener Freund und Schachgegener Leonard von den Jugendlichen Kriminellen ermordet wird, beschließt er dem Treiben nicht länger machtlos zuzusehen, besorgt sich eine Waffe und sorgt selbst für Ordnung.

HARRY BROWN steht klar in der Tradition der Selbstjustiz- und Vigilantenfilme, die jüngst durch Clint Eastwoods GRAN TORINO neu belebt wurde. Auch hier wird das persönliche Missgeschick zum Auslöser der Selbstjustiz, zugleich wird aber ein größerer, überpersönlicher Horizont geöffnet. Es ist ein allgemeiner Gesellschaftspessimismus, der als ursächlicher Grund für die Verwahrlosung dieser hier abgebildeten Jugend angeführt wird - eine Jugend, die sich lediglich dem Besitz und dem Drogenkonsum verschrieben hat. An einer Stelle, befragt von der Polizistin, antwortet Harry dann auch auf die Frage nach der vermeintlichen Motivation der Kids für ihre Verbrechen schlicht: für sie sei es "Unterhaltung". Konsumkritik und Gesellschaftskritik vor dem Hintergrund eines machtlosen Staates, sowie eine immerzu entfremdeter werdende Gerontokratie können mit den Bedingungen der sich entwickenlnden Gesellschaft nicht mehr mithalten. Die überforderte Polizei wird äußerst überzeugend von der Kommissarin, gespielt von Emily Mortimer zwischen Passion und Verzweiflung, dargestellt Die Zügel haben andere in der Hand, was auch mit dem kleinen Plottwist des Bartenders anschaulich gemacht wird.

HARRY BROWN ist auch ein Film über das Altern, das Alter. Darüber, dass man auf dem Abstellgleis gelandet ist (was nicht immer stilsicher bebildert worden ist). Und im größeren Rahmen, wie der "Vertrag" zwischen den Generationen nicht mehr funktioniert. Dieser Dirty Harry hier, vom Sympathen Michael Caine gespielt, sieht nicht rot und ist kein Faschist. Es ist die Verzweiflung vor der Einsamkeit und der Gewalt in der Sinnlosigkeit des Lebens, die Machtlosigkeit angesichts der Ungerechtigkeit, die ihn antreibt. Man sollte nicht vergessen, dass der Film nur einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft abbildet, er seine Geschichte individualisiert. Und hier ist er auch am Problematischsten: eine Abbildung ist das nämlich nicht. Die Mitglieder der Drogenbanden werden zu reißenden Wölfen stilisiert, die sich ausschließlich im Sündenpfuhl aus Gewalt, Sex und Drogen herumwälzen. Und zwischendurch wird ein Passant kaltgemacht und eine Heroinabhängige vergewaltigt. Der tendenziöse Film zieht den Zuschauer über seine völlig offensichtliche, affektgesteuerte Inszenierung auf seine Seite - und wird dadurch natürlich schwer problematisch. Man kann nicht anders, als Harrys Komplize zu werden. Und die Kommissarin möche man auch in den Arm nehmen.

Als Kommentar über zeitgenössische Zustände taugt HARRY BROWN also überhaupt nicht, Will er ein solcher sein? - man weiß es nicht. Der Vorwurf des Reaktionären läuft ins Leere. HARRY BROWN ist, und jetzt wird's bösartig, ein Unterhaltungsfilm. Mit irgendeiner Realität hat dieser Film nichts zu tun. Ausser natürlich, man rennt mit Scheuklappen durch die Welt.