Freitag, 3. Dezember 2010

Overlord (Stuart Cooper, UK 1975)


1944: der junge Tom Beddows bekommt seinen Einberufungsbescheid und muss Eltern und Kindheit hinter sich lassen. Er meldet sich bei der Armee. Er kämpft sich durch die Grundausbildung und arrangiert sich dank seines Fatalismus mit mit der unerträglichen Situation. Immer wieder hat er visionäre Schübe, in der ein Soldat durch den Sand rennt und, von einem Schuß getroffen, zu Boden stürzt. Da kommt plötzlich der Einsatzbefehl: es geht an die Küste, er wird am 6. Juni bei der Landung der alliierten Truppen in der Normandie dabei sein. Tom ist überzeugt davon, dass er nicht überleben wird...


Coopers Film erzählt vom Krieg, von den Menschen, die ihn führen. Schon von Beginn aber setzt er ein klares Zeichen: diesem Film geht alles Heroische ab. Es gibt keine Helden in diesem Antikriegsfilm. Und beruhigenderweise auch keine überzogene Antiheldendarstellung. Durch die Vermischung von Spielfilmszenen und originalen Dokumentarfilmaufnahmen bekommt der Film eine bislang kaum gesehene Authentizität, die in ihrer Schrecklichkeit für sich selbst steht. Da ist man auf der Straße inmitten eines Löschtrupps dabei oder schaut durch die Kanzel eines Bomberpiloten. Minutenlang. Die Spielfilmhandlung setzt aus.



Es geht auch nicht um Moral und das Leiden (der Film endet, bevor der eigentliche Kampf überhaupt richtig einsetzt). Hier findet man kein Schlachtengemälde oder eine Sensation vor. In OVERLORD geht es um das Rädchen in der Maschine, um die Unausweichlichkeit des Laufs der Dinge. Und das ist umso schrecklicher. So lernen wir im Film auch nur den Protagonisten und ein, zwei Kameraden kennen. Aber nicht einmal deren Biographie, kaum eine Persönlichkeit. Eine Liebelei wird zum Sehnsuchtsziel Toms, der Mensch dahinter bleibt ungekannt. Was man sieht sind Maschinen, arbeitende Motoren, Geschwindigkeit, Feuer, Stein und Metall. Der Mensch verschwindet hinter diesen Kolossen der Moderne, er wird zum Kanonenfutter.



Vielleicht mag einem die Ausbildungssituation nicht ganz unbekannt vorkommen, wie auch immer wieder einzelne Bilder des Filmes: ich habe mehrfach an Kubricks FULL METAL JACKET denken müssen. Der Kameramann hier ist John Alcott, der im selben Jahr für Kubrick BARRY LYNDON ins Bild setzte (und übrigens auch CLOCKWORK ORANGE und SHINING einfing). Möglicherweise bekomme ich aber auch nochmals Lust auf den tollen, sehr düsteren Thriller NACHTRATTEN - VICE SQUAD von Gary Sherman, bei dem Alcott ebenfalls Kameramann war.
Die DVD vom Label Bildstörung ist hervorragend ausgefallen - wie jedes ihrer Release. Hier findet man Filme abseits des Mainstreams liebevoll restauriert, mit dicken Booklets versehen und Specials auf der Scheibe. Eine echte Empfehlung.