Dienstag, 21. Dezember 2010

Tödliche Versprechen / Eastern Promises (David Cronenberg, Großbritannien / Kanada 2007)



In einem Londoner Krankenhaus: bei einer Geburt stirbt der Krankenschwester Anna (Naomi Watts) die noch sehr junge, heroinabhängige Mutter. Das Kind ist jedoch gesund. Ein Tagebuch der Verstorbenen führt Anna zu einer russischen Import/Export-Firma samt Restaurantbetrieb, in welchem sie vorspricht, um möglicherweise Kontakte zur Verwandtschaft der Toten knüpfen zu können. Was sie nicht weiß: sie gerät damit in Kotakt mit der russischen Mafia, der "Vory v Zakone"...

EASTERN PROMISES ist ein Film, über den ich schon viel diskutiert habe. Ich halte ihn für großartig, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Cronenberg-Puristen verstehen kann. Meiner Meinung nach aber fügt er sich sehr schlüssig ins Oeuvre des Regisseurs ein. Denn schaut man sich den Verlauf des Körperhorrormotivs in seiner Filmographie an, dann wird deutlich, dass sich die Ausformungen der Deformation immer stärker von äußerlichen Phänomenen nach innen, Richtung Psyche, verlagern. Ganz deutlich etwa im genialen SPIDER, dann im hyperrealistischen HISTORY OF VIOLENCE, nun in EASTERN PROMISES: es ist der Körper der Familie, der hier beschädigt wird.

Einmal derer der Familie um Anna mit ihrer Mutter und dem russischen Onkel Stepan, auf der anderen Seite die mafiöse Familie um Semyon (Armin Müller-Stahl), seinem Sohn Kirill (Vincent Cassell) und "den Fahrer" Nikolai (Viggo Mortensen). Beide Körper werden im Filmverlauf beschädigt, beide revoltieren. Interessanterweise ist das zweite Hauptmotiv das der Schrift. Am Offensichtlichsten in den Tätowierungen der Mafiosi, deren Biographie in die Haut eingeschrieben ist, aber auch in Form des Tagebuchs, das als Vermächtnis aus der Vergangenheit die Deformationen in den realen Familienkörpern in Gang setzt. Die Schrift ist wie eine Krankheit, ein Virus, der die Tragödie ins Bewußtsein katapultiert. Gespiegelt wird die Virus-Metapher an der Homosexuellenfeindlichkeit der Mafiosi, insbesondere in der bekannten Küchenszene, in der sich Semyon nach der Blutabnahme durch die Polizei "von diesem Schwulenvirus" infiziert wähnt. Aber nicht nur da blickt man hinter die Fassade des scheinbar seriösen, sanft agierenden Menschenfressers Semyon.

EASTERN PROMISES ist ein höchst komplexer Film, der mit jeder Sichtung wächst. Auch Dank der überragenden Darsteller und der Sympathieverschiebungen, deren man auf Mikroebene wie in einer Versuchsanordnung beiwohnen darf, fasziniert dieser Film zwischen mysteriöser Anziehungskraft und brutaler, hyperrealistischer Gewaltdarstellung von Menschen, die schon "längst Tote" sind, wie Nikolai einmal sehr treffend formuliert. Phantastisch.

Btw, Eastern Promises ist eine Anregung von Whoknows', the Devil, der uns momentan mit Weihnachtsfilmen einlullt, nur um dann kompensativ solche Knochenbrecher von seinen Freunden einzufordern. Tststs..