Montag, 6. Dezember 2010

The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz (Sam Peckinpah, USA 1969)


Peckinpahs großer Spätwestern ist vor allem eines: eine Reise in den Tod.
Wie es ein zum Standard gewordener Plotmotivator ist, die Protagonisten einem Sehnsuchtsziel zustreben zu lassen (die ferne Geliebte, „Boston“, „die Küste“, „nach Süden“), so ist im Genrefilm dies häufig an eine „letzte Handlung“ gebunden: dieses eine Ding wolle man noch drehen, bevor man sich, da oder dort, zur Ruhe setze. Auch in THE WILD BUNCH gibt es an zwei Stellen diese Diskussion, einmal bevor die Bande zum Raubzug aufbricht, ein andermal in der mexikanischen Beinahe-Idylle Aqua Verde. Bei Peckinpah aber ist das anders, man ist schon einen Schritt jenseits dieses Konzepts. Denn die Protagonisten lernen in diesen Gesprächen vor allem eines: dass sie dieses Sehnsuchtsziel nicht benennen können. Dass sie, so geben sie zu, nie etwas anderes tun werden – und auch tun wollen – als das, was sie eben gerade tun. Reiten, Stehlen, ortlos Umherziehen. Driften. Mit einer eingerichteten Bürgerlichkeit können sie nichts anfangen und verweigern es, ein Teil ihrer zu werden. Aber sie sind alt geworden, so alt wie der Western selbst: ein neues Zeitalter steht vor der Tür. Man erkennt es an dem Automobil, dem Maschinengewehr und dem Flugzeug, über das gesprochen wird. Aus einem harmlosen Banküberfall wird ein Massaker. Da wundert es nicht, wenn der Steigbügel reißt.

Peckinpah betreibt hier eine Entmystifikation des mystifizierten Westerhelden, einen Abgesang auf eine zu einem Klischee erstarrte Figur. Wenn bei Peckinpah einer erschossen wird, dann stürzt er nicht idealisiert und verharmlost zu Boden, sondern dreht sich in Zeitlupe um die eigene Achse, man hört das Einschlagen der Gewehrkugel, man sieht die Blutfontäne spritzen. Das häufig erwähnte Todesballett Peckinpahs ist keines der ästhetischen Verharmlosung, sondern fördert gerade in ihrer Explizität die Wahrnehmung der Gewalt. Hier erschiessen dreckige Männer dreckige Männer. Und die Kugeln reißen Wunden. Das Metall dringt in den Körper ein, wie die Eisenbahn (und mit ihr die Moderne) dem Westerner das mythische Land zerschnitten hat.
Aber nicht nur das: er nimmt dem Kino die Versöhnlichkeit. Ein „gutes“, sprich: hollywood ending ist nicht zu erwarten, Freundschaften sind Zweckbündnisse (es sei denn sie ist uralt wie guter Wein in Fässern), es sind Alliancen, die das Geld und der Colt zusammenhält. Schlicht: auf ein (Etappen-)Ziel hin gerichtet. Verbindlich in ihrer Verpflichtung, aber emotional kaltgestellt. Mit oder ohne einen, es wird weitergehen, genauso, immer weiter.

Und anders kann ich es mir nicht erklären, diese scheinbare Plotinkonsistenz, gegen Ende des Filmes: anders als auf dem DVD-Cover behauptet wird, verweigert Mapache die Zahlung nicht. Auch wird der Mexikaner Angel nicht einfach getötet, sondern gefoltert. Und: Dutch (Ernest Borgnine) läßt ihn bei Mapache zurück. Er opfert ihn. Er setzt sich nicht für ihn ein. Vermutlich, so denkt man zunächst, um selbst ungeschoren mit der letzten Teilzahlung für die geraubten Gewehre davonzukommen. Doch eine Szene weiter ist genau er es, der auf Loyalität pocht. Die auch Angel gegenüber der Gang ausgezeichnet habe. Er läßt ihn also erst zurück, dann fordert er Rache. Es ist davon auszugehen, dass es die geheime Absicht war, zurückzukehren, sich mit dem (über)mächtigen Banditenboss anzulegen; und es darauf anzulegen, nicht mehr lebend aus der Sache herauszukommen. Eine Auslebung des tiefschlummernden nihilistisch-zynischen Todestriebs, der dem eigenen Ich gegenüber rücksichtslos ist und dabei grinst. Interessanterweise scheint in dem Moment, als Mapache getötet wird, eine schockartige Ruhe einzutreten. Plötzlich ist alles möglich, vielleicht könnte die Bunch auch einfach davongehen. Doch sie grinsen sich an, beginnen erneut zu feuern, starten ein Massaker und gehen sehenden Auges in den eigenen Tod. Sie beginnen ein Massaker wie man es sonst nie auf der Leinwand zu sehen bekommt ( - dieses gegenseitige Abschlachten scheint schon auf die Schlachtfelder des 1. Weltkriegs vorauszuweisen).

Die Plotkonstruktion erscheint wie eine absichtliche Reise in den Tod, wie eine nihilistische Spielerei. Die lange Reise in den Tod: SIE KANNTEN KEIN GESETZ, auch sich selbst gegenüber nicht.