Donnerstag, 6. Januar 2011

Alexander Revisited - Final Cut (Oliver Stone, USA 2004/2007)


Oliver Stones Fantasie über das Leben und die Kreuzüge des Mazedonierkönigs Alexander des Großen habe ich mir in der 214 Minuten-Version angesehen. Neben der üblichen Probleme mit der historischen Faktenlage (Beispiel: Übergehen wichtiger Schlachten, Hervorhebung von Nebenfiguren, Konzentration auf den ödipalen Konflikt zur Vaterfigur), gesellen sich zu diesem Sandalenepos moderner Gattung (sprich: viel Blutmatsch) noch ganz andere, rein filmische Probleme.

So steht der Film ganz im Zeichen eines schwülstigen Pomp. Dies zeigt sich schon gleich zu Beginn in der Szene, in der Ptolemaios (Anthony Hopkins) in seinem von Zierpflanzen überwucherten Kakadu-Garten lustwandelt. Wie nebenbei erzählt er seinen drei Schreibern seine Version der Alexandergeschichte (welche später im großen Feuer der alexandrinischen Bibliothek verlorenging). Das ist also nun der Freifahrtschein für Stone, den Film nach seinem Gutdünken zu gestalten - was natürlich sein volles Recht ist. Bei einem Fantasy-Epos.

So reiht sich also pathetisches Geschwafel an Schlachtenszene, im Hintergrund bläst Vangelis in die Trompeten und über allem schwebt ein schlimmer psychologischer Vater-Sohn-Konflikt. Auf Dauer nervig ist diese ganze Söldnerthematik: das Einschwören der Truppen auf den Heldentod und das Blut und den Boden und den Stolz und die Ehre der Mazedonier.

Nervig und zugleich entlarvend ist der Fakt, wieviel Aufwand Stone betreiben muss, um die zerhackstückte Narration dem Zuschauer zu erklären. Ständig muss der Off-Erzähler bemüht werden, o.g. Rahmenerzähler Ptolemaios, oder durch Schrifteinblendungen der aktuelle Geschehenszeitraum erläutert werden, im Kriegsgetümmel welche Flanke jetzt wo gerade angreift. Zudem wird ständig zwischen den Ereinissen aus der Jugend Alexanders und der aktuellen Erzählzeit hin und hergehüpft, und der Zuschauer darf immer alles auf dem Zeitstrahl sortieren. Das ist sehr umständlich.

Die schauspielerische Leistung hält sich dabei auch in Grenzen: Herr Farrell übersteht den Film mit genau zwei Gesichtsausdrücken, mehr kann er scheint's nicht: Hundeblick (1) und hasserfülltes Schreien mit äh, anschließendem Hundeblick (2). Hat er tatsächlich Geld dafür bekommen? Und Frau Jolie darf kucken wie eine Raubkatze. Macht summa summarum: 1 Gesichtsausdruck. Hat auch sie Geld dafür bekommen?

Die zweite Hälfte des Filmes hat mir insgesamt besser gefallen, als die erste. Denn sie ist spannender. Nicht zu verstehen ist aber, weshalb hier solche Grausamkeiten aufgefahren werden und zugleich, da in diesem Film ALLES POMP ist, überhaupt keine Sexualität stattfindet. Vermutlich hielt man es schon für wagemutig, das Thema Homosexualität anzudeuten. Da hat Alexander drei Frauen und zwei Lustknaben und man sieht nichts.

Was aber wirklich schlimm sei, das ist die anale Vergewaltigung eines Jungen durch Philipp (bei einer Zecherei). Immer wieder wird dieses Bild kurz dazwischengeschnitten, vor allem dann, wenn es um die Erklärung des Mordes an Philipp geht. Klar: Rache. Das verstehen wir doch alle, das ist VIEL SCHLIMMER als die Vergewaltigung von Roxane, denn sie ist ja nur eine Frau und Alexander dann auch hörig am Ende. Hier geben sich Frauenfeindlichkeit und Homophobie ein Stelldichein.

Der Film schwingt sich dann zu höchsten Weihen empor - es ist beinah grotesk zwischen all dem hyperrealistischen Geschlachte auf den Kriegsschauplätzen des Friedensstifters - als der Befreier Alexander über sein frisch erobertes CGI-Babylon blickt mit Goldkrone im Haar und wallendem Gewand: da ist man mitten in einem Bild von Jeff Koons. Das ist lustig. ALEXANDER ist ein ziemlich mißratener Film, fürchte ich.