Dienstag, 8. Februar 2011

Grey Gardens (Albert & David Maysles, USA 1975)


Auch schwer angetrunken bleibt die bisweilen erschütternde, manchmal schwer erheiternde Dokumentation der Maysles-Brüder eine Groteske vor dem Herrn, wie sie so schön nur die Exaltiertheit des menschlichen Egos schreiben kann. Unser Zustand war nicht der beste, zugegeben, um wirklich allen Gesprächen folgen zu können - doch darauf, so konstruiere ich das nun, kommt es auch gar nicht an. Wichtiger ist ja schließlich, wie gesprochen wird. In diesem Film vor allem: ohne einander zuzuhören und dabei das eigene Ego ins Zentrum der Welt gesetzt.

Die beiden Schwestern Edith "Big Edie" Ewing Bouvier Beale und ihre Tochter Edith "Little Edie" Bouvier Beale verbringen ihre Tage in einem herrschaftlichen Haus in East Hampton - also dort wo sich reiche New Yorker im Sommer in die Dünen legen und sich braten lassen. Das Haus aber ist schwer heruntergekommen, man lebt in den Tag hinein, das Messie-tum hat Einzug erhalten. Überall Müll, Katzen, Staub auf barockem Nippes. Man kleidet sich extravagant - schließlich ist man Tante und Kusine der Jacqueline Bouvier Kennedy Onassis. Doch jenseits dieses fernen Glanzes gibt es nichts, was den Verfall und das Altern aufhalten könnte. Die beiden Damen schwelgen demnach ausschließlich in Erinnerungen vergangener Tage, sie sind auf geradezu schockierende Weise Flüchtende, Zeit-Flüchtige. Das Heute trägt für sie keine Bedeutung (jenseits einer guten Bräune auf der schrumpeligen Senioren-Haut).

Als Zuschauer ist man wie vor den Kopf gestoßen - eben zugleich fasziniert wie schockiert. Dass man hier eigentlich zum Voyeuer wird, ist die brisante Position, in der Mann sich befindet; und es liegt lediglich am zurückhaltenden Dokustil der Maysles, dass man sich das ankucken kann. Denn dieser direct cinema - Stil erlaubt es - wie ohne Eingriffe der Regisseure - den beiden Protagonistinnen, ihre Geschichte selbst zu erzählen, scheinbar ohne äußeren Einfluss. Und tatsächlich finden sich viele Szenen, in denen sie die Kamera zu vergessen scheinen. Das Objekt "entlarvt sich selbst". Der ästhetische Impetus der Maysles liegt jedoch jenseits des Skandalons: es geht ihnen um das Verhältnis von Realität und Abbildung. Und der Einfluß der Kamera auf die Realität ist in diesem Film als Suche nach einer wahrhaftigen Darstellung zu verstehen - ob sich dieser Anspruch auf die Gewinnung eines Echteitskondensats überhaupt erfüllen kann, wage ich ja zu bezweifeln. Der Gefilmte wird stets zum Selbstdarsteller. Oder anders gesagt/gefragt: wann ist das Individuum innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes überhaupt jemals wahrhaftig? Ist das nicht ein Ideal, dem da nachgejagt wird?

Wie auch immer: GREY GARDENS sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man es liebt, auch mal abseits des Mainstreams ein paar Perlen aufzuheben. Und da der Film ja die Criterionweihen erfahren hat und sogar in Cannes aufgeführt wurde, ist sogar dem Bedürfnis nach ekelhaft abgesichertem Qualitätskino genüge getan. Doch dafür können die Maysles nichts.