Dienstag, 15. Februar 2011

René Char (Michel Soutter, Schweiz 1967)


Für das Jahr 1967 listet die IMDb lediglich Soutters Drama LA LUNE AVEC LES DENTS (das bei artfilm.ch auf '66 datiert wird), nicht aber diese kurze Dokumentation über einen der renommiertesten Dichter französischer Sprache. Ich selbst kenne dessen Werk nur punktuell von den Übersetzungen Peter Handkes, und meine auch bei Maurice Chappaz etwas über Char gelesen zu haben.
René Char wurde 1907 in L'Isle-sur-La-Sorgue in der Vaucluse geboren, also in einer Region der Provence, wo er auch große Teile seines Lebens verbrachte. Soutter fährt einfach zu ihm hin, sucht das Haus, findet es nicht, fragt an der Straße nach. Das wird alles gefilmt, und die Auskunft der Frau am Straßenrand wird auf der Audiospur weiter abgespielt, dazu werden die markanten Punkte, die die Frau erwähnt, ins Bild geschnitten. Die Annäherung an den Dichter also als Suchbewegung. Dann ist man direkt bei ihm, im Haus, im Arbeitszimmer, und ohne weitere Einführung trägt er mit sonorer Stimme Gedichte vor. Soutter geht es also nicht (wie in einer Fernsehdokumentation) um eine Einführung noch für den hinterletzten Nichtkenner, sondern stellt einen unmittelbaren Umgang mit dem Künstler dar. Hier weiß man einfach, wer René Char ist. Und wenn man es nicht tut, wird man hineingeworfen: da gibt es keine Geschichten vom Krieg, von den Eltern, von den ersten Lesestunden und dem Kontakt zur Literatur, der sich als so wichtig erwiesen hatte. Keine Bedienung des Mythos. Keine Legendenbildung. Die gewohnten Standards des Journalismus entfallen und der direkte Zugang, auch beim Spaziergang durch den Garten hinterm Haus, ist wichtiger und ehrlicher und direkter, als jede konsumentenfreundliche Didaktik mit hineingeschnittenen Literaturprofessoren, die das Renomee des Werkes erläutern.


Dass der Film dadurch natürlich auch ein bißchen so wirkt, als habe einer eine Super 8 Kamera eingepackt und mal eben kurz René Char gefilmt, ist auch klar. Macht aber nichts. Das ist ganz schön gut so. Der Zuschauer kann sich anschließend selbst drum kümmern, was der Dichter wann und wo trieb, anfangen zu recherchieren und vielleicht die Gedichte nochmals lesen. Ich wünschte mir mehr solcher Dokus bei denen man sich nicht so vorkommt, als säße man im Geschichtsunterricht und vorne predigt der Alleswisser. Voilà. Guido Knopp hat von Michel Soutter jedenfalls nichts gelernt.