Sonntag, 13. März 2011

Biutiful (Alejandro Gonzáles Inárritu, Mexiko/Spanien 2010)


Der Kleinkriminelle Uxbal bekommt von seinem Arzt die Diagnose, dass er unheilbar an Prostatakrebs erkrankt sei. Die letzten Wochen bis zu seinem bevorstehenden Tod gestalten sich dabei äußerst turbulent: nicht nur hat er sich um seine beiden Kinder zu kümmern, sondern es findet eine erneute Annäherung an seine Ex-Frau (die Mutter seiner Kinder) statt, die allerdings mit ihrer Schizophrenie zu kämpfen hat und in ihrer Panik vor dem Leben gewohnt ist, dieses vor die Wand zu fahren. Aber auch seine Profession betreffend überschlagen sich die Ereignisse: sein illegaler Händlerring von Straßenhändlern aus dem Senegal wird mit äußerster Brutalität von der Polizei zerschlagen, als diese beginnen, mit Heroin zu dealen, und die illegalen Chinesen, die in einer Raubkopiererfabrik schuften sollen plötzlich auf dem Bau arbeiten. Da will Uxbal ihre Situation etwas aufbessern und löst so ausgerechnet eine schreckliche Katastrophe aus...

BIUTUFUL ist Javier Bardem. Das soll die Leistungen der Nebendarsteller nicht schmälern, aber dieser Mann überstrahlt und trägt diesen ganzen langen Film auf seinen Schultern. Und das scheinbar mühelos. Dass dabei nicht alles koscher ist, dürfte schon alleine in der Anmassung der Plotpoints klar geworden sein. Der Mann rutscht so richtig in die Scheisse. Und da lebt er auch: Barcelona bei Nacht, die Nebenstraßen, Gassen und Einwandererviertel. Hier ist alles dunkel, gefährlich, extrem verarmt. Überall tropft es stilsicher von der Decke, die Farbe blättert ab, die Parties sind brüste- und drogengeschwängert, die Laterne leuchtet in neongelb mal aggressiv, mal sanft, ein jeder leidet und kämpft um seine Menschenwürde. Und obwohl Uxbal ein Gangster ist, so ist er doch der sympathischste dunkle Ritter, den man sich vorstellen kann.

BIUTIFUL gewinnt den Zuschauer mit seiner extrem auf den Affekt abzielenden Inszenierung. Und das gekonnt - selten fühlte ich mich in letzter Zeir derart durch den Wolf gedreht. Es ist ein subtile Taktik der Überrumpelung, deren eigentlich sehr simple Art vom Film zunächst verdeckt wird (etwa dadurch, dass man eben über die Gut-Böse-Koordinaten längere Zeit nicht ausreichend informiert ist). Uxbal ist also kineswegs eine gebrochene Figur, sondern ein sozial Benachteiligter, der innerhalb seines ökonomischen Szenarios, seines kriminellen Millieus ein echter Gutmensch ist. Der Film entwickelt das über seine verschiedenen Geschichten, sodaß auch diese Einseitigkeit zunächst nicht negativ auffällt, sondern erst in Retrospekt deutlich wird. Inarritu lädt hier einfach ein bißchen sehr viel auf den Schultern seines Protagonisten ab. Bis zum Kotzen in der Gasse, bis zum Pissen des Blutes, bis zur Szene mit der Windel, da er das Wasser nicht mehr halten kann.

Von seinen früheren Filmen unterscheidet sich BIUTIFUL vor allem darin, dass er streng chronologisch erzählt ist, und dass er hier weitestgehend auf das Knüpfen von Erzählfäden verzichtet. Zwar werden auch Nebenhandlungen erzählt, diese sind aber bei weitem nicht so ausgearbeitet, wie man das von ihm gewohnt ist. Das gesellschaftskritische Potential des Filmes - jenseits des individuellen Schicksals - ist dabei eindeutig die Armut, die daraus folgenden rücksichtslosen ausbeuterischen ökonomischen Verhältnisse und die illegale Migration. In BIUTIFUL bekommt man einen etwas anderen Eindruck von der zeitgenössischen katalanischen "Sagrada Familia".