Donnerstag, 16. Juni 2011

9 Leben (Maria Speth, Deutschland 2010)

Nochmal Kino, Dokfilmfest. Maria Speth portraitiert 9 Jugendliche, hauptsächlich Mädchen/Frauen, die sich sehr früh in ihrer Kindheit der häuslichen Gewalt entzogen haben, um auf der Straße zu leben. Die meisten der ProtagonistInnen hat es nach Berlin verschlagen, in die Punker- und Hausbesetzerszene und zum Bahnhof Zoo. Dort folgte dann der Drogen- und Alkoholmissbrauch - aber eben auch eine Gemeinschaft, die sie aufnahm, und in der sie sich, bis zum Zeitpunkt des Films jedenfalls, stärker zu Hause fühlen, als bei den leiblichen Eltern.


Das Besondere an Speths Film ist, dass er ein Interview-Film ist, der sich komplett im Studio abspielt. Sie sitzen perfekt ausgeleuchtet auf einem Stuhl vor einer weißen Leinwand und erzählen sehr freimütig und enorm reflektiert von ihrem Lebensweg, von Verwundungen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Die einzigen Musikeinspielungen kommmen von ihnen selbst: eine spielt wundervoll Cello, zwei Jungs haben eine Straßenband mit der sie Django Reinhard huldigen und Traditionelles aus dem Kosovo spielen. Die Figuren werden also aus ihren Lebensverhältnissen und dem Milieu herausgelöst, wodurch natürlich jede Erwartung auf sensationalistische Bilder der Lebensumstände unterlaufen wird. Dadurch wird der Film zugleich sehr artifiziell und authentisch, da die Kamera teilweise sehr dicht an die Personen heranrückt. Überhaupt findet der Film tolle Bilder: Kameramann ist Reinhold Vorschneider (Rudolf Thome, Angela Schanelec, Thomas Arslan). Auch die Montage kann immer wieder mit überzeugenden Ideen aufwarten. Lediglich gegen Ende gerät er etwas ins Stocken und verliert manchmal den Fokus. Hier hätte man vielleicht 10 Minuten früher Schluss machen können.

9 LEBEN lief ja erst kürzlich im regulär im Kino, wenn auch in wenigen Programmhäusern. Dass trotzdem so wenig los war, liegt sicherlich nicht daran, dass die Massen an Filmkunstliebhabern den Film schon gesehen haben. Wohl eher am Desinteresse der Elterngeneration, die halt lieber in VILLA AMALIA gehen, als sich die eigene fortgelaufene Tochter auf der Leinwand anzukucken. Nun denn, von mir eine klare Empfehlung.