Dienstag, 6. Dezember 2011

Mondo Cannibale / Il Paese del sesso Selvaggio / Deep River Savages (Umberto Lenzi, Italien 1972)


Der blonde Photograph Lee Bradley macht sich flußaufwärts auf, immer Richtung Herz der Finsternis, tief in den thailändisch-burmesischen Urwald hinein. Dort am Fluss entlang findet er die gesuchten exotischen Landschaftsmotive, doch die Expedition gerät immer gefährlicher, je weiter man sich von der "Zivilisation" entfernt. Schon bald wird sein Führer getötet und er selbst wird von einem Stamm Wilder gefangengenommen. Darauf folgende Fluchtversuche werden nicht gerade gern gesehen. Erst der Einfluß Marias, der Tochter des Stammesfürsten, und eine wagemutige Luftröhrenoperation an einem einheimischen verunglückten Jungen lassen ihn in der Gunst des Eingeborenenstamms steigen. So also entdeckt Bradley die Wonnen des urwüchsigen Lebens, fernab jeder zivilisatorischen Ersatzbefriedigung. Hier hüpft man noch nackt in den Fluß und vögelt auf der Wiese, während einem die Sonne auf den Pelz brennt. Dazu läuft dann Softpornomucke.

Daß aber hinter all dem Scherz bitterer Ernst steckt, dürfte klar sein; hinter dem Mythos der Ursrünglichkeit droht das Unzivilisierte mit seinen archaischen Gesetzen. Der exotistische Eskapismus, bei dem das erotische Moment stets direkt bis in die Hose dringt - da man sich endlich den prüden puritanischen Fesseln des Christentums entledigen kann - ist ein gewaltiger Motor der Befreiung; auch für den Filmemacher, der wunderbar breitbeing im Sumpf des Exploitationkinos steht. Hier werden also en détail Tiere geschlachtet und Menschen gefoltert. Und der Kannibalenstamm von noch weiter weg (demnach noch ursprünglicher, wilder und aus den Bergen kommend) überfällt denn auch auf grausame Weise das Dorf, vergewaltigt und verspeist darauf das Opfer (sogar ohne es vorher zu braten!). An herben Szenen mangelt es nicht.

Eine ganz besonders interessante Perspektive ist auf die Frauenfiguren im Film zu werfen: zentral wären hier die o.g. Maria, die sich in den Fremden aus der Stadt, aus dem anderen Land, verliebt; sowie die Greisin, welche sich später bei einer heimlichen Hilfsaktion als verschleppte Amerikanerin ausgibt, die als Kleinkind im Dschungel ausgesetzt wurde. Während Maria die Verlockungen der Exotik verkörpert und auch mit zunehmender Spielfilmlänge immer öfter barbusig und dann gänzlich nackt gezeigt wird (wie auch Lee, dessen Gemächt allerdings nie zu sehen ist), wirkt ihre Autorität immerhin soweit, dass Lee nicht getötet wird, trotz seiner anfänglichen Fluchtversuche. Die Greisin allerdings ist eine Figur wie in einem US-amerikanischen Western, einer assimilierten Indianerin gleich, die nie ganz zur Indianerin wird, und immer ihrem in Bedrängnis geratenen Landsmann helfen wird. Ob sie dies auch bis zur Hinnahme eines eigenen Nachteils tun würde (wie häufig in der verbrämenden Darstellung eines klassischen Western), wird im Film nicht ausgeführt. Lee entscheidet sich für die Heirat mit Maria und kehrt der westlichen Welt den Rücken. Als Vater eines Sohnes mit einer Eingeborenen ist ihre Sache, nun nach dem Überfall durch die Kannibalen, auch seine eigene. Der Blick zum Hubschrauber durch das Blattwerk aus dem Versteck heraus ist eine überraschende und wunderbare letzte Einstellung dieses Filmes, die in ihrer Konsequenz bemerkenswert ist. Und eine Drehbuchentscheidung, die aus MONDO CANNIBALE einen herausragenden Film macht.