Donnerstag, 23. Februar 2012

L'Âge Atomique (Héléna Klotz, Frankreich 2011)


Die beiden Freunde Victor und Rainer fahren mit dem Zug ins nächtliche Paris, und glühen schon mal mit ein paar Vodka-Red Bull vor. Es wird eine Odyssee durch die nächtliche Stadt werden, mit Discobesuch und Schlägerei, einer beinah stattgefunden habenden Liebelei, mit ein wenig homoerotischer Zweisamkeit, mit leerem Magen, Zigaretten, und roten Augen. Bis morgens das Zwielicht beginnt und man wie auf einem anderen Planeten durch die dystopische Landschaft taumelt, die sich in der vorangegangenen Nacht im Inneren angesammelt hat.

L'AGE ATOMIQUE hat eigentlich keine wirkliche Geschichte zu erzählen. Darum geht es der Regisseurin aber offenkundig auch nicht: es ist das Einfangen einer bestimmten Atmosphäre, die hier fühlbar gemacht wird. Ein Zustand der sanften Euphorie, die auf das Ungewisse zuschreitet, zugleich das alles aber schon kennt und das man eigentlich hinter sich lassen kann. Es ist die Momentaufnahme einer Ortlosigkeit, eine Transitzustands, die sich auch in der Herkunft der Figur Rainers offenbart. Dieser ist deutscher (polnischer?) Abstammung und lebt in ungeklärten Verhältnissen (als Schüler/Student?) in der Peripherie von Paris. Eine Figur, die, Gedichte zitierend, mit ihrer intellektuellen Reife an die absinth-trinkenden Bohemiens des vergangenen Jahrhunderts erinnert - nun im Geflacker der Tanzfläche, des Technopulses. Besonders die Kameraarbeit ist sensibel für die Stimmungsschwankungen, die Atmosphäre dieser Nacht: immer wieder finden sich lange Sequenzen der dunkel flirrenden nächtlichen Stadt, die am Abteilfenster vorbeifliegen, Bilder im Schwenk von der Anhöhe mit den Lichtern der Großstadt, den Reklamen, den Unschärfen, den nur punktuell klaren Momenten, die rasch wieder in der Dunkelheit verfliegen, im Diffusen verschwinden. Ein schöner, dunkler, unaufdringlicher weil verhalten ekstatischer Großstadt-Film.