Sonntag, 6. Mai 2012

All the Right Noises (Gerry O'Hara, Großbritannien 1969/1971)


Der erwachsene, verheiratete Familienvater Len Lewin (Tom Bell) und die minderjährige Schauspielerin Val (Olivia Hussey) verlieben sich ineinander. Er ist Beleuchter bei Film und Theater, sie eine noch junge, offene Fünfzehnjährige. Kurze Zeit können sie ihre Liebschaft geheim halten, doch nach und nach werden die Umstehenden aufmerksam, wie auch Lens Frau misstrauisch wird. Auf einer zweiwöchigen Aufführungstournee können sie endlich mehr Zeit miteinander verbringen, doch bald schon wähnt Val sich schwanger und Len drängt zur Abtreibung.

Wurde in den 60ern noch die cineastische Welt Englands von der British New Wave erschüttert, die sich durch ihre realistischen, schwarz-weißen Kitchen Sink-Dramas merklich von den als überholt empfundenen Erzähltraditionen distanzierte, so ist es ganz offensichtlich, dass ALL THE RIGHT NOISES in deren direkten Nachfolge steht. Zwar in Farbe gedreht, jedoch gänzlich "unbunt" präsentiert sich dieser Film, dessen Schauplätze ebenfalls die Kneipen, Bars und Pinten, die tristen Wohnungen und die bevorhangten Küchen sind. Auch die Welt des Theaters wird beinah ausschließlich Backstage dargestellt, kaum Musik, kein Glamour, kein Entertainment. Die Farbe im Film weist eigentlich noch viel stärker auf seine Farblosigkeit, seine Tristesse hin. Jedoch: bemerkenswert an ALL THE RIGHT NOISES ist gerade nicht sein Plot, sondern seine völlig unsensationalistische Herangehensweise an diesen. Wie aus einer Art freidenkerischen Position heraus wird die Beziehung der beiden aufrichtig Liebenden weder beurteilt, noch kritisiert. Die Familienverhältnisse ebenso wenig: Len geht es eigentlich sehr gut mit seiner Frau und den Kindern. Abseits des Aufblühens einer neuen Liebe gibt es für ihn keinen Grund, seine Familie zu betrügen. Die ersten Zusammenkünfte werden also, ganz wie es das obige Filmplakat vermuten lässt, in einer hippiesken Euphorie zelebriert. Dabei ist es sozusagen die Bestätigung der Liebe, die hier gefeiert wird, als etwas Neues und Schönes; die Abkehr vom Alten und Gewohnten, vom Alltäglichen wird nicht in den Fokus gerückt. Jedoch, allzu schnell fügen sich auch hier die Personen in ihre Rollen. Bei einer heimlichen Zusammenkunft etwa in Lens Wohnung, bei der es beinah dann sogar zur Aufdeckung der Affäre kommt, sitzt Len zeitungslesend am Frühstückstisch und Val reicht ihm den Tee, ganz wie die geübte Hausfrau. Was sich noch auf ihre Jugend, den spielerischen Umgang mit ihrer Liebhaberinnenrolle schieben lässt - nicht jedoch bei Len, der sie in diese Rolle drängt. Wohl wissend, und ihr das auch immer wieder sagend, dass er verheiratet sei, seine Frau und Kinder liebe. Und so ist es ganz am Ende auch Val, die erkennt, wann sich der Geliebte emotional zurückzieht - und die auch so reif ist, es auszusprechen. Len hingegen, wohl vom schlechten Gewissen geplagt, bringt kein Wort heraus.

Das BFI hat ALL THE RIGHT NOISES in seiner Flipside-Reihe neu auf Blu-ray herausgebracht, eine Reihe, die sich der verschütteten Geschichte des britischen Filmes jenseits des Mainstreams widmet und dadurch viele vergessene oder wenig gesehene Perlen wieder zugänglich macht. Das ist unbedingt unterstützenswert. Der Film sieht sehr gut aus und die Edition ist gespickt mit Bonusmaterial und einem dicken Booklet. Eine Kaufempfehlung.