Freitag, 6. Juli 2012

Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA 2012)


Der Film beginnt mit einer wunderbaren langen Plansequenz, in der die Kamera in einem langsamen Schwenk, dann einmal um sich selbst kreiselnd, schließlich die Treppe hoch und die Leiter hinauf bis in den Dachstuhl alle Personen einer Familie in ihren Räumen vorstellt. Lesend, Rotwein trinkend, spielend, eine Schallplatte hörend und schließlich die Tochter zeigt, die mit dem Fernglas am höchsten Punkt des Hauses, einem rot gestrichenen Holzhaus am Meer, vom Ausguck des Leuchtturmes auf dem Dach mit einem Fernglas auf das Meer hinausblickt. Dazu eine Musik, die in ihrem filmischen Einsatz die Bilder unterstreicht, interpretiert, dann plötzlich abbricht, wieder einsetzt, also Interpunktionen setzt und so dem Gezeigten bereits etwas märchenhaft Fabel-haftes beigibt. Hier befinden wir uns in einer Realität, in der Geschichten erzählt werden können, die wahr sind, weil man noch an sie glauben kann. Und dann beginnt die Geschichte des Filmes, irgendwann wie auf leisen Sohlen Einzug erhaltend. Es ist das Jahr 1965, der Ort: die Ostküste der USA. Ein junger Boyscout namens Sam (Jared Gilman), brillentragender Außenseiter und Waise, läuft aus dem Sommercamp davon, der Rest seiner Pfadfinder-Truppe ist auf der Suche nach ihm. Doch er hat alles gewissenhaft geplant, trifft sich mit Suzy (Kara Hayward), dem Mädchen aus der Eröffnungsszene, und brennt mit ihr durch. Bis sie nach einigen Widrigkeiten in einer einsamen Bucht landen und ihr kleines Königreich im dort aufgeschlagenen Camp errichten. Ein schüchterner Kuss, und abends wird aus den Büchern vorgelesen. Doch diese Idylle währt nur kurz, denn ein solches Freibeutertum kann von den Erwachsenen freilich nicht geduldet werden (und außerdem braut sich ein Unwetter vor der Küste zusammen, wie man es lange nicht mehr erlebt hat). Doch die beiden haben nur den einen Wunsch: zusammen zu sein.

Dass der Film immer so weiter macht in seiner leicht skurrilen Art der fantastischen Narration, er eine raffinierte oder liebenswerte Unerhörtheit an die andere reiht, ist zwar zu erwarten, die Kreativität macht dabei aber doch staunen. Das Prinzip wirkt dabei nie übertrieben und wird nicht überreizt, bleibt in den Koordinaten des für den Zuschauer Nachfühlbaren und ist dem Realismus dieser Erzählung verpflichtet. Extrem stilsicher also führt Anderson dieses Unterfangen seinem Ende zu, rahmt es, wie es das Märchen verlangt, und verpasst wie nebenbei allen Bösewichten noch die eine oder andere Breitseite. Pädagogisch wird der Film allerdings nie, es ist seine "Humanität" (wie man so schön ausweichend sagt), die die Empathie schürt. Denn die Kinder, die hier zueinander streben finden sich dort in ihrer eigenen in einer besseren Welt wieder, als in derjenigen, die ihnen die Erwachsenen oder die Gesellschaft zuweisen. Das ist entwaffnend, grundehrlich, wahrhaftig. Dass die Nebenfiguren des Films teilweise zu Stereotypen geronnen sind, liegt dabei in der Natur der Erzählung. Aber auch hier wieder überspannt Anderson nie den Bogen ins Gähnhafte hinein, bleibt stilsicher und zumeist liebevoll.

Die Schallplatte, die am Anfang von den Kindern gehört wird, und die ein klassisches Musikstück für Kinder lehrreich aufbereitet, indem die einzelnen Instrumente vorgestellt werden und das Arrangement erläutert, die Funktionsweise der Musik erklärt wird, kann natürlich als Metapher für den Film selbst gelesen werden und verweist auf seine Gemachtheit, auf die vielen Details und Aspekte, die eine Gesamtkomposition für ihre Einheitlichkeit und ihr Gelingen benötigt. Spielt das gesamte Orchster zusammen, hat man es mit einem volltönenden Gesamtkunstwerk zu tun. Passenderweise gibt die Signaltrompete des Fähnrichs, die zur Suche des Ausreissers bläst, nur ein übles Gekrächze von sich. Mir bleibt zu sagen: Wes Andersons Filme haben mir nie besonders gefallen, MOONRISE KINGDOM aber ist wahrlich großartig.