Mittwoch, 17. Oktober 2012

Dictado / Childish Games (Antonio Chavarrías, Spanien 2012)


Ob es mit einem Tabu zu tun hat oder der landläufigen Vorstellung vom "unschuldigen Kind" - Kinder in Horrorfilmen sind immer eine besonders gruselige Angelegenheit, und die Dekonstruktion des Symbols eben jener "Unschuld" wird als moralisch heikle Sache empfunden. In gar nicht wenigen Filmen der letzten Jahre wurde dieses Motiv nun durchgehechelt, zumeist ohne das Intensivitätsniveau der älteren Klassiker wie DAS DORF DER VERDAMMTEN von Wolf Rilla (1960) oder etwa QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO / WHO CAN KILL A CHILD? von Narciso Ibánez Serrador (1976) zu erreichen.

Auch in DICTADO ist ein Kind die Ursache für den Horror: die sich intensivierenden Probleme eines jungen Paares, beide Erzieher / Lehrer in einer spanischen Grundschule nahe Barcelonas, werden scheinbar zu einem unüberbrückbaren Graben. Denn ein junges Mädchen, Julia, Tochter eines ehemaligen Bekannten des Protagonisten (Juan Diego Botto als Daniel), der sich das Leben nimmt, wird von dem Paar, das (vielleicht) keine Kinder bekommen kann, vorübergehend zur Pflege aufgenommen. Nur temporär und eine gewisse Zeit, doch der Freundin Daniels wächst das Mädchen immer mehr ans Herz. Daniel hingegen fühlt sich auf unbestimmte Weise von Julia bedroht, als ob ein dunkles Geheimnis im Hintergrund lauere. Und tatsächlich hatte er als junger Bub mit seinem Freund den Tod eines Mädchens verschuldet - dieses lebendig begraben. Scheinbar, oder sind es die Einflüsterungen einer irr gewordenen Großmutter, ist Julia die reinkarnierte Tote, oder ein Geist, oder etwas Derartiges. Daniels verdrängte Erinnerungen an das Verbrechen kehren zurück, sein schlechtes Gewissen läßt ihn aggressiv werden, seine Distanz zu Julia treibt einen Keil in die Beziehung zu seiner Freundin, die als sensibles Wesen natürlich seine Vorbehalte spürt.

Das wirklich interessante Thema an DICTADO ist, und ich befürchte, es ist auch das einzige was an diesem Film interessant ist, das ist die Frage, wie sich das Gefüge einer Liebesbeziehung ändert, wenn ein Kind die Balance zum Kippen bringt. Der Mann wird zunehmend eifersüchtig, für die Frau steht scheinbar das Kind an erster Stelle. Wie würde man wählen, wenn sich die Fronten verhärten? Nicht dass der Film eine psychologische Studie dieser Frage wäre - dafür ist er zu sehr Genrefilm. In einem kurzen Moment wird das Thema abgehakt. Ein Problem ist weiterhin, dass der Film permanent auf der Schwelle zwischen Phantastik und Psychothriller schwankt, und diesen Schwebezustand  nicht gewinnbringend umsetzen kann. Vielmehr nervt es ungemein, wenn es auf der Tonspur bedrohlich aufbaust, während die Bilder in einem Realismus verhaftet bleiben, dem jede Sinnlichkeit und Übersinnlichkeit fremd ist. Wie auch jede reizvolle Ästhetik übrigens - DICTADO ist ernüchternd platt photographiert, man wähnt sich beinahe in einem Fernsehfilm. Der Gipfel des zweifelhaften Genusses ist sicherlich die "hochdramatische" Schlußszene, die sogar mit einem Ablauffehler daherkommt.

Für seine Uninspiriertheit und die sich stetig ausbreitende Langeweile darf man dem Film durchaus böse sein - dagegen ist LOS OJOS DE JULIA subtile Cinekunst. Wie der Film im Wettbewerb der Berlinale 2012 laufen konnte ist mir, ehrlich gesagt, schleierhaft.


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