Mittwoch, 13. Februar 2013

Berlinale: Metamorphosen (Sebastian Mez, Deutschland 2013)


Mitte der 50er kam es zu mehreren "Störungen" im russischen Kernkraftwerk Mayak bei Osjorsk im Verwaltungsgebiet Tscheljabinsk östlich des Urals und an der Grenze zu Kasachstan. Die Störungen konnten weitestgehend geheim gehalten werden, da die radioaktive Wolke nicht gen Westen trieb. Durch das Gebiet fließt allerdings der Fluß Tetscha, der durch den Unfall und durch die anschließende Entsorgung radioaktiven Materials extrem verseucht wurde, sodaß selbst heute noch der Geigerzähler im Dokumentarfilm von Sebastian Mez nicht nur zu knacken, sondern zu rauschen beginnt. Eine sehr eindrückliche Szene ist das, wie das Gerät Zentimeter für Zentimeter zum Fluß hin bewegt wird, und die Werte auf der Skala exponentiell nach oben explodieren. Die Bewohner eines nahe gelegenen Dorfes allerdings sind erst sehr spät evakuiert worden, und das auch nur teilweise. Sie haben sich im Fluß gebadet, Fische gefangen. Kurze Zeit später begannen die  Symptome der Strahlenkrankheit.

In grobkörnigen Schwarzweißbildern erzählt der Film seine Geschichte, in statischen Aufnahmen, die nur manchmal sich einen Schwenk erlauben. Es sind winterliche Gemälde einer Einöde, ein dystopisches Szenario mit einer Bedrohung, die unsichtbar ist. Gleichwohl meint man sie fühlen zu können, im Wind, im Wasser, im Schneefall. Dann die Großaufnahmen der Gesichter. Die Menschen, die nun nur zwei Kilometer weiter neu angesiedelt wurden, weil angeblich "kein Platz war". Menschen die krank wurden und blieben, weil sie dort zuhause sind, und weil sie die Strahlung bereits abbekommen hatten. Haare fallen aus, Kinder werden tot geboren. Felder werden bestellt und Schafe geschlachtet. Es ist ein Leben in Armut und in Krankheit, irgendwo am frostigen Ende der Welt. Die Kinder singen trotzdem im Kindergarten. Der Film endet mit dem Portrait eines Fischers. Der mit seinem Schlauchboot auf die (oder den?) Tetscha hinausfährt und seine Netze einholt. Dort haben sich sogar ein paar Fische verfangen. Vor Jahren hieß es noch, wer sich länger als eine Stunde in Nähe des Flußes aufhalte, wäre ein paar Stunden später tot. Zu zweit schleppen sie das Boot zum Haus, das nur ein paar Meter neben dem kontaminierten Gewässer liegt.

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